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Musikalität im Tango – warum Menschen Musik so unterschiedlich hören

Musikalität im Tango – warum Menschen Musik so unterschiedlich hören

Überarbeitet am 15.04.2026 | 12:26 Uhr

… oder garnicht hören

Eine vorübergehende Blog-Pause

Dieser Beitrag wird vorerst mein letzter vor einer längeren Schreibpause sein. Die Zeit des Tango-Bloggens scheint für mich thematisch erst einmal vorbei zu sein. Immerhin habe ich inzwischen über 50 Artikel mit den „Gedanken über Tango-Unterricht“ verfasst. Aber auch dieses Thema ist nicht unerschöpflich. Der Erfolg damit war gemischt. Es gab mal viele Zugriffe, mal wenige. Das kann mehrere Gründe haben: mein Schreibstil, Themen, die viele nicht interessieren, zu komplexe oder zu lange Texte, vielleicht auch Beiträge, die manche schlicht langweilen. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich mich mit manchen Bloggern stilistisch nicht messen kann. Ich habe allerdings versucht, das wenigstens inhaltlich auszugleichen. Ob das gelungen ist, müssen andere beurteilen. Ich möchte auch nicht nach Themen suchen müssen, nur um diesen Blog zu füllen. Und für einen Durchschnittsleser ist erstmal genug zur Lektüre vorhanden: 100 Artikel mit durchschnittlich 5 Minuten Lesezeit, 500 Minuten immerhin in einem Jahr. 
Ich mache mich jetzt an mein Buch heran, dass ich meiner Tochter versprochen habe. Das wird ein persönliches Buch, dass ich nicht veröffentlichen werde. 
Aber kommen wir zum hoffentlich letzten Mal zu einem leidigen Thema, das mich über Gebühr viel Energie gekostet hat:
Gerhard Riedl
Eigentlich habe ich es in letzter Zeit vermieden, direkt auf die Postings eines anderen Bloggers zu reagieren – die Ausnahme war allenfalls „Radio Riedl-Wahn“, das ich aber nicht mehr öffentlich, –  also ohne sichtbaren Link  – wieder eröffnet hatte. Und das meiste war sowieso KI, musste aber manchmal nachhelfen, weil ChatGPT mittlerweile sehr fehlerhaft geworden ist. Das beweisen Worte wie „unerquicklich“, das – wenn man es ChatGPT verbieten will, weil es nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört – dazu führt, dass sich dieses Sprachmodell daran verschluckt und „unerquickliche Satzkonstrukte“ hervorstottert. Aber probiert es mal selbst. 
Aber das folgende Thema, die Musikalität im Tango, berührt einen Streitpunkt, den ich mit Riedl seit Jahren habe. Inzwischen hat er mich auf seinem Blog zu einem Dauerthema gemacht; gefühlt beginnt jeder zweite Artikel mit meinem Namen. Immer wieder werde ich gefragt, warum ich mich überhaupt noch mit ihm befasse. Er sei doch unwichtig. Meine Antwort ist immer dieselbe: Um seine Person geht es mir nicht. Die ist mir weitgehend gleichgültig. Was mich stört, ist seine Öffentlichkeit. Und das damit verbundene Missverhältnis zwischen Anspruch und Leistung, – in diesem Fall: fehlendes Wissen und Können, aber scharfe Kritik gegen andere. 
