Tango Voice – Was von einem Manifest übrig blieb

Tango Voice – Was von einem Manifest übrig blieb

Über Tango, Weltbilder und das Ende der Debatte

Manchmal lohnt es sich, zehn Jahre zurückzublicken. Nicht, weil man alte Rechnungen begleichen möchte, sondern weil man plötzlich erkennt, dass manche Debatten gar nicht alt geworden sind.

Ausgelöst wurde mein erneutes Interesse durch einen aktuellen Hinweis auf den amerikanischen Blog Tango Voice. Vor zehn Jahren sorgte dessen sogenanntes Tango Manifest für lebhafte Diskussionen – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Damals übersetzte ein gewisser Blogger längere Passagen und machte den Blog hierzulande überhaupt erst einem größeren Publikum bekannt. Besonders der Blogger Yokoito setzte sich ausführlich und mit viel Ironie mit den dort vertretenen Positionen auseinander.

Ich habe die damalige Diskussion jetzt noch einmal gelesen. Dabei fiel mir etwas Überraschendes auf. Heute interessiert mich kaum noch, ob Tango Voice bei einzelnen Sachfragen recht oder unrecht hatte. Auch die Frage, ob der Blog jemals tatsächlich für die nordamerikanische Tangoszene sprach, erscheint rückblickend eher zweitrangig.

Viel interessanter ist etwas anderes: Die Debatte ist ein kleines Lehrstück darüber, wie Weltbilder entstehen. Wie aus persönlichen Vorlieben allgemeingültige Wahrheiten werden. Wie aus Geschmack plötzlich Moral wird. Und wie Kritik nicht mehr beantwortet, sondern erklärt wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil

Kann man Tango überhaupt lehren?

Noch vor dem Erscheinen eines Artikels auf einem anderen Blog war mir der Name Tom Tabaczynski schon einmal begegnet. Damals, ich glaube 2017, hatte ich einige seiner Texte gelesen und den Eindruck gewonnen, dass sich hinter seinen Überlegungen mehr verbirgt als die üblichen Workshop-Ankündigungen oder wohlklingenden Schlagworte. Heute wurde ich nun in einem englischsprachigen Tango-Blog erneut auf sein Buch Somatic Milonguero – Movement Awareness for Close Embrace Social Tango hingewiesen. Das erinnerte mich an meine frühere Recherche. Also habe ich mich noch einmal mit dem Autor beschäftigt – nicht mit dem Buch selbst, das ich nicht gelesen habe, sondern mit seiner Biografie und den Gedanken, die er seit vielen Jahren über Tango veröffentlicht.

Dabei wurde mir schnell klar, dass mich eigentlich gar nicht das Buch interessierte. Viel spannender fand ich die Frage, die hinter seinen Überlegungen steckt: Kann man Tango überhaupt lehren?

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Zunächst einmal muss man fair bleiben: Wer bei einem Workshop nicht dabei war, weiß nicht, was dort wirklich gemacht wurde. Man kennt vielleicht eine Ankündigung, einen Werbetext, einen nachträglichen Blogbeitrag oder ein paar Fotos. Daraus lässt sich kein seriöses Urteil über die praktische Arbeit ableiten. Vielleicht gab es gute Übungen, präzise Korrekturen und einen echten Nutzen für die Teilnehmenden. Vielleicht war der Workshop sogar hervorragend. Man weiß es nicht. Und genau darum geht es hier: nicht um die tatsächliche Qualität […]

Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Was bedeutet eigentlich Wissen? Bevor man darüber spricht, ob sich jemand im Tango für besonders kompetent, überlegen oder gar „elitär“ hält, müsste man zunächst eine grundsätzlichere Frage stellen: Was ist Wissen überhaupt? Wissen ist mehr als eine feste Meinung. Es ist auch mehr als eine Ansammlung von Informationen, Zitaten und persönlichen Erlebnissen. Wissen entsteht durch Lernen, Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und Überprüfung. Es zeigt sich darin, dass jemand Zusammenhänge erkennt, begründete Urteile fällen kann und zugleich weiß, wo die Grenzen des […]

Verstehen wir den Tango eigentlich?

Verstehen wir den Tango eigentlich?

