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Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

Was bedeutet eigentlich Wissen?

Bevor man darüber spricht, ob sich jemand im Tango für besonders kompetent, überlegen oder gar „elitär“ hält, müsste man zunächst eine grundsätzlichere Frage stellen:

Was ist Wissen überhaupt?

Wissen ist mehr als eine feste Meinung. Es ist auch mehr als eine Ansammlung von Informationen, Zitaten und persönlichen Erlebnissen. Wissen entsteht durch Lernen, Erfahrung, Beobachtung, Vergleich und Überprüfung. Es zeigt sich darin, dass jemand Zusammenhänge erkennt, begründete Urteile fällen kann und zugleich weiß, wo die Grenzen des eigenen Urteils liegen.

Eine brauchbare Definition wäre:

Wissen ist die durch Lernen, Erfahrung, Beobachtung und Überprüfung erworbene Fähigkeit, einen Gegenstand möglichst zutreffend zu beschreiben, Zusammenhänge zu erkennen, begründete Urteile zu fällen und die Grenzen des eigenen Urteils zu benennen.

Im Tango kommt etwas Entscheidendes hinzu: Tango-Wissen ist nicht nur theoretisches Wissen.

Jemand kann viel über Tango gelesen haben und trotzdem kaum tanzen. Ein anderer kann hervorragend tanzen, aber nicht erklären, was er tut. Und ein guter Tänzer ist noch lange kein guter Lehrer.

Tango-Kompetenz kann deshalb aus ganz unterschiedlichen Bereichen bestehen: aus tänzerischem Können, Körpererfahrung, musikalischem Wissen, geschichtlicher Kenntnis, pädagogischer Erfahrung, sozialer Beobachtung, Reflexionsfähigkeit und der Fähigkeit, all diese Dinge verständlich zu vermitteln.

Nicht jeder muss alles davon beherrschen. Das dürfte ohnehin kaum möglich sein. Aber je mehr Bereiche zusammenkommen, desto fundierter kann jemand über Tango sprechen.

Das bedeutet nicht, dass ein erfahrener Lehrer oder Tänzer immer recht hat. Auch jahrzehntelange Beschäftigung schützt nicht vor Irrtümern, Gewohnheiten und falschen Schlussfolgerungen.

Kompetenz ist keine Unfehlbarkeit.

Aber ebenso falsch wäre die Behauptung, jede Meinung sei fachlich gleich viel wert. Menschen sind gleichwertig. Ihre Kenntnisse sind es nicht automatisch.

Das Wissen wächst mit den Fragen

Im Tango scheint beinahe jeder, der seit zwei Jahren tanzt, den gesamten Tango erklären zu können – oder glaubt es zumindest.

Manche beginnen nach ein oder zwei Jahren sogar zu unterrichten, sobald sie feststellen, dass sie mit ein paar Figuren, einigen Fachbegriffen und halbwegs sicherem Auftreten Anfänger beeindrucken können.

Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus.

Auch ich habe einmal geglaubt, relativ früh schon sehr viel verstanden zu haben. Heute weiß ich, dass das vor allem daran lag, dass ich noch gar nicht erkennen konnte, was ich alles nicht wusste.

Je mehr ich über Tango gelernt habe, desto größer wurde das Gebiet, das sich dahinter auftat. Neue Erkenntnisse führten nicht nur zu Antworten, sondern vor allem zu weiteren Fragen.

Was zunächst einfach und eindeutig erschien, erwies sich später als abhängig von Musik, Partner, Situation, Körper, Erfahrung, Raum, sozialem Umfeld und Unterrichtsziel.

Der Anfänger kennt einige Antworten.

Der Erfahrene kennt zusätzlich die vielen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Das ist keine falsche Bescheidenheit. Es ist ein typischer Bestandteil wachsender Kompetenz. Geringes Wissen kann sehr selbstsicher machen, weil man die Komplexität eines Gegenstands noch nicht erkennt. Tieferes Wissen macht vorsichtiger, weil man Bedingungen, Ausnahmen und Widersprüche wahrnimmt.

Wer wenig weiß, kann leicht glauben, eine allgemeingültige Lösung gefunden zu haben. Wer länger dabei ist, erkennt irgendwann, dass dieselbe Lösung mit einem anderen Partner, zu anderer Musik oder in einer anderen Situation schon wieder falsch sein kann.

Tango ist mehr als tänzerisches Können

In der Tango-Welt wird Kompetenz durchaus anerkannt. Allerdings richtet sich diese Anerkennung häufig fast ausschließlich auf das unmittelbar sichtbare tänzerische Können.

