Über Kleidung in Milongas

Über Kleidung in Milongas

oder Freiheit und Ästhetik Da ich nun ein heikles Thema ansprechen werde, ist es mir schon in dieser Einleitung wichtig zu betonen, dass ich hier eine Meinung vertrete und keinen Tango-Kleidungs-Knigge schreiben möchte. Jede und jeder Tango-Tänzer zieht sich ohnehin so an, wie es ihm selbst gefällt, anderen gefällt oder wie man meint, dass es anderen gefallen könnte. Ich habe im Laufe der Jahre schon die skurrilsten Modevorschläge gesehen: vom Survival-Look bei Männern, bei dem der Gürtel mit allerlei Werkzeugen […]

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Zwischen Ausprobieren und Zielvorgabe: Warum Tango-Unterricht mehr braucht als bloße Selbsterfahrung

Ein alter Streit über Methodik

Über Tango-Unterricht, genauer gesagt über seine Methodik, wird immer wieder gestritten. Soll der Unterrichtsstoff eher durch Probieren und Experimentieren vermittelt werden, also nach dem Prinzip „Try and Error“? Oder durch klare Zielvorgaben nach dem Prinzip „vor- und nachmachen“? Schon diese Gegenüberstellung ist allerdings schief. Denn in Wahrheit geht es gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein sinnvolles Sowohl-als-auch. Als Kombination ist beides vermutlich am wirksamsten.

Ich kenne diese Diskussion nicht nur theoretisch. Ich habe einen alten Tango-Freund, der stark nach dem ersten Prinzip arbeitet, weil er als ausgebildeter Alexander-Technik-Lehrer aus der Bewegungsschulung kommt. Dort spielen Wahrnehmung, Erfahrung und das eigene Erforschen von Bewegung naturgemäß eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar und keineswegs falsch. Denn niemand lernt Bewegung wirklich, indem er bloß äußere Formen kopiert. Was nicht im eigenen Körper angekommen ist, bleibt Nachahmung.

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Im Tango-Netzwerk tauchen immer wieder Texte auf, die erstaunlich schnell ihre Kreise ziehen.So auch diesmal. Ausgangspunkt war ein Beitrag, der offenbar sogar Rafael Busch – sonst eher für tägliche Vortanzvideos bekannt – dazu gebracht hat, diesen Text zu kommentieren. Der Ursprung liegt bei Marianne Jost, die ihre Erfahrungen aus Tanz, Coaching und Beziehungsarbeit zusammenführt und sich zum Thema „Perfektion“ äußert. Der Text ist schnell erzählt, eingängig formuliert und trifft einen Nerv: „Niemand verliebt sich in Perfektion……hör auf, perfekt sein zu […]

Das trügerische Optimum

Das trügerische Optimum

– oder: Wie sich Tango wirklich anfühlt

Wer über Tango spricht, landet fast automatisch bei Figuren, Technik oder Musik. Das ist alles nicht falsch, aber es bleibt an der Oberfläche. Der eigentliche Maßstab liegt tiefer, im körperlichen Empfinden. In diesem unmittelbaren, oft schwer zu beschreibenden Gefühl, das entsteht, wenn zwei Menschen sich bewegen und dabei miteinander in Kontakt stehen. Dort entscheidet sich, ob etwas wirklich funktioniert oder nur irgendwie zusammengebaut wirkt. Dort merkt man, ob etwas trägt oder ob es gehalten werden muss.

Und das Interessante ist: Dieses Empfinden ist von Anfang an da.

Gedanken über Tango Unterricht | 48. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 48. Teil

Wenn der Führende seine eigenen Schritte tanzt

Ein Phänomen, das im Tango Argentino erstaunlich lange unbemerkt bleiben kann, ist die Konzentration des Führenden auf seine eigenen Schritte. In diesem Zustand tanzt er im Grunde ein inneres Bewegungsprogramm ab: vorwärts, seitwärts, Drehung, vielleicht eine einstudierte Figur. Technisch funktioniert der Ablauf zwar, doch etwas Entscheidendes fehlt: Die Aufmerksamkeit liegt nicht mehr auf der Partnerin, sondern auf der eigenen internen „Choreografie“.

Gedanken über Tango Unterricht | 47. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 47. Teil

Über Einzelunterricht für Frauen

Jede Tangoschule bietet gelegentlich oder regelmäßig Einzelstunden an, in denen Paare oder einzelne Personen unterrichtet werden. Der Bedarf ist ziemlich hoch. Logistisch sind solche Stunden allerdings schwer zu koordinieren, weil sie meist genau zu den Zeiten stattfinden müssten, in denen Menschen ihre Freizeit haben – also abends. Zu dieser Zeit werden die Räume aber in der Regel für Gruppenunterricht benötigt. Deshalb bleiben vielen Tangoschulen nur der Vormittag oder der Nachmittag für Einzelstunden.

In diesem Beitrag möchte ich mich besonders auf Einzelstunden für Frauen konzentrieren, denn hier stellt sich sehr schnell eine grundlegende Frage nach dem Unterrichtsziel.

Gedanken über Tango Unterricht | 46. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 46. Teil

Muskeltonus, Überspannung und Genuss durch Entspannung

Eine der am meisten unterschätzten Grundlagen guten Tangotanzens ist der richtige Umgang mit Muskeltonus. Viele Diskussionen im Unterricht drehen sich um Figuren, Schritte, Musikalität oder Navigation auf der Tanzfläche. Doch eine Ebene darunter liegt etwas viel Grundsätzlicheres: die Art und Weise, wie der Körper Spannung erzeugt – und wie er sie wieder loslässt.

Gedanken über Tango Unterricht | 45. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 45. Teil

Der Sanguichito – Mordida, Sandwich und Parada

Eine kleine Bewegung mit großer Geschichte

Der Sanguichito gehört zu jenen Bewegungen im Tango, die fast jeder Tänzer irgendwann lernt und die dennoch selten wirklich verstanden werden. Viele begegnen ihm relativ früh im Unterricht. Meist erscheint er als Teil einer kleinen Kombination: Rück-Ocho, Parada, Sandwich, Pasada. Eine hübsche Sequenz, leicht erklärbar, schnell gelernt. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man bald, dass der Sanguichito eigentlich keine Figur ist. Er ist vielmehr ein Moment im Tanz – ein kleines Ereignis zwischen zwei Füßen und damit auch zwischen zwei Menschen.

Gedanken über Tango Unterricht | 44. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 44. Teil

Über das Üben und über Angebote (wie zum Beispiel die Práctica)

Je öfter ich Tango-Tänzern beim Üben oder Lernen zuschaue, desto klarer wird mir: Die meisten wissen nicht, wie man übt. Sie glauben es. Aber sie wissen es nicht. Das klingt hart, ist aber so. Was viele unter „Üben“ verstehen, hat mit effektivem Lernen wenig zu tun. Es ist Wiederholen ohne Struktur. Es ist Figurendurchlauf ohne Ziel. Es ist Hoffen auf Gewöhnung. Und das widerspricht so ziemlich allem, was moderne Lernforschung über Motorik und Kompetenzaufbau weiß. Viele sind überzeugt, ihre persönliche Art zu üben sei „schon richtig“. Meist ist sie es nicht. Ich möchte hier typische, beobachtete Fehler benennen – und Alternativen aufzeigen.

Gedanken über Tango Unterricht | 43. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 43. Teil

Milonga-Reife – Warum guter Unterricht allein nicht genügt

Im Laufe vieler Jahre Unterricht und mit Blick auf reale Lernergebnisse bin ich zu einer nüchternen Einsicht gekommen: Die Ausbildung zu einigermaßen passablen Tänzern auf gefüllten Tanzpisten ist außerordentlich aufwändig. Selbst regelmäßige Praxis in Milongas ersetzt kein strukturiertes Training, und selbst hoher Zeitaufwand im Unterricht garantiert noch keine Souveränität. Was im Kursraum stabil wirkt, gerät im dichten Verkehr schnell ins Wanken. Milonga-Tauglichkeit ist kein Nebenprodukt von Figurenlernen, sondern das Ergebnis einer komplexen Integration verschiedener Fähigkeiten, die gleichzeitig funktionieren müssen.

Flying Monkeys im Tango

Flying Monkeys im Tango

Narzissmus, Neid und soziale Einflussnahme zwischen Milongas, Marathons und Encuentros

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Der Begriff „Flying Monkeys“ stammt ursprünglich aus dem Film The Wizard of Oz. Dort schickt die Hexe ihre geflügelten Helfer aus, um in ihrem Namen zu handeln. Im psychologischen Sprachgebrauch beschreibt man damit Personen, die – häufig unbewusst – die Interessen einer dominanten Persönlichkeit unterstützen und deren Narrative weiterverbreiten.

Als Metapher eignet sich dieser Begriff, um bestimmte soziale Dynamiken in Gemeinschaften sichtbar zu machen. Auch in der Tangoszene.

