Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Über das Lernen durch Systeme – verkopft oder nur Gefühl?

Der Anlass zu diesem Beitrag ist ein Kommentar von Carsten Buchholz, den ich nicht als Angriff verstanden habe, sondern als interessante Gegenposition. Carsten schreibt, dass ihm Ordnungen und Systematiken im Tango nicht helfen. Er habe auf der Tanzfläche Menschen beobachtet, die sich ganz offensichtlich an Dinge klammerten, die ihnen jemand beigebracht habe, statt einfach zu tanzen.

Das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen auf der Tanzfläche innerlich ihre Schrittzettel abarbeiten, während die Musik längst ganz woanders ist, weiß, was gemeint ist. Da wird nicht getanzt, da wird verwaltet, sortiert, gezählt, erinnert und kontrolliert. Manchmal sieht man förmlich, wie das Denken im Weg steht.

Carsten setzt dagegen mehr auf Emotion, Körpererfahrung, Spüren und interaktive Kommunikation, möglichst mit wenig Regeln und wenig Anweisungen. Auch das kann ich verstehen. Nur glaube ich nicht, dass damit die Sache erledigt ist. Denn aus der berechtigten Kritik an einem überfrachteten Unterricht folgt nicht, dass Systeme im Tango grundsätzlich falsch wären. Das wäre mir zu einfach.

Bloggen, Aufmerksamkeit und der Wunsch, immer recht zu behalten

Bloggen, Aufmerksamkeit und der Wunsch, immer recht zu behalten

Manche Artikel sind besonders aufschlussreich – vor allem dann, wenn sie schon im Titel den Selbstbetrug ausstellen: „Zwei Millionen!“ Das sollen also die Zugriffszahlen eines Tango-Bloggers sein, der selbst kaum über nachprüfbare Expertise verfügt? Wer selbst bloggt und seine Zahlen mit halbwegs zuverlässigen Analyse-Tools prüft, weiß, wie trügerisch solche Zugriffszahlen sind. Bots, Mehrfachaufrufe, Serverzugriffe, merkwürdige Herkunftsländer – da wird schnell aus technischem Rauschen ein vermeintliches Publikum. Aber das wurde oft genug erklärt. Es prallt offenbar ab. Da will jemand unbedingt […]

Die besondere Umarmung

Die besondere Umarmung

Manchmal heißt es, große Tänze entstünden vor allem dann, wenn zwei Menschen zufällig auf derselben Wellenlänge liegen. Daran ist etwas Wahres: Ein guter Tanz entsteht nie durch einen allein. Falsch wird es aber, wenn daraus folgt, man müsse gar nicht viel können, sondern nur auf den richtigen Menschen zur richtigen Musik treffen. So bequem ist Tango nicht. Die vielgerühmte „Wellenlänge“ braucht eine gemeinsame Sprache: Wahrnehmung, Erfahrung, Musikalität, Rücksicht und körperliche Klarheit. Und sie braucht eine Umarmung, in der der andere […]

1050 Pferde vor der Kutsche

1050 Pferde vor der Kutsche

Ein Thema, das mich garantiert nicht interessiert, sind Autos. Ich kann Automarken meistens nur unterscheiden, wenn vorne ein sehr großes Zeichen draufklebt. Und wenn mir jemand begeistert Motorendaten vorträgt, schaltet mein Gehirn ungefähr so schnell ab wie ein Navi im Funkloch. Das letze Mal, dass mich Autos interessierten war in meiner Jugend – besser gesagt – in meiner spätpubertären Randale-Zeit. Oder als wir in der Kindheit beim „Auto-Quartett“ Leistungsdaten verglichen: Das bescheuertste Spiel überhaupt, dass aber heutzutage bei manchen Männern […]

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Führung – das umstrittene Wort im Tango

Kaum ein Wort im Tango ist so belastet wie „Führung“. Manche hören darin sofort Befehl, Dominanz oder Unterordnung. Andere benutzen das Wort völlig unbefangen, weil sie damit schlicht meinen: Einer gibt eine Bewegungsinformation, der andere nimmt sie auf und antwortet darauf.

Ich halte es für falsch, das Wort einfach abzuschaffen. Denn im Tango muss die gemeinsame Bewegung organisiert werden. Zwei Menschen bewegen sich eng miteinander verbunden in einem Raum, in dem auch andere Paare tanzen. Es gibt Musik, Richtung, Tempo, Abstand, Hindernisse, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Erfahrung und unterschiedliche Reaktionszeiten.

