Warum so viele Männer beim Tango auf der Strecke bleiben

Gedanken über Tango Unterricht | 69. Teil


Ich erlebe in meinem Tango-Unterricht immer wieder Paare, die nach vielen Jahren des Zusammenlebens endlich einmal wieder etwas gemeinsam unternehmen möchten. Vielleicht sind die Kinder inzwischen groß genug, um allein zu Hause zu bleiben, ohne gleich die Bude zu ramponieren. Vielleicht ist auch einfach der Wunsch entstanden, aus der alltäglichen Routine auszubrechen, wieder etwas gemeinsam zu erleben und sich dabei auch körperlich näherzukommen.

Die Initiative geht meistens von den Frauen aus.

Der erfundene Original-Tango

Wenn die Kopie das Original bewacht


Es gibt ein inzwischen ziemlich aufgeladenes Wort für einen Vorgang, bei dem Menschen Elemente einer fremden Kultur übernehmen, sie in einen neuen Zusammenhang stellen und irgendwann sogar darüber bestimmen wollen, was an dieser Kultur richtig, falsch, ursprünglich oder authentisch sei. Ich werde dieses Wort hier tunlichst nicht benutzen. Nicht, weil ich den Gedanken dahinter für unsinnig hielte, sondern weil vermutlich schon das Wort reichen würde, um die folgende Diskussion zuverlässig in die falsche Richtung und schlimmstenfalls in einen Shitstorm zu schicken.

Der wahre Tango?

– schon wieder?


Tom Tabaczyński hat mich mit einem neuen Kommentar auf Helges Blog zu einem neuen Beitrag verführt. Ich habe während meiner gesamten Tango-Zeit immer wieder mit Leuten zu tun gehabt, die aufgrund ihrer ganz eigenen Sicht auf diesen Tanz behaupteten, den „wahren“ Tango erkennen zu können. Meistens meinen sie damit allerdings genau den Tango, den sie selbst für den besten halten – und erstaunlicherweise ist das fast immer der Tango, der ihnen persönlich am besten gefällt.

Die Chimäre „Tango Milonguero“ – wie eine soziale Erfahrung zum Tanzstil wurde

Was am Begriff „Tango Milonguero“ nicht stimmt


Seit fast zwei Wochen beschäftigen mich eine erbetene Buchrezension und eine daraus entstandene – viel zu lange – Diskussion mit dem Begriff des Milongueros (oder der Milongueras). Aus diesem Begriff möchte man einen eigenen Tanzstil, manchmal sogar einen besonderen Tango samt zugehöriger gesellschaftlicher Gruppe machen. Diesen Tango soll man entweder durch selbst erworbene Kenntnisse innerhalb einer Peergruppe oder durch den Unterricht jener Tangoschulen erlernen können, die „Tango Milonguero“ anbieten. Dass außerdem hier nur die maskuline Rolle als stilprägend bezeichnet wird, ist besonders merkwürdig. Hier bestehe ich ausnahmsweise mal auf das Gendern eines Begriffs: Milonguera!

Die Tangoszene und die Tangoschulen arbeiten schon lange daran, eine gewisse Mindestqualität des getanzten Tangos herzustellen. Der Erfolg ist sehr unterschiedlich. Man muss zugeben, dass die sichtbaren Ergebnisse angesichts der Zeit und der in Summe beträchtlichen Beträge, die für Unterricht ausgegeben werden, nicht immer überzeugen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass Unterricht prinzipiell ungeeignet wäre oder dass eine besondere Gruppe von Milongueros über einen grundsätzlich anderen Zugang zum Tango verfügte. Zunächst müsste geklärt werden, was mit „Tango Milonguero“ überhaupt gemeint ist.

Der Ausdruck klingt, als bezeichne er einen eindeutig bestimmbaren Tanzstil. Tatsächlich verbindet er verschiedene Dinge, die nicht dasselbe sind: eine sichtbare Tanzform, einen sozialen Modus, eine erworbene Bewegungsqualität und die Identität eines Menschen, der über viele Jahre auf Milongas zu Hause ist.

Der Begriff ist deshalb eine Chimäre. Er täuscht eine Einheit vor, die erst durch die Vermischung unterschiedlicher Bedeutungsebenen entsteht.

Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Wie aus Orten, Menschen, Funktionen und Moden vermeintlich feste Tangostile wurden


Bevor ich über Tango de Salón, Milonguero, Tango Milonguero, Villa Urquiza, Canyengue, Tango de Pista und Tango Escenario schreibe, muss ich zunächst eine Einschränkung machen, die mir bei vielen Beschreibungen des Tangos fehlt: Auch ich kenne Buenos Aires nur in Ausschnitten.

