Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Tango de Salón, Milonguero, Villa Urquiza – oder einfach Tango?

Wie aus Orten, Menschen, Funktionen und Moden vermeintlich feste Tangostile wurden


Bevor ich über Tango de Salón, Milonguero, Tango Milonguero, Villa Urquiza, Canyengue, Tango de Pista und Tango Escenario schreibe, muss ich zunächst eine Einschränkung machen, die mir bei vielen Beschreibungen des Tangos fehlt: Auch ich kenne Buenos Aires nur in Ausschnitten.

Ich bin mehrfach dorthin gereist, habe dort getanzt, zugesehen, Unterricht genommen und vor allem sehr viele Gespräche geführt. Aber ich habe Buenos Aires immer zu bestimmten Zeiten besucht, war an bestimmten Tagen in bestimmten Milongas und habe bestimmte Menschen kennengelernt. Und ich habe das alles zwangsläufig mit den Augen eines Europäers betrachtet.

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Wie entstehen Tango-Bewegungen eigentlich?

Ein plausibles, historisch begründbares Modell als Alternative zu „Somatic Milonguero“


Wenn man sich heutige Tangobewegungen ansieht, können manche von ihnen erstaunlich künstlich wirken. Ochos, Pivots, Kreuzschritte, Pendelbewegungen, Sacadas oder komplexere Richtungswechsel erscheinen aus heutiger Sicht leicht wie Produkte eines ausgeklügelten Unterrichtssystems. Doch vielleicht ist diese Vorstellung genau falsch herum gedacht. Vielleicht entstanden viele dieser Bewegungen nicht zuerst als Figuren, die jemand erfand und anschließend unterrichtete, sondern als praktische Lösungen innerhalb eines sozialen Tanzes – aus Raum, Musik, Gleichgewicht, Partnerbezug und der Notwendigkeit, Bewegung flüssig miteinander organisieren zu können. Erst später wurden solche Lösungen erkannt, benannt, verfeinert und schließlich systematisch vermittelt.

Das ist mehr als eine historische Spitzfindigkeit. Denn wenn man die Entstehung von Tangobewegungen verstehen will, darf man nicht nur betrachten, wie sie heute aussehen und wie sie heute unterrichtet werden. Man muss sich fragen, welche körperliche oder räumliche Aufgabe ursprünglich gelöst werden musste und unter welchen sozialen Bedingungen diese Lösung überhaupt entstehen konnte.

Spart Euch dieses Buch!

Spart Euch dieses Buch!

„Viel Lärm Um Nichts“


Nachdem ich mich tagelang intensiv mit diesem Buch beschäftigt hatte – mit seiner inhaltlichen Erfassung, einer Zusammenfassung, Rückfragen an den Autor und schließlich drei eigenen Artikeln –, musste ich irgendwann feststellen, dass ein großer Teil dieser Arbeit eigentlich für die Katz gewesen war.

Und trotzdem war sie nicht umsonst.

Denn gerade die Auseinandersetzung mit einer so radikalen Position hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, was guten Unterricht ausmacht: nicht das bloße Vermitteln von Formen, sondern das Herstellen verständlicher Zusammenhänge, das Dosieren von Komplexität, das Stellen sinnvoller Aufgaben, das Sichtbarmachen von Unterschieden und das Begleiten von Erfahrung, ohne sie vorwegzunehmen.

Lernen ohne Unterricht?

Lernen ohne Unterricht?

Ein Praxistest des Lernmodells aus Tom Tabaczynskis Somatic Milonguero


Tabaczynskis Lernmodell hat einen großen Reiz: wenige Grundlagen, viel Beobachtung, verständlicher Input, eigene Exploration, unterschiedliche Partner und schließlich Lernen in der realen Milonga. Auf dem Papier ergibt sich daraus ein plausibler Lernweg.

Interessant wird es, sobald man versucht, ihn mit zwei wirklichen Anfängern praktisch durchzuspielen.

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Eine Ergänzung zu Tom Tabaczynskis Theorie über motorisches Lernen


In einer Diskussion über meinen Artikel stellte Tom Tabaczynsky eine interessante Frage: Denken wir beim Autofahren darüber nach, was wir gerade tun? Denken wir beim Sprechen bewusst über Grammatikregeln nach? Warum sollten wir dann annehmen, dass Tanzen auf bewussten Entscheidungen beruht, die anhand zuvor gelernter Regeln getroffen werden?

Hier werden zwei verschiedene Fragen miteinander vermischt: Wie wird eine ausgebildete Fähigkeit ausgeführt? Und wie wird diese Fähigkeit erworben?

Gedanken über Tango Unterricht | 63. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 63. Teil

Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski – Unterricht überflüssig oder grundsätzlich anders?