Wer eindrucksvoll tanzt, elegante Bewegungen zeigt oder auf einem Video besonders souverän wirkt, dem wird schnell eine umfassende Tango-Kompetenz zugesprochen. Das ist zunächst verständlich, schließlich handelt es sich beim Tango auch um einen Tanz.

Aber eben nicht nur.

Ein hervorragender Tänzer muss nicht automatisch viel über Tangomusik, Musikgeschichte, historische Orchester, Sänger, Dichter, Personen der Tangogeschichte, Liedtexte, gesellschaftliche Zusammenhänge oder die choreografische Entwicklung des Tanzes wissen. Er kann Bewegungen ausgezeichnet ausführen, ohne ihre historischen Zusammenhänge erklären zu können. Und er ist deshalb noch lange kein guter Lehrer, Musikhistoriker oder Kenner der Tangolyrik.

In Buenos Aires wird diese Vielschichtigkeit wesentlich selbstverständlicher behandelt.

Dort existieren verschiedene Fachgebiete nebeneinander: Musik und Musikgeschichte, Orchester und Interpreten, Tangopoesie und Liedtexte, bedeutende Personen der Tangogeschichte, soziale Geschichte, choreografische Entwicklung, tänzerische Epochen und unterschiedliche Formen der Aufführung und Interpretation.

Hinzu kommt Wissen über soziologische Zusammenhänge. Tango hat sich nicht überall unter denselben Bedingungen entwickelt. Die Szenen unterscheiden sich von Land zu Land, von Stadt zu Stadt und teilweise sogar von Stadtviertel zu Stadtviertel. Andere soziale Milieus, Räume, Veranstaltungsformen, Generationen und kulturelle Gewohnheiten bringen jeweils eigene Ausprägungen hervor.

Wer über Tango spricht, spricht deshalb nie nur über einen Tanz, sondern auch über Menschen, Gruppen, Geschichte, soziale Regeln, Abgrenzungen, Zugehörigkeit und kulturellen Wandel.

Dieses Wissen ist nicht abgeschlossen. Es erweitert und verändert sich ständig. Neue Quellen werden zugänglich, historische Erzählungen werden überprüft, musikalische und tänzerische Entwicklungen neu eingeordnet, und auch die heutigen Tango-Szenen verändern sich fortlaufend.

Angesichts dieser Wissensmenge sollten einige sehr vorsichtig damit sein, sich selbst zum Tango-Fachmann zu erklären.

Das gilt besonders dann, wenn die eigene Kompetenz im Wesentlichen darin besteht, gut zu tanzen, einige Reisen nach Buenos Aires unternommen oder lange genug einen Blog betrieben zu haben.

Tänzerisches Können ist eine wichtige Form von Kompetenz. Aber es ist nur eine unter mehreren. Es berechtigt niemanden automatisch dazu, über Musik, Geschichte, Pädagogik, Soziologie, kulturelle Entwicklung und sämtliche Formen des Tangos mit gleicher Sachkenntnis zu urteilen.

Ein Konzertgeiger ist nicht allein deshalb Musikhistoriker, Kompositionslehrer, Instrumentenbauer und Kultursoziologe, weil er ausgezeichnet Geige spielt.

Beim Tango wird eine solche Trennung erstaunlich selten vorgenommen.

Wissen ohne Fachbezeichnung

Ich gehe außerdem davon aus, dass das Wissen über Tango in Buenos Aires in Teilen der Bevölkerung weiter verbreitet ist als bei manchen sogenannten Fachleuten in Deutschland.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Einwohner von Buenos Aires den Tango kennt, tanzt oder erklären könnte. Auch dort gibt es Menschen, die mit Tango wenig anfangen können. Ebenso existieren dort Irrtümer, Moden und oberflächliche Urteile.

Aber Tango ist in Buenos Aires nicht nur ein importiertes Freizeitangebot.

Er gehört zur kulturellen Umgebung. Seine Musik, seine Sprache, seine Geschichte und seine sozialen Rituale sind im kollektiven Gedächtnis stärker verankert. Vieles wird dort nicht ausschließlich in Kursen gelernt, sondern über Jahrzehnte gehört, gesehen, erzählt und erlebt.

Ein Mensch kann deshalb über beträchtliches Erfahrungswissen verfügen, ohne sich selbst als Tango-Fachmann zu bezeichnen.