Ich bin mehrfach dorthin gereist, habe dort getanzt, zugesehen, Unterricht genommen und vor allem sehr viele Gespräche geführt. Aber ich habe Buenos Aires immer zu bestimmten Zeiten besucht, war an bestimmten Tagen in bestimmten Milongas und habe bestimmte Menschen kennengelernt. Und ich habe das alles zwangsläufig mit den Augen eines Europäers betrachtet.

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Ein plausibles, historisch begründbares Modell als Alternative zu „Somatic Milonguero“


Wenn man sich heutige Tangobewegungen ansieht, können manche von ihnen erstaunlich künstlich wirken. Ochos, Pivots, Kreuzschritte, Pendelbewegungen, Sacadas oder komplexere Richtungswechsel erscheinen aus heutiger Sicht leicht wie Produkte eines ausgeklügelten Unterrichtssystems. Doch vielleicht ist diese Vorstellung genau falsch herum gedacht. Vielleicht entstanden viele dieser Bewegungen nicht zuerst als Figuren, die jemand erfand und anschließend unterrichtete, sondern als praktische Lösungen innerhalb eines sozialen Tanzes – aus Raum, Musik, Gleichgewicht, Partnerbezug und der Notwendigkeit, Bewegung flüssig miteinander organisieren zu können. Erst später wurden solche Lösungen erkannt, benannt, verfeinert und schließlich systematisch vermittelt.

Das ist mehr als eine historische Spitzfindigkeit. Denn wenn man die Entstehung von Tangobewegungen verstehen will, darf man nicht nur betrachten, wie sie heute aussehen und wie sie heute unterrichtet werden. Man muss sich fragen, welche körperliche oder räumliche Aufgabe ursprünglich gelöst werden musste und unter welchen sozialen Bedingungen diese Lösung überhaupt entstehen konnte.

Spart Euch dieses Buch!

„Viel Lärm Um Nichts“


Nachdem ich mich tagelang intensiv mit diesem Buch beschäftigt hatte – mit seiner inhaltlichen Erfassung, einer Zusammenfassung, Rückfragen an den Autor und schließlich drei eigenen Artikeln –, musste ich irgendwann feststellen, dass ein großer Teil dieser Arbeit eigentlich für die Katz gewesen war.

Und trotzdem war sie nicht umsonst.

Denn gerade die Auseinandersetzung mit einer so radikalen Position hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, was guten Unterricht ausmacht: nicht das bloße Vermitteln von Formen, sondern das Herstellen verständlicher Zusammenhänge, das Dosieren von Komplexität, das Stellen sinnvoller Aufgaben, das Sichtbarmachen von Unterschieden und das Begleiten von Erfahrung, ohne sie vorwegzunehmen.

Lernen ohne Unterricht?

Ein Praxistest des Lernmodells aus Tom Tabaczynskis Somatic Milonguero


Tabaczynskis Lernmodell hat einen großen Reiz: wenige Grundlagen, viel Beobachtung, verständlicher Input, eigene Exploration, unterschiedliche Partner und schließlich Lernen in der realen Milonga. Auf dem Papier ergibt sich daraus ein plausibler Lernweg.

Interessant wird es, sobald man versucht, ihn mit zwei wirklichen Anfängern praktisch durchzuspielen.

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Eine Ergänzung zu Tom Tabaczynskis Theorie über motorisches Lernen


In einer Diskussion über meinen Artikel stellte Tom Tabaczynsky eine interessante Frage: Denken wir beim Autofahren darüber nach, was wir gerade tun? Denken wir beim Sprechen bewusst über Grammatikregeln nach? Warum sollten wir dann annehmen, dass Tanzen auf bewussten Entscheidungen beruht, die anhand zuvor gelernter Regeln getroffen werden?

Hier werden zwei verschiedene Fragen miteinander vermischt: Wie wird eine ausgebildete Fähigkeit ausgeführt? Und wie wird diese Fähigkeit erworben?

Gedanken über Tango Unterricht | 63. Teil

Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski – Unterricht überflüssig oder grundsätzlich anders?


Dieser offensichtlich lange Beitrag ist keine klassische Buchrezension. Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski ist für mich vielmehr Anlass, einige grundsätzliche Fragen über Tango-Unterricht neu zu betrachten. Vieles in diesem Buch berührt Themen, mit denen ich mich seit Jahrzehnten beschäftige. Manches bestätigt Erfahrungen, die ich selbst im Unterricht gemacht habe, anderes hat mich zum Widerspruch gereizt, und bei einigen Gedanken habe ich meine Meinung während des Lesens mehrfach verändert. Deshalb möchte ich das Buch weniger bewerten als seine Thesen an meiner eigenen Erfahrung mit Tango, Lernen und Unterricht überprüfen.

Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?

Teil 3: Ein schönes Video und ein großes Wort

Auf der Suche nach Quellen für diesen Beitrag habe ich auf YouTube ein Video entdeckt, das den abschließenden Showtanz nach einem Neo-Tango-Wochenende in Bremen zeigt. Die Kursteilnehmer stehen um die Tanzfläche und filmen das Lehrerpaar. Eine typische Situation: Man hat ein Wochenende lang an Bewegungen gearbeitet und sieht am Ende zwei Menschen, bei denen all das leicht, flüssig und selbstverständlich aussieht.[…]

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Zunächst einmal muss man fair bleiben: Wer bei einem Workshop nicht dabei war, weiß nicht, was dort wirklich gemacht wurde. Man kennt vielleicht eine Ankündigung, einen Werbetext, einen nachträglichen Blogbeitrag oder ein paar Fotos. Daraus lässt sich kein seriöses Urteil über die praktische Arbeit ableiten. Vielleicht gab es gute Übungen, präzise Korrekturen und einen echten Nutzen für die Teilnehmenden. Vielleicht war der Workshop sogar hervorragend. Man weiß es nicht. Und genau darum geht es hier: nicht um die tatsächliche Qualität […]

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die immer noch keine ist

Teil 2: Die heutige Lage

Im ersten Teil ging es um die frühen Jahre. Um die Zeit, in der Tango Nuevo und später Neo-Tango wie ein Befreiungsschlag wirkten. Raus aus der engen Umarmung, raus aus den alten Regeln, raus aus dem ewigen D’Arienzo-Di Sarli-Pugliese-Dreieck. Mehr Achsen, mehr Raum, mehr Möglichkeiten. So jedenfalls lautete das Versprechen.

Heute sieht die Sache anders aus.

Aus dem früheren Aufbruch ist längst eine eigene kleine Welt geworden: Neolongas, Neo-Marathons, Electro-Tango, Visuals, offene Rollen, lockere Codes und ein sehr dehnbarer Freiheitsbegriff. Das muss man nicht verteufeln. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei alles, was sich frei anfühlt, automatisch schon künstlerisch interessant.

Denn der alte Irrtum ist geblieben: Manche verwechseln Freiheit mit Beliebigkeit. Und genau da wird es spannend.

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die manchmal keine war

Teil 1: Wie die Beliebigkeit auf die Piste kam

Vor ein paar Tagen bin ich Gespräch gebeten worden, meine Anfangszeit als Tango-Lehrer in Deutschland Ender 80er und Anfang der 90er Jahre zu beschreiben. Das hat mich veranlasst mal einen Artikel darüber schreiben.

Ich möchte einmal erklären, wie es sehr wahrscheinlich dazu kam, dass sich so viele Menschen vom Neo-Tango angezogen fühlten. Vieles davon habe ich selbst erlebt und beobachtet. Es ist also keine Theorie vom Schreibtisch, sondern eine Erinnerung an eine Zeit, in der sich in der europäischen Tangoszene einiges sortierte — oder eben nicht sortierte.

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Über das Lernen durch Systeme – verkopft oder nur Gefühl?

Der Anlass zu diesem Beitrag ist ein Kommentar von Carsten Buchholz, den ich nicht als Angriff verstanden habe, sondern als interessante Gegenposition. Carsten schreibt, dass ihm Ordnungen und Systematiken im Tango nicht helfen. Er habe auf der Tanzfläche Menschen beobachtet, die sich ganz offensichtlich an Dinge klammerten, die ihnen jemand beigebracht habe, statt einfach zu tanzen.

Das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen auf der Tanzfläche innerlich ihre Schrittzettel abarbeiten, während die Musik längst ganz woanders ist, weiß, was gemeint ist. Da wird nicht getanzt, da wird verwaltet, sortiert, gezählt, erinnert und kontrolliert. Manchmal sieht man förmlich, wie das Denken im Weg steht.

Carsten setzt dagegen mehr auf Emotion, Körpererfahrung, Spüren und interaktive Kommunikation, möglichst mit wenig Regeln und wenig Anweisungen. Auch das kann ich verstehen. Nur glaube ich nicht, dass damit die Sache erledigt ist. Denn aus der berechtigten Kritik an einem überfrachteten Unterricht folgt nicht, dass Systeme im Tango grundsätzlich falsch wären. Das wäre mir zu einfach.

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

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