Wir Tango-Tänzerinnen und Tango-Tänzer hier in Deutschland und in den umliegenden Ländern wachsen nicht mit dem Tango auf. Jedenfalls nicht so, wie Menschen in Buenos Aires mit ihm aufwachsen können. Wir bringen unsere eigenen Kulturen mit. Unsere regionalen Bewegungs-Codes. Unsere Vorstellungen von Nähe. Unsere Erfahrungen mit Körperkontakt. Unsere Hemmungen. Unsere Art, miteinander umzugehen. Auch unsere Vorstellungen davon, was zwischen Männern und Frauen möglich, angenehm, peinlich oder selbstverständlich ist. Und dann kommt dieser Tanz. Ein Tanz aus einer anderen Kultur. Entstanden […]

Green Tango – jetzt wird auch noch nachhaltig geschmust

Green Tango – jetzt wird auch noch nachhaltig geschmust

Ich habe einen Beitrag im Feedspot gefunden. Da geht es einem Blogger oder einer Bloggerin um „Green Tango“, also um grünen oder nachhaltigen Tango. Offenbar hatte er oder sie bereits im Mai 2010 einen Artikel darüber geschrieben und wollte nun eine Bestandsaufnahme machen: Wie weit ist es inzwischen mit dem nachhaltigen Tango gediehen? Offensichtlich nicht besonders weit. Kein Wunder. Es lässt sich eben nicht alles begrünen, was Spaß macht. Man kann Tango natürlich unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit, Rücksicht, Schuhwerk, […]

Gedanken über Tango Unterricht | 57. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 57. Teil

Über verbales Dozieren und Alternativen

Für manche Zeitgenossen scheint Tango-Unterricht im Wesentlichen aus Vormachen und Nachmachen zu bestehen. Der Lehrer zeigt etwas, die Schüler machen es nach, und am besten wird dabei möglichst wenig geredet. Verbale Korrekturen gelten dann schnell als Eingriff in die tänzerische Freiheit, als pädagogische Bevormundung oder als Störung eines Prozesses, den man angeblich nur fühlen müsse.

Da stellt sich allerdings die Frage, warum solche Menschen überhaupt Unterricht nehmen oder genommen haben. Wenn Unterricht nur aus Zuschauen und Nachmachen bestehen soll, hätte man sich auch gleich durch YouTube-Tutorials arbeiten können. Da gibt es schließlich genug Material. Und man kann sich anschließend wunderbar darüber aufregen, ohne den Kontext des Videos, die Unterrichtssituation oder die eigentliche Aufgabe verstanden zu haben.

Über Musik und Bewegungsfreiheit im Tango

Über Musik und Bewegungsfreiheit im Tango

Gedanken zu Neo, Non, Elektro und musikalischem Tanzen

Vor ein paar Tagen hatte ich  ein längeres Gespräch mit einem Tango-Freund über Neo-, Non- und Elektro-Tango. Und wieder einmal merkte ich dabei, wie schnell man in dieser Diskussion zu grob wird. Man wirft dann alles in einen Topf, rührt kräftig um und am Ende heißt es: „Die da tanzen eben nicht richtig Tango.“ So einfach ist es aber nicht.

Gedanken über Tango Unterricht | 56. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 56. Teil

Gut Ding will Weile haben

Vor einigen Tagen bekam ich einen englischsprachigen Text zugeschickt, verbunden mit der Bitte, dazu einmal Stellung zu nehmen. Es ging um die Frage, wie lange es eigentlich dauert, argentinischen Tango zu lernen.

Den Originaltext stelle ich weiter unten in einen Aufklapp-Container. Öffentlich, damit jeder nachlesen kann, worauf ich mich beziehe. Allerdings ahne ich schon jetzt: Die wenigsten werden sich die Mühe machen, diesen Text vollständig zu lesen oder gar zu übersetzen. Deshalb fasse ich die wesentlichen Gedanken daraus kurz zusammen und gehe dann auf den Punkt ein, der mir in diesem Text deutlich zu kurz kommt. […]

Die besondere Umarmung

Die besondere Umarmung

Manchmal heißt es, große Tänze entstünden vor allem dann, wenn zwei Menschen zufällig auf derselben Wellenlänge liegen. Daran ist etwas Wahres: Ein guter Tanz entsteht nie durch einen allein. Falsch wird es aber, wenn daraus folgt, man müsse gar nicht viel können, sondern nur auf den richtigen Menschen zur richtigen Musik treffen. So bequem ist Tango nicht. Die vielgerühmte „Wellenlänge“ braucht eine gemeinsame Sprache: Wahrnehmung, Erfahrung, Musikalität, Rücksicht und körperliche Klarheit. Und sie braucht eine Umarmung, in der der andere […]

1050 Pferde vor der Kutsche

1050 Pferde vor der Kutsche

Ein Thema, das mich garantiert nicht interessiert, sind Autos. Ich kann Automarken meistens nur unterscheiden, wenn vorne ein sehr großes Zeichen draufklebt. Und wenn mir jemand begeistert Motorendaten vorträgt, schaltet mein Gehirn ungefähr so schnell ab wie ein Navi im Funkloch. Das letze Mal, dass mich Autos interessierten war in meiner Jugend – besser gesagt – in meiner spätpubertären Randale-Zeit. Oder als wir in der Kindheit beim „Auto-Quartett“ Leistungsdaten verglichen: Das bescheuertste Spiel überhaupt, dass aber heutzutage bei manchen Männern […]

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 54. Teil

Führung – das umstrittene Wort im Tango

Kaum ein Wort im Tango ist so belastet wie „Führung“. Manche hören darin sofort Befehl, Dominanz oder Unterordnung. Andere benutzen das Wort völlig unbefangen, weil sie damit schlicht meinen: Einer gibt eine Bewegungsinformation, der andere nimmt sie auf und antwortet darauf.

