Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Willkommen zu meiner neuen Themenreihe „Gedanken über Tango-Musik“

Der Anstoß zu dieser Reihe kam durch einen Blogartikel von Helge Schütte mit dem Titel „Zur Systematik der Tango-Schritte“. Beim Lesen fiel mir erneut etwas auf, das mir im Tango-Unterricht – insbesondere beim Thema Musik – seit Jahren begegnet: Begriffe werden durcheinandergeworfen. Und genau dieses Durcheinander produziert Missverständnisse.

In Helges Fall entstand das Missverständnis im Anschluss an einen von ihm besuchten Workshop bei Joaquín Amenábar, einem ausgewiesenen Spezialisten für Tango-Musikalität. Das Problem lag ausdrücklich nicht am Unterricht, sondern an der Komplexität des Themas – und an der begrifflichen Unschärfe, mit der im Tango oft gearbeitet wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Teil 41) | Was sind Bezugssysteme – und warum sie beim Lernen sehr hilfreich sind

Tango wird gern als etwas beschrieben, das man nicht erklären könne.
Man müsse ihn fühlen. Alles andere störe nur.

Das ist bequem – und falsch.

Denn auch wenn Tango im Tanz selbst weitgehend unbewusst geschieht, wird er nicht unbewusst gelernt.

Lernen braucht Orientierung. Und Orientierung braucht Bezugssysteme.

Bezugssysteme sind keine Theorie über Tango.
Sie sind Hilfsmittel, um Komplexität zu strukturieren, Wahrnehmung zu schärfen und Missverständnisse zu vermeiden. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Oder: Woher stammt eigentlich die Idee, dass beim Tango jede Dienstleistung verschenkt werden soll?

Es hält sich in der Tangowelt ein erstaunlich zähes Märchen: der Veranstalter sei geldgierig, der Lehrer ein Abkassierer, der Organisator im Grunde ein Profiteur, der die „Leidenschaft anderer“ finanziell ausnutzt. Diese Sätze kommen meistens von Menschen, die noch nie auch nur eine Sekunde lang auf der anderen Seite standen. Denn wer einmal erlebt hat, was es bedeutet, eine Milonga, einen Ball, einen Workshop oder auch nur einen regelmäßigen Unterricht zu organisieren, weiß sehr genau: Tango ist kein Selbstläufer und schon gar keine Wohlfahrt. Es ist Arbeit, Verantwortung, Zeitaufwand, Material, Risiko und Organisation – und zwar weit mehr, als man von außen ahnt.

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Oder: Warum es nicht unbedingt ein Vorteil ist, „von Anfang an“ dabei gewesen zu sein

In einer laufenden Blogdiskussion musste ein bestimmter Blogger wieder einmal beweisen, dass er nur ein Argument wirklich beherrscht: das Baujahr als Kompetenzbeleg.
Er versuchte, einen sehr erfahrenen Tänzer abzuwerten, weil dieser nicht „bei den wilden, alten Tangozeiten“ dabei gewesen sei.
Als hinge Verständnis davon ab, ob man zufällig ein paar Jahre früher oder später angefangen hat.

Ich kenne diese Denke.
Ich habe selbst sehr früh begonnen – und weiß genau, wie viel Unsinn man damals lernte. Wer stolz auf diese Frühzeit ist, hat sie entweder vergessen oder nie verstanden.

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Teil 40) | Was Kontakt im Tango wirklich bedeutet – und warum die meisten nur die Hälfte davon nutzen

Wir reden im Tango ständig über „Kontakt“.
Aber selten darüber, welchen.
Denn Kontakt ist nicht ein einzelner Zustand, sondern besteht aus mindestens zwei Ebenen, die idealerweise zusammenfallen – oft aber getrennt voneinander existieren.

Um sinnvoll über Weiterentwicklung zu sprechen, müssen wir zuerst klären, welchen Kontakt wir überhaupt meinen.

Gedanken über Tango Unterricht | 39.Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 39.Teil

Teil 39) | Nachtrag zu Teil 38 | Warum Tango- Beschreibungen so oft missverstanden werden

Im letzten Teil dieser Reihe habe ich einen Text eines Tango-Lehrers aus Buenos Aires vorgestellt. Und bemerkenswert viele Leser fühlten sich sofort angesprochen – besonders unter den Führenden gibt es eine fast reflexhafte Grundüberzeugung, das Beschriebene längst zu beherrschen. Man sei „bei der Partnerin“, man „fühle den Körper“, man „führe über Wahrnehmung“ statt über Bewegungsabsicht.
Die Realität sieht allerdings meist deutlich nüchterner aus.

Selbst geübte Tänzer behaupten gern, sie würden ihre eigene Bewegung beim Tanzen vollständig ausblenden und seien zu hundert Prozent im Kontakt. Tatsächlich sind viele davon bestenfalls zu 20–30 % bei der Partnerin. Der Rest ihrer Aufmerksamkeit hängt weiterhin an den eigenen Füßen, der eigenen Achse, den eigenen Vorstellungen vom nächsten Schritt.

Gedanken über Tango Unterricht | 38. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 38. Teil

Teil 38) | Warum so viele Paare nebeneinander tanzen – aber nicht miteinander

Ein Satz des Autors trifft einen Nerv unserer heutigen Unterrichtskultur:
„Sie tanzen nur für sich selbst und ignorieren die wunderbare Reise, die ein Tango zu zweit bedeutet.“

Das beschreibt den Zustand vieler Paare erschreckend gut. Sie bewegen sich zwar gemeinsam durch den Raum, aber sie tanzen nicht miteinander. Sie folgen inneren Drehbüchern, die ihnen jemand einmal verkauft hat, statt den Menschen vor sich wahrzunehmen.

Dieses Denken kommt nicht aus Bosheit oder Faulheit – es kommt aus der verbreiteten Vorstellung, Tango sei das Aneinanderreihen von Schritten. Und wer mehr Schritte könne, tanze „besser“.
Eine groteske Fehlannahme, die leider von einem Großteil des Unterrichts noch immer verstärkt wird.

In Wahrheit erkennt man sehr schnell, dass Menschen, die Figuren lernen, am Ende Figuren tanzen. Menschen hingegen, die Wahrnehmung lernen, tanzen sich gegenseitig. Das ist der Unterschied zwischen einem mechanisch funktionierenden Paar und einem Paar, das Tango tanzt.

In eigener Sache und Sonstiges

In eigener Sache und Sonstiges

Zuerst einmal wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein gutes, erfolgreiches – und vor allem friedliches – neues Jahr! Meine Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ werde ich demnächst fortsetzen. Allerdings nicht mehr in so engem Takt: Das Thema ist weit, aber nicht unendlich, und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nichts mehr ergänzt, sondern nur noch wiederholt.Auch meine Beiträge zur Tango-Szene und zu allgemeinen Entwicklungen werde ich etwas reduzieren – schlicht deshalb, weil ich nicht mehr so oft unterwegs […]

Hinweis: Radio Riedl-Wahn antwortet

Hinweis: Radio Riedl-Wahn antwortet

Der automatische Riedl-Artikel-Kommentator Viele kennen ihn: Gerhard Riedl – seine Blogbeiträge und das darin zuverlässig dominierende Thema: er selbst.Auch wenn die Überschriften gelegentlich anderes vermuten lassen, drehen sich seine Texte mit bemerkenswerter Konsequenz um dieselbe Person, dieselben Kränkungen und dieselben Selbstvergewisserungen. Da sich auch die übrigen Motive seit Jahren kaum verändern, erübrigt sich jeder größere Interpretationsaufwand. Riedl liest man nicht, um Neues zu erfahren, sondern um zu prüfen, ob er sich diesmal wieder bestätigt. Spoiler: ja. Weil Kommentare auf seinem […]

Let it snow! – Kein Weihnachtsgruß

Let it snow! – Kein Weihnachtsgruß

Momentan sitze ich in meinem Lieblingscafé, einem der Orte, an denen viele meiner Texte entstehen. In der Vorweihnachtszeit ist es voller als sonst. Vielleicht, weil manche schon Urlaub haben. Vielleicht, weil zwischen Geschenkekauf und Jahresendstress noch ein Rest Gemütlichkeit gesucht wird.Die Musik allerdings ist unerträglich. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zwei Wochen „Let it Snow“ hören musste. Ein Ohrwurm mit Zwangsbeglückungscharakter. Überall diese Sehnsucht nach weißer Weihnacht – als müsste es endlich wieder so werden wie […]

Gedanken über Tango-Unterricht | 37. Teil

Gedanken über Tango-Unterricht | 37. Teil

Teil 37) | Musikalität vor Repertoire-Vielfalt

Ich lese immer wieder, man solle sich als Führende oder Führender nicht allzu viele Gedanken über mangelndes Repertoire machen. Das ist grundsätzlich richtig – und doch nur die halbe Wahrheit. Hinter diesem gut gemeinten Rat steckt oft ein Missverständnis: Viele Tänzer glauben, bei ihrer Partnerin Eindruck zu schinden, indem sie ihr möglichst den gesamten „Werkzeugkasten“ vor die Füße kippen. Nach dem Motto: Schau mal, was ich alles kann.

Dass viele Folgende jedoch erst einmal ankommen wollen, den Partner „lesen lernen“ möchten, wird dabei gerne übersehen. Sensibilität wäre hier angesagt. Und ja: Musikalisches Tanzen kommt fast immer besser an als reine Figurenabfolge. Nicht, weil es spektakulärer wäre, sondern weil es seltener ist. Musikalität wird im Unterricht häufig vernachlässigt – nicht aus Bosheit, sondern weil sie das schwierigste Thema im Tango ist. Technik lässt sich zeigen, erklären, korrigieren. Musikalität dagegen ist sperrig, langsam, unerquicklich. Also entsteht der Eindruck, Technik sei wichtiger, weil ihr mehr Zeit gewidmet wird.

