
1050 Pferde vor der Kutsche
Ein Thema, das mich garantiert nicht interessiert, sind Autos.
Ich kann Automarken meistens nur unterscheiden, wenn vorne ein sehr großes Zeichen draufklebt. Und wenn mir jemand begeistert Motorendaten vorträgt, schaltet mein Gehirn ungefähr so schnell ab wie ein Navi im Funkloch. Das letze Mal, dass mich Autos interessierten war in meiner Jugend – besser gesagt – in meiner spätpubertären Randale-Zeit. Oder als wir in der Kindheit beim „Auto-Quartett“ Leistungsdaten verglichen: Das bescheuertste Spiel überhaupt, dass aber heutzutage bei manchen Männern immer noch Anklang findet, – zwar nicht als Kartenspiel, aber per auswendig gelernter Leistungsdaten bei Stammtischgesprächen.
Aber manchmal eignet sich ein Thema, das einen eigentlich gar nicht interessiert, ganz gut, um über etwas anderes zu schreiben. In diesem Fall über die Risse in der Gesellschaft. Über Lagerbildung. Über Fortschritt, der offenbar weh tut. Und über die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, inzwischen nicht nur andere Menschen, sondern auch Gegenstände zu hassen.
Aktueller Anlass ist die Berichterstattung über den neuen elektrischen Ferrari Luce. Offenbar hat die Firma Ferrari ein Fahrzeug vorgestellt, das die Menschheit spaltet. Jedenfalls die Menschheit, die sich für Ferrari interessiert. Also nicht mich. Aber das Theater drumherum ist dann doch interessant.
Es gibt offenbar zwei Lager: Die wenigen, die dieses neue Electric Vehicle gut finden, vielleicht sogar mutig, und die anderen, die es „hassen“.
Ja, hassen.
Menschen zu hassen reicht offensichtlich nicht mehr. Jetzt müssen auch noch Gegenstände dran glauben. Ein Auto, das nur irgendwo steht, niemanden beleidigt, keine Kommentare schreibt, keine Weltanschauung verbreitet und niemandem persönlich etwas getan hat, wird gehasst, weil es nicht so aussieht oder klingt, wie manche sich einen Ferrari vorstellen.
Das muss man sich auch erst einmal leisten können: von einem Auto persönlich gekränkt zu sein.
Das Geräusch der alten Welt
Natürlich geht es bei Ferrari nie nur um Fortbewegung. Ein Ferrari war immer schon mehr Theater als Verkehrsmittel. Status, Projektion, Technikfetisch, Männlichkeitsrequisite, Spielzeug für Erwachsene mit zu viel Geld. So ungefähr.
Und nun kommt Ferrari mit einem Elektroauto.
Das allein ist für viele offenbar schon eine Zumutung. Aber der eigentliche Skandal scheint der fehlende Krach zu sein.
(Update: Jetzt wurde ich korrigiert, dass dieses Vehikel über einen Soundgenerator verfügt, der das typische Ferrari-Blubbern und -Röhren per Lautsprecher ertönen lässt. Himmel, lass Hirn regnen.)
Denn bei diesen Hypercars geht es ja nicht nur darum, schnell zu sein. Es muss auch blubbern, röhren, fauchen, knallen, möglichst so, dass jeder im Straßencafé den Espresso verschüttet. Manche Fahrer glauben vermutlich immer noch, sie würden dafür bewundert. Ich bin mir da nicht so sicher. Viele Leute gucken nicht, weil sie beeindruckt sind. Sie gucken, weil sie erschrecken oder genervt sind.
Da wären mir Pferdehufe tatsächlich lieber.
Es erinnert ein wenig an den Anfang des 20. Jahrhunderts, als Pferdekutschen und Automobile nebeneinander existierten und sich die Anhänger der alten und der neuen Welt misstrauisch beäugten. Nur dass heute nicht mehr das Hufgeklapper verteidigt wird, sondern das Motorengeräusch. Die Romantik hat sich offenbar nur den Antrieb gewechselt.
2,5 Sekunden bis 100 – und dann?
Bei dem neuen Ferrari werden Beschleunigungswerte von etwa 2,5 Sekunden auf 100 km/h genannt. Dazu über 1000 PS. Das ist technisch sicher beeindruckend. Keine Frage.
Aber wofür genau?
Damit man innerorts von Ampel zu Ampel auf absurde Geschwindigkeiten kommt? Damit man auf der Autobahn andere, langsamere Autofahrer noch besser stressen kann? Damit man sich kurzzeitig wie der Herr über Raum und Zeit fühlt, bevor der nächste Stau kommt?
Zu diesem Zweck werden ja längst auch die „Gesichter“ dieser Boliden entsprechend gestaltet. Die Frontansichten wirken im Rückspiegel nicht selten wie wild gewordene Paviane kurz vor dem Revierkampf. Man soll offenbar schon aus der Entfernung verstehen: Jetzt kommt etwas mit Anspruch auf Vorfahrt, Unterwerfung und freiem Geschwindigkeitsrausch.
Also wechselt man hurtig auf die rechte Spur, damit dem Urvieh gewährt wird, was es für sein natürliches Habitat hält: freie Bahn, freie Lunge, freier Lärm.
Und trotzdem reicht das einigen offenbar nicht.
Denn die Leistung ist ja vorhanden. Mehr als reichlich sogar. Was fehlt, ist der alte Ferrari-Krach. Echter Ferrari-Krach, aus Feuer, Benzin und Luft. Und das aggressive Aussehen. Diese flache Rennflunder-Ästhetik, die offenbar für manche zur religiösen Grundausstattung gehört. Wenn der neue Ferrari anders aussieht, anders klingt und sich anders anfühlt, lautet die Schlussfolgerung: Das ist kein Ferrari mehr, auch wenn Ferrari draufsteht.
Vielleicht ist da sogar etwas dran. Vielleicht sieht dieses Fahrzeug wirklich eher aus wie ein Apple-Car mit Ferrari-Logo. Der Designer Jony Ive hat schließlich auch das iPhone mitgestaltet, und wenn man den Wagen von oben betrachtet, kann man durchaus auf die Idee kommen, an eine Apple Magic Mouse zu denken. Mal abgesehen davon, dass der Ladeanschluss nicht unter dem Auto – wie bei der Apple Mouse – sondern an der Seite zu finden ist. Offenbar hat Jony Ive hier dazugelernt. Auch die Innenausstattung wirkt eher nach Apple-Logik als nach einem facettenreichen Ferrari-Design.
Aber genau das ist der Punkt: Es geht nicht mehr um ein Auto. Es geht um Identität.
Ein Ferrari muss aussehen wie ein Ferrari, klingen wie ein Ferrari und sich benehmen wie ein Ferrari. Sonst ist er ein Verräter.
So funktionieren Glaubenskriege.
Das Auto als Kultobjekt
In Deutschland gibt es rund 49,5 Millionen Pkw und über 61 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge insgesamt. Unsere Städte sind voll davon. Straßen, Bordsteine, Plätze, Innenhöfe: Überall stehen diese Blechkisten herum.
Und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir den Irrsinn kaum noch wahrnehmen.
Man stelle sich einmal vor, jemand würde heute neu vorschlagen, große Teile des öffentlichen Raums mit privaten Metallkästen zuzustellen, die die meiste Zeit gar nicht benutzt werden. Man würde ihn vermutlich fragen, ob noch alles in Ordnung ist.
Aber genau so leben wir.
Autos stehen im Durchschnitt den größten Teil des Tages herum. Und wenn sie fahren, sitzt meistens eine Person darin. Eine Person in einer tonnenschweren Maschine, die Platz braucht, Lärm macht, Energie frisst und die Stadtplanung dominiert.
Fußgänger warten an Ampeln, damit Autos fließen können. Radfahrer bekommen gefährliche Reststreifen. Kinder lernen früh, dass die Straße kein öffentlicher Raum ist, sondern ein Gefahrengebiet. Und wenn irgendwo ein Parkplatz wegfällt, klingt es sofort, als sei ein Menschenrecht abgeschafft worden.
In der Stadt ist das Auto oft nicht Freiheit, sondern Raumfraß.
Auf dem Land ist es natürlich anders. Da will ich gar nicht billig moralisieren. Wenn der Bus zweimal am Tag fährt, der nächste Supermarkt zehn Kilometer entfernt ist und die kleinen Geschäfte längst zugemacht haben, dann ist ein Auto kein Luxus, sondern Überlebenshilfe. Wer dort kein Auto hat, ist schnell abgeschnitten. Früher war Landleben einmal ein Garant für Ernährung. Heute produzieren viele Bauern wie Industriebetriebe, aber der Dorfladen ist verschwunden.
Das Problem ist also nicht der einzelne Mensch, der ein Auto braucht.
Das Problem ist ein Verkehrskonzept, das wir behandeln, als sei es naturgegeben.
Wir stecken noch im Auto-Wunderland fest
Politisch und gesellschaftlich hängen wir in Deutschland immer noch im Auto-Wunderland der 60er-Jahre fest.
Freie Fahrt. Breite Straßen. Parkplätze vor der Tür. Autobahn als nationales Heiligtum. Das Auto als Verlängerung der Persönlichkeit. Und wehe, jemand stellt das infrage.
Selbst eine Mehrheit für ein Tempolimit setzt sich politisch nicht zuverlässig durch. Sobald es ums Auto geht, wird jede Vernunftfrage sofort zur Freiheitsfrage aufgeblasen.
Wenn Mieten steigen, wird gemurrt. Wenn Lebensmittel teurer werden, wird gezahlt. Wenn Sprit teurer wird, steht halb Deutschland kurz vor dem Aufstand.
Es wird Sprit verballert, dass es kracht, aber bitte nicht teurer machen.
Und da macht Elektromobilität grundsätzlich Sinn. Nicht als Heilsversprechen. Nicht als moralisch reines Fortbewegungsmittel. Und ganz sicher nicht in Form eines 1050-PS-Ferraris für Millionäre. Aber als Hinweis darauf, dass sich Antrieb, Technik und Bewusstsein ändern müssen.
Wenn Ferrari ein Elektroauto baut, ist das also einerseits konsequent. Andererseits bleibt es natürlich bekloppt.
Denn ein Elektroauto mit über 1000 PS ist kein Vernunftobjekt. Es ist ein sehr teures Spielzeug. Nur eben ein leiseres. (Update: Und das offenbar auch nicht so richtig!)
1050 Pferde vor einer Kutsche
Die alte Einheit „PS“ macht die Absurdität besonders schön sichtbar.
Man stelle sich eine Kutsche für zwei Personen vor, vor die 1050 Pferde gespannt sind.
Das wäre kein Fortschritt. Das wäre ein Nervenzusammenbruch mit Hufen.
Und wenn man das Spiel einmal auf Deutschland überträgt, wird es noch absurder. Würde man die PS aller Fahrzeuge in Deutschland mit echten Pferden vergleichen, käme man grob gerechnet auf etwa acht Milliarden Pferde.
Allein die Pkw bringen es auf rund 6,5 Milliarden PS. Und wenn man das auf die beförderten Menschen herunterbricht, wird es richtig schön schräg:
Vollbesetzt wären das ungefähr 26 Pferde pro Mensch.
Im realistischen Alltag, in dem die meisten Autos mit ein bis zwei Personen unterwegs sind, eher um die 90 Pferde pro Mensch.
Das nennen wir Fortschritt? Viel Spaß beim Füttern und bei der Pflege.
