1:1-Rhythmus und Charakter – warum Troilo mich gezwungen hat, anders zu tanzen
Vor einigen Tagen hatte ich ein längeres Gespräch mit einer DJ, die zugleich unterrichtet und in ihren Prácticas musikalisches Tanzen bewusst in den Mittelpunkt stellt. Dort geht es weniger um Figuren oder Technikdetails als um Wahrnehmung und Entscheidung. Irgendwann kamen wir auf Aníbal Troilo zu sprechen, und wir waren uns schnell einig, dass man ihn ohne Übertreibung zu den genialsten Orchesterleitern des Tango zählen kann.
Mich hat Troilos Musik früher irritiert. Ich empfand sie als unruhig, beinahe nervös. Erst mit Abstand wurde mir klar, dass diese Nervosität nicht in der Musik lag, sondern in meiner Art, sie zu behandeln. Ich hörte den Puls und war überzeugt, jeden Schlag 1:1 umsetzen zu müssen. Ein Video aus den 1990er-Jahren, in dem ich mit Ingrid Saalfeld vortanze, macht das im Rückblick deutlich sichtbar. Der Tanz ist rhythmisch korrekt und technisch sauber, doch er wirkt überladen. Jeder Impuls wird sofort beantwortet, kein Moment darf sich sammeln, nichts darf stehen bleiben. Wir waren im Takt – aber nicht im Charakter der Musik.