Natürlich haben wir Meinungsfreiheit. Aber die Standpunkte, die er vertritt, sind eben zunächst nur Meinungen, und mit deren Begründung hat er es bislang nie besonders genau genommen. Leider fällt das seinen Anhängern kaum auf, aber man kann auch fehlendes Wissen galant mit spitzer Feder kaschieren und alle denken lassen, man sei damit auch fachkompetent. 
Diese Haltungen begegnen mir in der Tango-Szene immer wieder, naturgemäß oft bei Leuten, die von der Sache selbst wenig verstehen. Und damit sind wir bei einem alten Problem: der Verwechslung von Meinungsfreiheit mit Faktenfreiheit. 
Gerade bei Themen rund um Kunst glauben viele, es gebe nur Geschmack, Vorlieben und persönliche Sichtweisen, aber keine sachlichen Maßstäbe. Das halte ich für falsch. Vielleicht in der bildenden Kunst legitimiert durch Joseph Beuys*, aber nicht in der darstellenden Kunst. Dort zählt zur Überzeugung des Publikums erstmal das Können. Voraussetzung für guten Tango ist also zuerst das Handwerk. Und in einem Handwerk lassen sich Wissen, Erfahrung und überprüfbare Kriterien nicht einfach mit dem Hinweis beiseiteschieben, alles sei nur Auslegung oder persönliche Interpretation. Genau deshalb tummeln sich in dieser Szene viele Leute, die Meinungen und Gefühle  höher bewerten als Wissen. Dazu gehört auch dieser Blogger. 
(*korrigiert um 12:23 Uhr)
Gerhard Riedl hält seine 25 Jahre Erfahrungen im Freizeit-Milieu des Standard-Turniertanzes als Grundlage dafür. Ist es aber nicht. Ein Turnier-Tänzer hat mir mal gesagt, im Standard-Tanz bleiben beide Rollen, Mann und Frau, gefühlt – Solisten! Beim Tango werden es erst Paare. Wohlgemerkt sagte das ein erfahrener Turniertänzer, der sehr erfolgreich war und später mit vollem Elan zum Tango wechselte und in Buenos Aires viel tanzte und lernte. 
Und was mich an ihm am meisten stört, ist nicht einmal seine Polemik, sondern dass er spaltet, statt etwas zu klären.
Natürlich sind der Tango und seine Szene kein Paradies. Sie sind von Menschen gemacht, und Menschen sind nicht perfekt. Man kann Missstände kritisieren, man kann Fehlentwicklungen benennen, man kann auch einmal hart urteilen. Aber man kann ebenso gut alles schlechtreden. Und wenn jemand aus seinem persönlichen Frust über Unterricht, über Rondas und über alles Mögliche ein Dauerthema macht, dann halte ich dagegen.
Ich bemühe mich wenigstens darum zu verstehen, warum manches schiefläuft, statt einfach nur draufzuhauen. Ich versuche, Ursachen für Missstände zu benennen, statt mich an Schwächen anderer zu weiden. Ein Blogger hat auch Verantwortung, wenn er viele Menschen erreicht. Er sollte seine Reichweite nicht nur dazu nutzen, den eigenen Frust zu kultivieren. Wer das Heil allein in den eigenen Wünschen und Vorlieben sieht, holt seine Leser nicht ab. Wer nur unerreichbare Ideale ausstellt und zugleich über diejenigen herzieht, die sich längst anders entschieden haben – etwa für andere Musik oder für engeres Tanzen –, der spaltet die Szene. Da wird nicht verbunden, sondern gegeneinander aufgebracht. Und ausgerechnet so jemand wirft dann ständig anderen vor, sie würden hetzen. Dabei verwechselt er persönliche Kritik an seinem Auftreten mit mangelnder Sachlichkeit.
