Über Tango, Weltbilder und das Ende der Debatte
Manchmal lohnt es sich, zehn Jahre zurückzublicken. Nicht, weil man alte Rechnungen begleichen möchte, sondern weil man plötzlich erkennt, dass manche Debatten gar nicht alt geworden sind.
Ausgelöst wurde mein erneutes Interesse durch einen aktuellen Hinweis auf den amerikanischen Blog Tango Voice. Vor zehn Jahren sorgte dessen sogenanntes Tango Manifest für lebhafte Diskussionen – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Damals übersetzte ein gewisser Blogger längere Passagen und machte den Blog hierzulande überhaupt erst einem größeren Publikum bekannt. Besonders der Blogger Yokoito setzte sich ausführlich und mit viel Ironie mit den dort vertretenen Positionen auseinander.
Ich habe die damalige Diskussion jetzt noch einmal gelesen. Dabei fiel mir etwas Überraschendes auf. Heute interessiert mich kaum noch, ob Tango Voice bei einzelnen Sachfragen recht oder unrecht hatte. Auch die Frage, ob der Blog jemals tatsächlich für die nordamerikanische Tangoszene sprach, erscheint rückblickend eher zweitrangig.
Viel interessanter ist etwas anderes: Die Debatte ist ein kleines Lehrstück darüber, wie Weltbilder entstehen. Wie aus persönlichen Vorlieben allgemeingültige Wahrheiten werden. Wie aus Geschmack plötzlich Moral wird. Und wie Kritik nicht mehr beantwortet, sondern erklärt wird.