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Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Führung – das umstrittene Wort im Tango

Kaum ein Wort im Tango ist so belastet wie „Führung“. Manche hören darin sofort Befehl, Dominanz oder Unterordnung. Andere benutzen das Wort völlig unbefangen, weil sie damit schlicht meinen: Einer gibt eine Bewegungsinformation, der andere nimmt sie auf und antwortet darauf.

Ich halte es für falsch, das Wort einfach abzuschaffen. Denn im Tango muss die gemeinsame Bewegung organisiert werden. Zwei Menschen bewegen sich eng miteinander verbunden in einem Raum, in dem auch andere Paare tanzen. Es gibt Musik, Richtung, Tempo, Abstand, Hindernisse, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Erfahrung und unterschiedliche Reaktionszeiten.

Wer so tut, als könne das alles völlig ohne Führung funktionieren, verkauft eine romantische Illusion.

Tango ist kein Solotanz. Aber er ist auch kein freies Herumlaufen zu zweit, bei dem jeder jederzeit macht, was ihm gerade einfällt. Auf einer Tanzfläche braucht es Spielregeln. Einer muss die Richtung im Raum organisieren. Einer muss wahrnehmen, ob vor dem Paar Platz ist, ob ein anderes Paar ausweicht, ob eine Pause sinnvoll ist oder ob man besser wartet.

Das ist keine Frage von Herrschaft. Das ist eine Frage von Organisation.

Vom Führen zum Vorschlagen

Mauricio Castro hat verschiedene Beschreibungen gesammelt, wie man das Verhältnis der Rollen im Tango verstehen kann:

  • Der Mann tanzt und die Frau begleitet.
  • Der Mann führt und die Frau lässt sich führen.
  • Der Mann gibt ein Signal und die Frau folgt ihm.
  • Der Mann macht einen Vorschlag und die Frau antwortet.

Die letzte Formulierung gefällt mir am besten. Sie kommt der Sache näher: Führung ist kein Befehl, sondern ein Vorschlag. Aber nicht irgendein beliebiger Vorschlag, sondern ein körperlich klarer, musikalisch platzierter und räumlich verantworteter Vorschlag.

In manchen modernen Texten haben sich dafür die Begriffe „Proposer“*1 und „Interpreter“ eingebürgert. Der eine schlägt eine Bewegung vor. Der andere interpretiert diesen Vorschlag und setzt ihn nach seinem Verständnis, seiner Achse, seinem Timing und seiner körperlichen Möglichkeit um.

Damit wird Folgen nicht passiv, sondern schöpferisch. Trotzdem bleibt eine klare Struktur erhalten: Einer schlägt vor, der andere interpretiert.

Wichtig ist dabei der Ablauf. Der Proposer schlägt eine Bewegung vor. Die Interpretierende nimmt diesen Vorschlag wahr, interpretiert ihn mit ihrem Körper und führt ihn nach ihrer Möglichkeit aus. In dem Moment, in dem sie antwortet, muss auch der Proposer wieder folgen: ihrer Antwort, ihrem Timing, ihrer Achse, ihrer tatsächlichen Bewegung. Erst daraus kann er den nächsten Vorschlag entwickeln.

So entsteht ein Kreislauf: Vorschlag – Interpretation – Antwort – Wahrnehmung – neuer Vorschlag.

In diesem Sinn folgt auch der Führende. Nicht im Sinne eines Rollenwechsels, sondern im Sinne von Aufmerksamkeit. Er folgt dem, was seine Führung tatsächlich ausgelöst hat.

Bei diesen beschriebenen Abläufen könnte man auf die Idee kommen, dass sie sich zeitlich sehr langsam abspielen, aber sie passieren nach etwas Erfahrung blitzschnell, weil sie dann unterbewusst ablaufen. 

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*1 Eigentlich mag ich keine Anglizismen, aber bei diesem Wort könnte man per wörtlicher Übersetzung bei der seltsamen Formulierung „Vorschläger“ landen.
„Vorschlagender“ ist dann sprachlich wiederum auch etwas ungelenk. Man sagt ja auch „Lieber Leser“ und nicht „Lieber Lesende“.

Das Problem des Begleitens

Das alte Modell „Der Mann tanzt und die Frau begleitet“ ist nicht nur sprachlich überholt. Aber es scheint immer noch viele zu geben, die glauben, dass es heute noch um dieses Prinzip gehen würde. Es erzeugt allerdings ein praktisches Problem.

Wenn der Mann „tanzt“ und die Frau nur „begleitet“ („gehorcht“?), bewegt sich einer aus seiner eigenen Idee heraus, und die andere muss versuchen, diese Bewegung nachträglich zu lesen. Das braucht Zeit. Die Interpretierende muss erst wahrnehmen: Was passiert da gerade? Wohin will er? Ist das ein Schritt, eine Drehung, ein Stopp, eine Gewichtsverlagerung?

Erst danach kann sie reagieren.

Diese Verzögerung ist im Tango enorm spürbar. Von außen sieht das oft nur etwas schwerfällig aus. Im Paar fühlt es sich zäh an. Der Führende wundert sich dann vielleicht, warum die Partnerin so „schwer“ reagiert. In Wirklichkeit hat er ihr gar keine rechtzeitige, klare Bewegungsinformation gegeben.

Bei bekannten Mustern verkürzt sich diese Verzögerung. Wenn eine Bewegung oft genug wiederholt wurde, landet sie irgendwann im Körpergedächtnis. Der Körper erkennt das Muster schneller. Aber sobald der Führende unbekannt, unklar oder zu spät führt, bricht dieses Funktionieren wieder zusammen. Dann muss die Interpretierende erneut lesen, raten und ausgleichen.

Gute Führung funktioniert anders. Sie bereitet die Bewegung so vor, dass die Interpretierende nicht hinterherlaufen muss. Sie bekommt die Information nicht erst, wenn der Führende schon unterwegs ist, sondern im Moment davor.

Gute Führung macht die Partnerin nicht schneller, indem sie mehr Druck gibt. Gute Führung macht sie schneller, indem sie früher, klarer und körperlich logischer informiert.

Raumanbieten statt Nachkommandieren

Wenn man Führung auf einer Milonga genauer betrachtet, ist die Hauptaufgabe des Proposers nicht, Figuren zu starten. Seine Hauptaufgabe ist, rechtzeitig Raum anzubieten.

Die Interpretierende muss nicht nur wissen, dass sie sich bewegen soll. Sie muss auch spüren, wohin ihre nächste Bewegung führen kann. Und diese Information darf nicht erst kommen, wenn der Fuß bereits vollständig belastet ist.

Viele Führende gehen offenbar davon aus, dass die Folgende erst dann für die nächste Information bereit sei, wenn sie vollständig auf ihrem neuen Standbein angekommen ist. Also: Schritt machen, Fuß belasten, Achse sammeln – und dann kommt die nächste Führung.

Das ist meistens zu spät.

Denn wenn die Information erst bei vollständiger Belastung kommt, muss die Folgende ihre Bewegung nachträglich neu organisieren. Dadurch entstehen Verzögerung, Schwere und dieses zähe Timing, das man in vielen Tänzen spürt.

Gute Führung arbeitet früher. Die Interpretierende sollte bereits während einer Bewegung eine Ahnung davon bekommen, wohin die nächste Bewegung führen kann. Nicht als starres Kommando, sondern als räumliche Vorbereitung. Schon bevor der Fuß vollständig belastet ist, kann der Körper beginnen, sich auf die neue Richtung einzustellen.

Zu frühe Führung stört die aktuelle Bewegung. Zu späte Führung blockiert die nächste Bewegung. Gute Führung liegt genau dazwischen: Sie kommt so rechtzeitig, dass die Folgende vorbereitet ist, aber so respektvoll, dass sie ihre aktuelle Bewegung vollständig ausführen kann.

Antizipation, Erfahrung und ihre Grenzen

Gutes Proposing beginnt nicht mit der eigenen Idee. Es beginnt mit der Frage: Was ist beim Gegenüber im nächsten Moment überhaupt möglich?

