Gedanken über Tango Unterricht | 60. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 60. Teil

Die Musik wechselt, aber der Tanz bleibt derselbe

In den ersten acht oder zehn Jahren lassen viele Aficionados auf einer Milonga kaum eine Tanda aus. Ganz gleich, welches Orchester gespielt wird: Hauptsache tanzen. Eine Tanda folgt der nächsten, eine Partnerin der anderen, und besonders auf Festivals oder Marathons wird der Daueraufenthalt auf der Piste fast zu einem Beweis der eigenen Begeisterung. Die Tangoszene ist in diesem Sinne tänzerisch ausgesprochen promiskuitiv. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Wer viel tanzt, sammelt Erfahrungen, lernt unterschiedliche Partnerinnen kennen und entwickelt körperliche Sicherheit. Ohne Wiederholung und Praxis wird niemand ein guter Tänzer.

Doch viel Tanzen ist nicht automatisch gutes Üben. Die körperliche und geistige Ausdauer für dauerhaft hohe Qualität ist begrenzt. Ein guter Tango verlangt Konzentration, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, in jedem Augenblick Musik, Partnerin und Raum wahrzunehmen. Nach vielen Stunden nimmt diese Aufmerksamkeit zwangsläufig ab. Dann greift der Körper auf das zurück, was ihm am vertrautesten ist. Die Bewegungen laufen scheinbar von selbst, und genau das kann sich wie ein tänzerischer Höhepunkt anfühlen. Man ist wie in Trance. Doch dieses Hochgefühl ist trügerisch. Mühelosigkeit kann Freiheit bedeuten, sie kann aber ebenso gut nur das automatische Abspulen längst eingeschliffener Muster sein.

Tango Voice – Was von einem Manifest übrig blieb

Tango Voice – Was von einem Manifest übrig blieb

Über Tango, Weltbilder und das Ende der Debatte

Manchmal lohnt es sich, zehn Jahre zurückzublicken. Nicht, weil man alte Rechnungen begleichen möchte, sondern weil man plötzlich erkennt, dass manche Debatten gar nicht alt geworden sind.

Ausgelöst wurde mein erneutes Interesse durch einen aktuellen Hinweis auf den amerikanischen Blog Tango Voice. Vor zehn Jahren sorgte dessen sogenanntes Tango Manifest für lebhafte Diskussionen – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Damals übersetzte ein gewisser Blogger längere Passagen und machte den Blog hierzulande überhaupt erst einem größeren Publikum bekannt. Besonders der Blogger Yokoito setzte sich ausführlich und mit viel Ironie mit den dort vertretenen Positionen auseinander.

Ich habe die damalige Diskussion jetzt noch einmal gelesen. Dabei fiel mir etwas Überraschendes auf. Heute interessiert mich kaum noch, ob Tango Voice bei einzelnen Sachfragen recht oder unrecht hatte. Auch die Frage, ob der Blog jemals tatsächlich für die nordamerikanische Tangoszene sprach, erscheint rückblickend eher zweitrangig.

Viel interessanter ist etwas anderes: Die Debatte ist ein kleines Lehrstück darüber, wie Weltbilder entstehen. Wie aus persönlichen Vorlieben allgemeingültige Wahrheiten werden. Wie aus Geschmack plötzlich Moral wird. Und wie Kritik nicht mehr beantwortet, sondern erklärt wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil

Kann man Tango überhaupt lehren?

Noch vor dem Erscheinen eines Artikels auf einem anderen Blog war mir der Name Tom Tabaczynski schon einmal begegnet. Damals, ich glaube 2017, hatte ich einige seiner Texte gelesen und den Eindruck gewonnen, dass sich hinter seinen Überlegungen mehr verbirgt als die üblichen Workshop-Ankündigungen oder wohlklingenden Schlagworte. Heute wurde ich nun in einem englischsprachigen Tango-Blog erneut auf sein Buch Somatic Milonguero – Movement Awareness for Close Embrace Social Tango hingewiesen. Das erinnerte mich an meine frühere Recherche. Also habe ich mich noch einmal mit dem Autor beschäftigt – nicht mit dem Buch selbst, das ich nicht gelesen habe, sondern mit seiner Biografie und den Gedanken, die er seit vielen Jahren über Tango veröffentlicht.

Dabei wurde mir schnell klar, dass mich eigentlich gar nicht das Buch interessierte. Viel spannender fand ich die Frage, die hinter seinen Überlegungen steckt: Kann man Tango überhaupt lehren?

Das Riedl’sche Realitätsverzerrungsfeld

Das Riedl’sche Realitätsverzerrungsfeld

Vom Tangoblog zur Bloggerschlacht

Für Steve Jobs wurde einmal der Begriff „Reality Distortion Field“ geprägt – ein Realitätsverzerrungsfeld. Gemeint war seine Fähigkeit, Menschen davon zu überzeugen, dass Dinge möglich seien, die objektiv kaum möglich waren. Bei Gerhard Riedl scheint dieses Phänomen in einer anderen Form aufzutreten. Es geht nicht um Computer oder Innovationen, sondern um seinen eigenen Blog.

Denn dort hat sich in den vergangenen Monaten etwas Bemerkenswertes verschoben. Eigentlich betreibt Riedl einen Tangoblog. Tatsächlich kreist ein erheblicher Teil seiner Aufmerksamkeit inzwischen nur noch um die Bloggerszene: um Yokoito, um Klaus Wendel, um Kommentare, Gegenkommentare, Erwähnungen und die Frage, wer wen zitiert, ignoriert oder angeblich bekannter macht. Der Tango spielt dabei immer häufiger nur noch die Rolle einer notdürftig aufgestellten Kulisse.

Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?

Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?

Teil 3: Ein schönes Video und ein großes Wort

Auf der Suche nach Quellen für diesen Beitrag habe ich auf YouTube ein Video entdeckt, das den abschließenden Showtanz nach einem Neo-Tango-Wochenende in Bremen zeigt. Die Kursteilnehmer stehen um die Tanzfläche und filmen das Lehrerpaar. Eine typische Situation: Man hat ein Wochenende lang an Bewegungen gearbeitet und sieht am Ende zwei Menschen, bei denen all das leicht, flüssig und selbstverständlich aussieht.[…]

Mimimimi…

Mimimimi…

Es ist schon ein hartes Los, Publizist zu sein. Man schreibt jahrelang über andere, kommentiert, seziert, deutet, spottet und erklärt der Tango-Welt, was sie falsch macht. Und dann geschieht das Unfassbare: Jemand liest mit. Schlimmer noch: Jemand antwortet. Noch schlimmer: Jemand richtet dafür sogar eine eigene Rubrik ein. Da kann man schon einmal von negativer „Dauer-Beobachtung“ sprechen. Oder einfacher: Mimimimi…Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich bereits darüber, dass offenbar noch jemand anderes auf meinem Blog wohnt. Der Zustand hält […]

Uruguay – das Land der Gitarren

Uruguay – das Land der Gitarren

Eine Entdeckung im Taxi

Meine Begeisterung für Alfredo Zitarrosa begann vor ungefähr dreißig Jahren in einem Taxi in Buenos Aires. Der Fahrer spielte seine Musik. Ich weiß heute nicht mehr, welches Lied es war und ob es noch von einer Kassette oder bereits von einer CD kam. Aber ich erinnere mich an diese tiefe Stimme und vor allem an den glasklaren Klang der Gitarren. Ich fragte den Taxifahrer, wer da sang, ließ mir den Namen noch einmal genau sagen und ging kurz darauf zu Musimundo. Dort kaufte ich mir gleich eine ganze Sammlung mit Aufnahmen von Alfredo Zitarrosa. So einfach können musikalische Bildungswege manchmal sein. Man benötigt dazu weder einen Workshop noch eine Einführung durch einen selbsternannten Fachmann. Manchmal genügt ein Taxifahrer mit einem guten Musikgeschmack.

