Ein plausibles, historisch begründbares Modell als Alternative zu „Somatic Milonguero“
Wenn man sich heutige Tangobewegungen ansieht, können manche von ihnen erstaunlich künstlich wirken. Ochos, Pivots, Kreuzschritte, Pendelbewegungen, Sacadas oder komplexere Richtungswechsel erscheinen aus heutiger Sicht leicht wie Produkte eines ausgeklügelten Unterrichtssystems. Doch vielleicht ist diese Vorstellung genau falsch herum gedacht. Vielleicht entstanden viele dieser Bewegungen nicht zuerst als Figuren, die jemand erfand und anschließend unterrichtete, sondern als praktische Lösungen innerhalb eines sozialen Tanzes – aus Raum, Musik, Gleichgewicht, Partnerbezug und der Notwendigkeit, Bewegung flüssig miteinander organisieren zu können. Erst später wurden solche Lösungen erkannt, benannt, verfeinert und schließlich systematisch vermittelt.
Das ist mehr als eine historische Spitzfindigkeit. Denn wenn man die Entstehung von Tangobewegungen verstehen will, darf man nicht nur betrachten, wie sie heute aussehen und wie sie heute unterrichtet werden. Man muss sich fragen, welche körperliche oder räumliche Aufgabe ursprünglich gelöst werden musste und unter welchen sozialen Bedingungen diese Lösung überhaupt entstehen konnte.