Milonguero werden – aber richtig

Milonguero werden – aber richtig

Wie man aus einer Theorie eine eigene Tango-Welt mit eigener Sprache bastelt


Wer glaubt, die Online-Diskussion auf Helges Blog über Tom Tabaczynskis Buch Somatic Milonguero sei inzwischen beendet, kennt entweder das Internet schlecht oder Tom nicht gut genug. Aus einer Buchbesprechung ist längst eine Art tangologisches Konzil geworden, denn bevor man über Tango Milonguero sprechen darf, muss offenbar erst geklärt werden, was Tango ist, was Milonguero ist, was Bewegung ist, welche Bewegungen es überhaupt geben darf und welche Wörter man besser nicht benutzt, weil sie einen womöglich sofort als Anhänger des falschen Glaubens entlarven.

Das Ganze beruht auf einer ausgesprochen komplexen Theorie, die natürlich erst einmal richtig verstanden werden muss, bevor man sinnvoll darüber sprechen kann. Danach soll sie sich dann vermutlich ganz einfach verbreiten. Es gibt Menschen, die wollen einfach Tango tanzen, und es gibt Menschen, die möchten vorher sicherstellen, dass sie begriffen haben, warum ein Ocho kein Ocho ist, ein Pivot möglichst nicht Pivot heißen sollte und eine Bewegung zwar sichtbar stattfinden darf, aber durch ihre Benennung möglicherweise schon wieder zum „Teacher Tango“ wird. So wächst aus einem ursprünglich recht einfachen Wunsch – gemeinsam Musik zu tanzen – langsam eine vollständige Weltanschauung. Fehlt eigentlich nur noch ein Staatsgebiet.

Aber ich habe trotzdem viel gelernt – seht her…

Gedanken über Tango Unterricht | 65. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 65. Teil

Eine Tomate – bitte bewerten!


Wie sollte man eigentlich eine Tangoschule bewerten?
Und was ist mit Umfragen?
Die naheliegendste Lösung wäre natürlich eine Kundenbefragung. Genau jene Form also, mit der wir nach jedem Onlinekauf ohnehin zugeschüttet werden.
Warum nicht auch bei Tangoschulen?
Wie zufrieden sind Sie mit dem Unterricht? Würden Sie die Schule weiterempfehlen? Fühlen Sie sich gut betreut? War der Lehrer sympathisch?
Das Problem liegt auf der Hand: Solche Befragungen messen vor allem Zufriedenheit.
Und Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Lernerfolg.

Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Wie aus Orten, Menschen, Funktionen und Moden vermeintlich feste Tangostile wurden


Bevor ich über Tango de Salón, Milonguero, Tango Milonguero, Villa Urquiza, Canyengue, Tango de Pista und Tango Escenario schreibe, muss ich zunächst eine Einschränkung machen, die mir bei vielen Beschreibungen des Tangos fehlt: Auch ich kenne Buenos Aires nur in Ausschnitten.

Ich bin mehrfach dorthin gereist, habe dort getanzt, zugesehen, Unterricht genommen und vor allem sehr viele Gespräche geführt. Aber ich habe Buenos Aires immer zu bestimmten Zeiten besucht, war an bestimmten Tagen in bestimmten Milongas und habe bestimmte Menschen kennengelernt. Und ich habe das alles zwangsläufig mit den Augen eines Europäers betrachtet.

Tango als Gesellschaftstanz

Tango als Gesellschaftstanz

Warum räumlich begrenztes Tanzen allein kein Qualitätsmerkmal ist


Vielleicht müsste man beim Tango gelegentlich wieder bei den einfachsten Dingen anfangen. Nicht bei Stilbezeichnungen, historischen Legenden oder der Frage, welche Milonga angeblich den „eigentlichen“ Tango bewahrt hat, sondern bei einer ziemlich banalen Tatsache:

Tango ist ein Gesellschaftstanz.

Das bedeutet zunächst einmal nichts Geheimnisvolles. Mehrere Paare teilen sich einen Tanzraum. Und sobald mehrere Menschen dieselbe Fläche benutzen, muss dieser Raum untereinander aufgeteilt werden.

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Ein plausibles, historisch begründbares Modell als Alternative zu „Somatic Milonguero“


Wenn man sich heutige Tangobewegungen ansieht, können manche von ihnen erstaunlich künstlich wirken. Ochos, Pivots, Kreuzschritte, Pendelbewegungen, Sacadas oder komplexere Richtungswechsel erscheinen aus heutiger Sicht leicht wie Produkte eines ausgeklügelten Unterrichtssystems. Doch vielleicht ist diese Vorstellung genau falsch herum gedacht. Vielleicht entstanden viele dieser Bewegungen nicht zuerst als Figuren, die jemand erfand und anschließend unterrichtete, sondern als praktische Lösungen innerhalb eines sozialen Tanzes – aus Raum, Musik, Gleichgewicht, Partnerbezug und der Notwendigkeit, Bewegung flüssig miteinander organisieren zu können. Erst später wurden solche Lösungen erkannt, benannt, verfeinert und schließlich systematisch vermittelt.

Das ist mehr als eine historische Spitzfindigkeit. Denn wenn man die Entstehung von Tangobewegungen verstehen will, darf man nicht nur betrachten, wie sie heute aussehen und wie sie heute unterrichtet werden. Man muss sich fragen, welche körperliche oder räumliche Aufgabe ursprünglich gelöst werden musste und unter welchen sozialen Bedingungen diese Lösung überhaupt entstehen konnte.

Buchrezension: Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski

Buchrezension: Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski

Tom Tabaczynskis Somatic Milonguero ist ein ambitioniertes Buch. Es will nicht nur einen verbreiteten Tango-Unterricht kritisieren, sondern aus Somatics, Contact Improvisation, Improvisationstheorie, Sprachlernforschung, historischen Quellen und persönlichen Beobachtungen auf Milongas in Buenos Aires ein zusammenhängendes Modell dafür entwickeln, was Tango Milonguero ausmacht und wie dieser gelernt werden kann. Gerade deshalb habe ich das Buch nicht nur als Sammlung interessanter Anregungen gelesen, sondern als Theorie. Eine solche Theorie muss sich für mich daran messen lassen, ob ihre Voraussetzungen tragen, ob ihre Schlussfolgerungen tatsächlich aus diesen Voraussetzungen folgen und ob sich überprüfen lässt, dass das vorgeschlagene Lernmodell in der Praxis auch das hervorbringt, was es hervorbringen soll.
Einige Ausgangspunkte des Buches teile ich durchaus. Unterricht, der hauptsächlich nach dem Prinzip Zeigen – Nachmachen – Üben – Korrigieren funktioniert und immer mehr fertige Schrittfolgen produziert, kann Tänzer hervorbringen, die Bewegungsprodukte sammeln, ohne die Bedingungen zu verstehen, unter denen diese Bewegungen sinnvoll werden. Ebenso halte ich eine somatische Beschäftigung mit Spannung, Körperorganisation, Wahrnehmung und Bewegungsökonomie für sinnvoll. Auch die Forderung nach Adaptivität, nach einer stärkeren Orientierung an Partner, Raum und sozialem Kontext ist keineswegs abwegig.
Meine Zweifel beginnen dort, wo aus diesen interessanten Einzelgedanken ein allgemeines Lernmodell entsteht. Je genauer ich dieses Modell betrachtet habe, desto mehr stellte sich für mich die Frage, ob hier tatsächlich gezeigt wird, wie Tango Milonguero gelernt wird, oder ob eine bestimmte sichtbare Tanzqualität nachträglich mit einem theoretischen Modell erklärt wird, dessen tatsächliche Entstehungs- und Lernbedingungen weitgehend unüberprüft bleiben.

Gedanken über Tango Unterricht | 64. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 64. Teil

Tango Discovery® – eine geniale Idee, die sich selbst im Weg stand


Wenn heute von Tango Nuevo die Rede ist, denken viele an offene Umarmung, große Bewegungen, Colgadas, Volcadas und an einen Tanzstil, der irgendwann ziemlich spektakulär wurde. Das trifft zwar einen Teil seiner späteren Erscheinungsform, aber nicht das, was mich daran ursprünglich interessiert hat. Der entscheidende Schritt geschah schon in den 1990er-Jahren, als Gustavo Naveira und Fabián Salas begannen, Tango systematisch zu untersuchen. Nicht mehr nur: Welche Figuren gibt es und wie werden sie getanzt? Sondern: Welche strukturellen Möglichkeiten stecken eigentlich hinter diesen Figuren? Salas beschrieb später selbst diese Suche nach einer grundlegenden Struktur und nach den Wahlmöglichkeiten, die sich daraus ergeben. Chicho Frúmboli kam zu dieser Entwicklung hinzu und wurde einer ihrer wichtigsten tänzerischen Vertreter.

Das klingt heute vielleicht selbstverständlich. Damals war es das überhaupt nicht. Tango wurde überwiegend über Bewegungen und Figuren weitergegeben, die bereits existierten. Natürlich hatten gute Tänzer schon immer improvisiert, verändert und neue Lösungen gefunden, aber die Frage, ob sich die Gesamtheit dieser Möglichkeiten systematisch untersuchen lässt, war etwas anderes. Genau darin lag der Keim dessen, was später Tango Nuevo genannt wurde. Das Neue war für mich zunächst gar kein neuer Stil, sondern eine neue Art, über Tango nachzudenken.

The English Versions of My Articles on Tom Tabaczynski’s “Somatic Milonguero”

The English Versions of My Articles on Tom Tabaczynski’s “Somatic Milonguero”

Over the past few days, I have published several articles dealing with Tom Tabaczynski’s book Somatic Milonguero, his criticism of tango teaching, and his ideas about motor learning and learning tango without formal instruction.