Dieser offensichtlich lange Beitrag ist keine klassische Buchrezension. Somatic Milonguero von Tom Tabaczynski ist für mich vielmehr Anlass, einige grundsätzliche Fragen über Tango-Unterricht neu zu betrachten. Vieles in diesem Buch berührt Themen, mit denen ich mich seit Jahrzehnten beschäftige. Manches bestätigt Erfahrungen, die ich selbst im Unterricht gemacht habe, anderes hat mich zum Widerspruch gereizt, und bei einigen Gedanken habe ich meine Meinung während des Lesens mehrfach verändert. Deshalb möchte ich das Buch weniger bewerten als seine Thesen an meiner eigenen Erfahrung mit Tango, Lernen und Unterricht überprüfen.

Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?

Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?

Teil 3: Ein schönes Video und ein großes Wort

Auf der Suche nach Quellen für diesen Beitrag habe ich auf YouTube ein Video entdeckt, das den abschließenden Showtanz nach einem Neo-Tango-Wochenende in Bremen zeigt. Die Kursteilnehmer stehen um die Tanzfläche und filmen das Lehrerpaar. Eine typische Situation: Man hat ein Wochenende lang an Bewegungen gearbeitet und sieht am Ende zwei Menschen, bei denen all das leicht, flüssig und selbstverständlich aussieht.[…]

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Wenn aus Selbstverständlichkeiten Workshops werden

Zunächst einmal muss man fair bleiben: Wer bei einem Workshop nicht dabei war, weiß nicht, was dort wirklich gemacht wurde. Man kennt vielleicht eine Ankündigung, einen Werbetext, einen nachträglichen Blogbeitrag oder ein paar Fotos. Daraus lässt sich kein seriöses Urteil über die praktische Arbeit ableiten. Vielleicht gab es gute Übungen, präzise Korrekturen und einen echten Nutzen für die Teilnehmenden. Vielleicht war der Workshop sogar hervorragend. Man weiß es nicht. Und genau darum geht es hier: nicht um die tatsächliche Qualität […]

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die immer noch keine ist

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die immer noch keine ist

Teil 2: Die heutige Lage

Im ersten Teil ging es um die frühen Jahre. Um die Zeit, in der Tango Nuevo und später Neo-Tango wie ein Befreiungsschlag wirkten. Raus aus der engen Umarmung, raus aus den alten Regeln, raus aus dem ewigen D’Arienzo-Di Sarli-Pugliese-Dreieck. Mehr Achsen, mehr Raum, mehr Möglichkeiten. So jedenfalls lautete das Versprechen.

Heute sieht die Sache anders aus.

Aus dem früheren Aufbruch ist längst eine eigene kleine Welt geworden: Neolongas, Neo-Marathons, Electro-Tango, Visuals, offene Rollen, lockere Codes und ein sehr dehnbarer Freiheitsbegriff. Das muss man nicht verteufeln. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei alles, was sich frei anfühlt, automatisch schon künstlerisch interessant.

Denn der alte Irrtum ist geblieben: Manche verwechseln Freiheit mit Beliebigkeit. Und genau da wird es spannend.

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die manchmal keine war

Tango, Neo-Tango und die Freiheit, die manchmal keine war

Teil 1: Wie die Beliebigkeit auf die Piste kam

Vor ein paar Tagen bin ich Gespräch gebeten worden, meine Anfangszeit als Tango-Lehrer in Deutschland Ender 80er und Anfang der 90er Jahre zu beschreiben. Das hat mich veranlasst mal einen Artikel darüber schreiben.

Ich möchte einmal erklären, wie es sehr wahrscheinlich dazu kam, dass sich so viele Menschen vom Neo-Tango angezogen fühlten. Vieles davon habe ich selbst erlebt und beobachtet. Es ist also keine Theorie vom Schreibtisch, sondern eine Erinnerung an eine Zeit, in der sich in der europäischen Tangoszene einiges sortierte — oder eben nicht sortierte.

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 55. Teil

Über das Lernen durch Systeme – verkopft oder nur Gefühl?

Der Anlass zu diesem Beitrag ist ein Kommentar von Carsten Buchholz, den ich nicht als Angriff verstanden habe, sondern als interessante Gegenposition. Carsten schreibt, dass ihm Ordnungen und Systematiken im Tango nicht helfen. Er habe auf der Tanzfläche Menschen beobachtet, die sich ganz offensichtlich an Dinge klammerten, die ihnen jemand beigebracht habe, statt einfach zu tanzen.

Das ist ein Punkt, den ich gut nachvollziehen kann. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen auf der Tanzfläche innerlich ihre Schrittzettel abarbeiten, während die Musik längst ganz woanders ist, weiß, was gemeint ist. Da wird nicht getanzt, da wird verwaltet, sortiert, gezählt, erinnert und kontrolliert. Manchmal sieht man förmlich, wie das Denken im Weg steht.

Carsten setzt dagegen mehr auf Emotion, Körpererfahrung, Spüren und interaktive Kommunikation, möglichst mit wenig Regeln und wenig Anweisungen. Auch das kann ich verstehen. Nur glaube ich nicht, dass damit die Sache erledigt ist. Denn aus der berechtigten Kritik an einem überfrachteten Unterricht folgt nicht, dass Systeme im Tango grundsätzlich falsch wären. Das wäre mir zu einfach.

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Die Rosinen in der Tango-Szene

In der Tango-Szene gibt es seit Jahren eine Tendenz, die ich problematisch finde: Viele Angebote richten sich bevorzugt an jene Tänzerinnen und Tänzer, die schon eine gewisse Vorausbildung besitzen. Das ist bequem, denn diese Menschen können bereits stehen, gehen, führen, folgen, die Musik halbwegs einordnen und müssen nicht mehr bei null abgeholt werden. Mit ihnen lässt sich schneller etwas Vorzeigbares machen. Man kann komplexere Figuren anbieten, schöne Workshop-Titel formulieren und mit Dingen werben, die nach Fortschritt, Raffinesse und besonderem Können klingen.

Der mühsame Weg über Anfängerunterricht ist dagegen steinig. Anfängerunterricht bedeutet, immer wieder ganz von vorne zu beginnen. Es bedeutet, Menschen zu erklären, dass Tango nicht aus Schrittkombinationen besteht, dass eine Umarmung kein Griff ist, dass Führen nichts mit Schieben zu tun hat und Folgen nicht bedeutet, brav zu erraten, was der andere gerade vorhat. Man muss Balance, Körpertonus, Gehen, Raumgefühl, musikalische Orientierung und soziale Rücksichtnahme unterrichten, bevor überhaupt an größere Figuren zu denken ist. Das ist pädagogisch anspruchsvoll, aber es sieht auf einem Flyer weniger beeindruckend aus.

Darum greift man gern nach den Rosinen. Man nimmt lieber jene, die schon vorbereitet sind, und setzt ihnen weitere Accessoires oben drauf: hier eine Alteration, dort eine Sacada, etwas Dynamik, ein überraschender Richtungswechsel, vielleicht noch eine Verzierung, damit es nach mehr aussieht. An solchen Dingen ist nichts Verwerfliches, solange sie in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Spaß, Spielerei und tänzerische Fantasie gehören zum Tango. Aber wenn diese Accessoires zum eigentlichen Geschäftsmodell werden, beginnt das Problem. Dann wird nicht mehr ausgebildet, sondern fortlaufend Appetit erzeugt.

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Über musikalische Interpretation im Tango – zwischen Anspruch und Trugschluss

Neulich bin ich über ein Video gestolpert, das beweisen sollte, dass man zu Astor Piazzolla problemlos tanzen kann. Nicht als Beispiel, sondern als Argument.

Und genau dieses Argument geht für mich nicht auf.

Dass ich es hier mit einem Amateur-Paar zu tun habe, ist offensichtlich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wer sich öffentlich zeigt, darf das – und muss nicht perfekt sein. Aber es handelt sich hier um eine Demonstration und auf einer normalen Tanzfläche ist so etwas kaum möglich. Insofern kritisiere ich hier eine Darbietung von Tango, bei der man auch höhere Maßstäbe ansetzen sollte als bei einem Tanz in einer Milonga. 

Ich sage es trotzdem direkt: Das überzeugt mich weder musikalisch noch technisch.

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Man kennt das Bild: Ein Konzert, eine Show, ein besonderer Moment – und statt Gesichter sieht man eine Wand aus hochgereckten Smartphones. Das Ereignis wird nicht mehr erlebt, sondern dokumentiert. Nicht für jetzt, sondern für später. Oder genauer: für ein „später“, das in der Regel nie eintritt. Besonders absurd wird das bei Reisegruppen, die Sehenswürdigkeiten fast ausschließlich durch ihre Displays betrachten. Sie stehen vor etwas Einzigartigem – und sehen es nicht. Sie produzieren Material für die Zukunft, während sie die […]

Über Erotik im Tango

Über Erotik im Tango

Warum die Szene sich vor einem offensichtlichen Thema drückt

In letzter Zeit wird in verschiedenen Foren wieder verstärkt über ein Thema diskutiert, das in der Tango-Szene lange eher vermieden wurde: Nähe, Übergriffigkeit – und eben auch Erotik im Tango.

Auffällig ist dabei eine Schieflage. Über Übergriffigkeit wird sofort und zu Recht gesprochen, sobald Grenzen verletzt werden. Über die andere Seite – die sinnliche, vielleicht auch erotische Dimension dieses Tanzes – dagegen herrscht auffällige Zurückhaltung. Als müsste man sich dafür rechtfertigen oder sie gleich ganz leugnen.

Dabei ist der Ausgangspunkt banal: Tango wird in enger Umarmung getanzt. Zwei Menschen teilen für mehrere Minuten einen Raum, der im normalen sozialen Umgang so nicht existiert. Diese Nähe ist nicht neutral. Sie ist körperlich, sie ist spürbar, und sie ist intensiv.

Und genau hier beginnt der Widerspruch.

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