Nun hat dieser Blogger auf meine Glosse über Tango-Kleidung erneut mit einer ziemlich miesen Replik geantwortet. Offenbar hat er sie entweder nicht verstanden oder absichtlich so gelesen, dass er daraus eine persönliche Retourkutsche zimmern konnte. Herausgekommen ist jedenfalls keine sachliche Auseinandersetzung, sondern eine billige Attacke auf mein Video. Vermutlich ist das nur die späte Revanche dafür, dass ich sein Tanzvideo mehrfach deutlich kritisiert und diese Kritik, seiner Meinung nach, auch nicht ausgiebig genug begründet habe. Das darf er meinetwegen tun. Er darf auch behaupten, mein Tanz sei unmusikalisch. Nur müsste er das dann einmal begründen. Genau dazu ist er, wie so oft, nicht in der Lage. Statt einer Analyse liefert er Spott über meinen Kleidungsstil und die bloße Behauptung, ich würde unmusikalisch tanzen. Ich werde das Video hier zur Begutachtung verlinken und die einfache Frage stellen, was daran eigentlich unmusikalisch sein soll. Über Stil,Ausdruck und Haltung kann man streiten. Aber zu behaupten, das sei bloß „Tanzen, während Musik läuft“, ist erkennbar Unsinn.
Er macht also aus seinem Missfallen an der Musik und an meiner Kleidung eine Tanzkritik. Das ist nicht nur billig, sondern bösartig.
Dass ich ihm keine ernsthafte Analyse zutraue, hat Gründe:
Erstens: Er ist bis heute jeden tänzerischen Videobeweis schuldig geblieben, dass er selbst Piazzollas Tango-Nuevo-Musik wirklich gut tanzen kann, obwohl er deren Tanzbarkeit so großzügig behauptet. Und dabei geht es eben nicht um ein paar zufällig rhythmisch einfache Stücke, sondern um den Anspruch als solchen.
Zweitens: In seinen bislang von mir gelesenen Artikeln – und das waren nicht wenige – findet sich meines Wissens nicht eine einzige wirklich sachliche Analyse. Was man dort findet, sind Behauptungen, gönnerhafte oder gehässige Urteile, Spott und Herablassung, aber keine nachvollziehbare Beweisführung. Er ersetzt Argumente durch Attitüde. 
Aber, was ich an ihm, als aktuellen Blogger, der sich ja mit zeitgemäßen Tango-Themen beschäftigt, am meisten wundert, ist, dass er sich nicht im geringsten weiterbildet. Kein Workshop, kein neues Fachbuch, keine Besuche mit Gespräch bei Leuten, die etwas von ihrem Fach verstehen. Nur Gelaber! Und er weiß alles besser. Kein Eingeständnis bei neuen Erkenntnissen. Keine Reflexion. Wenn ich böse wäre, hätte  ich da einen Vergleich mit… ich sage es lieber nicht!
Und genau deshalb geht es hier nicht bloß um ihn. Es geht um eine Haltung, die sich längst weiter ausgebreitet hat: die Behauptung, im Grunde könne jeder zu jeder Musik tanzen, und alles andere sei nur Geschmackssache. Eben weil diese Haltung so verbreitet ist, schreibe ich diesen Beitrag. Danke  für die bisherige Geduld.