Er kennt vielleicht Orchester, Sänger und Liedtexte, hat ältere Generationen tanzen sehen, weiß, wie sich eine Milonga sozial organisiert, und erkennt Unterschiede, für die hierzulande erst komplizierte Begriffe erfunden werden.

Dieses Wissen ist nicht immer systematisch. Es lässt sich vielleicht nicht in einem Fachartikel gliedern oder in einer Unterrichtsstunde erklären. Trotzdem kann es tiefer reichen als das angelesene Wissen mancher europäischer Tango-Experten.

Denn Fachsprache ist noch kein Fachwissen.

Man kann argentinische Begriffe verwenden, historische Namen zitieren und einige Wochen in Buenos Aires verbracht haben, ohne den kulturellen Zusammenhang wirklich verstanden zu haben.

Umgekehrt kann ein älterer Porteño sehr genau wissen, welche Musik zu welcher Atmosphäre passt, wie man sich in einer Ronda verhält oder was eine bestimmte Form der Umarmung ausdrückt, ohne daraus eine Theorie zu machen.

Im Tango existiert also auch stilles Wissen: ein Wissen, das sich in Wahrnehmung, Verhalten und Urteil zeigt, aber nicht unbedingt in Definitionen.

Gerade wir Europäer neigen dazu, das, was wir in Kursen erlernt und anschließend sprachlich geordnet haben, für das eigentliche Wissen zu halten.

Dabei übersehen wir leicht, dass kulturelles Wissen schon lange vorhanden war, bevor jemand ein Seminar daraus gemacht hat.

Das macht Herkunft allein noch nicht zur Qualifikation. Ein argentinischer Pass ersetzt weder Können noch Reflexion.

Aber ebenso wenig macht die Bezeichnung „Tangolehrer“, „Blogger“ oder „Experte“ jemanden automatisch zu einer Autorität.

Eine Kultur mit eigenen Wissensgebieten

Dass Tango in Buenos Aires als umfassendes kulturelles Wissensgebiet behandelt wird, zeigt sich nicht zuletzt an der Academia Nacional del Tango.

Dort wird Tango nicht auf Tanzschritte und Unterrichtsfiguren reduziert. Musik, Poesie, Geschichte, Interpretation, Persönlichkeiten und choreografische Entwicklungen werden als eigene Gebiete gesammelt, untersucht und vermittelt.

Allein die Existenz einer solchen Institution zeigt, wie begrenzt die Vorstellung ist, Tango-Kompetenz lasse sich vor allem daran erkennen, ob jemand auf einer Milonga oder in einem Video beeindruckend tanzt.

Wer über Tango urteilt, könnte über Orchesterstile, Sänger, musikalische Epochen, Instrumentierung, Liedtexte, historische Milieus, tänzerische Entwicklungen, Unterrichtsmethoden oder soziale Veränderungen sprechen.

Und in jedem dieser Gebiete gibt es Menschen, die sehr viel mehr wissen als andere.

Das ist keine Schande. Im Gegenteil: Es wäre absurd, wenn jeder in allen Bereichen dieselben Kenntnisse besitzen müsste.

Problematisch wird es erst, wenn jemand die Grenzen des eigenen Wissens nicht mehr erkennt und aus einer einzelnen Kompetenz einen Anspruch auf umfassende Deutungshoheit ableitet.

Ein guter Tänzer kann viel über das Tanzen wissen.

Er weiß deshalb aber nicht automatisch alles über Tango.

Wenn Wissen plötzlich elitär wird

In vielen Diskussionen geschieht etwas Merkwürdiges: Sobald jemand mehr weiß, länger gelernt und sich intensiver mit einer Sache beschäftigt hat als der Durchschnitt, wird ihm „Elitarismus“ vorgeworfen.

Im Tango hört man dann Begriffe wie „Besserwisser“, „Fundamentalist“, „Erleuchteter“ oder „Ideologe“.

Wer genauer über Umarmung, Führung, musikalische Struktur, Bewegungsorganisation, historische Entwicklungen oder soziale Zusammenhänge spricht, steht schnell im Verdacht, sich über andere erheben zu wollen.

Als dürfe es im Tango keine tieferen Kenntnisse geben, weil es sich um einen sozialen Tanz handelt.

Als müsse jede Ansicht gleich viel wert sein, unabhängig davon, ob sie auf jahrzehntelanger Erfahrung oder auf einigen gelegentlichen Milongabesuchen beruht.