Jetzt wird sogar das Lachen gegendert

Jetzt wird sogar das Lachen gegendert

Ein gewisser Blogger hat einen Trailer gesehen, ein paar Pressetexte gelesen und weiß nun: Der Staat will uns das Lachen verbieten. Früher gab es Otto, Harald Schmidt und Rudi Carrell. Heute gibt es Filmförderung, ZDF und Frauen, die sich erdreisten, im Nachhinein zu sagen, dass manches damals vielleicht doch nicht so lustig war.

mit Nachtrag

Lebensplanung unter Vorbehalt

Lebensplanung unter Vorbehalt

Manche Menschen planen ihr Leben nach großen Ereignissen. Hochzeit, Kinder, Hausbau, Ruhestand. Andere warten auf eine gegengezeichnete Unterlassungserklärung. Jeder setzt eben seine Prioritäten selbst. Gerhard Riedl schreibt an den gegnerischen Anwalt: „Es würde meine Lebensplanung deutlich erleichtern, wenn ich erfahren könnte, ob mit einer Zusendung der o.g. Erklärung noch in diesem Jahr zu rechnen ist.“ Dieser Satz berührt. Man sieht den Mann förmlich am Küchentisch sitzen, vor sich den Kalender, daneben einen Bleistift und die große unbeantwortete Frage: Kann ich […]

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Zunächst einmal muss man fair bleiben: Wer bei einem Workshop nicht dabei war, weiß nicht, was dort wirklich gemacht wurde. Man kennt vielleicht eine Ankündigung, einen Werbetext, einen nachträglichen Blogbeitrag oder ein paar Fotos. Daraus lässt sich kein seriöses Urteil über die praktische Arbeit ableiten. Vielleicht gab es gute Übungen, präzise Korrekturen und einen echten Nutzen für die Teilnehmenden. Vielleicht war der Workshop sogar hervorragend. Man weiß es nicht. Und genau darum geht es hier: nicht um die tatsächliche Qualität […]

Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Was bedeutet eigentlich Wissen? Bevor man darüber spricht, ob sich jemand im Tango für besonders kompetent, überlegen oder gar „elitär“ hält, müsste man zunächst eine grundsätzlichere Frage stellen: Was ist Wissen überhaupt? Wissen ist mehr als eine feste Meinung. Es ist auch mehr als eine Ansammlung von Informationen, Zitaten und persönlichen Erlebnissen. Wissen entsteht durch Lernen, Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und Überprüfung. Es zeigt sich darin, dass jemand Zusammenhänge erkennt, begründete Urteile fällen kann und zugleich weiß, wo die Grenzen des […]

Was macht eigentlich eine Umarmung mit uns?

Was macht eigentlich eine Umarmung mit uns?

Manchmal stolpere ich im Internet über Beiträge, bei denen ich zunächst denke: Ach komm, das ist wieder eines dieser Videos, die mit ein bisschen Wissenschaft möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen wollen. So ging es mir auch diesmal. Ein Video behauptet, eine zwanzig Sekunden lange Umarmung könne den Herzschlag verlangsamen, den Blutdruck senken und den Körper innerhalb kürzester Zeit aus dem Stressmodus holen. Das klingt zunächst ziemlich spektakulär, vielleicht sogar ein wenig nach populärwissenschaftlicher Übertreibung. Ich habe mir das Video trotzdem angesehen. […]

Verstehen wir den Tango eigentlich?

Verstehen wir den Tango eigentlich?

Wir Tango-Tänzerinnen und Tango-Tänzer hier in Deutschland und in den umliegenden Ländern wachsen nicht mit dem Tango auf. Jedenfalls nicht so, wie Menschen in Buenos Aires mit ihm aufwachsen können. Wir bringen unsere eigenen Kulturen mit. Unsere regionalen Bewegungs-Codes. Unsere Vorstellungen von Nähe. Unsere Erfahrungen mit Körperkontakt. Unsere Hemmungen. Unsere Art, miteinander umzugehen. Auch unsere Vorstellungen davon, was zwischen Männern und Frauen möglich, angenehm, peinlich oder selbstverständlich ist. Und dann kommt dieser Tanz. Ein Tanz aus einer anderen Kultur. Entstanden […]

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