Raum, Ronda und Rhythmus

Raum, Ronda und Rhythmus

Über Anspruch, Geometrie und die zirkuläre Natur des Tango

Immer wieder tauchen in Diskussionen über Milongas zwei Vorwürfe auf: Die Tanzfläche sei zu klein – und die Ronda sei ein überflüssiges Hindernis. Dahinter steht häufig die Vorstellung, man habe ein Anrecht auf möglichst viel individuellen Bewegungsraum. Das ist menschlich verständlich. Niemand tanzt gern eingeengt. Doch sobald man die Zusammenhänge nüchtern betrachtet, wird klar: So einfach ist es nicht.

Gedanken über Tango Musik | 8. Teil

Gedanken über Tango Musik | 8. Teil

„Suspensionen“ – im Unterricht eine Herausforderung

Über Rhythmus im Unterricht habe ich bereits im 13. Teil meiner Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ geschrieben. Eigentlich gehört dieser Text genauso gut hierher in die Musik-Reihe. Dort habe ich auch konkret beschrieben, wie ich Rhythmus vermittle. Ein Thema habe ich damals bewusst ausgespart: die Suspension. Nicht, weil sie unwichtig wäre – sondern weil sie zu umfangreich ist, um sie nebenbei zu behandeln. Sie verlangt einen eigenen Blick. Den bekommt sie hier.

In einem Kommentar wurde mir vorgeworfen, ich wirke „irgendwie unentschlossen“ – einerseits kritisiere ich die Vermittlung zu vieler Figuren ohne musikalischen Bezug, andererseits klinge es so, als hielte ich eine vertiefte Arbeit an Musikalität im Anfängerunterricht für kaum möglich.

Dieser Eindruck entsteht, wenn man Unterrichtssituationen miteinander verwechselt.

Wer hauptsächlich in Prácticas unterrichtet, arbeitet mit Tänzern, die sich bewusst für Vertiefung entscheiden. In regulären Beginnerkursen sieht das anders aus. Dort beginnt alles bei Null. Kein Körpergefühl für diesen Tanz. Kein musikalisches Bezugssystem. Kein inneres Bild davon, wie Tango sich einmal anfühlen kann.

Gedanken über Tango Musik | 6. Teil

Gedanken über Tango Musik | 6. Teil

1:1-Rhythmus und Charakter – warum Troilo mich gezwungen hat, anders zu tanzen
Vor einigen Tagen hatte ich ein längeres Gespräch mit einer DJ, die zugleich unterrichtet und in ihren Prácticas musikalisches Tanzen bewusst in den Mittelpunkt stellt. Dort geht es weniger um Figuren oder Technikdetails als um Wahrnehmung und Entscheidung. Irgendwann kamen wir auf Aníbal Troilo zu sprechen, und wir waren uns schnell einig, dass man ihn ohne Übertreibung zu den genialsten Orchesterleitern des Tango zählen kann.

Mich hat Troilos Musik früher irritiert. Ich empfand sie als unruhig, beinahe nervös. Erst mit Abstand wurde mir klar, dass diese Nervosität nicht in der Musik lag, sondern in meiner Art, sie zu behandeln. Ich hörte den Puls und war überzeugt, jeden Schlag 1:1 umsetzen zu müssen. Ein Video aus den 1990er-Jahren, in dem ich mit Ingrid Saalfeld vortanze, macht das im Rückblick deutlich sichtbar. Der Tanz ist rhythmisch korrekt und technisch sauber, doch er wirkt überladen. Jeder Impuls wird sofort beantwortet, kein Moment darf sich sammeln, nichts darf stehen bleiben. Wir waren im Takt – aber nicht im Charakter der Musik.

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Teil 2) | Was bedeutet eigentlich „zur Musik tanzen“?

Kaum ein Satz fällt im Tango so häufig wie dieser: „Man sollte mehr zur Musik tanzen.“
Er klingt selbstverständlich. Und doch bleibt er erstaunlich unbestimmt. Denn die eigentliche Frage lautet: Was heißt das konkret?

Zur Musik tanzen kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Genau hier beginnen viele Missverständnisse. Alle benutzen denselben Ausdruck, aber jeder verbindet etwas anderes damit. Der eine meint: Hauptsache im Takt. Der nächste meint: Akzente aufnehmen. Ein dritter meint: Ausdruck, Gefühl, Dramaturgie. Und alle glauben, sie sprächen vom selben Phänomen.

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