Natürlich ist das nur ein Bild. Ein technisches PS ist nicht einfach ein echtes Pferd. Aber als Bild taugt es hervorragend. Wir bewegen einzelne Menschen mit einer rechnerischen Pferdeherde durch die Gegend, nur um einzukaufen, zur Arbeit zu fahren oder abends irgendwo anzukommen.
Und dann diskutieren wir darüber, ob der Ferrari noch richtig klingt.
Und der Tango?
Jetzt könnte man natürlich sagen: Was hat das alles mit Tango zu tun?
Leider ziemlich viel.
In der Tango-Welt benutzen viele Menschen Autos, um zu Milongas zu kommen. Ohne Autos wären viele Milongas deutlich leerer. Auch ich kann mir nicht einfach eine romantische Welt ausmalen, in der alle mit der Straßenbahn anreisen, danach beseelt nach Hause schweben und unterwegs noch ein Gedicht von Borges rezitieren. So ist es nicht.
Wir fahren zu Milongas, Encuentros, Workshops, Festivals. Oft sehr weit. Manchmal quer durch die Republik. Die Tango-Landschaft ist verstreut, und ohne Auto wäre vieles schwieriger oder gar nicht möglich.
Aber gerade deshalb lohnt sich die Frage: Wie zukunftsfähig ist dieses Konzept?
Wenn eine Szene davon lebt, dass Menschen abends 50, 80 oder 150 Kilometer fahren, um ein paar Stunden zu tanzen, dann hängt auch diese Szene an einem Verkehrssystem, das man zumindest einmal hinterfragen sollte. Das macht niemanden automatisch zum schlechten Menschen. Aber es zeigt, wie tief dieses System in unserem Alltag steckt.
Und es passt natürlich auch ein wenig zum Tango selbst.
Tango lebt von Tradition. Von alter Musik. Von gewachsenen Formen. Von Ritualen. Das ist seine Stärke. Aber Tradition kann auch blind machen. Dann wird aus Bewahrung irgendwann Erstarrung.
In der Tango-Welt hat man sich meistens längst arrangiert. Tango Nuevo, EdO-Anhänger, Neotango, traditionelle Milonga, offene Milonga, Encuentro-Kultur – auf der Tanzfläche ist der Krieg oft kleiner als in den Blogs. Dort wird noch gern so getan, als stünden sich unversöhnliche Lager gegenüber. In Wirklichkeit tanzen viele einfach dort, wo sie sich wohlfühlen.
Vielleicht ist es mit dem Auto ähnlich.
Die Wirklichkeit ist oft weiter als die Ideologie.
Viele fahren Verbrenner, weil sie einen haben. Manche fahren elektrisch, weil es für sie passt. Viele würden gern weniger Auto fahren, können es aber nicht. Andere wollen gar nichts ändern und nennen das dann Freiheit.
Aber wir sollten aufhören, das Auto als Kultobjekt zu behandeln.
Es ist ein Fortbewegungsmittel. Mehr nicht.
Sobald ein Auto zur Identität wird, wird es schwierig. Dann wird aus Technik Religion. Dann wird aus Motorengeräusch Heimat. Dann wird aus einem neuen Design Verrat. Dann wird aus einem Elektro-Ferrari ein Kulturkampf.
Und genau das ist das eigentlich Interessante an dieser Ferrari-Debatte.
Nicht, ob der Wagen schön ist. Nicht, ob er aussieht wie eine Apple Magic Mouse. Nicht, ob Ferrari-Fans jetzt Schnappatmung bekommen.
Interessant ist, wie viel Weltanschauung in einem Auto stecken kann.
Und wie schwer es uns offenbar fällt, uns von den Geräuschen der alten Welt zu lösen. (Ein Schlusssatz, der sicherlich wieder jemanden zur Aussage animieren wird, dass man sich dann endlich auch von der „veralteten Tangomusik“ trennen solle. Aber die war hier nicht gemeint.)