Natürlich dürfen Laien eine Meinung haben. Sie dürfen Fachleuten widersprechen und deren Aussagen kritisieren. Auch ein Anfänger kann etwas Wichtiges sehen, das ein erfahrener Mensch übersehen hat.

Aber eine Meinung wird nicht dadurch zu Wissen, dass man sie besonders selbstbewusst oder mit möglichst viel Spott vorträgt.

Die Verunglimpfung von Fachkenntnis ist daher nicht rebellisch. Sie ist kindisch und unreif.

Das kindliche Prinzip lautet:
Wenn jemand etwas besser weiß als ich, muss er sich wohl für etwas Besseres halten.

Statt anzuerkennen, dass ein anderer tatsächlich mehr gelernt oder verstanden haben könnte, wird dessen Wissen moralisch verdächtig gemacht. Der Fachkundige ist dann nicht kundiger, sondern „elitär“. Der Erfahrene ist nicht erfahrener, sondern ein „Besserwisser“.

Das ist komfortabel.

Man muss sich mit dem Wissen des anderen nicht mehr auseinandersetzen. Man muss nichts überprüfen, nichts lernen und die eigene Begrenztheit nicht eingestehen.

Es genügt, dem Gegenüber Überheblichkeit zu unterstellen.
Gleichzeitig ist dieses Verhalten entlarvend. Denn der Vorwurf des Elitarismus sagt oft weniger über den angeblich Elitären aus als über denjenigen, der ihn erhebt.

Er zeigt, dass Wissen nicht als Möglichkeit zur Erkenntnis, sondern als persönliche Bedrohung erlebt wird.

Die erfundene Tango-Elite

In der Tango-Bloggerwelt gibt es ein bemerkenswertes Verfahren, mit Dingen umzugehen, die man nicht versteht, nicht empfindet oder schlicht nicht mag:

Man erklärt sie zur Ideologie.

Dann ist eine bestimmte Vorstellung nicht mehr einfach die Überzeugung anderer Tänzer. Sie wird zur „heiligen Kuh“, zum Glaubenssatz, zur Mode oder zum Erkennungszeichen einer angeblich erleuchteten Tango-Elite.

Ein aktueller Artikel über die Umarmung liefert dafür anschauliche Beispiele.

Dort heißt es:

„Die Umarmung gilt heute als heilige Kuh des Tango.“

Das klingt zunächst pointiert. Es enthält aber bereits die ganze Konstruktion.

Eine „heilige Kuh“ ist etwas, das nicht hinterfragt werden darf. Wer diesen Ausdruck verwendet, stellt sich automatisch in die Rolle des mutigen Aufklärers, der sich gegen ein mächtiges Dogma stellt. Ich habe diese Formulierung selbst mal benutzt, als es um die Unumstößlichkeit des „Engtanzgebots“ ging, das es aber nicht gibt. 

Die anderen werden zu Gläubigen, Ideologen oder Wächtern einer herrschenden Lehre.
Nur: Wo ist diese Herrschaft eigentlich?

Es gibt keine Tango-Behörde, die eine enge Umarmung vorschreibt. Niemand wird gezwungen, in engem Kontakt zu tanzen.

Auf europäischen Milongas findet man alle möglichen Formen: offene, flexible und enge Umarmungen, wechselnde Abstände und gelegentlich auch Tänzer, die den körperlichen Kontakt zeitweise ganz auflösen.

Dass viele Menschen die Umarmung trotzdem für einen wesentlichen Bestandteil des Tangos halten, macht sie noch nicht zur heiligen Kuh.

Es könnte schlicht bedeuten, dass sie etwas darin erfahren, das andere nicht erfahren haben oder nicht erfahren möchten.

Aus Erfahrung wird Ideologie gemacht

Besonders aufschlussreich ist dieser Satz:

„Leider gehen heute viele Damen gleich zu Beginn in den Vollkontakt – vielleicht, um zu zeigen, dass sie tangoideologisch auf dem neuesten Stand sind.“

Man beachte das Wort „vielleicht“.
Es ermöglicht eine Unterstellung, für die man keinen Beleg liefern muss.

Der Autor weiß nicht, warum diese Frauen eine enge Verbindung wählen. Er fragt sie offenbar auch nicht. Stattdessen liefert er eine psychologische Erklärung: Sie möchten ihre ideologische Zugehörigkeit demonstrieren.

