Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Über das Lernen durch Systeme – verkopft oder nur Gefühl?

Der Anlass zu diesem Beitrag ist ein Kommentar von Carsten Buchholz, den ich nicht als Angriff verstanden habe, sondern als interessante Gegenposition. Carsten schreibt, dass ihm Ordnungen und Systematiken im Tango nicht helfen. Er habe auf der Tanzfläche Menschen beobachtet, die sich ganz offensichtlich an Dinge klammerten, die ihnen jemand beigebracht habe, statt einfach zu tanzen.

Das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen auf der Tanzfläche innerlich ihre Schrittzettel abarbeiten, während die Musik längst ganz woanders ist, weiß, was gemeint ist. Da wird nicht getanzt, da wird verwaltet, sortiert, gezählt, erinnert und kontrolliert. Manchmal sieht man förmlich, wie das Denken im Weg steht.

Carsten setzt dagegen mehr auf Emotion, Körpererfahrung, Spüren und interaktive Kommunikation, möglichst mit wenig Regeln und wenig Anweisungen. Auch das kann ich verstehen. Nur glaube ich nicht, dass damit die Sache erledigt ist. Denn aus der berechtigten Kritik an einem überfrachteten Unterricht folgt nicht, dass Systeme im Tango grundsätzlich falsch wären. Das wäre mir zu einfach.

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Die Rosinen in der Tango-Szene

In der Tango-Szene gibt es seit Jahren eine Tendenz, die ich problematisch finde: Viele Angebote richten sich bevorzugt an jene Tänzerinnen und Tänzer, die schon eine gewisse Vorausbildung besitzen. Das ist bequem, denn diese Menschen können bereits stehen, gehen, führen, folgen, die Musik halbwegs einordnen und müssen nicht mehr bei null abgeholt werden. Mit ihnen lässt sich schneller etwas Vorzeigbares machen. Man kann komplexere Figuren anbieten, schöne Workshop-Titel formulieren und mit Dingen werben, die nach Fortschritt, Raffinesse und besonderem Können klingen.

Der mühsame Weg über Anfängerunterricht ist dagegen steinig. Anfängerunterricht bedeutet, immer wieder ganz von vorne zu beginnen. Es bedeutet, Menschen zu erklären, dass Tango nicht aus Schrittkombinationen besteht, dass eine Umarmung kein Griff ist, dass Führen nichts mit Schieben zu tun hat und Folgen nicht bedeutet, brav zu erraten, was der andere gerade vorhat. Man muss Balance, Körpertonus, Gehen, Raumgefühl, musikalische Orientierung und soziale Rücksichtnahme unterrichten, bevor überhaupt an größere Figuren zu denken ist. Das ist pädagogisch anspruchsvoll, aber es sieht auf einem Flyer weniger beeindruckend aus.

Darum greift man gern nach den Rosinen. Man nimmt lieber jene, die schon vorbereitet sind, und setzt ihnen weitere Accessoires oben drauf: hier eine Alteration, dort eine Sacada, etwas Dynamik, ein überraschender Richtungswechsel, vielleicht noch eine Verzierung, damit es nach mehr aussieht. An solchen Dingen ist nichts Verwerfliches, solange sie in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Spaß, Spielerei und tänzerische Fantasie gehören zum Tango. Aber wenn diese Accessoires zum eigentlichen Geschäftsmodell werden, beginnt das Problem. Dann wird nicht mehr ausgebildet, sondern fortlaufend Appetit erzeugt.

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Über musikalische Interpretation im Tango – zwischen Anspruch und Trugschluss

Neulich bin ich über ein Video gestolpert, das beweisen sollte, dass man zu Astor Piazzolla problemlos tanzen kann. Nicht als Beispiel, sondern als Argument.

Und genau dieses Argument geht für mich nicht auf.

Dass ich es hier mit einem Amateur-Paar zu tun habe, ist offensichtlich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wer sich öffentlich zeigt, darf das – und muss nicht perfekt sein. Aber es handelt sich hier um eine Demonstration und auf einer normalen Tanzfläche ist so etwas kaum möglich. Insofern kritisiere ich hier eine Darbietung von Tango, bei der man auch höhere Maßstäbe ansetzen sollte als bei einem Tanz in einer Milonga. 

Ich sage es trotzdem direkt: Das überzeugt mich weder musikalisch noch technisch.

