
Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil
Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert
1. Die verführerische Idee vom freien Lernen
Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.
Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.
Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.
Nicht, weil Experimentieren im Tango keinen Platz hätte. Natürlich hat es einen Platz. Aber Experimentieren ersetzt keinen Unterricht. Es ist eine Unterrichtsphase, die erst dann fruchtbar wird, wenn die Lernenden bereits genügend Orientierung besitzen, um ihre eigenen Erfahrungen sinnvoll einordnen zu können. Ohne diese Orientierung entsteht keine Freiheit, sondern Nebel.
2. Meine eigenen Erfahrungen 1996/97
Ich schreibe das nicht aus theoretischer Distanz. Wir haben in den Jahren 1996/97 selbst mit einer solchen offenen Unterrichtsform experimentiert. Damals waren wir stark beeinflusst von der Vorstellung, Bewegung solle nicht einfach vorgegeben, sondern entwickelt werden. Wir wollten keinen mechanischen Figurendrill. Wir wollten keine Tanzschule alter Prägung, in der ein Lehrer vorne steht, Schritte ansagt und alle anderen ahnungslos hinterherlaufen. Wir wollten lebendigen Unterricht. Wir wollten die Schüler nicht dressieren, sondern ihnen helfen, ihren eigenen Tango zu finden.
Das war gut gemeint. Aber gut gemeint ist im Unterricht nicht genug.
Nach einiger Zeit merkten wir sehr deutlich, dass viele Schüler mit dieser Offenheit nicht etwa glücklicher wurden, sondern unsicherer. Sie wollten wissen, was sie konkret tun sollten. Sie wollten wissen, wo ihr Gewicht ist, wann eine Bewegung beginnt, woran sie erkennen können, ob eine Führung funktioniert, warum eine Drehung kippt, weshalb eine Umarmung unangenehm wird oder warum sie ständig aus dem Gleichgewicht geraten. Sie wollten nicht in jeder Stunde aufs Neue in einem offenen Bewegungsfeld herumstochern. Sie wollten Unterricht.
Und sie hatten recht.
Es war eine schmerzhafte Erfahrung. Die Schüler drohten uns scharenweise zu verlassen. Nicht, weil sie faul waren. Nicht, weil sie autoritären Unterricht wollten. Nicht, weil sie keine eigene Bewegung entwickeln wollten. Sondern weil sie sich irgendwann als Teil eines pädagogischen Experiments fühlten, für das sie auch noch bezahlten.
Das war der Punkt, an dem wir umdenken mussten.
3. Teté Rusconi: Ein großartiger Tänzer ist nicht automatisch ein guter Lehrer
Ein wichtiger Einfluss in dieser Zeit war der argentinische Tänzer Pedro „Teté“ Rusconi, ein großartiger Milonguero, der durch seine Verbindung zu Pina Bausch auch in Wuppertal besondere Aufmerksamkeit bekam. Seine Art zu tanzen war faszinierend. Gerade im Vals hatte er eine Musikalität, eine Natürlichkeit und eine Eleganz, die man nicht einfach auf Technik reduzieren kann. Laut TodoTango war Pina Bausch von seiner Beherrschung des sozialen Tangos so beeindruckt, dass sie ihn nach Wuppertal holte, damit er Mitglieder ihrer Compagnie unterrichtete. Auch seine Verbindung zum Stück „Nur Du“ gehört in diesen Zusammenhang.
Aber genau hier beginnt das Problem: Ein faszinierender Tänzer ist nicht automatisch ein guter Lehrer.
Das wird im Tango häufig verwechselt. Jemand kann etwas hervorragend können und trotzdem kaum erklären können, wie es funktioniert. Jemand kann eine Bewegung intuitiv, musikalisch und körperlich vollkommen selbstverständlich ausführen und dennoch nicht in der Lage sein, diese Bewegung für Lernende in nachvollziehbare Schritte zu zerlegen. Gerade sehr erfahrene Tänzer vergessen oft, wie viel unausgesprochenes Wissen in ihrem eigenen Körper steckt. Sie sagen dann: „Fühl es.“ Oder: „Hör auf die Musik.“ Oder: „Lass es entstehen.“ Das klingt tief. Für Anfänger ist es oft schlicht unbrauchbar.
