Gedanken über Tango-Unterricht | 34. Teil

Teil 34) Füße als Instrumente des Tanzes

Es gibt Tanztechniken, die viele nur oberflächlich behandeln oder einfach ignorieren. Eine davon ist die Fußarbeit – also die Art, wie man den Fuß beim Tanzen aufsetzt, abrollt und wieder entlastet. Wenn man auf der Piste genauer hinschaut, sieht man erstaunlich viel Geschlurfe und Gerutsche, als würden sich manche eher auf einer Eisfläche bewegen als auf Parkett. Dabei beeinflusst genau diese Technik fast alles: das Gleichgewicht, den musikalischen Ausdruck, das Rutschen oder Nicht-Rutschen und vor allem den Gewichtstransfer – also den Wechsel von einer Körperachse auf die andere.
Eigentlich müsste das jedem klar sein, aber ich sehe kaum Unterricht, in dem das Thema überhaupt mal ernsthaft behandelt wird. Viele beschäftigen sich lieber mit Figuren, Drehungen oder „neuen Kombinationen“. Dabei ist die Fußarbeit das, was einen Tango erst trägt. Ohne sie bleibt alles nur Dekoration.

Gedanken über Tango Unterricht | 33. Teil

Teil 33) | Über die Methode „Zeitlupe“

Bei früheren Workshops beobachtete ich oft, dass nach dem „Vortanzen einer neuen Figur oder Sequenz“ des Tango-Lehrer-Paares viele Schüler versuchen, den neuen Bewegungsablauf im selben Tempo wie die Lehrer nachzutanzen.
Aber es ist ein fataler Irrtum – zu glauben, man könne so diese Bewegungen wirklich lernen.
Wenn man sie vertiefen will, sollte man sie zunächst möglichst optimal im Körper verankern und festigen.
Und genau hier setzt die Methode Zeitlupe an.

Bewegungen zu verlangsamen, ist eine der effektivsten, aber auch anspruchsvollsten Lernmethoden.
Wer Tango in Zeitlupe tanzt, erlebt unmittelbar, wie fein die Balance wirklich organisiert ist – und wie viel sich im Körper abspielt, wenn vermeintlich „nichts“ passiert.

Beim Üben in Zeitlupe tritt jede Instabilität zutage.
Plötzlich wird sichtbar, wo Spannung zu früh aufgebaut oder zu spät gelöst wird, wo eine Achse schwimmt, wo das Gleichgewicht noch keine Selbstverständlichkeit ist.
Doch genau das ist der Sinn: Das Nervensystem bekommt mehr Zeit, Rückmeldungen auszuwerten, und kann dadurch die Bewegung verfeinern.

Gedanken über Tango-Unterricht | 32. Teil

Teil 32) | Rebotes – oft monoton, aber unerzichtbar

Schon mehrfach habe ich mich über die Rebotes beklagt, die auf nahezu jeder Tango-Tanzfläche zu beobachten sind – jene kleinen rhythmischen Rückfedern, ohne die kein Paar auf vollen Pisten überlebt.
Meine Kritik richtet sich aber nur gegen die Monotonie der zwei „Standard-Rebotes“ –  als gäbe es keine Alternativen – aber nicht gegen Rebotes im  Allgemeinen. Denn sie ließen sich in jeder Position ausführen – ob im gekreuzten oder parallelen Schrittsystem, rhythmisch variabel und musikalisch reizvoll.
Ich werde gleich diese beiden Standard-Rebotes genauer beschreiben. Und bitte erschreckt euch nicht, wenn ihr euch in diesen Mustern wiedererkennt – das ist keine Kritik am Einzelnen. Ich stelle nur fest: Viele Lehrer kennen offenbar genau diese beiden Varianten – und keine weiteren.

Gedanken über Tango-Unterricht | 31. Teil

Teil 31) | Warum ich den Lerneffekt bei Tango-Reisen für sehr effektiv halte
Früher habe ich manche Tangolehrer regelrecht beneidet, die ihren Unterricht unter Palmen in warmen Urlaubsländern gaben – eine Art „Tango-Klinik unter Palmen“. Der Gedanke, Unterricht mit Sonne, Meer und leichter Urlaubsstimmung zu verbinden, hatte durchaus seinen Reiz.

Ich selbst habe das nie als Dauerprojekt betrieben, aber ich habe mehrfach mit Gruppen außerhalb des normalen Kursbetriebs gearbeitet – an verlängerten Wochenenden, in Belgien und in Deutschland. Schon da konnte man spüren, wie anders Menschen lernen, wenn sie aus ihrem Alltag raus sind. Es war kein Pauschalurlaub, kein „Tango & Töpfern in der Toscana“-Format, sondern schlicht konzentrierte Arbeit in entspannter Umgebung – und genau das macht den Unterschied.

Gedanken über Tango-Unterricht (und das Bloggen) | 30.Teil 

Ein kleines Resümee • eine Rückschau und Reflexion Das ist nun der 30. Teil der Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ – eigentlich waren es mehr, weil manche Themen mehrere Teile hatten. Zeit also, mal ein kleines Resümee zu ziehen. Ehrlich gesagt, haben mich manchmal die Diskussionen mit anderen Bloggern oft mehr Energie gekostet als die inhaltliche Arbeit an Tango-Themen selbst. Die vorübergehende „Beheimatung“ einiger Kommentatoren, die bei Gerhard Riedl geblockt wurden und dann bei mir schrieben, hat zwar ordentlich Traffic gebracht […]

Gedanken über Tango Unterricht | 28. Teil 

Teil 28) | Der Tanz der Neuronen – über Gewohnheit, Geduld und Veränderungen im Tango

Im Unterricht zeigt sich oft, wie schwierig es ist, gewohnte Bewegungsmuster zu verändern oder zu verbessern. In der Neurobiologie spricht man in diesem Zusammenhang vom Prinzip „strong fire – strong wire“: Häufig gleichzeitig aktivierte Nervenzellen bilden verstärkte synaptische Verbindungen – ein Prozess, der als Hebb’sches Lernen bekannt ist. Dadurch verfestigen sich bestimmte neuronale Netzwerke, die Bewegungen automatisieren und ökonomisieren, aber auch deren Veränderung erschweren. Diese tief eingeprägten Bewegungsabläufe lassen sich daher nur schwer umstrukturieren. Gerade im Tango-Unterricht wird deutlich, dass es nahezu aussichtslos ist, grundlegende Bewegungen zu verändern oder zu verbessern, ohne die geduldige und beharrliche Mitarbeit der Lernenden. Nur durch kontinuierliche Aufmerksamkeit, Wiederholung und gezielte Variation können neue, funktionalere Muster entstehen – ein Vorgang, der unter dem Begriff neuronale Plastizität beschrieben wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 27. Teil B

Teil 27 B) Die Ad-hoc-Improvisation im Tango-(Anfänger)-Unterricht
In diesem Teil geht es um die ad-hoc-Improvisation auf der Tanzfläche – und darum, wie man sie im Unterricht vermitteln kann.

Die zentrale Frage lautet: Was braucht ein Tango-Paar, um sich in einer vollen Ronda sowohl musikalisch als auch räumlich angemessen zu bewegen?

Darüber hinaus möchte ich auf die von mir beobachteten, unterschiedlichen Motive beim Tanzen von Figuren eingehen. Viele Tänzer:innen übersehen bei Figuren und Sequenzen deren funktionale Bedeutung als räumliches Manöver. Stattdessen betrachten sie die Figur an sich als das Wesentliche, das spielerische, qualitative Element  des Tangos – und vernachlässigen dabei häufig die musikalische Komponente.

Gedanken über Tango Unterricht | 27. Teil A

Teil 27A) Geschichtliche Entwicklung der Tango-Szene in Deutschland – Warum mehrere Lager enstanden

Bevor ich im Teil 27 B nochmal zum Thema „Improvisation im Tango-Unterricht“ komme, muss ich geschichtlich etwas ausholen, um das in Deutschland vorhandene Missverständnis zwischen „freiem Tanz und Tango-Improvisation“ im historischen Kontext verständlich zu machen.

Ich habe bereits zweimal zum Thema Tango-Improvisation geschrieben, daher gehe ich hier auf bestimmte Aspekte hier nicht erneut ein, sondern auf die Entstehung Tango-Szene in Deutschland seit den 80er Jahren und die Frage: Warum gibt es unterschiedliche Auffassungen über Tanz und daraus resultierende Tango-Lager?

Ich möchte aber in  diesem Beitrag nur auf die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg eingehen, und nicht auf die 20er Jahre, in denen sich der Tanz auch schon mal von starren Regeln und Vorgaben emanzipierte. 

Gedanken über Tango Unterricht | 26. Teil

Teil 26) | Wiederholung und Entdeckung – über das Lebendige in der Übung
Es gibt diese Momente im Unterricht, in denen alles ordentlich aussieht. Die Schüler arbeiten konzentriert, der Raum ist ruhig, die Bewegung klar. Von außen wirkt das nach Lernen. Doch manchmal spürt man: Die Aufmerksamkeit ist da, aber das Interesse fehlt. Die Übung läuft, aber sie lebt nicht mehr. Das passiert, wenn Wiederholung nicht mehr mit Entdeckung verbunden ist. Warum Wiederholung nötig – und riskant – ist.

Gedanken über Tango Unterricht | 25. Teil

Teil 25) | Spiraldynamik und Tango: Anatomie, Vermittlung und die Kunst der Ochos

Das Thema Spiraldynamik hat mich im Zusammenhang mit Tango-Bewegungsschulung seit Langem beschäftigt. Je tiefer ich recherchierte, desto deutlicher wurde: Es gibt bereits eine beeindruckende Fülle an Artikeln, Unterrichtskonzepten und sogar detaillierten Analysen einzelner Figuren wie der Ochos. Umso naheliegender die Frage: Wozu noch ein weiterer Text? Meine Antwort ist schlicht – weil zwischen theoretischem Wissen und praktischer Umsetzung noch immer eine Lücke klafft. Viele Lehrer:innen arbeiten intuitiv bereits mit spiraligen Prinzipien; dennoch bleibt für viele Lernende unklar, wie sich diese Prinzipien konkret in Bewegungsqualität übersetzen lassen[…]

Gedanken über Tango-Unterricht | 24. Teil

Teil 24) | Tango-Unterricht und Bewegungsschulung

Aus eigener Erfahrung gehören Bewegungsschulung bzw. Bewegungslehre wie Feldenkrais®, Alexander-Technik®, Pilates oder Spiraldynamik® unbedingt zum Tango-Unterricht dazu. Alle diese Disziplinen entstanden ungefähr in der Mitte des letzten Jahrhunderts, überschneiden sich thematisch und sind in vielen Bereichen erstaunlich übereinstimmend. Sie tragen gleichermaßen positiv zum Tanz bei. Kein Wunder: Die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper ist keine „Meinungssache“, wie viele vielleicht glauben, sondern ein Feld, in dem jahrzehntelang geforscht, ausprobiert und beobachtet wurde.

Gedanken über Tango Unterricht | 23. Teil

Teil 23) Gehen im Tango, warum überhaupt?

Am Ende geht es beim Tango nicht darum, von A nach B zu kommen. Gehen ist hier keine Fortbewegung, sondern Ausdruck. Jeder Schritt ist Entscheidung, bewusste Setzung, musikalischer Akzent – und das zeigt sich zuerst in der Fußarbeit. Ob weich abgerollt, präzise platziert oder markant aufgesetzt: der Fuß macht hörbar und sichtbar, ob ein Schritt bloß getragen wird oder ob er wirklich tanzt.

Gedanken über Tango-Unterricht | 22. Teil

Teil 22) Nett oder ehrlich – oder beides?
Als Tango-Unterrichtender ist man manchmal etwas ernüchtert, wenn es um die Selbstreflexion der Schüler geht. Viele Tänzer haben nur ein sehr vages Bild davon, wo sie stehen, was klappt, was nicht. Und dann kommt das Problem: Kritik.

Manchmal stehe ich da und denke: Na gut, wie ehrlich darf ich jetzt eigentlich sein? Sage ich „passt schon, wird schon besser“, dann nicken die Leute zufrieden, gehen heim – und sind eigentlich keinen Schritt weiter. Sage ich dagegen „das funktioniert überhaupt nicht“, dann schaut mich jemand an, als wäre gerade der ganze Tangohimmel über ihm zusammengebrochen. Das eine ist nett, das andere ehrlich. Beides hat Tücken.

Gedanken über Tango Unterricht | 21. Teil

Teil 21) | Tänzerische Aktivität der Folgenden – totale Anpassung oder Bewegungsfreiheit?

Da ich mir bewusst bin, dass dieses Thema leicht als provokant aufgefasst werden kann, möchte ich gleich zu Beginn klarstellen: Es geht mir hier nicht um Wertung, nicht um Richtig oder Falsch, und schon gar nicht um die Frage, was Frauen – also hier in der Rolle der „Folgenden“ – zu tun oder zu lassen hätten. Mir geht es schlicht um Beobachtungen aus dem Unterricht, der Praxis und dem sozialen Tanzgeschehen, die mich stutzen lassen. Und um Fragen, die sich daraus ergeben.
Denn: Die oft zitierte Idee, dass ein Tango-Paar aus zwei gleichwertig aktiven Tanzenden besteht – beide zu 100 % präsent, bewusst und im Flow –, steht in auffälligem Widerspruch zu dem, was ich häufig auf der Tanzfläche und im Unterricht erlebe. Vor allem auf Seiten der Folgenden – also meistens der Frauen.

Gedanken über Tango Unterricht | 20. Teil | (B)

Teil 20 b) | Die ersten Erfahrungen mit der Improvisation im Anfänger-Unterricht

Wenn man von den Wünschen eines normalen Tango-Anfänger-Paares ausgeht, sind diese meist mit sehr verschwommenen Vorstellungen über den Tango verbunden. Es gibt vielleicht Erinnerungen an öffentliche Plätze, wo man Tangopaaren zugeschaut hat, Fernsehsendungen wie „Let’s Dance“, Videos auf YouTube oder Eindrücke aus dem Standard-Turnierbereich.

Doch selten bestehen wirkliche Kenntnisse über die Komplexität der Improvisation im Social-Tango. […]

Gedanken über Tango-Unterricht | 20. Teil | (A)

Teil 20 a) Die Rollenverteilung im Tango und ihre Bedeutung im Anfänger-Unterricht

In diesem 20. Teil (A) meiner Reihe möchte ich auf das Thema „Führen & Folgen“ in gesonderten 2 Teilen eingehen – über dessen irreführende Benennung schon unzählige Artikel und Kommentare verfasst wurden. Ich werde mich hier vor allem auf den Beginner-Unterricht konzentrieren:
Was bedeutet diese Rollenverteilung für Tango-Lernende?
Und wie lässt sich Empathie für die Bewegungen des Partners oder der Partnerin mit der gleichzeitigen Konzentration auf die eigenen, noch zu erlernenden Bewegungen didaktisch vereinbaren?

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