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Man kennt das Bild: Ein Konzert, eine Show, ein besonderer Moment – und statt Gesichter sieht man eine Wand aus hochgereckten Smartphones. Das Ereignis wird nicht mehr erlebt, sondern dokumentiert. Nicht für jetzt, sondern für später. Oder genauer: für ein „später“, das in der Regel nie eintritt. Besonders absurd wird das bei Reisegruppen, die Sehenswürdigkeiten fast ausschließlich durch ihre Displays betrachten. Sie stehen vor etwas Einzigartigem – und sehen es nicht. Sie produzieren Material für die Zukunft, während sie die […]

Über Erotik im Tango

Über Erotik im Tango

Warum die Szene sich vor einem offensichtlichen Thema drückt

In letzter Zeit wird in verschiedenen Foren wieder verstärkt über ein Thema diskutiert, das in der Tango-Szene lange eher vermieden wurde: Nähe, Übergriffigkeit – und eben auch Erotik im Tango.

Auffällig ist dabei eine Schieflage. Über Übergriffigkeit wird sofort und zu Recht gesprochen, sobald Grenzen verletzt werden. Über die andere Seite – die sinnliche, vielleicht auch erotische Dimension dieses Tanzes – dagegen herrscht auffällige Zurückhaltung. Als müsste man sich dafür rechtfertigen oder sie gleich ganz leugnen.

Dabei ist der Ausgangspunkt banal: Tango wird in enger Umarmung getanzt. Zwei Menschen teilen für mehrere Minuten einen Raum, der im normalen sozialen Umgang so nicht existiert. Diese Nähe ist nicht neutral. Sie ist körperlich, sie ist spürbar, und sie ist intensiv.

Und genau hier beginnt der Widerspruch.

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Im Tango-Netzwerk tauchen immer wieder Texte auf, die erstaunlich schnell ihre Kreise ziehen.So auch diesmal. Ausgangspunkt war ein Beitrag, der offenbar sogar Rafael Busch – sonst eher für tägliche Vortanzvideos bekannt – dazu gebracht hat, diesen Text zu kommentieren. Der Ursprung liegt bei Marianne Jost, die ihre Erfahrungen aus Tanz, Coaching und Beziehungsarbeit zusammenführt und sich zum Thema „Perfektion“ äußert. Der Text ist schnell erzählt, eingängig formuliert und trifft einen Nerv: „Niemand verliebt sich in Perfektion……hör auf, perfekt sein zu […]

Gedanken über Tango Unterricht | 49. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 49. Teil

Funktion und Ästhetik im Tango

Zwei Sichtweisen auf Ästhetik:

Wenn man über Ästhetik im Tango spricht, landet man sehr schnell in einem grundlegenden Missverständnis. Denn es gibt zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen darauf, was Ästhetik überhaupt ist. Die eine orientiert sich an äußeren Kriterien wie Anmut, Eleganz, Ausdruck und schönen Linien. Das ist das Bild, das viele im Kopf haben, oft geprägt durch Bühnenauftritte und visuelle Vorbilder. Die andere Sichtweise ist deutlich radikaler: Sie versteht Ästhetik nicht als Ziel, sondern als Ergebnis funktionaler Bewegung.

Der Unterschied ist entscheidend. Wer tänzerische Ästhetik erreichen will, orientiert sich oft an Bildern: So sollte es aussehen, so sieht ein schöner Schritt aus, so wirkt es elegant. Der Körper beginnt dann, diesen Bildern zu folgen und nicht mehr der Funktion der Bewegung. Die Folge ist fast immer dieselbe: Bewegungen wirken gewollt. Und genau an diesem Punkt kippt Ästhetik.

Flying Monkeys im Tango

Flying Monkeys im Tango

Narzissmus, Neid und soziale Einflussnahme zwischen Milongas, Marathons und Encuentros

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Der Begriff „Flying Monkeys“ stammt ursprünglich aus dem Film The Wizard of Oz. Dort schickt die Hexe ihre geflügelten Helfer aus, um in ihrem Namen zu handeln. Im psychologischen Sprachgebrauch beschreibt man damit Personen, die – häufig unbewusst – die Interessen einer dominanten Persönlichkeit unterstützen und deren Narrative weiterverbreiten.

Als Metapher eignet sich dieser Begriff, um bestimmte soziale Dynamiken in Gemeinschaften sichtbar zu machen. Auch in der Tangoszene.

Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango

Volle Milongas – Raum, Dichte und Gestaltung im Tango

Obwohl die Fülle öffentlicher Milongas vielerorts abnimmt, scheint sich auf manchen Tanzflächen das Gegenteil zu ereignen: Es wird enger. Weniger Veranstaltungen, dafür mehr Körper auf einer Fläche. Und genau dort stellt sich die Frage, ob Dichte wirklich ein Zeichen von Vitalität ist – oder lediglich ein Nebeneffekt begrenzten Raums. Meine Vorliebe für viel Platz auf der Tango-Piste Wer meine letzten Beiträge gelesen hat, könnte auf die Idee kommen, ich hätte eine Vorliebe für volle Tanzflächen. Schließlich habe ich wiederholt betont, […]

Freiheit statt moralischer Erpressung

Freiheit statt moralischer Erpressung

Über Milongas, Encuentros und das Recht, Nein zu sagen
Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

In letzter Zeit wurde in der Tangoszene wieder mal über „unfreundliche Veranstaltungen“ gesprochen. Gemeint sind meist Milongas oder Encuentros, auf denen Menschen nicht mit jedem tanzen, sondern auswählen. Manche vermeiden unangenehme Erfahrungen. Manche bleiben bei vertrauten Partnern. Manche suchen ihr eigenes Niveau.

Und prompt heißt es: elitär. ausgrenzend. unsolidarisch.

Ich halte diese Empörung für falsch.

Unfreundliche Milongas – oder unfreundliche Debatten?

Unfreundliche Milongas – oder unfreundliche Debatten?

Kaum ein Thema entzündet die Tango-Gemüter so schnell wie der Vorwurf einer „unfreundlichen Milonga“. Kaum fällt dieses Wort, entstehen zwei Lager. Die einen verteidigen die Freiheit der Wahl. Die anderen beklagen Elitismus und Abschottung. Und oft eskaliert die Diskussion schneller, als man die eigentliche Frage verstanden hat. Vielleicht lohnt es sich, nicht sofort Position zu beziehen, sondern zunächst die Dynamik zu betrachten. Der Text, um den es hier geht…  Von Jürgen Schnitzler: „Sprechen wir das Unaussprechliche aus: Veranstaltungen werden als […]

Gedanken über Tango Musik | 7. Teil

Gedanken über Tango Musik | 7. Teil

Zwischen Hörseminar und Tanzfläche – wenn Theorie den Tanz vergisst | bearbeitet

Wer sich ernsthaft mit Tango-Musik beschäftigt, bleibt nicht bei der Oberfläche stehen. Man beginnt, Aufnahmedaten zu vergleichen, unterschiedliche Fassungen desselben Titels zu hören, Besetzungen nachzuvollziehen, Pianisten zu unterscheiden und stilistische Entwicklungen einzuordnen. Mit der Zeit hört man Dinge, die einem früher entgangen sind: eine ungewöhnliche Phrasierung im Bandoneón, eine harmonische Wendung, eine kaum wahrnehmbare rhythmische Verschiebung im Klavier.

Das ist zunächst einmal etwas Positives. Diese Form der Aufmerksamkeit zeigt Respekt gegenüber der Musik. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, dass bei einer solchen intensiven Beschäftigung der Wunsch entsteht, diese Entdeckungen mit anderen zu teilen. Man möchte sensibilisieren, Vielfalt zeigen, vielleicht auch den Horizont der Tänzer erweitern. Man möchte nicht einfach nur Musik „abspielen“, sondern bewusst gestalten.

Problematisch wird es dort, wo sich der Schwerpunkt verschiebt – von der Wirkung im Raum hin zur Analyse im Kopf.

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Über Kosten, Milonga-Modelle und falsche Vergleiche

Der Beitrag von Christian Beyreuther hat hohe Wellen geschlagen. Die Zugriffszahlen – vor allem über Facebook – gingen deutlich nach oben, und ebenso die Zahl der Kommentare. Viele Leser hielten die dort genannten Kostenaufstellungen für überzogen oder unrealistisch. Dabei beruhen diese Zahlen nicht auf Schätzungen, sondern auf den offen gelegten Angaben des Tangostudios El Abrazo in Hamburg.

Diese Diskussion kommt mir vertraut vor. Eine sehr ähnliche Debatte habe ich bereits vor rund dreißig Jahren in der Usenet-Newsgroup „tango-L“ geführt, damals ebenfalls mit Argumenten zugunsten realistischer Eintrittspreise. Allerdings bewegten wir uns zu dieser Zeit in völlig anderen Dimensionen. Die Preise waren noch in D-Mark angegeben, lagen deutlich niedriger, und viele Veranstalter arbeiteten tatsächlich eher im idealistischen als im wirtschaftlichen Rahmen.

Heute sind die Strukturen andere, und auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert.

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Die Diskussion um steigende Eintrittspreise bei Milongas entzündet sich oft am falschen Punkt. Nicht die Erhöhung an sich ist bemerkenswert, sondern dass Veranstalter heute überhaupt gezwungen sind, offen über Zahlen zu sprechen. Genau diese Transparenz hat in der Tangoszene über viele Jahre gefehlt.

Wer über Preise diskutiert, ohne Kosten zu benennen, diskutiert letztlich im luftleeren Raum.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung