Eduardo Arquimbau wird 90 – Ein Leben für den Tango

Eine persönliche Würdigung eines außergewöhnlichen Tänzers, Choreografen und Lehrers, der mein Verständnis vom Tango Argentino entscheidend geprägt hat.


Ein Videogruß aus Buenos Aires

Vor einigen Tagen bekam ich von Annette Meisl, einer guten Freundin, über WhatsApp einen Videogruß von Eduardo Arquimbau. Annette nahm vor kurzem bei ihm Tango-Unterricht. Er tanzt und unterrichtet also immer noch.
Ich habe mich darüber ganz besonders gefreut. Eduardo wird am 28. November 2026 neunzig Jahre alt. Wir kennen uns inzwischen seit fast vierzig Jahren, und wenn ich darüber nachdenke, welche Menschen mein Verständnis vom Tango Argentino am stärksten beeinflusst haben, dann gehört Eduardo ganz sicher zu den wichtigsten.

Warum mich guter Tango zunehmend langweilt

Wie sich Tango zwischen Hochleistung, Ästhetik und gesellschaftlicher Praxis verändert


Ich merke seit einiger Zeit, dass ich immer weniger Lust habe, guten oder sagen wir: oberen Mittelklasse-Tänzern auf Videos zuzuschauen. Das klingt zunächst merkwürdig, denn das technische Niveau im Tango war vermutlich noch nie so hoch wie heute. Gerade die besten Paare bewegen sich ausgezeichnet, sind hervorragend ausgebildet, musikalisch versiert und verfügen über ein Bewegungsrepertoire, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Trotzdem langweilt es mich zunehmend, ihnen zuzusehen. Oft wende ich mich sogar genervt ab. 

Kizomba – Tango light?

Von Kizomba bis zur Mundial: Was macht Tango eigentlich zu Tango?


Ich habe mir in letzter Zeit einige Videos von wirklich guten Kizomba-Paaren angesehen und war überrascht, wie viele Bewegungen mir aus dem Tango ausgesprochen vertraut vorkamen. Da sieht man Kreuzschritte, Drehbewegungen, Gewichtsverlagerungen und sogar Bewegungsformen, die durchaus an Volcadas oder Colgadas erinnern. Auch manche einfachen Schrittverbindungen unterscheiden sich räumlich kaum von etwas, das ebenso gut in einem Tango auftauchen könnte.
Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter wurde aber eine ganz andere Frage: Wenn sich die Bewegungsformen verschiedener Paartänze teilweise so ähnlich sind, woran erkennen wir dann überhaupt, welchen Tanz wir gerade sehen?

Authentischer Tango – jetzt auch als Premiumprodukt

Wenn aus der Abgrenzung von der Tango-Industrie ein exklusives Geschäftsmodell wird.


Sollte sich etwa nach dem etwas verschrobenen Konzept von T. T. schon in Buenos Aires eine Gruppe abgespalten haben, die gegen den kommerziellen Tango, gegen die Touristen-Tango-Industrie und vielleicht demnächst auch noch gegen die Mundial zu Felde zieht und stattdessen kleine, intime Veranstaltungen organisiert?

Für einen kurzen Moment könnte man das tatsächlich glauben. Auf der Website der Secreto Tango Society findet sich ein Artikel vom 22. April 2026 mit dem Titel „The Truly Private Tango Show in Buenos Aires“. Dort wird ziemlich kräftig gegen die üblichen großen Tango-Shows in Buenos Aires ausgeteilt.

Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Wie aus Orten, Menschen, Funktionen und Moden vermeintlich feste Tangostile wurden


Bevor ich über Tango de Salón, Milonguero, Tango Milonguero, Villa Urquiza, Canyengue, Tango de Pista und Tango Escenario schreibe, muss ich zunächst eine Einschränkung machen, die mir bei vielen Beschreibungen des Tangos fehlt: Auch ich kenne Buenos Aires nur in Ausschnitten.

Ich bin mehrfach dorthin gereist, habe dort getanzt, zugesehen, Unterricht genommen und vor allem sehr viele Gespräche geführt. Aber ich habe Buenos Aires immer zu bestimmten Zeiten besucht, war an bestimmten Tagen in bestimmten Milongas und habe bestimmte Menschen kennengelernt. Und ich habe das alles zwangsläufig mit den Augen eines Europäers betrachtet.

Tango als Gesellschaftstanz

Warum räumlich begrenztes Tanzen allein kein Qualitätsmerkmal ist


Vielleicht müsste man beim Tango gelegentlich wieder bei den einfachsten Dingen anfangen. Nicht bei Stilbezeichnungen, historischen Legenden oder der Frage, welche Milonga angeblich den „eigentlichen“ Tango bewahrt hat, sondern bei einer ziemlich banalen Tatsache:

Tango ist ein Gesellschaftstanz.

Das bedeutet zunächst einmal nichts Geheimnisvolles. Mehrere Paare teilen sich einen Tanzraum. Und sobald mehrere Menschen dieselbe Fläche benutzen, muss dieser Raum untereinander aufgeteilt werden.