Über Musikalität im Tango zu diskutieren, ist oft mühsam. Nicht deshalb, weil man dazu nichts sagen könnte, sondern weil viele Debatten schon an der Grundlage scheitern. Dann redet man gar nicht über Feinheiten, nicht über verschiedene Lesarten einer Phrase und nicht über die Frage, ob jemand etwas direkt, verzögert, sparsam oder dicht interpretiert. Man redet viel grundsätzlicher über Wahrnehmung. Denn Menschen hören Musik offenkundig sehr verschieden. Manche erfassen fast sofort Puls, Takt, Phrasen und Spannungsverlauf. Andere hören zuerst Klangfarben, Stimmungen oder einzelne Melodielinien. Wieder andere reagieren vor allem auf das, was sie selbst gerade körperlich machen wollen, und halten dieses innere Bewegungsgefühl bereits für Musikalität. Genau dort beginnt das Problem. Wer Musik nicht als zeitliche und strukturelle Ordnung wahrnimmt, sondern eher als Atmosphäre, kann sehr leicht glauben, musikalisch zu tanzen, obwohl er in Wahrheit bloß Bewegungen in Anwesenheit von Musik produziert.

Ein realer Unterschied

Das klingt härter, als es gemeint ist, beschreibt aber einen realen Unterschied. Nicht alles, was sich für den Tänzer selbst richtig anfühlt, ist deshalb schon musikalisch. Man kann sich mit Musik verbunden fühlen, ohne tatsächlich präzise auf sie zu reagieren. Man kann engagiert, emotional, kraftvoll oder fein tanzen und trotzdem an der Musik vorbeiarbeiten. Das ist zunächst kein moralischer Makel, sondern eine Frage der Wahrnehmung und der Fähigkeit, Gehörtes in Bewegung umzusetzen. Problematisch wird es erst dann, wenn aus dieser begrenzten Wahrnehmung ein großer Anspruch wird. Also dann, wenn Menschen, die hörbar und sichtbar nur lose mit der Musik verbunden sind, sich selbst für musikalisch halten und jede Einwendung als bloße Geschmackssache abtun. Leider muss ich es zum ersten mal öffentlich sagen: Mir verursachen Menschen, die neben der Musik her tanzen, tiefstes körperliches Unbehagen; sie beleidigen mein Auge, egal, wie gut sie sich bewegen. (Natürlich nur so lange ich hinschaue!)

Warum die Diskussion so oft ins Leere läuft

Genau deshalb verlaufen Gespräche über Musikalität so oft im Kreis. Wer wenig hört, merkt häufig nicht, wie wenig er hört. Er erlebt nur, dass ihn die Musik berührt, dass er sich dazu bewegt und dass sich das Ganze für ihn stimmig anfühlt. Daraus entsteht schnell die Überzeugung, musikalisch zu tanzen. Wenn dann jemand auf fehlenden Pulsbezug, ignorierte Phrasen oder unpassende Dynamik hinweist, wird das nicht als Beobachtung verstanden, sondern als Angriff auf das eigene Selbstbild. Dann fallen die üblichen großen Worte: Gefühl, Freiheit, Persönlichkeit, Individualität, Kreativität. Natürlich haben diese Dinge ihren Platz. Aber sie ersetzen keine fehlende Bindung an die Musik. Wer nicht sauber hört, rettet sich oft in Begriffe, die großzügig klingen, aber in Wahrheit nur verdecken, dass hier etwas Grundsätzliches fehlt.

Noch problematischer wird es, wenn solche Leute öffentlich schreiben und nicht nur über Musikalität reden, sondern sogar über die urteilen, die musikalisch tanzen. Dann entsteht leicht ein Milieu gegenseitiger Bestätigung. Leser mit ähnlichen Schwierigkeiten fühlen sich verstanden, nicht weil ihr Hören geschärft würde, sondern weil man ihnen erklärt, Präzision sei gar nicht so wichtig. Dann wird rhythmische Klarheit plötzlich als eng, Phrasenbewusstsein als schulmeisterlich und hörbare Bindung an die Musik als übertrieben dargestellt. Auf diese Weise wird aus einem Defizit eine Tugend. Man muss nicht mehr genauer hören, man erklärt einfach das Ungenaue zur Freiheit. Das ist bequem, aber es klärt nichts.

Ist Musikalität bloß Geschmackssache?

An dieser Stelle wird gern behauptet, Musikalität sei letztlich reine Ansichtssache. Das stimmt nur zum Teil. Natürlich gibt es Interpretationsspielraum. Natürlich können zwei gute Paare dieselbe Passage verschieden tanzen und beide musikalisch sein. Das eine Paar reagiert vielleicht deutlich auf den Grundpuls, das andere stärker auf eine melodische Linie, ein drittes setzt auf Verzögerung, Suspension oder sparsame Akzente. All das kann stimmig sein. Daraus folgt aber nicht, dass jede beliebige Bewegung schon musikalisch wäre, nur weil hinterher behauptet wird, man habe die Stelle eben anders gehört. Nicht alles ist objektiv, aber auch längst nicht alles bloß subjektiv. Denn Tango ist nun mal ein Gesellschaftstanz, der einen Mindestkonsens an Musikgefühl erfordert, damit er überhaupt einen Sinn ergibt. 

Es gibt durchaus überprüfbare Kriterien. Man kann beobachten, ob Schritte, Gewichtswechsel, Pausen, Richtungsänderungen oder Beschleunigungen in einer erkennbaren Beziehung zur Musik stehen. Man kann sehen, ob jemand auf Puls, Akzent, Phrase, Zäsur, Verdichtung, Entlastung oder Pause reagiert. Man kann feststellen, ob eine Bewegung sich musikalisch begründen lässt oder ob sie im Grunde genauso gut zu anderer Musik passen würde. Natürlich bleibt ein Bereich offen, in dem persönliche Lesart, Stil und Geschmack ins Spiel kommen. Aber dieser Bereich beginnt nicht bei Null. Er beginnt auf einer Grundlage von hörbarer Beziehung zur Musik. Wer diese Grundlage unterschlägt, verwechselt Interpretationsspielraum mit Beliebigkeit.

Was noch Interpretation ist

Interpretation beginnt dort, wo Bewegung in einer erkennbaren Beziehung zur Musik steht. Diese Beziehung muss nicht grob, schematisch oder platt sein. Es geht nicht darum, dass jeder Schlag sichtbar markiert werden müsste. Es geht auch nicht darum, dass alle Paare dieselben Stellen betonen sollen. Gute Interpretation kann gerade darin liegen, etwas wegzulassen, Spannung stehen zu lassen, eine naheliegende Markierung nicht auszuspielen oder gegen einen offensichtlichen Impuls zu arbeiten. Aber all das setzt voraus, dass überhaupt etwas wahrgenommen wurde, worauf man sich bezieht. Man kann nur dann bewusst mit der Musik umgehen, wenn man Puls, Phrase, Aufbau, Pause oder Dynamik überhaupt hört.

Wenn zwei Paare dieselbe Passage unterschiedlich tanzen, kann beides musikalisch sein. Das eine Paar geht vielleicht einfach und klar auf den Grundpuls, das andere hört stärker eine Nebenstimme, ein drittes sammelt sich am Phrasenende und lässt die Musik atmen. Solange man an der Bewegung nachvollziehen kann, worauf sie musikalisch reagiert, sind wir im Bereich der Interpretation. Dann liest der Tanz die Musik, auch wenn er sie nicht eins zu eins illustriert. Es bleibt ein Spielraum, und genau dieser Spielraum macht guten Tango interessant. Musikalität bedeutet eben nicht, dass alle dasselbe tun, sondern dass das, was getan wird, in einer nachvollziehbaren Beziehung zu dem steht, was klingt.

Wichtig ist dabei auch, dass sich Musikalität nicht nur im Tun zeigt, sondern ebenso im Unterlassen. Wer einen Moment stehen lässt, eine Pause nicht zudeckt, ein Phrasenende nicht mit Material zuschüttet, kann musikalischer arbeiten als jemand, der pausenlos produziert. Gerade im Tango zeigt sich oft an der Reduktion, ob jemand die Musik wirklich hört. Nicht jede Leere ist eine Lücke. Manchmal ist sie die präziseste Antwort auf das, was musikalisch gerade geschieht.

Ab wann es nur noch zum „Tanzen während Musik läuft“ wird

Der Punkt, an dem Interpretation endet und bloßes Tanzen während Musik läuft beginnt, ist eigentlich ziemlich klar. Er ist dann erreicht, wenn die Beziehung zwischen Musik und Bewegung so lose, so zufällig oder so austauschbar wird, dass die Bewegung im Grunde genauso gut auf etwas anderes passen könnte. Wenn jemand durch jede Phrase mit derselben Energie hindurchgeht, wenn Spannungswechsel unbeachtet bleiben, wenn Pausen zugedeckt werden, wenn Beschleunigungen und Stopps ohne erkennbaren musikalischen Anlass auftauchen und wenn sich hinterher nur noch mit großen Worten über Freiheit und Individualität geholfen wird, dann ist das keine Interpretation mehr. Dann läuft Musik, und während dessen wird getanzt. Mehr nicht.

Der entscheidende Unterschied ist also nicht, ob etwas originell aussieht, sondern ob es hörbar und sichtbar an die Musik gebunden ist. Interpretation ist Freiheit auf der Grundlage von Wahrnehmung. Beliebigkeit ist Freiheit ohne Wahrnehmung. Genau deshalb ist nicht alles, was individuell aussieht, schon musikalisch. Und nicht alles, was schlicht aussieht, ist deshalb banal. Ein einfaches Gehen kann hochmusikalisch sein. Eine komplizierte Figurenfolge kann vollkommen unmusikalisch sein. Der äußere Aufwand beweist gar nichts.

Ausdruck ist nicht automatisch Musikalität

Ein weiteres Missverständnis besteht darin, Ausdruck mit Musikalität zu verwechseln. Ausdruck kann auch ohne präzise musikalische Bindung entstehen. Jemand kann intensiv, zart, wild, elegant oder dramatisch tanzen. Das alles sagt für sich genommen noch wenig darüber, ob der Tanz musikalisch ist. Musikalität zeigt sich nicht zuerst daran, ob etwas eindrucksvoll wirkt, sondern daran, ob es zeitlich und strukturell an die Musik gebunden ist. Erst auf dieser Grundlage bekommt Ausdruck Richtung. Sonst bleibt er Behauptung.

Gerade deshalb hilft es nicht, bloß auf die Wirkung zu schauen. Ein Tanz kann sehr überzeugend aussehen und musikalisch trotzdem schwach sein. Umgekehrt kann ein stiller, einfacher Tanz viel genauer an der Musik sein als etwas, das auf den ersten Blick spektakulärer wirkt. Wer Musikalität nur mit Wirkung verwechselt, landet schnell bei Oberflächenurteilen. Dann erscheint Lautstärke als Tiefe, Bewegung als Ausdruck und Aufwand als Qualität. Das führt regelmäßig in die Irre.

Nach meinen Beobachtungen und Nachfragen beurteilen Zuschauer ein Tanzpaar, das sich virtuos bewegt automatisch auch als musikalisch ein. Es gibt nur wenige, die sich nicht von der technischen Präsentation überlisten lassen. 

Verweigerte Schulung und die falsche Gleichsetzung zweier Lager

Hinzu kommt eine Erfahrung, die ich nicht erst seit gestern mache, sondern seit Beginn meiner Tango-Zeit vor rund vierzig Jahren. Schon damals in Berlin konnte man beobachten, dass es in der Tango-Szene eine nicht kleine Zahl von Menschen gab, die fest davon überzeugt waren, musikalisch zu tanzen, obwohl sie weit davon entfernt waren. Und das hat sich bis heute nicht grundsätzlich geändert.

Man muss dazu klar sagen: Diese Schwäche wäre in vielen Fällen bearbeitbar. Es handelt sich nicht um ein geheimnisvolles Talent, das man entweder hat oder nicht hat. Vieles ließe sich durch gute Schulung, durch genaues Hören und durch Arbeit an Puls, Phrase, Dynamik und musikalischer Form deutlich verbessern. Das eigentliche Problem liegt also nicht darin, dass manche Menschen zunächst wenig musikalische Anbindung haben. Das Problem liegt darin, dass genau diese Schulung oft hartnäckig verweigert wird.

Im Lauf der Jahre ist daraus eine Lagerbildung entstanden. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die wissen, dass musikalisches Tanzen mit Hören, Unterscheiden, Reagieren und Üben zu tun hat. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ihre Defizite nicht nur verteidigen, sondern daraus fast schon eine Haltung machen. Kritisch wird es dort, wo diese Leute ihre Position auch noch als gleichwertige Auffassung ausgeben. Dann wird so getan, als gebe es hier zwei legitime Lager, zwischen denen man ausgewogen vermitteln müsse. Aber genau das ist falsch. Es gibt in solchen Fällen keine echte Balance der Auffassungen. Es gibt nicht auf der einen Seite musikalisch begründetes Hören und auf der anderen Seite dessen Verfehlung, und beides wäre dann gleich gültig.

Genau dort beginnt die Ausweichbewegung. Statt zu zeigen, worin die musikalische Stimmigkeit einer Bewegung bestehen soll, behauptet man einfach, alles sei Geschmackssache. Statt auf Puls, Phrase, Akzent, Pause oder Spannungsverlauf einzugehen, redet man über Freiheit, Offenheit und subjektive Wahrnehmung. Damit entzieht man sich nicht nur der Begründung, sondern auch jeder Korrektur.