Nach meiner Erinnerung brachte diese Art des Unterrichtens sogar professionelle Tänzer aus der Compagnie von Pina Bausch an ihre Grenzen. Das ist bemerkenswert, denn diese Leute waren nun wirklich keine Bewegungsanfänger. Wenn selbst hoch ausgebildete Tänzer Schwierigkeiten bekommen, weil ihnen ein Lehrer zwar seine Welt zeigt, aber keine klaren Zugänge anbietet, dann sollte man im Tango-Unterricht für normale Kursteilnehmer erst recht vorsichtig sein.
Denn der normale Tangoschüler kommt nicht mit einem fertig ausgebildeten Körpergedächtnis aus dem Tanztheater. Er kommt nach der Arbeit. Er bringt vielleicht Rückenprobleme, Unsicherheit, Hemmungen, alte Bewegungsgewohnheiten, zwei linke Füße oder schlicht keine Vorstellung davon mit, wie nahes Tanzen überhaupt funktionieren soll. Er steht vor einer komplexen Aufgabe: Gehen in der Umarmung, gemeinsam mit Musik, Raum, Partner, Achse, Gewicht, Richtung, Rotation und sozialer Rücksichtnahme.
Das ist schon kompliziert genug. Wenn man ihm dann auch noch jede klare Vorgabe verweigert, macht man den Unterricht nicht frei, sondern fahrlässig.
4. Was die Lernforschung dazu sagt
Diese Erfahrung ist nicht nur eine persönliche Anekdote. Sie passt ziemlich genau zu dem, was die Lernforschung seit Jahren über Anfänger, Vorwissen und Anleitung sagt. Paul A. Kirschner, John Sweller und Richard E. Clark haben in ihrem vielzitierten Aufsatz „Why Minimal Guidance During Instruction Does Not Work“ die These vertreten, dass minimal angeleiteter Unterricht für Lernende mit wenig Vorwissen weniger wirksam und weniger effizient ist als Unterricht mit klarer Führung. Ihre Begründung liegt in der kognitiven Belastung: Anfänger müssen so viele Informationen gleichzeitig verarbeiten, dass sie ohne Struktur schnell überfordert sind. Der Vorteil stärkerer Anleitung nimmt erst dann ab, wenn Lernende bereits genügend Vorwissen besitzen, um sich selbst innerlich führen zu können.
Das ist im Tango fast wörtlich übertragbar.
Wer noch nicht weiß, wo sein Gewicht ist, wie eine Achse organisiert wird, wie eine Umarmung trägt, wie Führung und Reaktion zeitlich zusammenhängen und wie sich eine Bewegung im Paar überträgt, kann nicht einfach „seinen eigenen Tango entdecken“. Er entdeckt dann häufig nur seine eigenen Ausweichbewegungen. Er merkt vielleicht, dass etwas irgendwie geht, aber nicht, ob es funktional, partnerverträglich, musikalisch brauchbar oder auf einer vollen Tanzfläche tragfähig ist.
5. Aktives Lernen heißt nicht richtungsloses Suchen
Auch Richard E. Mayer, der sich kritisch mit dem sogenannten discovery learning auseinandergesetzt hat, kommt nicht zu dem Ergebnis, dass Lernen passiv sein sollte. Im Gegenteil: Lernen muss aktiv sein. Aber diese Aktivität braucht Richtung. Mayer unterscheidet sinngemäß zwischen sinnvoller kognitiver Aktivität und bloß äußerer Beschäftigung. Nur weil Schüler herumprobieren, heißt das noch lange nicht, dass sie auch das Richtige lernen. Sie können sehr aktiv sein und dennoch an der Sache vorbeilernen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Zwei Menschen können eine Stunde lang experimentieren, drehen, schieben, ausweichen, lachen, stolpern und irgendwie Lösungen finden. Nur entsteht daraus nicht automatisch Tango. Es entsteht zunächst Bewegung. Ob diese Bewegung funktional ist, ob sie eine klare Kommunikation im Paar ermöglicht, ob sie die Umarmung respektiert, ob sie musikalisch sinnvoll ist und ob sie in der Ronda überlebt, muss jemand beurteilen können. Genau dafür ist Unterricht da.