Wer so tut, als könne das alles völlig ohne Führung funktionieren, verkauft eine romantische Illusion.

Tango ist kein Solotanz. Aber er ist auch kein freies Herumlaufen zu zweit, bei dem jeder jederzeit macht, was ihm gerade einfällt. Auf einer Tanzfläche braucht es Spielregeln. Einer muss die Richtung im Raum organisieren. Einer muss wahrnehmen, ob vor dem Paar Platz ist, ob ein anderes Paar ausweicht, ob eine Pause sinnvoll ist oder ob man besser wartet.

Das ist keine Frage von Herrschaft. Das ist eine Frage von Organisation.

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Die Rosinen in der Tango-Szene

In der Tango-Szene gibt es seit Jahren eine Tendenz, die ich problematisch finde: Viele Angebote richten sich bevorzugt an jene Tänzerinnen und Tänzer, die schon eine gewisse Vorausbildung besitzen. Das ist bequem, denn diese Menschen können bereits stehen, gehen, führen, folgen, die Musik halbwegs einordnen und müssen nicht mehr bei null abgeholt werden. Mit ihnen lässt sich schneller etwas Vorzeigbares machen. Man kann komplexere Figuren anbieten, schöne Workshop-Titel formulieren und mit Dingen werben, die nach Fortschritt, Raffinesse und besonderem Können klingen.

Der mühsame Weg über Anfängerunterricht ist dagegen steinig. Anfängerunterricht bedeutet, immer wieder ganz von vorne zu beginnen. Es bedeutet, Menschen zu erklären, dass Tango nicht aus Schrittkombinationen besteht, dass eine Umarmung kein Griff ist, dass Führen nichts mit Schieben zu tun hat und Folgen nicht bedeutet, brav zu erraten, was der andere gerade vorhat. Man muss Balance, Körpertonus, Gehen, Raumgefühl, musikalische Orientierung und soziale Rücksichtnahme unterrichten, bevor überhaupt an größere Figuren zu denken ist. Das ist pädagogisch anspruchsvoll, aber es sieht auf einem Flyer weniger beeindruckend aus.

Darum greift man gern nach den Rosinen. Man nimmt lieber jene, die schon vorbereitet sind, und setzt ihnen weitere Accessoires oben drauf: hier eine Alteration, dort eine Sacada, etwas Dynamik, ein überraschender Richtungswechsel, vielleicht noch eine Verzierung, damit es nach mehr aussieht. An solchen Dingen ist nichts Verwerfliches, solange sie in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Spaß, Spielerei und tänzerische Fantasie gehören zum Tango. Aber wenn diese Accessoires zum eigentlichen Geschäftsmodell werden, beginnt das Problem. Dann wird nicht mehr ausgebildet, sondern fortlaufend Appetit erzeugt.

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

Ich bin beim Lesen auf einem anderen Blog auf einen Tangolehrer gestoßen, den ich schon aus einem anderen Zusammenhang zumindest in Videos wahrgenommen hatte. Er nennt sich Miles und betreibt eine umfangreiche Webseite über Tango-Unterricht. In einigen seiner Videos demonstriert er typische Fehler von Tänzern. Teilweise empfand ich diese Art der Darstellung als überheblich, weil sie für mich weniger nach Erklärung als nach Nachäffen aussah.

Aber darum soll es hier nicht in erster Linie gehen.

Ich möchte Miles nicht persönlich angreifen. Er dient mir in diesem Artikel eher als Beispiel für eine Falle, in die Tangolehrer geraten können. Und ich sage ausdrücklich: in die auch ich früher geraten bin. Diese Falle heißt Selbstgewissheit.

Über Kleidung in Milongas

Über Kleidung in Milongas

oder Freiheit und Ästhetik Da ich nun ein heikles Thema ansprechen werde, ist es mir schon in dieser Einleitung wichtig zu betonen, dass ich hier eine Meinung vertrete und keinen Tango-Kleidungs-Knigge schreiben möchte. Jede und jeder Tango-Tänzer zieht sich ohnehin so an, wie es ihm selbst gefällt, anderen gefällt oder wie man meint, dass es anderen gefallen könnte. Ich habe im Laufe der Jahre schon die skurrilsten Modevorschläge gesehen: vom Survival-Look bei Männern, bei dem der Gürtel mit allerlei Werkzeugen […]

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Zwischen Ausprobieren und Zielvorgabe: Warum Tango-Unterricht mehr braucht als bloße Selbsterfahrung

Ein alter Streit über Methodik

Über Tango-Unterricht, genauer gesagt über seine Methodik, wird immer wieder gestritten. Soll der Unterrichtsstoff eher durch Probieren und Experimentieren vermittelt werden, also nach dem Prinzip „Try and Error“? Oder durch klare Zielvorgaben nach dem Prinzip „vor- und nachmachen“? Schon diese Gegenüberstellung ist allerdings schief. Denn in Wahrheit geht es gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein sinnvolles Sowohl-als-auch. Als Kombination ist beides vermutlich am wirksamsten.