Hier fällt mir ein Satz eines meiner Gastlehrer ein, der in den 90er-Jahren öfter bei mir unterrichtete: Eric Müller, der damals – bis heute – mit Jeusa Vasconcelos tanzte und ausgezeichneten Unterricht gab – und meines Wissens bis heute in Bern gibt. Er sagte einmal sinngemäß:

„Wenn man seine Partnerin führen möchte, sollte man zumindest wissen, was man von ihr möchte.“

Das klingt banal, trifft aber den Kern. Es ist eine Frage, auf die man von vielen, die nur glauben zu führen, in der jeweiligen Tanzsituation vermutlich nicht einmal eine klare Antwort bekäme. Denn Führen heißt nicht, irgendeinen Impuls abzusenden und dann zu hoffen, dass am anderen Ende schon etwas Brauchbares herauskommt. Wer führt, muss eine Vorstellung davon haben, welche Bewegung er vorschlägt, in welche Richtung sie gehen soll und was dafür beim Gegenüber gerade verfügbar sein muss.

Dazu gehört zunächst eine ganz einfache Wahrnehmung: Auf welchem Bein steht die Partnerin gerade? Ist ihr Gewicht dort wirklich angekommen, oder befindet sie sich noch im Übergang? Welches Bein ist frei? In welche Richtung kann dieses freie Bein überhaupt sinnvoll gehen? Ist dort Platz? Ist die Bewegung groß oder klein angelegt? Muss man warten, verkleinern, umlenken oder die eigene Idee ganz fallen lassen?

Genau an dieser Stelle zeigt sich der Unterschied zwischen bloßem „Führenwollen“ und wirklichem Proposing. Die eigene Idee muss durch die Möglichkeiten des Gegenübers hindurch gedacht werden. Sie ist kein Befehl, der einfach ausgeführt werden soll, sondern ein Vorschlag, der nur dann Sinn ergibt, wenn er im Körper der Partnerin auch eine reale Antwort finden kann.

Natürlich entsteht diese Fähigkeit nicht nur durch Nachdenken. Sie entsteht vor allem durch Erfahrung. Nach vielen Tänzen mit verschiedenen Partnerinnen prägen sich typische Situationen ein. Man spürt schneller, ob ein Gewicht wirklich angekommen ist, ob ein Schritt noch unterwegs ist, ob jemand den Vorschlag schon verstanden hat oder ob man einen Moment länger warten muss. Man erkennt, welche Bewegungen vertraut sind und wo man vorsichtiger sein sollte.

Aber genau diese Erfahrung hat auch ihre Tücken. Denn sie kann dazu verführen, zu früh zu glauben, man wisse schon, was im nächsten Moment passieren wird. Dann führt man nicht mehr die Partnerin, mit der man gerade tanzt, sondern ein inneres Modell von Partnerin: eine Summe früherer Erfahrungen, Gewohnheiten und Erwartungen. Solange die reale Partnerin ähnlich reagiert wie dieses Modell, funktioniert das scheinbar mühelos. Weicht ihre Bewegung aber davon ab, wird es schwierig.

Dann zeigt sich, ob jemand wirklich führt oder nur sein gewohntes Programm abruft. Eine Partnerin belastet das Bein später als erwartet. Sie sammelt anders. Sie macht den Schritt kleiner. Sie dreht weniger. Sie braucht mehr Zeit. Sie hat eine andere Bewegungsgeschichte. Vielleicht kennt sie die vorgeschlagene Figur nicht, vielleicht versteht sie den Impuls anders, vielleicht ist sie musikalisch gerade an einer anderen Stelle. In solchen Momenten hilft keine sture Vorstellung davon, was jetzt „kommen müsste“.

Gutes Proposing bleibt deshalb beweglich. Es antizipiert, aber es legt sich nicht fest. Es hat eine Idee, aber es hängt nicht an ihr. Es nimmt wahr, ob der Vorschlag beantwortet werden kann, und verändert sich, wenn die Antwort anders ausfällt als erwartet. Darin liegt ein großer Teil der Qualität im sozialen Tango: nicht darin, möglichst viele Möglichkeiten durchzusetzen, sondern darin, im richtigen Moment die passende Möglichkeit zu wählen.

Das ist auch der Grund, warum bloße Figurenkenntnis nicht reicht. Eine Figur kann man im Unterricht erklären, zählen und üben. Aber im Tanz muss sie in eine lebendige Situation eingebettet werden. Sie beginnt nicht bei Schritt eins einer auswendig gelernten Sequenz, sondern bei der konkreten Frage: Wo steht die Partnerin jetzt? Was ist frei? Was ist möglich? Was ist musikalisch sinnvoll? Und was lässt sich in dieser Ronda gerade verantworten?