6. Warum klare Vorgaben Anfängern helfen
Barak Rosenshine beschreibt in seinen „Principles of Instruction“ Grundsätze, die sich erstaunlich gut auf Bewegungsunterricht übertragen lassen: neue Inhalte in kleinen Schritten einführen, klare Modelle geben, geführte Übung ermöglichen, das Verständnis überprüfen, Rückmeldung geben und erst danach selbstständigere Anwendung zulassen. Das klingt weniger spektakulär als ein großer offener Experimentierraum. Aber es ist für Anfänger wesentlich fairer.
Denn Anfänger brauchen Erfolgserlebnisse. Nicht im Sinne von Lobkosmetik, sondern im Sinne funktionierender Erfahrung: „Ah, wenn ich mein Gewicht wirklich sortiere, kann der nächste Schritt entstehen.“ Oder: „Wenn ich nicht mit den Schultern führe, sondern aus meiner eigenen Achse, wird die Umarmung ruhiger.“ Oder: „Wenn ich die Partnerin nicht in eine Drehung ziehe, sondern ihr einen verständlichen Raum öffne, wird die Bewegung leichter.“ Solche Erfahrungen fallen nicht vom Himmel. Sie brauchen Aufgaben, die so klar sind, dass der Schüler überhaupt merken kann, worauf er achten soll.
7. Motorisches Lernen im Tanz: Wiederholung allein reicht nicht
Auch aus der Tanzpädagogik lässt sich dieser Punkt gut begründen. Das Resource Paper „Motor Learning and Teaching Dance“ der International Association for Dance Medicine & Science beschreibt motorisches Lernen im Tanz nicht als bloßes Nachmachen und auch nicht als beliebiges Ausprobieren. Entscheidend sind Wahrnehmung, Rückmeldung, sinnvolle Wiederholung, Zielsetzung und eine Lernumgebung, in der Tänzer verstehen können, worauf sie achten sollen. Besonders wichtig ist dabei der Hinweis, dass Wiederholung ohne brauchbare Rückmeldung nicht automatisch besser macht. Wer falsche Bewegungsmuster wiederholt, macht sie nicht besser, sondern stabiler.
Genau das kennen wir im Tango. Wer wochenlang mit zu viel Druck führt, wer ständig aus der eigenen Achse fällt, wer die Partnerin als Griff benutzt, wer jede Unsicherheit mit zusätzlicher Spannung beantwortet, übt nicht „frei“. Er automatisiert ein Problem. Und je länger das geschieht, desto schwerer wird es später, diesen Körper wieder umzuschulen.
8. Vorgabe ist nicht Dogma
Natürlich bedeutet das nicht, dass ein Lehrer jeden Schritt bis ins Kleinste kontrollieren soll. Das wäre der gegenteilige Fehler. Auch die Forschung zum motorischen Lernen warnt davor, Lernende durch ständige Rückmeldung abhängig zu machen. Rückmeldung ist dann sinnvoll, wenn sie Orientierung gibt, Fehler reduziert und die Wahrnehmung schärft. Sie wird problematisch, wenn der Schüler ohne Lehrer überhaupt nicht mehr entscheiden kann, ob etwas funktioniert.
Guter Unterricht muss also eine Entwicklung ermöglichen: Am Anfang mehr Führung, später mehr Eigenverantwortung. Erst wird die Bewegung organisiert, dann wird sie variiert. Erst wird der Körper sortiert, dann darf er spielen. Erst wird verstanden, was funktional ist, dann kann man davon abweichen.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen Vorgabe und Dogma.