Eine viel naheliegendere Möglichkeit kommt kaum vor:
Vielleicht tanzen diese Frauen einfach gerne in enger Umarmung.
Vielleicht haben sie darin eine Qualität entdeckt, die ihnen wichtig ist. Vielleicht empfinden sie Nähe, gemeinsame Balance und den unmittelbaren körperlichen Dialog als besonderen Reiz des Tangos.

Nein, sie wollen vermutlich nur zeigen, dass sie zur richtigen Fraktion gehören.

So wird persönliche Erfahrung in eine politische Pose umgedeutet.

Auch diejenigen, die von „Verbindung“ sprechen, tragen diese angeblich „wie eine Monstranz vor sich her“, um zu den tangomäßig „Erleuchteten“ zu gehören.

Die Wortwahl ist kein Zufall.

„Heilige Kuh“, „Monstranz“ und „Erleuchtete“ erzeugen das Bild einer religiösen Sekte.

Wer die enge Umarmung schätzt, hat demnach nicht einfach eine andere Erfahrung gemacht. Er glaubt an ein Dogma. 
Damit muss man sich mit seiner Erfahrung nicht mehr beschäftigen.

Die Elite braucht keine Namen

Das Praktische an dieser angeblichen Tango-Elite ist, dass sie weitgehend namenlos bleibt.
Wer gehört ihr an? Welche Institution vertritt sie? Wo werden ihre Regeln formuliert? Über welche Macht verfügt sie?
Das bleibt unklar.

Die Elite besteht aus „vielen in der Szene“, aus „Erleuchteten“, „Fundis“ oder Menschen, die ihre Verbindung wie eine Monstranz herumtragen.
So wird ein diffuses Milieu geschaffen, gegen das man sich wunderbar zur Wehr setzen kann.

Eine namenlose Gruppe kann sich nicht verteidigen. Man kann ihr Motive, Glaubenssätze und Machtansprüche zuschreiben, ohne eine konkrete Person zitieren und deren Argumente prüfen zu müssen.

Die Rollen sind dann klar verteilt:
Hier steht der unabhängige Freigeist, dort die orthodoxe Masse.

Diese Selbstdarstellung als unangepasster Außenseiter wirkt allerdings eigentümlich, wenn sie von jemandem stammt, der seit vielen Jahren öffentlich über Tango schreibt, beinahe jede Entwicklung kommentiert und regelmäßig erklärt, was beim Tanzen, Unterrichten, Musizieren und Veranstalten alles falsch läuft.

Ein sprachloser Außenseiter sieht anders aus.

Was ich nicht verstehe, muss Ideologie sein

Dieses Muster beschränkt sich nicht auf die Umarmung.

Immer wieder werden Aspekte des Tangos, die nicht nachvollzogen oder abgelehnt werden, nicht zunächst als andere Erfahrungen betrachtet, sondern als Ausdruck einer fragwürdigen Ideologie.

Wer etwas anders empfindet, ist dann modisch, dogmatisch oder möchte zu den Eingeweihten gehören.

Das schützt vor einer unangenehmen Frage:
Könnte es sein, dass andere Menschen etwas können, wissen oder spüren, das sich der eigenen Erfahrung bisher entzogen hat?

Diese Möglichkeit verlangt Neugier.
Man müsste ausprobieren, lernen, beobachten und womöglich zugestehen, dass die eigene Perspektive begrenzt ist.

Sehr viel bequemer ist es, die anderen zu Ideologen zu erklären.
Dann muss man die enge Umarmung nicht verstehen. Man muss nur ihre Anhänger verspotten.

Natürlich darf jeder die enge Umarmung ablehnen. Man darf lieber offen tanzen, den Abstand wechseln, den Kontakt lösen oder eine völlig andere Vorstellung vom Tango haben.

Problematisch wird es erst, wenn man die eigene Vorliebe zur aufgeklärten Normalität erklärt und die Vorliebe anderer zur Ideologie.

Dann wird aus Geschmack ein Wahrheitsanspruch.

Der selbst ernannte Prüfer

Besonders bezeichnend ist ein weiterer Satz aus dem erwähnten Artikel:

„Ich möchte nicht weiter auf Wendels neuen Artikel eingehen. Ich glaube, er ist es wert, gelesen zu werden – und in vielen Punkten stimmt er sogar.“

Dieser Satz hat es in sich.
Zunächst möchte der Autor angeblich nicht weiter auf meinen Artikel eingehen, um es anschließend doch ausführlich zu tun.
Interessanter ist jedoch der zweite Teil.
Der Artikel sei es wert, gelesen zu werden, und in vielen Punkten stimme er „sogar“.