Antizipation ist also notwendig, aber sie darf nicht zur Selbsttäuschung werden. Wer gar nicht vorausdenkt, führt unklar. Wer zu weit vorausdenkt, hört nicht mehr zu. Dazwischen liegt der interessante Bereich: eine wache, erfahrene Aufmerksamkeit, die einen Vorschlag macht, aber zugleich bereit bleibt, ihn sofort zu verändern.

Vielleicht ist das eine der schönsten Paradoxien des Führens: Man sollte wissen, was man möchte. Aber man sollte ebenso genau merken, wann das, was man möchte, im Moment nicht passt.

Gemeinsame Muster und ihre Gefahr

Gesellschaftstanz funktioniert nur, wenn gemeinsame Bewegungserfahrungen vorhanden sind. Jeder Paartanz braucht einen gewissen gemeinsamen Vorrat an Bewegungsmöglichkeiten, Timing, Regeln und körperlichen Erwartungen. Sonst wird jedes neue Paar zu einem vollständigen Übersetzungsproblem.

Deshalb bilden sich in jeder Szene bestimmte Repertoires. Manche Bewegungen werden häufiger unterrichtet, häufiger getanzt und dadurch schneller wiedererkannt. Es entstehen Moden, regionale Vorlieben und Community-Gewohnheiten.

Dieser Konsens macht das Tanzen leichter. Wenn eine Bewegung allgemein bekannt ist, muss sie nicht jedes Mal neu erfunden werden. Der gemeinsame Erfahrungsschatz reduziert Unsicherheit. Er macht das Tanzen mit fremden Partnerinnen und Partnern überhaupt erst möglich.

Darin liegt aber auch die Gefahr. Was leicht funktioniert, wird oft wiederholt. Was viele kennen, wird schnell zum Standard. Und aus dem Standard wird Gewohnheit.

Dann entsteht Eintönigkeit.

Ein Beispiel ist der Echo-Cortado. Der gehört inzwischen zum Standardrepertoire vieler Tänzer. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen. Er ist brauchbar, musikalisch gut einsetzbar und in der Ronda oft praktisch. Aber nach meinem Eindruck wird er viel zu oft getanzt. Man hört bestimmte Stellen in der Musik, und schon sieht man ihn gleich mehrfach auf der Tanzfläche.

Damit muss ich leben.

Denn natürlich kann ich niemandem vorschreiben, welche Bewegung er wie oft tanzt. Und natürlich ist es besser, jemand tanzt einen einfachen, bekannten Cortado sicher und rücksichtsvoll, als dass er auf engem Raum eine komplizierte Figur erzwingt. Trotzdem bleibt der Eindruck: Aus einem nützlichen Baustein wird schnell ein Reflex.

Gemeinsame Muster erleichtern den Tanz. Aber sie können ihn auch verengen. Sie schaffen Sicherheit, aber sie verführen zur Wiederholung. Die Kunst liegt darin, bekannte Bewegungen zu nutzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Der Nachteil des Figurenlernens

Ein großes Problem entsteht, wenn im frühen Anfängerunterricht sofort fertige Figuren oder feste Sequenzen unterrichtet werden.

Natürlich ist das verlockend. Eine Figur sieht nach Tango aus. Sie gibt dem Unterricht eine klare Form. Die Teilnehmer haben das Gefühl, etwas „gelernt“ zu haben. Aber viele Anfänger lernen dabei nicht, wie eine Bewegung entsteht. Sie lernen zuerst, wie eine Bewegung aussieht.

Sie schauen dem lehrenden Paar zu und versuchen anschließend, das Gesehene nachzubauen. Besonders die Folgenden versuchen häufig, die Bewegung so auszuführen, wie sie glauben, sie beim Lehrer-Paar erkannt zu haben. Aber sie wissen oft noch gar nicht, wodurch diese Bewegung wirklich ausgelöst wird.