Warum gerade dort oft groß geredet wird, wo wenig gehört wird

Das Merkwürdige ist, dass gerade Menschen mit schwachem musikalischem Bezug oft besonders entschieden urteilen. Das hat einen einfachen Grund. Wer die eigene Schwäche nicht erkennt, hält sich nicht für schwach. Er hält das, was er wahrnimmt, bereits für das Ganze. Dann wirkt jede genauere Beobachtung wie Erbsenzählerei, jeder Hinweis auf Puls, Phrase oder Dynamik wie Pedanterie. So entsteht eine seltsame Umkehrung. Nicht das genaue Hören gilt als Stärke, sondern dessen Abwehr als Souveränität. Was man selbst nicht leisten kann, wird dann kurzerhand für überholt, eng oder leblos erklärt.

In bestimmten Teilen der Neo-Tango-Szene lässt sich das besonders gut beobachten. Dort wird nicht selten so getan, als sei die größere Entfernung von klaren rhythmischen und phrasierten Bindungen bereits ein Zeichen höherer Freiheit oder tieferer Musikalität. Tatsächlich sieht man dort oft etwas ganz anderes: verlorenen Puls, verschwommene Zeitverhältnisse, Bewegungen ohne klaren Akzentbezug und ein ständiges Darüberhinweggleiten über musikalische Form. Das Problem ist nicht, dass modernere oder andersartige Musik grundsätzlich untanzbar wäre. Das Problem ist, dass man bei weniger klar gegliederter Musik noch genauer hören müsste, nicht ungenauer. Wer schon bei klassisch gebautem Tango Mühe hat, Puls, Phrase und Spannungsverlauf zu erfassen, wird in diffuseren Klanglandschaften nicht plötzlich musikalischer, sondern meist nur noch unkontrollierter. Das am wenigsten verständliche ist aber, dass ein Paar, das sich wenigstens an den Minimal-Konsens, den Taktschlag, hält, (Schleicher?) musikalischer tanzt als jeder noch so exaltierter Bewegungsartist. Nur, schade, dass das ein gewisser Blogger und viele andere nicht erkennen können.

Lagermentalitäten

Die Gründe dafür, warum sich gerade im Neo-Lager viele Tänzer sammeln, die von außen betrachtet deutlich unmusikalisch wirken, sind vielschichtig. Ein naheliegender Grund dürfte sein, dass sich dort viele vom Zwang befreit fühlen, sich an einen klaren zeitlichen Ablauf der Musik halten zu müssen. Wenn Bewegungen Spaß machen und auch ohne genaues Timing irgendwie durchgehen, erscheint Rhythmus schnell nicht mehr als Orientierung, sondern als Hindernis. Teilt man dieses Gefühl dann noch mit anderen, bekommt das Ganze Rückhalt. Man steht nicht mehr allein mit dem eigenen Mangel an Bindung zur Musik da, sondern erlebt ihn als gemeinsame Freiheit. Ähnliches kennt man von Anfänger-Milongas: Ist das Niveau auf der Piste ungefähr so wie das eigene, fällt sofort die erste Hemmschwelle. Wer dann noch weitgehend unter sich bleibt, also getrennt von der EdO-Szene in dieser Praxis tänzerisch heranwächst, baut sich früher oder später auch die passenden Rechtfertigungen dazu. Dann werden aus bloßen Gewohnheiten schnell Überzeugungen und aus Überzeugungen Feindbilder. So entsteht Lager-Solidarität.

Von außen sieht das dann gern so aus, als stünden sich hier einfach zwei gleichwertige Auffassungen gegenüber. Aber das ist ein Irrtum. Die sogenannten „blöden EdO-Leute“ stören sich in der Regel daran, dass in der Neo-Szene oft musikalisch schwach, rhythmisch lose oder geradezu beliebig getanzt wird. Die Neo-Szene stört sich dagegen meist an etwas ganz anderem: an der angeblich langweiligen Musik, an der Schlichtheit des Tanzes oder an der Bindung an klare Struktur. Das ist nicht dieselbe Art von Kritik. Die eine richtet sich gegen fehlende musikalische Präzision, die andere vor allem gegen Geschmack, Repertoire und Stil. Wer beides einfach als zwei gleichwertige Lagerpositionen behandelt, macht es sich zu leicht.