Eine Vorgabe sagt: „Probier diese Organisation des Körpers aus, weil sie eine bestimmte Funktion erfüllt.“
Ein Dogma sagt: „So ist Tango, und anders darfst du ihn nicht tanzen.“
Guter Unterricht braucht Vorgaben, aber keine Dogmen. Er braucht klare Aufgaben, aber keine geistige Gefangenschaft. Er braucht Korrektur, aber keine Demütigung. Er braucht Struktur, aber keine Erstarrung.
Zwischen autoritärem Figurendrill und richtunglosem Herumprobieren liegt der eigentliche Unterricht.
9. Im Tango betrifft jeder Fehler auch den Partner
Im Tango ist das besonders wichtig, weil Fehler nicht nur den eigenen Körper betreffen. Sie übertragen sich sofort auf den Partner. Zu viel Druck, unklare Richtung, instabile Achse, fehlende Gewichtsverlagerung, hektische Führung, verspannte Umarmung: Das alles wird nicht privat erlebt, sondern vom Gegenüber mitgetragen. Wer hier nur sagt: „Findet eure eigene Lösung“, lässt zwei Menschen mit einem Problem allein, das sie oft noch gar nicht benennen können.
Deshalb halte ich wenig von der romantischen Idee, Unterricht müsse vor allem ein offener Experimentierraum sein. Ein Experimentierraum kann sinnvoll sein, wenn die Beteiligten bereits über Grundlagen verfügen. Dann kann man variieren, vergleichen, verfeinern, spielen, bewusst abweichen. Aber Anfänger brauchen zunächst Orientierung. Sie brauchen konkrete Aufgaben. Sie brauchen Wiederholung. Sie brauchen Rückmeldung. Sie brauchen auch einmal die klare Ansage: Nein, so funktioniert es nicht gut, und zwar aus diesem Grund.
Das ist nicht unmodern. Das ist verantwortungsvoll.
10. Unterricht ist Verantwortung, keine Selbstdarstellung
Wer Unterricht gibt, steht nicht auf einer Bühne, auf der er seine eigene Offenheit demonstriert. Er übernimmt Verantwortung für Lernprozesse. Schüler zahlen nicht dafür, dass ein Lehrer seine pädagogischen Ideale auslebt. Sie zahlen dafür, dass er ihnen hilft, etwas zu lernen, das sie ohne ihn langsamer, falscher oder gar nicht lernen würden.
Der Lehrer muss also mehr können, als nur Möglichkeiten zu eröffnen. Er muss auswählen. Er muss reduzieren. Er muss entscheiden, was in diesem Moment wichtig ist und was noch warten kann. Er muss den Mut haben, klare Vorgaben zu machen, ohne daraus Dogmen zu bauen. Und er muss erkennen, wann Schüler nicht mehr forschen, sondern nur noch im Nebel stehen.
Genau das war unsere Lektion aus den Jahren 1996/97. Wir wollten damals einen offenen, lebendigen, nicht mechanischen Unterricht. Aber wir mussten lernen, dass Offenheit allein kein Unterrichtskonzept ist. Wer Anfänger in einen Suchprozess schickt, muss ihnen vorher Werkzeuge geben. Sonst suchen sie nicht. Sie irren.
Man kann das auch ganz einfach sagen: Unterricht ohne Vorgaben ist kein besonders freier Unterricht. Er ist oft nur Unterricht ohne Verantwortung.
11. Erst Vorgabe, dann Freiheit
Tango braucht natürlich lebendige Entwicklung. Er braucht persönliche Erfahrung, Musikalität, Individualität und Spiel. Aber das alles wächst nicht aus Beliebigkeit. Es wächst aus einem Körper, der allmählich versteht, was er tut. Und dieses Verstehen entsteht nicht dadurch, dass man Anfänger mit schönen Worten in die Freiheit entlässt. Es entsteht durch präzise Aufgaben, klare Führung, ehrliche Korrektur und genügend Raum, das Erkannte selbst zu verkörpern.
Erst dann wird aus Vorgabe keine Bevormundung, sondern ein Sprungbrett.
Und erst dann kann ein Schüler irgendwann wirklich frei tanzen.
