Wenn Wissen und Erfahrung als elitär gelten

Was bedeutet eigentlich Wissen? Bevor man darüber spricht, ob sich jemand im Tango für besonders kompetent, überlegen oder gar „elitär“ hält, müsste man zunächst eine grundsätzlichere Frage stellen: Was ist Wissen überhaupt? Wissen ist mehr als eine feste Meinung. Es ist auch mehr als eine Ansammlung von Informationen, Zitaten und persönlichen Erlebnissen. Wissen entsteht durch Lernen, Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und Überprüfung. Es zeigt sich darin, dass jemand Zusammenhänge erkennt, begründete Urteile fällen kann und zugleich weiß, wo die Grenzen des […]

Was macht eigentlich eine Umarmung mit uns?

Manchmal stolpere ich im Internet über Beiträge, bei denen ich zunächst denke: Ach komm, das ist wieder eines dieser Videos, die mit ein bisschen Wissenschaft möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen wollen. So ging es mir auch diesmal. Ein Video behauptet, eine zwanzig Sekunden lange Umarmung könne den Herzschlag verlangsamen, den Blutdruck senken und den Körper innerhalb kürzester Zeit aus dem Stressmodus holen. Das klingt zunächst ziemlich spektakulär, vielleicht sogar ein wenig nach populärwissenschaftlicher Übertreibung. Ich habe mir das Video trotzdem angesehen. […]

Verstehen wir den Tango eigentlich?

Wir Tango-Tänzerinnen und Tango-Tänzer hier in Deutschland und in den umliegenden Ländern wachsen nicht mit dem Tango auf. Jedenfalls nicht so, wie Menschen in Buenos Aires mit ihm aufwachsen können. Wir bringen unsere eigenen Kulturen mit. Unsere regionalen Bewegungs-Codes. Unsere Vorstellungen von Nähe. Unsere Erfahrungen mit Körperkontakt. Unsere Hemmungen. Unsere Art, miteinander umzugehen. Auch unsere Vorstellungen davon, was zwischen Männern und Frauen möglich, angenehm, peinlich oder selbstverständlich ist. Und dann kommt dieser Tanz. Ein Tanz aus einer anderen Kultur. Entstanden […]

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die immer noch keine ist

Teil 2: Die heutige Lage

Im ersten Teil ging es um die frühen Jahre. Um die Zeit, in der Tango Nuevo und später Neo-Tango wie ein Befreiungsschlag wirkten. Raus aus der engen Umarmung, raus aus den alten Regeln, raus aus dem ewigen D’Arienzo-Di Sarli-Pugliese-Dreieck. Mehr Achsen, mehr Raum, mehr Möglichkeiten. So jedenfalls lautete das Versprechen.

Heute sieht die Sache anders aus.

Aus dem früheren Aufbruch ist längst eine eigene kleine Welt geworden: Neolongas, Neo-Marathons, Electro-Tango, Visuals, offene Rollen, lockere Codes und ein sehr dehnbarer Freiheitsbegriff. Das muss man nicht verteufeln. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei alles, was sich frei anfühlt, automatisch schon künstlerisch interessant.

Denn der alte Irrtum ist geblieben: Manche verwechseln Freiheit mit Beliebigkeit. Und genau da wird es spannend.

Gedanken über Tango Unterricht | 58. Teil

Tango-Workshops und das große Vergessen

Tango-Workshops haben ihren Reiz.

Man fährt hin, weil man neue Impulse sucht. Weil man sich im eigenen Figuren-Biotop ein wenig langweilt. Weil man sehen will, was andere Lehrer machen. Weil man hofft, dass da etwas dabei ist, was den eigenen Tango wieder ein Stück weiterbringt. Und manchmal passiert genau das.

Ein guter Workshop kann Spaß machen. Man sieht gute Tänzer, manchmal sogar sehr gute. Man bekommt Vorbilder, die beflügeln. Man lernt neue Leute kennen. Man merkt, dass andere mit ähnlichen Problemen kämpfen: Balance, Führung, Timing, Musik, Orientierung. Das ist tröstlich.

Ein Workshop ist eben nicht nur Unterricht. Er ist auch ein Ereignis. Ein Ausflug. Eine kleine Frischluftzufuhr für den eigenen Tango-Alltag.

Also nein: Ich halte Workshops nicht grundsätzlich für Unsinn.
Aber man sollte wissen, was sie leisten können – und was nicht.

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die manchmal keine war

Teil 1: Wie die Beliebigkeit auf die Piste kam

Vor ein paar Tagen bin ich Gespräch gebeten worden, meine Anfangszeit als Tango-Lehrer in Deutschland Ender 80er und Anfang der 90er Jahre zu beschreiben. Das hat mich veranlasst mal einen Artikel darüber schreiben.

Ich möchte einmal erklären, wie es sehr wahrscheinlich dazu kam, dass sich so viele Menschen vom Neo-Tango angezogen fühlten. Vieles davon habe ich selbst erlebt und beobachtet. Es ist also keine Theorie vom Schreibtisch, sondern eine Erinnerung an eine Zeit, in der sich in der europäischen Tangoszene einiges sortierte — oder eben nicht sortierte.

Gedanken über Tango Unterricht | 57. Teil

Über verbales Dozieren und Alternativen

Für manche Zeitgenossen scheint Tango-Unterricht im Wesentlichen aus Vormachen und Nachmachen zu bestehen. Der Lehrer zeigt etwas, die Schüler machen es nach, und am besten wird dabei möglichst wenig geredet. Verbale Korrekturen gelten dann schnell als Eingriff in die tänzerische Freiheit, als pädagogische Bevormundung oder als Störung eines Prozesses, den man angeblich nur fühlen müsse.

Da stellt sich allerdings die Frage, warum solche Menschen überhaupt Unterricht nehmen oder genommen haben. Wenn Unterricht nur aus Zuschauen und Nachmachen bestehen soll, hätte man sich auch gleich durch YouTube-Tutorials arbeiten können. Da gibt es schließlich genug Material. Und man kann sich anschließend wunderbar darüber aufregen, ohne den Kontext des Videos, die Unterrichtssituation oder die eigentliche Aufgabe verstanden zu haben.

Über Musik und Bewegungsfreiheit im Tango

Gedanken zu Neo, Non, Elektro und musikalischem Tanzen

Vor ein paar Tagen hatte ich  ein längeres Gespräch mit einem Tango-Freund über Neo-, Non- und Elektro-Tango. Und wieder einmal merkte ich dabei, wie schnell man in dieser Diskussion zu grob wird. Man wirft dann alles in einen Topf, rührt kräftig um und am Ende heißt es: „Die da tanzen eben nicht richtig Tango.“ So einfach ist es aber nicht.

Gedanken über Tango Unterricht | 56. Teil

Gut Ding will Weile haben

Vor einigen Tagen bekam ich einen englischsprachigen Text zugeschickt, verbunden mit der Bitte, dazu einmal Stellung zu nehmen. Es ging um die Frage, wie lange es eigentlich dauert, argentinischen Tango zu lernen.

Den Originaltext stelle ich weiter unten in einen Aufklapp-Container. Öffentlich, damit jeder nachlesen kann, worauf ich mich beziehe. Allerdings ahne ich schon jetzt: Die wenigsten werden sich die Mühe machen, diesen Text vollständig zu lesen oder gar zu übersetzen. Deshalb fasse ich die wesentlichen Gedanken daraus kurz zusammen und gehe dann auf den Punkt ein, der mir in diesem Text deutlich zu kurz kommt. […]

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Über das Lernen durch Systeme – verkopft oder nur Gefühl?

Der Anlass zu diesem Beitrag ist ein Kommentar von Carsten Buchholz, den ich nicht als Angriff verstanden habe, sondern als interessante Gegenposition. Carsten schreibt, dass ihm Ordnungen und Systematiken im Tango nicht helfen. Er habe auf der Tanzfläche Menschen beobachtet, die sich ganz offensichtlich an Dinge klammerten, die ihnen jemand beigebracht habe, statt einfach zu tanzen.

Das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen auf der Tanzfläche innerlich ihre Schrittzettel abarbeiten, während die Musik längst ganz woanders ist, weiß, was gemeint ist. Da wird nicht getanzt, da wird verwaltet, sortiert, gezählt, erinnert und kontrolliert. Manchmal sieht man förmlich, wie das Denken im Weg steht.

Carsten setzt dagegen mehr auf Emotion, Körpererfahrung, Spüren und interaktive Kommunikation, möglichst mit wenig Regeln und wenig Anweisungen. Auch das kann ich verstehen. Nur glaube ich nicht, dass damit die Sache erledigt ist. Denn aus der berechtigten Kritik an einem überfrachteten Unterricht folgt nicht, dass Systeme im Tango grundsätzlich falsch wären. Das wäre mir zu einfach.

Die besondere Umarmung

Manchmal heißt es, große Tänze entstünden vor allem dann, wenn zwei Menschen zufällig auf derselben Wellenlänge liegen. Daran ist etwas Wahres: Ein guter Tanz entsteht nie durch einen allein. Falsch wird es aber, wenn daraus folgt, man müsse gar nicht viel können, sondern nur auf den richtigen Menschen zur richtigen Musik treffen. So bequem ist Tango nicht. Die vielgerühmte „Wellenlänge“ braucht eine gemeinsame Sprache: Wahrnehmung, Erfahrung, Musikalität, Rücksicht und körperliche Klarheit. Und sie braucht eine Umarmung, in der der andere […]

1050 Pferde vor der Kutsche

Ein Thema, das mich garantiert nicht interessiert, sind Autos. Ich kann Automarken meistens nur unterscheiden, wenn vorne ein sehr großes Zeichen draufklebt. Und wenn mir jemand begeistert Motorendaten vorträgt, schaltet mein Gehirn ungefähr so schnell ab wie ein Navi im Funkloch. Das letze Mal, dass mich Autos interessierten war in meiner Jugend – besser gesagt – in meiner spätpubertären Randale-Zeit. Oder als wir in der Kindheit beim „Auto-Quartett“ Leistungsdaten verglichen: Das bescheuertste Spiel überhaupt, dass aber heutzutage bei manchen Männern […]

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Führung – das umstrittene Wort im Tango

Kaum ein Wort im Tango ist so belastet wie „Führung“. Manche hören darin sofort Befehl, Dominanz oder Unterordnung. Andere benutzen das Wort völlig unbefangen, weil sie damit schlicht meinen: Einer gibt eine Bewegungsinformation, der andere nimmt sie auf und antwortet darauf.

Ich halte es für falsch, das Wort einfach abzuschaffen. Denn im Tango muss die gemeinsame Bewegung organisiert werden. Zwei Menschen bewegen sich eng miteinander verbunden in einem Raum, in dem auch andere Paare tanzen. Es gibt Musik, Richtung, Tempo, Abstand, Hindernisse, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Erfahrung und unterschiedliche Reaktionszeiten.

Wer so tut, als könne das alles völlig ohne Führung funktionieren, verkauft eine romantische Illusion.

Tango ist kein Solotanz. Aber er ist auch kein freies Herumlaufen zu zweit, bei dem jeder jederzeit macht, was ihm gerade einfällt. Auf einer Tanzfläche braucht es Spielregeln. Einer muss die Richtung im Raum organisieren. Einer muss wahrnehmen, ob vor dem Paar Platz ist, ob ein anderes Paar ausweicht, ob eine Pause sinnvoll ist oder ob man besser wartet.

Das ist keine Frage von Herrschaft. Das ist eine Frage von Organisation.

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Die Rosinen in der Tango-Szene

In der Tango-Szene gibt es seit Jahren eine Tendenz, die ich problematisch finde: Viele Angebote richten sich bevorzugt an jene Tänzerinnen und Tänzer, die schon eine gewisse Vorausbildung besitzen. Das ist bequem, denn diese Menschen können bereits stehen, gehen, führen, folgen, die Musik halbwegs einordnen und müssen nicht mehr bei null abgeholt werden. Mit ihnen lässt sich schneller etwas Vorzeigbares machen. Man kann komplexere Figuren anbieten, schöne Workshop-Titel formulieren und mit Dingen werben, die nach Fortschritt, Raffinesse und besonderem Können klingen.

Der mühsame Weg über Anfängerunterricht ist dagegen steinig. Anfängerunterricht bedeutet, immer wieder ganz von vorne zu beginnen. Es bedeutet, Menschen zu erklären, dass Tango nicht aus Schrittkombinationen besteht, dass eine Umarmung kein Griff ist, dass Führen nichts mit Schieben zu tun hat und Folgen nicht bedeutet, brav zu erraten, was der andere gerade vorhat. Man muss Balance, Körpertonus, Gehen, Raumgefühl, musikalische Orientierung und soziale Rücksichtnahme unterrichten, bevor überhaupt an größere Figuren zu denken ist. Das ist pädagogisch anspruchsvoll, aber es sieht auf einem Flyer weniger beeindruckend aus.

Darum greift man gern nach den Rosinen. Man nimmt lieber jene, die schon vorbereitet sind, und setzt ihnen weitere Accessoires oben drauf: hier eine Alteration, dort eine Sacada, etwas Dynamik, ein überraschender Richtungswechsel, vielleicht noch eine Verzierung, damit es nach mehr aussieht. An solchen Dingen ist nichts Verwerfliches, solange sie in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Spaß, Spielerei und tänzerische Fantasie gehören zum Tango. Aber wenn diese Accessoires zum eigentlichen Geschäftsmodell werden, beginnt das Problem. Dann wird nicht mehr ausgebildet, sondern fortlaufend Appetit erzeugt.

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

Ich bin beim Lesen auf einem anderen Blog auf einen Tangolehrer gestoßen, den ich schon aus einem anderen Zusammenhang zumindest in Videos wahrgenommen hatte. Er nennt sich Miles und betreibt eine umfangreiche Webseite über Tango-Unterricht. In einigen seiner Videos demonstriert er typische Fehler von Tänzern. Teilweise empfand ich diese Art der Darstellung als überheblich, weil sie für mich weniger nach Erklärung als nach Nachäffen aussah.

Aber darum soll es hier nicht in erster Linie gehen.

Ich möchte Miles nicht persönlich angreifen. Er dient mir in diesem Artikel eher als Beispiel für eine Falle, in die Tangolehrer geraten können. Und ich sage ausdrücklich: in die auch ich früher geraten bin. Diese Falle heißt Selbstgewissheit.

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