Über Tango-Lehrer, Tangoschulen, Milongas und Werbeversprechen

Über Tango-Lehrer, Tangoschulen, Milongas und Werbeversprechen

Oder: Warum manche Werbung lesen, als wäre sie ein Ehevertrag

Es gibt Menschen mit einem einem erstaunlich zählebigen Hobby: Werbeversprechen wörtlich zu nehmen. Nicht als Einladung, nicht als Überzeichnung, sondern als verbindliche Zusage mit Anspruch auf vollständige Erfüllung.

„Alles läuft wie von selbst.“
„Mehr Lebensfreude.“
„Unvergessliche Abende.“

Und irgendwo sitzt jemand, reibt sich die Schläfen, fasst sich an den Kopf und stellt fest:
Also bei mir war da nichts unvergesslich.

Man kann sich darüber eigentlich nur an die Stirn fassen. Nicht, weil Werbung immer lügt, sondern weil offenbar vergessen wird, wozu sie existiert. Werbung ist kein Eid, kein Ehrenwort und kein Heiratsversprechen. Sie ist ein Instrument im Konkurrenzkampf. Und ja: Natürlich glaubt irgendjemand daran. Sonst wäre sie sinnlos.

Niemand wirbt aus Altruismus. Niemand formuliert Webseiten, um möglichst unauffällig unterzugehen.

Gedanken über Tango Unterricht | 36. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 36. Teil

Teil 36) Über Eigenwahrnehmung der eigenen Tanzqualität

Jeder kennt es: Man sieht ein Video, auf dem man selbst beim Tangotanzen gefilmt wurde – und ist maßlos enttäuscht.
„So sehe ich also aus? All die Jahre geübt, getanzt, geschwitzt – und dann dieses Ergebnis?“

Da Tanzpaare sich selbst nur selten im Video sehen, ist dieses Erstaunen kaum verwunderlich. Eigenwahrnehmung und Realität driften ohne regelmäßige Rückkopplung oft weit auseinander. Nach längerer Zeit ohne Reflexion entsteht ein Bild von sich selbst, das mit dem tatsächlichen Erscheinungsbild nur noch wenig zu tun hat.

Manche Lehrer arbeiten deshalb bewusst mit Videoaufnahmen im Unterricht, um ihre Schüler auf dem Boden der Tatsachen zu halten und Selbstüberschätzung entgegenzuwirken. Andere nutzen Videos hingegen als analytisches Werkzeug, um suboptimale Bewegungsmuster sichtbar zu machen, sie klar zu benennen und gezielt umzubauen – nicht zur Bewertung oder ästhetischen Beurteilung, sondern zur funktionalen Verbesserung des Tanzens.

Gedanken über Tango-Unterricht | 35. Teil

Gedanken über Tango-Unterricht | 35. Teil

Teil 35) | Sacadas in enger Umarmung – funktioniert das überhaupt?

Ein Versuch einer Beschreibung – nur für wirklich Interessierte zu empfehlen 

Sacadas sind beliebt. Und sie wirken. Kaum ein anderes Element zieht auf Shows so viele Blicke auf sich. In allen Drehungen tauchen sie auf, oft auch rückwärts getanzt, mit spektakulärer Wirkung.

Doch ihr eigentlicher Sinn liegt ganz woanders: Sacadas sind kein Schaueffekt, sondern ein Mittel, den Platz im Paar neu zu verteilen.
Sie entstehen, wenn einer den Raum einnimmt, den der andere im selben Moment freigibt – ein präzises Zusammenspiel von Timing, Raumgefühl und Achsenkontrolle.
Musikalisch eingesetzt können sie rhythmische Akzente unterstreichen, bleiben aber immer Teil der gemeinsamen Bewegung, nicht deren Schmuck.

In letzter Zeit sieht man vermehrt gute Paare, die Sacadas auch in enger Umarmung tanzen – etwas, das ich lange für unmöglich hielt.
Und wer es selbst einmal probiert hat, weiß: Es ist schwierig. Sehr schwierig.

Das Spaß-Argument – die Kapitulation der Bequemen

Das Spaß-Argument – die Kapitulation der Bequemen

Nach meinem letzten Artikel über Authentizität und Imitation hat ein gewisser Blogger wieder einmal gezeigt, was passiert, wenn man über Tango redet, statt ihn nur zu feiern: Er erklärte, er habe vor allem „Spaß“. Das ist schön, nur war das nie das Thema. Denn wenn „Spaß“ plötzlich als Gegenargument zu Wissen, Technik oder Qualität herhalten muss, wird es absurd.

Immer wenn es um Können, Musikalität oder Bewegung geht, taucht zuverlässig dieser Satz auf: „Ich habe wenigstens Spaß.“ Was wie ein freundlicher Satz klingt, ist in Wahrheit eine Ausrede – die letzte Zuflucht der Bequemen. Das Spaß-Argument ist die Niederlage derer, die sich der Anstrengung verweigern. Eine Absage an Entwicklung, Verfeinerung, Neugier.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung
error: Content is protected !!