Ich kenne diese Diskussion nicht nur theoretisch. Ich habe einen alten Tango-Freund, der stark nach dem ersten Prinzip arbeitet, weil er als ausgebildeter Alexander-Technik-Lehrer aus der Bewegungsschulung kommt. Dort spielen Wahrnehmung, Erfahrung und das eigene Erforschen von Bewegung naturgemäß eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar und keineswegs falsch. Denn niemand lernt Bewegung wirklich, indem er bloß äußere Formen kopiert. Was nicht im eigenen Körper angekommen ist, bleibt Nachahmung.

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Über musikalische Interpretation im Tango – zwischen Anspruch und Trugschluss

Neulich bin ich über ein Video gestolpert, das beweisen sollte, dass man zu Astor Piazzolla problemlos tanzen kann. Nicht als Beispiel, sondern als Argument.

Und genau dieses Argument geht für mich nicht auf.

Dass ich es hier mit einem Amateur-Paar zu tun habe, ist offensichtlich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wer sich öffentlich zeigt, darf das – und muss nicht perfekt sein. Aber es handelt sich hier um eine Demonstration und auf einer normalen Tanzfläche ist so etwas kaum möglich. Insofern kritisiere ich hier eine Darbietung von Tango, bei der man auch höhere Maßstäbe ansetzen sollte als bei einem Tanz in einer Milonga. 

Ich sage es trotzdem direkt: Das überzeugt mich weder musikalisch noch technisch.

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Man kennt das Bild: Ein Konzert, eine Show, ein besonderer Moment – und statt Gesichter sieht man eine Wand aus hochgereckten Smartphones. Das Ereignis wird nicht mehr erlebt, sondern dokumentiert. Nicht für jetzt, sondern für später. Oder genauer: für ein „später“, das in der Regel nie eintritt. Besonders absurd wird das bei Reisegruppen, die Sehenswürdigkeiten fast ausschließlich durch ihre Displays betrachten. Sie stehen vor etwas Einzigartigem – und sehen es nicht. Sie produzieren Material für die Zukunft, während sie die […]

Über Erotik im Tango

Über Erotik im Tango

Warum die Szene sich vor einem offensichtlichen Thema drückt

In letzter Zeit wird in verschiedenen Foren wieder verstärkt über ein Thema diskutiert, das in der Tango-Szene lange eher vermieden wurde: Nähe, Übergriffigkeit – und eben auch Erotik im Tango.

Auffällig ist dabei eine Schieflage. Über Übergriffigkeit wird sofort und zu Recht gesprochen, sobald Grenzen verletzt werden. Über die andere Seite – die sinnliche, vielleicht auch erotische Dimension dieses Tanzes – dagegen herrscht auffällige Zurückhaltung. Als müsste man sich dafür rechtfertigen oder sie gleich ganz leugnen.

Dabei ist der Ausgangspunkt banal: Tango wird in enger Umarmung getanzt. Zwei Menschen teilen für mehrere Minuten einen Raum, der im normalen sozialen Umgang so nicht existiert. Diese Nähe ist nicht neutral. Sie ist körperlich, sie ist spürbar, und sie ist intensiv.

Und genau hier beginnt der Widerspruch.

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Im Tango-Netzwerk tauchen immer wieder Texte auf, die erstaunlich schnell ihre Kreise ziehen.So auch diesmal. Ausgangspunkt war ein Beitrag, der offenbar sogar Rafael Busch – sonst eher für tägliche Vortanzvideos bekannt – dazu gebracht hat, diesen Text zu kommentieren. Der Ursprung liegt bei Marianne Jost, die ihre Erfahrungen aus Tanz, Coaching und Beziehungsarbeit zusammenführt und sich zum Thema „Perfektion“ äußert. Der Text ist schnell erzählt, eingängig formuliert und trifft einen Nerv: „Niemand verliebt sich in Perfektion……hör auf, perfekt sein zu […]

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