Ich bin deshalb kein Freund vom Nachtanzen nach optischen Vorgaben, zumindest nicht im frühen Stadium. Nicht, weil Vormachen falsch wäre. Aber wenn das Sehen zur Hauptquelle des Lernens wird, entsteht schnell ein Missverständnis. Die Schüler lernen dann nicht den inneren Zusammenhang der Bewegung, sondern eine äußere Abfolge.

Sie lernen: So soll es aussehen. Aber sie verstehen noch nicht: So entsteht es.

Für die Folgenden wird daraus eine besondere Schwierigkeit. Sie haben eine optische Vorstellung im Kopf und versuchen nun, diese Vorstellung mit dem zu verbinden, was der aktuelle Partner führt. Beim Partnerwechsel im Unterricht beginnt ein innerer Vergleich: Ist das jetzt die Bewegung, die der Lehrer gezeigt hat? Fühlt sich das so an wie vorhin? Muss ich jetzt schon kreuzen? Kommt jetzt die Drehung?

Sie lesen also nicht nur den Partner. Sie vergleichen ihn gleichzeitig mit einer inneren Vorlage.

Besonders überfordernd wird es, wenn ein Führender seinen ganzen Werkzeugkasten vor ihren Füßen ausschüttet. Dann kommt eine Figur nach der anderen, eine Idee nach der nächsten. Für den Führenden mag das nach Vielfalt aussehen. Für die Folgende kann es sich anfühlen wie ein dauernder Test: Erkenne ich das? Habe ich das schon gelernt? Was soll ich tun?

So entsteht kein Dialog. So entsteht Prüfungssituation.

Ein bausteinorientierter Unterricht müsste anders ansetzen. Er müsste zuerst klären: Wie entsteht ein Schritt? Wie wird Gewicht übertragen? Wie wird eine Richtung vorbereitet? Wie entsteht eine Rotation? Wie wird Raum angeboten? Wie erkennt die Folgende, dass ein Schritt möglich ist?

Denn das Ziel kann nicht sein, dass die Folgende eine Figur wiedererkennt. Das Ziel muss sein, dass sie den Vorschlag im Moment versteht.

Vertrauen und Loslassen

Man könnte bei Führung im Tango durchaus von Manipulation sprechen.

Das Wort klingt hart, aber ganz falsch ist es nicht. Der Proposer arbeitet mit dem Körper des Gegenübers. Er erzeugt über Kontakt, Gewicht, Richtung, Rotation und Timing eine Wirkung im Körper der Partnerin. Und manchmal weiß die Folgende gar nicht bewusst, warum eine Bewegung bei ihr ausgelöst wird oder warum sie plötzlich genau in diese Richtung geht.

Das kann man problematisch finden. Denn natürlich darf Führung nicht bedeuten, dass jemand körperlich überrumpelt wird. Sie darf nicht gegen den Willen der Partnerin geschehen, nicht grob sein, nicht ausnutzen, nicht zwingen.

Aber im guten Tango geschieht etwas anderes. Die Folgende lässt sich nicht unterwerfen. Sie lässt sich ein. Und das ist ein großer Unterschied.

Sie begibt sich auf eine mentale und körperliche Ebene, auf der sie nicht jede Bewegung erst gedanklich analysiert. Sie reagiert unmittelbar, körperlich, wach und offen. Nicht blind, aber ohne dauerndes Nachdenken.

Das ist eine Kunst.

Ich habe so etwas einmal sehr eindrucksvoll beobachtet. Pablo Verón tanzte auf einer Milonga ungefähr eine halbe Stunde lang mit Andrea Stegmaier. Völlig frei, völlig improvisiert. Kein Abspulen bekannter Figuren, kein Repertoire, keine vorbereitete Choreografie. Sie konnte nicht wissen, welche Bewegung als Nächstes kommen würde. Und trotzdem reagierte sie jedes Mal genau richtig.

Der Tanz war flüssig, leicht, selbstverständlich. Keine Bewegung wirkte erzwungen. Nichts sah aus wie ein Kommando. Nichts wurde sichtbar erklärt. Und das Faszinierende war: Es wiederholte sich fast nichts. Es war ein dauernder Strom von Vorschlägen und Antworten.

