
Bloggen, Aufmerksamkeit und der Wunsch, immer recht zu behalten
Manche Artikel sind besonders aufschlussreich – vor allem dann, wenn sie schon im Titel den Selbstbetrug ausstellen: „Zwei Millionen!“ Das sollen also die Zugriffszahlen eines Tango-Bloggers sein, der selbst kaum über nachprüfbare Expertise verfügt?
Wer selbst bloggt und seine Zahlen mit halbwegs zuverlässigen Analyse-Tools prüft, weiß, wie trügerisch solche Zugriffszahlen sind. Bots, Mehrfachaufrufe, Serverzugriffe, merkwürdige Herkunftsländer – da wird schnell aus technischem Rauschen ein vermeintliches Publikum.
Aber das wurde oft genug erklärt. Es prallt offenbar ab. Da will jemand unbedingt an seinen Erfolg glauben, weil er diesen Erfolg braucht.
Natürlich freut man sich, wenn ein Text gelesen wird. Ich schaue auch auf Zugriffszahlen. Wer öffentlich schreibt, möchte nicht in die digitale Leere hineinreden.
Aber bei Riedl ist der Blick auf die Zahlen längst kein beiläufiger Blick mehr. Gefühlt in jedem dritten Artikel tauchen Tageswerte, Monatswerte, Ranglisten, Rekorde oder Aufrufe einzelner Beiträge auf. Unter Artikeln stehen Zahlen vom Vortag, ganze Beiträge kreisen um Reichweite und Resonanz.
Das wirkt nicht mehr wie Statistik. Das wirkt wie der tägliche Pulscheck am eigenen Ego.
Riedl sagt selbst, hohe Zugriffszahlen seien keine Zustimmung. Immerhin. Aber warum präsentiert er sie dann ständig? Offenbar sollen sie Aufmerksamkeit beweisen. Sichtbarkeit. Dieses alte: Seht her, ich bin da, ich werde gelesen, man kann mich nicht ignorieren.
Nur ist Aufmerksamkeit billig zu haben. Man muss nur oft genug provozieren, Namen nennen, sticheln, spotten und Konflikte am Laufen halten. Dann schauen Menschen hin. Nicht unbedingt, weil sie zustimmen oder etwas lernen, sondern weil es wieder knallt.
Das kennt man aus dem Boulevard. Man schaut hin, obwohl man sich ärgert. Manchmal gerade deshalb.
So entsteht eine kleine Maschine: Man schreibt, reizt, bekommt Widerspruch, verwertet diesen Widerspruch im nächsten Artikel, freut sich über die Zugriffszahlen und fühlt sich bestätigt. Danach beginnt alles wieder von vorn.
Das kann man machen. Es ist nicht verboten. Es kann sogar unterhaltsam sein. Nur sollte man es nicht als Aufklärung verkaufen.
Aufklärung hieße, sich auch einmal korrigieren zu lassen, ein Gegenargument ernst zu nehmen oder einen Einwand stehen zu lassen. Vielleicht sogar einmal zu sagen: Da habe ich überzogen. Das war ungenau. Das muss ich differenzierter sehen.
Bei Riedl passiert das nicht. Jeder Widerspruch wird verarbeitet, jeder Kritiker einsortiert, jede Kritik bekommt noch eine Spitze, ein Zitat oder eine Retourkutsche. Am Ende geht es nicht mehr darum, ob ein Argument trägt, sondern darum, wer das letzte Wort behält.
Riedl behauptet gern, er biete nur persönliche Ansichten an. Das klingt harmlos. Nur passt es nicht zu seinem Auftreten.
Wer seit Jahren über Tangolehrer, Unterricht, DJs, Veranstalter, Tänzer und ganze Szenen urteilt, beansprucht sehr wohl Geltung. Wer Anfänger vor angeblich schlechtem Unterricht warnen will, beansprucht Autorität. Wer ständig erklärt, was andere falsch machen, stellt sich selbst über das, was er kritisiert.
Da kann man sich nicht nachträglich hinter „höchstpersönlichen Ansichten“ verstecken.
Man möchte die Wirkung öffentlicher Kritik haben, aber nicht die Verantwortung dafür tragen. Man möchte provozieren, aber nicht festgelegt werden. Man möchte urteilen, aber die eigenen Grundlagen nicht offenlegen. Man möchte Debatte, aber nur so lange, wie man selbst die Pointe setzen darf.
Das ist keine Aufklärung. Das ist Selbstbehauptung.
Zwei Millionen Zugriffe mögen stimmen oder nicht. Selbst wenn sie stimmen, beantworten sie keine einzige Sachfrage. Sie sagen nicht, ob die Kritik stimmt, ob sauber belegt wurde oder ob heutiger Tangounterricht tatsächlich so aussieht, wie Riedl ihn beschreibt.
Sie sagen nur: Da schauen Menschen hin.
Und Menschen schauen auf vieles hin: auf Streit, auf Klamauk, auf Boulevard, auf Leute, die sich verrennen, und auf Texte, über die man sich ärgert.
Wer daraus Bedeutung macht, zeigt vor allem, wie sehr er Bedeutung braucht.
Wer aufklären will, muss mehr können als provozieren. Wer kritisiert, muss mehr liefern als Pointen. Wer über Unterricht urteilt, sollte Unterricht gesehen haben. Und wer ständig das letzte Wort braucht, sollte sich nicht wundern, wenn man irgendwann nicht mehr an Aufklärung glaubt, sondern an Eitelkeit.
Und die Zugriffszahl ist der Applaus, den man sich notfalls selbst erklärt.