Since I also published English versions of these texts, they have begun to take up quite a lot of space on my blog. I have therefore decided to collect them here in one place. The individual articles will remain available through the links below.

Spart Euch dieses Buch!

Spart Euch dieses Buch!

„Viel Lärm Um Nichts“


Nachdem ich mich tagelang intensiv mit diesem Buch beschäftigt hatte – mit seiner inhaltlichen Erfassung, einer Zusammenfassung, Rückfragen an den Autor und schließlich drei eigenen Artikeln –, musste ich irgendwann feststellen, dass ein großer Teil dieser Arbeit eigentlich für die Katz gewesen war.

Und trotzdem war sie nicht umsonst.

Denn gerade die Auseinandersetzung mit einer so radikalen Position hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, was guten Unterricht ausmacht: nicht das bloße Vermitteln von Formen, sondern das Herstellen verständlicher Zusammenhänge, das Dosieren von Komplexität, das Stellen sinnvoller Aufgaben, das Sichtbarmachen von Unterschieden und das Begleiten von Erfahrung, ohne sie vorwegzunehmen.

Save Yourself the Trouble of Reading this Book!

Save Yourself the Trouble of Reading this Book!

„Much Ado About Nothing“


After spending days engaging intensively with this book — working through its content, summarizing it, asking the author questions, and eventually writing three articles of my own — I had to realize at some point that a large part of this work had basically been for nothing.

And yet it was not wasted.

Because engaging with such a radical position has once again made very clear to me what good teaching actually involves: not simply transmitting forms, but creating understandable connections, regulating complexity, setting meaningful tasks, making differences perceptible, and accompanying experience without predetermining it.

Learning Without Lessons?

Learning Without Lessons?

A Practical Test of the Learning Model in Tom Tabaczynski’s Somatic Milonguero


Tabaczynski’s learning model has considerable appeal: a few basic movements, plenty of observation, comprehensible input, personal exploration, different partners, and finally learning in the real environment of the milonga. On paper, this produces a plausible learning path.

It becomes more interesting, however, when we try to work through this path with two actual beginners.

Lernen ohne Unterricht?

Lernen ohne Unterricht?

Ein Praxistest des Lernmodells aus Tom Tabaczynskis Somatic Milonguero


Tabaczynskis Lernmodell hat einen großen Reiz: wenige Grundlagen, viel Beobachtung, verständlicher Input, eigene Exploration, unterschiedliche Partner und schließlich Lernen in der realen Milonga. Auf dem Papier ergibt sich daraus ein plausibler Lernweg.

Interessant wird es, sobald man versucht, ihn mit zwei wirklichen Anfängern praktisch durchzuspielen.

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Eine Ergänzung zu Tom Tabaczynskis Theorie über motorisches Lernen


In einer Diskussion über meinen Artikel stellte Tom Tabaczynsky eine interessante Frage: Denken wir beim Autofahren darüber nach, was wir gerade tun? Denken wir beim Sprechen bewusst über Grammatikregeln nach? Warum sollten wir dann annehmen, dass Tanzen auf bewussten Entscheidungen beruht, die anhand zuvor gelernter Regeln getroffen werden?

Hier werden zwei verschiedene Fragen miteinander vermischt: Wie wird eine ausgebildete Fähigkeit ausgeführt? Und wie wird diese Fähigkeit erworben?

If We Don’t Have to Think While Dancing – How Do We Learn It?

If We Don’t Have to Think While Dancing – How Do We Learn It?

An addition to Tom Tabaczynski’s theory of motor learning


In a discussion about my article, Tom Tabaczynski raised an interesting question: Do we think about what we are doing when we drive a car? Do we consciously think about grammatical rules when we speak? Why, then, should we assume that dancing is based on conscious decisions made according to rules previously learned in lessons?

Two different questions are being merged here: How is a developed skill performed? And how is that skill acquired?

Gedanken über Tango Unterricht | 63. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 63. Teil

Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski – Unterricht überflüssig oder grundsätzlich anders?


Dieser offensichtlich lange Beitrag ist keine klassische Buchrezension. Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski ist für mich vielmehr Anlass, einige grundsätzliche Fragen über Tango-Unterricht neu zu betrachten. Vieles in diesem Buch berührt Themen, mit denen ich mich seit Jahrzehnten beschäftige. Manches bestätigt Erfahrungen, die ich selbst im Unterricht gemacht habe, anderes hat mich zum Widerspruch gereizt, und bei einigen Gedanken habe ich meine Meinung während des Lesens mehrfach verändert. Deshalb möchte ich das Buch weniger bewerten als seine Thesen an meiner eigenen Erfahrung mit Tango, Lernen und Unterricht überprüfen.

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