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Ein plausibles, historisch begründbares Modell als Alternative zu „Somatic Milonguero“


Wenn man sich heutige Tangobewegungen ansieht, können manche von ihnen erstaunlich künstlich wirken. Ochos, Pivots, Kreuzschritte, Pendelbewegungen, Sacadas oder komplexere Richtungswechsel erscheinen aus heutiger Sicht leicht wie Produkte eines ausgeklügelten Unterrichtssystems. Doch vielleicht ist diese Vorstellung genau falsch herum gedacht. Vielleicht entstanden viele dieser Bewegungen nicht zuerst als Figuren, die jemand erfand und anschließend unterrichtete, sondern als praktische Lösungen innerhalb eines sozialen Tanzes – aus Raum, Musik, Gleichgewicht, Partnerbezug und der Notwendigkeit, Bewegung flüssig miteinander organisieren zu können. Erst später wurden solche Lösungen erkannt, benannt, verfeinert und schließlich systematisch vermittelt.

Das ist mehr als eine historische Spitzfindigkeit. Denn wenn man die Entstehung von Tangobewegungen verstehen will, darf man nicht nur betrachten, wie sie heute aussehen und wie sie heute unterrichtet werden. Man muss sich fragen, welche körperliche oder räumliche Aufgabe ursprünglich gelöst werden musste und unter welchen sozialen Bedingungen diese Lösung überhaupt entstehen konnte.

The English Versions of My Articles on Tom Tabaczynski’s “Somatic Milonguero”

Over the past few days, I have published several articles dealing with Tom Tabaczynski’s book Somatic Milonguero, his criticism of tango teaching, and his ideas about motor learning and learning tango without formal instruction.

Since I also published English versions of these texts, they have begun to take up quite a lot of space on my blog. I have therefore decided to collect them here in one place. The individual articles will remain available through the links below.

Wenn ein weiterer Tango-Blog verstummt

Über das Ende einer kleinen Debattenkultur – und die Frage, ob es irgendwann auch für mich reicht


Es gab einmal eine Zeit, da war das Bloggen im Tango durchaus eine eigene kleine Welt. Man schrieb nicht nur Veranstaltungshinweise, kündigte Workshops an oder stellte das nächste Tangowochenende vor. Man vertrat Positionen, widersprach einander, berichtete von Erfahrungen, stritt über Musik, Unterricht, Tanzstile, Milongas, Traditionen und Veränderungen in der Szene. Manchmal war das klug, manchmal ärgerlich, manchmal überzogen. Aber immerhin wurde geschrieben.

Davon ist nicht mehr viel übrig.

Lesetip: Übungen zur Stärkung der Füße für Tango

Ich habe bei Feedspot einen interessanten Beitrag gefunden, den ich hier empfehlen möchte. Es geht darum, was starke, reaktionsfähige Füße beim Tanzen bewirken. Nämlich … weichere Pivots bessere Balance stabileres Gehen weniger Spannung im restlichen Körper Wie es dort schön heißt: „Im Tango beginnt alles am Boden.“ Leider habe ich den Namen des Autors nicht herausfinden können. Der Beitrag stammt aber von der Münchner Tangoschule „TANGO FLOW“.

Wie weit kann sich Tango überhaupt entwickeln?

Warum der soziale Tango vielleicht nicht stagniert, sondern nur anders wächst, als man es von außen sieht

Ich hatte in meinem Beitrag über eine mögliche zweite Época de Oro geschrieben, dass sich der Tango tänzerisch weiterentwickelt habe. Das stimmt auch, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss man unterscheiden, wo diese Entwicklung eigentlich stattfindet und was wir unter Weiterentwicklung überhaupt verstehen. Sichtbar ist sie vor allem in der Profi-Szene, auf Bühnen und bei Wettbewerben. Dort sieht man eine technische Qualität, Bewegungsvielfalt und Körperbeherrschung, die weit über das hinausgeht, was vor einigen Jahrzehnten üblich war.

Auf normalen Milongas sieht man davon erstaunlich wenig. Genau da beginnt aber das Problem. Vielleicht erwarten wir von einem Gesellschaftstanz eine Form von Entwicklung, die unter seinen realen Bedingungen gar nicht dauerhaft möglich ist. Und vielleicht übersehen wir gleichzeitig eine andere Entwicklung, die längst stattfindet, weil sie weniger spektakulär und von außen kaum sichtbar ist.

Época de Oro II?

Während wir musikalisch noch von den 1940er-Jahren leben, hat sich der Tanz längst weiterentwickelt.

Mit der Época de Oro bezeichnet man gewöhnlich die große Zeit des Tango zwischen etwa Mitte der 1930er- und Mitte der 1950er-Jahre. Es war die Epoche der großen Orchester, Sänger, Komponisten und Arrangeure, aber ebenso eine Zeit, in der Tango gesellschaftlich tief verankert war. Tanzlokale, Rundfunk, Schallplattenproduktion und ein großes Publikum bildeten ein zusammenhängendes kulturelles System.