Die ewige Diskussion und wirklich kein Ende?

Für mich ist das traurige Resultat dieser ewigen Diskussion, dass es überhaupt zu einer Lagerhaltung daraus gekommen ist.

Wenn statt Wunsch nach gegenseitigem Verständnis darüber lamentiert wird, eine machthungrige Elite hätte – wie die DDR-Regierung – eine Art Lipsi-Tango von oben herab etablieren wollen. Was für ein Schwachsinn, Herr Riedl! Wenn Ihnen der langweilige EdO-Kram nicht passt, kommt nämlich nicht die EdO-Stasi in der „grünen Minna“ und zwingt Sie dazu zu tanzen. 

Wenn man einmal konstruktiv damit umgehen würde, sich wirklich in Gruppen mit den Thema auseinandersetzen würde, kämen beide Gruppen auch besser miteinander aus. Dann käme auch Verständnis dafür aus, dass ein DJ sich an einem Abend weigert, ein Piazzolla-Stück aufzulegen, wenn  – damit nämlich das tänzerische Empfinden der gesamten Milonga auf den Kopf gestellt würde, und DJs nicht mehr als intolerant abgestempelt würden, wie das bereits gebrannte DJs berichteten. Und vielleicht kommt mit der nötigen Sorgfalt für musikalisches Tanzen auch mal der Wunsch, einen Piazzolla zu probieren? 

Ich denke, was musikalische Schulung angeht, kommen wir in Zukunft um moderne Musik sowieso nicht mehr herum. Aber auch nicht die modernen Orchester um tanzbarere Musik. Wenn beides nicht aufeinander zukommt, geht der ganze Tango sowieso den Bach herunter. Denn das seltsame ist doch, dass Show-Paare sich oft an Musik heranwagen, die zwar gut tanzbar ist, aber eben kein Tango. Außer „Milonguea del Ayer“ von Craig Einhorn kam da nämlich nicht viel im Show-Zirkus. 

Natürlich gibt es auch Super-Orchester, die neu sind, aber die spielen eben etablierte Tango nach tänzerischen Maßstäben – ich muss es leider sagen – nach Maßstäben der Edo-Leute.

Denn wenn man ernsthaft zu Piazzolla tanzen will, reicht es nicht, bloß die Musik zu wechseln und dieselben Bewegungsprinzipien beizubehalten. Denn der soziale Tango beruht in seinem Kern auf zeitlich klar gesetzten Schritten, also auf einer Bindung an takthafte Struktur. Genau deshalb setzt man ja die Füße nicht irgendwann, sondern zu bestimmten Zeitpunkten. Viele Stücke Piazzollas entziehen sich aber gerade dieser Art von tänzerischer Organisation. Wenn man sie trotzdem mit einem Bewegungsrepertoire angeht, das letztlich weiterhin rhythmisch gedacht ist, kommt man nicht zu einer stimmigen Lösung. Im besten Fall entsteht eine fließende, eher bildhafte Bewegung im Raum. Aber das ist auf einer vollen Tanzfläche kaum tragfähig. Wer Piazzolla wirklich als reguläre Tanzmusik etablieren will, müsste deshalb folgerichtig auch ein anderes Tanzmodell entwickeln und nicht bloß behaupten, der vorhandene Tango reiche dafür schon aus.

Schlusswort

 

Da ist aber noch etwas, was ich mit Euch teilen möchte:
Am 9. Mai 2026 um 20:30 Uhr feiere ich in Essen mein 40-jähriges Tango-Schul-Jubiläum mit Freunden, ehemaligen Schülern und and Tangolehrern und Tänzern. Wer kommen will ist herzlich eingeladen. Nähere Informationen auf einer Tangoschul-Website 

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