12. Persönlicher Hinweis
Ich schreibe diesen Text auch deshalb, weil es immer noch hartnäckige Versuche gibt, solche Erfahrungen aus der Tanzpädagogik zu ignorieren oder kleinzureden. Da wird dann so getan, als seien klare Vorgaben im Unterricht bereits ein Zeichen von Unfreiheit, als sei methodische Anleitung nur eine alte Tanzschulkrankheit und als entstünde guter Tango im Grunde von selbst, wenn man die Schüler nur lange genug suchen lässt.
Das ist eine schöne Behauptung. Nur fehlt dafür der Beweis.
Ich will an dieser Stelle deutlich sagen, was ich für den eigentlichen Ursprung dieser Ablehnung halte: Nach meinem Eindruck richtet sich die Abneigung gegen Vorgaben im Unterricht nicht in erster Linie gegen schlechten Unterricht, sondern gegen die eigene Erfahrung, an solchen Vorgaben gescheitert zu sein. Wer Korrektur nicht als Hilfe, sondern als Kränkung erlebt, wer methodische Hinweise nicht umsetzen kann und daraus Frustration entwickelt, der kann daraus leicht eine grundsätzliche Abneigung gegen Lehrpersonal, Methode und didaktische Struktur machen.
Das ist meine persönliche Diagnose dieser Haltung.
Sie erklärt jedenfalls, warum jede Form von Unterricht so pauschal verdächtigt wird. Nicht der konkrete schlechte Lehrer wird kritisiert, nicht eine bestimmte schlechte Methode, nicht ein bestimmtes Unterrichtsversagen. Stattdessen wird gleich der Unterricht als solcher unter Generalverdacht gestellt. Vorgaben gelten dann nicht mehr als notwendige Orientierung für Lernende, sondern als Zumutung. Korrektur gilt nicht mehr als Bestandteil eines Lernprozesses, sondern als Bevormundung. Und Lehrpersonal wird nicht mehr danach beurteilt, ob es gut oder schlecht arbeitet, sondern schon deshalb abgewertet, weil es überhaupt unterrichtet.
Natürlich kann Unterricht früher dilettantisch gewesen sein. Natürlich gab es Lehrer, die schlecht erklärt, Figuren heruntergespult, Schüler überfordert oder Bewegungen dogmatisch vorgeschrieben haben. Das alles bestreite ich nicht. Aber aus schlechten Erfahrungen mit früherem Unterricht folgt nicht, dass aktueller Unterricht grundsätzlich verdächtig ist. Und es folgt erst recht nicht, dass konkrete Vorgaben, technische Hinweise oder methodische Korrekturen schon deshalb abzuwerten wären, weil sie von einer Lehrperson kommen.
Wer behauptet, Anfänger könnten Tango ohne klare didaktische Anleitung zuverlässig, sozial verträglich und funktional lernen, müsste das auch zeigen können. Nicht als Anekdote, nicht als romantische Erinnerung, nicht als spöttische Bemerkung über Lehrer, die angeblich zu viel erklären, sondern mit nachvollziehbaren Beispielen, mit überprüfbaren Erfahrungen und mit einer Methode, die tatsächlich funktioniert.
Nach fast vier Jahrzehnten Unterrichtserfahrung sehe ich dafür keinen überzeugenden Beleg. Ich sehe dagegen sehr viele Belege für das Gegenteil: Schüler brauchen Orientierung. Sie brauchen konkrete Aufgaben. Sie brauchen Rückmeldung. Sie brauchen Lehrer, die nicht nur tanzen können, sondern auch verstehen, wie Lernen funktioniert.
Man kann belegte Erfahrungen aus Unterricht, Tanzpädagogik und Lernforschung natürlich ignorieren. Man kann auch weiterhin behaupten, dass sich Tango im Wesentlichen von selbst entwickelt, wenn man nur genügend Freiheit lässt. Aber dann sollte man wenigstens ehrlich sagen: Das ist keine belegte Unterrichtsmethode. Das ist eine Behauptung.
Und eine Behauptung wird nicht dadurch wahrer, dass man sie hartnäckig wiederholt.