Die Musik entstand für die Gegenwart der damaligen Tänzer. Neue Stücke, neue Arrangements und unverwechselbare Orchesterstile konkurrierten miteinander. Buenos Aires war nicht nur das Zentrum des Tanzes, sondern zugleich ein Ort permanenter musikalischer Produktion.

Wenn heute von einer Época de Oro II gesprochen würde, könnte damit daher keine Wiederholung dieser Verhältnisse gemeint sein. Die Voraussetzungen haben sich grundlegend verändert.

Gedanken über Tango Unterricht | 60. Teil

Die Musik wechselt, aber der Tanz bleibt derselbe

In den ersten acht oder zehn Jahren lassen viele Aficionados auf einer Milonga kaum eine Tanda aus. Ganz gleich, welches Orchester gespielt wird: Hauptsache tanzen. Eine Tanda folgt der nächsten, eine Partnerin der anderen, und besonders auf Festivals oder Marathons wird der Daueraufenthalt auf der Piste fast zu einem Beweis der eigenen Begeisterung. Die Tangoszene ist in diesem Sinne tänzerisch ausgesprochen promiskuitiv. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Wer viel tanzt, sammelt Erfahrungen, lernt unterschiedliche Partnerinnen kennen und entwickelt körperliche Sicherheit. Ohne Wiederholung und Praxis wird niemand ein guter Tänzer.

Doch viel Tanzen ist nicht automatisch gutes Üben. Die körperliche und geistige Ausdauer für dauerhaft hohe Qualität ist begrenzt. Ein guter Tango verlangt Konzentration, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, in jedem Augenblick Musik, Partnerin und Raum wahrzunehmen. Nach vielen Stunden nimmt diese Aufmerksamkeit zwangsläufig ab. Dann greift der Körper auf das zurück, was ihm am vertrautesten ist. Die Bewegungen laufen scheinbar von selbst, und genau das kann sich wie ein tänzerischer Höhepunkt anfühlen. Man ist wie in Trance. Doch dieses Hochgefühl ist trügerisch. Mühelosigkeit kann Freiheit bedeuten, sie kann aber ebenso gut nur das automatische Abspulen längst eingeschliffener Muster sein.

Tango Voice – Was von einem Manifest übrig blieb

Über Tango, Weltbilder und das Ende der Debatte

Manchmal lohnt es sich, zehn Jahre zurückzublicken. Nicht, weil man alte Rechnungen begleichen möchte, sondern weil man plötzlich erkennt, dass manche Debatten gar nicht alt geworden sind.

Ausgelöst wurde mein erneutes Interesse durch einen aktuellen Hinweis auf den amerikanischen Blog Tango Voice. Vor zehn Jahren sorgte dessen sogenanntes Tango Manifest für lebhafte Diskussionen – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Damals übersetzte ein gewisser Blogger längere Passagen und machte den Blog hierzulande überhaupt erst einem größeren Publikum bekannt. Besonders der Blogger Yokoito setzte sich ausführlich und mit viel Ironie mit den dort vertretenen Positionen auseinander.

Ich habe die damalige Diskussion jetzt noch einmal gelesen. Dabei fiel mir etwas Überraschendes auf. Heute interessiert mich kaum noch, ob Tango Voice bei einzelnen Sachfragen recht oder unrecht hatte. Auch die Frage, ob der Blog jemals tatsächlich für die nordamerikanische Tangoszene sprach, erscheint rückblickend eher zweitrangig.

Viel interessanter ist etwas anderes: Die Debatte ist ein kleines Lehrstück darüber, wie Weltbilder entstehen. Wie aus persönlichen Vorlieben allgemeingültige Wahrheiten werden. Wie aus Geschmack plötzlich Moral wird. Und wie Kritik nicht mehr beantwortet, sondern erklärt wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil

Kann man Tango überhaupt lehren?

Noch vor dem Erscheinen eines Artikels auf einem anderen Blog war mir der Name Tom Tabaczynski schon einmal begegnet. Damals, ich glaube 2017, hatte ich einige seiner Texte gelesen und den Eindruck gewonnen, dass sich hinter seinen Überlegungen mehr verbirgt als die üblichen Workshop-Ankündigungen oder wohlklingenden Schlagworte. Heute wurde ich nun in einem englischsprachigen Tango-Blog erneut auf sein Buch Somatic Milonguero – Movement Awareness for Close Embrace Social Tango hingewiesen. Das erinnerte mich an meine frühere Recherche. Also habe ich mich noch einmal mit dem Autor beschäftigt – nicht mit dem Buch selbst, das ich nicht gelesen habe, sondern mit seiner Biografie und den Gedanken, die er seit vielen Jahren über Tango veröffentlicht.

Dabei wurde mir schnell klar, dass mich eigentlich gar nicht das Buch interessierte. Viel spannender fand ich die Frage, die hinter seinen Überlegungen steckt: Kann man Tango überhaupt lehren?

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