Ich halte es für falsch, das Wort einfach abzuschaffen. Denn im Tango muss die gemeinsame Bewegung organisiert werden. Zwei Menschen bewegen sich eng miteinander verbunden in einem Raum, in dem auch andere Paare tanzen. Es gibt Musik, Richtung, Tempo, Abstand, Hindernisse, unterschiedliche Körper, unterschiedliche Erfahrung und unterschiedliche Reaktionszeiten.

Wer so tut, als könne das alles völlig ohne Führung funktionieren, verkauft eine romantische Illusion.

Tango ist kein Solotanz. Aber er ist auch kein freies Herumlaufen zu zweit, bei dem jeder jederzeit macht, was ihm gerade einfällt. Auf einer Tanzfläche braucht es Spielregeln. Einer muss die Richtung im Raum organisieren. Einer muss wahrnehmen, ob vor dem Paar Platz ist, ob ein anderes Paar ausweicht, ob eine Pause sinnvoll ist oder ob man besser wartet.

Das ist keine Frage von Herrschaft. Das ist eine Frage von Organisation.

Zwischen Vielfalt und Reduktion

Zwischen Vielfalt und Reduktion

Eine Frage des Anspruchs im Tango

Ausgangspunkt dieses Beitrags war ein Gespräch mit einem Kollegen, der wie ich seit vielen Jahren unterrichtet. Es ging zunächst um Lehrkonzepte, um die Frage, wie man heute Anfänger sinnvoll aufbaut, was sich verbessert hat und wo die Probleme liegen. Und relativ schnell standen wir an einem Punkt, der zunächst unscheinbar wirkt, aber weitreichende Konsequenzen hat: Die Konzepte sind besser geworden, das Niveau nicht unbedingt. Oder genauer gesagt: Es hat sich nicht in der Breite in dem Maße entwickelt, wie man es erwarten könnte.

Je länger wir darüber sprachen, desto deutlicher wurde, dass die Frage nach „besser“ oder „schlechter“ eigentlich zu kurz greift. Denn was sich verändert hat, ist weniger das Niveau als die Zielrichtung. Der Tango hat sich nicht einfach entwickelt, sondern ausdifferenziert – und zwar in zwei Richtungen, die sich nur bedingt miteinander vereinbaren lassen.
Übereinstimmend konnten wir aber feststellen, dass im Bereich der räumlichen Begrenzung einer Ronda zu wenig in Richtung tänzerischer und musikalischer Vielfalt im Unterricht getan wird.

Wie sich Paartänze auf der Tanzfläche organisierten

Wie sich Paartänze auf der Tanzfläche organisierten

Von Quadrille, Walzer und Polka bis Tango, Swing und Salsa

Es könnte in den letzten zwanzig Jahren – und teilweise bis heute – der Eindruck entstanden sein, dass die Ronda eine synthetische Erfindung besonders sadistischer Regel-Fanatiker sei, eingeführt mit dem einzigen Zweck, Freestylern das freie Tanzen zu vermiesen.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Tango-Szene zu Beginn des Tango-Revivals in den 1990er Jahren eine recht bunte Truppe war. Viele der damaligen Tänzerinnen und Tänzer nahmen es mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf der Tanzfläche nicht allzu genau. Die wenigsten waren geübte Tänzer auf vollen Tanzpisten.

Aber selbst unter Turnier-Standardtänzern war diese Form der Tanzflächenorganisation in Deutschland lange Zeit nicht besonders bewusst. Ganz anders sah das auf offenen Turnieren in England aus. Dort gehörte eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme auf der Tanzfläche schon lange viel stärker zum Selbstverständnis. Das verweist auf einen Punkt, der im Tango gern vergessen wird: Die Organisation einer Tanzfläche ist kein Tango-Spezialfall, sondern ein Grundproblem aller Gesellschaftspaartänze, sobald mehrere Paare gleichzeitig denselben Raum benutzen.

Sobald viele Paare gleichzeitig tanzen, entsteht zwangsläufig eine Art Verkehrssystem. Die Frage ist dann nicht mehr, obes Regeln gibt, sondern welche Art von Regeln sich aus dem jeweiligen Tanz ergeben. Und genau da wird es historisch interessant. Denn nicht alle Paartänze haben dieses Problem auf dieselbe Weise gelöst.

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