Solche Momente zeigen, worum es im Tango eigentlich gehen kann. Da ist Führung nicht mehr die grobe Ansage: Jetzt machen wir diese Figur. Da ist Folgen nicht mehr das Ausführen eines bekannten Musters. Da entsteht ein gemeinsamer Zustand, in dem der Proposer in höchster Klarheit vorschlägt und die Interpreterin in höchster Wachheit antwortet.

Loslassen heißt im Tango nicht: Ich gebe mich auf. Loslassen heißt: Ich höre auf, alles kontrollieren zu wollen, und bleibe trotzdem vollkommen anwesend.

Das Wort behalten, aber richtig füllen

Man kann über Begriffe streiten. Man kann statt „Führung“ auch „Einladung“, „Vorschlag“, „Impuls“, „Kommunikation“ oder „Bewegungsangebot“ sagen. Alle diese Wörter erklären jeweils einen Teil der Sache.

Aber ganz ohne das Wort Führung kommt man schwer aus. Denn im Tango gibt es nun einmal eine organisatorische Aufgabe: Jemand muss die gemeinsame Bewegung im Raum initiieren und verantworten. Diese Aufgabe kann von Männern oder Frauen übernommen werden. Sie ist nicht biologisch festgeschrieben. Aber sie muss im Moment klar sein.

Natürlich kann man Rollen wechseln. Natürlich können Frauen führen und Männer folgen. Das ist alles möglich und im Unterricht oft sogar sehr lehrreich. Aber daraus folgt nicht, dass auf einer vollen Tanzfläche ständig beide gleichzeitig alles entscheiden könnten.

Führung ist also nicht das Problem. Das Problem ist schlechte Führung.

Schlechte Führung ist grob, eitel, unmusikalisch, raumblind, ungeduldig und selbstverliebt. Gute Führung ist klar, ruhig, körpergerecht, musikalisch, aufmerksam und verantwortlich. Und gutes Folgen ist nicht Gehorsam, sondern wache, aktive, eigenständige Antwort.

Vielleicht wäre viel gewonnen, wenn wir das Wort Führung nicht ständig moralisch überfrachten würden. Im Tango führt nicht der bessere Mensch. Es führt auch nicht automatisch der Mann, weil er ein Mann ist. Es führt derjenige, der in diesem Moment die Aufgabe übernimmt, die gemeinsame Bewegung zu organisieren.

Führung im Tango ist also weder Herrschaft noch Zauberei. Sie ist die Kunst, eine Bewegung so vorzuschlagen, dass ein anderer Mensch sie freiwillig, sicher und gerne beantworten kann.

Mehr ist es nicht.

Aber weniger eben auch nicht.

2 thoughts on “Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

    • Author gravatar

      Sehr geehrter Herr Wendel,
      gerade habe ich amüsiert festgestellt, dass Sie Ihren Blog mittels Warteschleife vor offenbar massenhaften KI-Bots schützen. Das ist ärgerlich, geht aber vielen Webseiten mittlerweile so. Ich gratuliere zur Reichweite!

      Jetzt können Sie endlich aufhören, auf einen anderen Blogger zu schimpfen, der seine eigenen Seitenzugriffe immer noch ganz stolz publiziert. Ich mag Ihre Artikel eigentlich ganz gern lesen. Nur die kleinen Spitzen gegen einen bestimmten Anderen finde ich entbehrlich. Sie haben den Unterschied doch jetzt quasi Schwarz auf Weiß und müssen es nicht mehr beweisen.

      • Author gravatar

        Vielen Dank für das Feedback,
        1. Mit „Warteschleife“ ist vermutlich die Kommentar-Moderation gemeint. Kommentare erscheinen bei mir nicht automatisch, sondern werden erst geprüft. Das hat nichts mit einem besonderen Reichweitenbeweis zu tun, sondern ist bei WordPress-Blogs mit Spam-Schutz völlig normal.
        2. Dass ich gelegentlich Bezug nehme und kleine Spitzen gegen einen „Anderen“ loslasse, habe ich zwar nicht nötig, aber seien mir gestattet in Anbetracht, dass meine Artikel von diesem Anderen regelmäßig seitenweise zitiert werden, um seinen Blog zu füllen. Aber ich werde es in Zukunft unterlassen und ist sowieso zwecklos.
        Mit freundlichen Grüßen
        Klaus Wendel

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