Das kleine Wort „sogar“ verrät mehr, als vermutlich beabsichtigt war.

Es klingt wie das überraschend positive Urteil eines Prüfers über eine Arbeit, von der er eigentlich wenig erwartet hatte. Vor allem aber setzt sich der Autor damit in die Rolle der Instanz, die darüber befindet, was im Tango stimmt und was nicht.

Er bestätigt nicht einfach einzelne Gedanken.
Er erteilt ihnen seine Zulassung.
Das ist gerade deshalb bemerkenswert, weil er anderen gerne vorwirft, sich als Tango-Elite, Besserwisser oder Erleuchtete aufzuspielen.

Gleichzeitig spricht er selbst aus der Position eines obersten Gutachters: Ein Artikel darf gelesen werden, und einige seiner Aussagen bestehen sogar vor seiner Prüfung.

Natürlich darf jeder Leser einen Text beurteilen. Auch ich beurteile andere Texte.

Aber zwischen einer begründeten Kritik und dem Gestus eines Schiedsrichters besteht ein Unterschied.Wer behauptet, ein Gedanke stimme oder stimme nicht, müsste erklären, woran er das festmacht.

Welche Aussage ist richtig? Welche ist falsch? Welche Beobachtung spricht dafür, welche dagegen?

Das wäre eine Diskussion.

Die bloße Mitteilung, in vielen Punkten stimme ich „sogar“, ist dagegen kein Argument. Sie ist ein Urteilsspruch ohne Begründung.

Und was ist mit meinem eigenen Wissen?

Nun könnte man mir natürlich vorwerfen, ich hielte mich selbst für einen jener allwissenden Experten, deren Urteil nicht angezweifelt werden dürfe.
Das tue ich nicht.

Ich maße mir nicht an, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Auch nach mehr als vierzig Jahren Tango kann ich mich irren.
Erfahrungen können falsch eingeordnet, Erinnerungen ungenau und Schlussfolgerungen fehlerhaft sein.

Genau deshalb veröffentliche ich meine Texte.
Damit stelle ich mein Wissen und meine Meinung öffentlich auf die Probe.
Jeder kann widersprechen. Jeder kann meine Argumente überprüfen, meine Quellen infrage stellen und auf Fehler hinweisen.
Ein veröffentlichter Text ist kein päpstliches Dekret, sondern ein Angebot zur Auseinandersetzung.
Ich bilde mir auch nicht ein, dass die oft geringe Zahl an Kommentaren Zustimmung bedeuten würde.
Schweigen ist kein Beifall.

Viele lesen einen Text, denken sich ihren Teil und gehen weiter. Andere haben keine Lust, öffentlich zu diskutieren. Wieder andere halten meine Gedanken vielleicht für Unsinn.
Auch das gehört dazu.

Allerdings stelle ich Kritiker mit ausführlich begründeten Texten vor eine gewisse Schwierigkeit:
Sie müssen konkret werden.

Wer eine These widerlegen möchte, sollte zeigen können, wo der Denkfehler liegt, welche Tatsachen nicht stimmen oder welche Schlussfolgerung nicht trägt. Das macht Arbeit.

Man muss genau lesen, Argumente voneinander unterscheiden und eine eigene Position nachvollziehbar begründen.
Ein bloßes „Sehe ich anders“ reicht dafür nicht.

Manche hält das nicht davon ab, sehr oberflächlich zu reagieren. Andere argumentieren überhaupt nicht, sondern weichen auf Nebenschauplätze aus, unterstellen Motive oder machen sich über einzelne Formulierungen lustig.

Statt die These anzugreifen, diskutieren sie über den Autor, seinen Ton, seine angebliche Eitelkeit oder ein Wort, das ihnen nicht gefällt.

Das ist natürlich leichter.

Wann ich von Unsinn spreche

Wenn ich bestimmte Aussagen als Unsinn bezeichne, dann nicht deshalb, weil sie mir einfach nicht gefallen.
Ich benutze dieses Wort dort, wo eine Behauptung mehrfach sachlich widerlegt wurde und trotzdem unverändert wiederholt wird.
Dann handelt es sich nicht mehr nur um eine andere Meinung.

Dann wird ein Einwand ignoriert, obwohl er bereits beantwortet wurde.

Natürlich kann auch eine Widerlegung fehlerhaft sein. Dann muss man zeigen, wo ihr Fehler liegt. Man kann neue Belege vorlegen, die Gegenargumente prüfen oder die ursprüngliche Behauptung genauer fassen.
Was nicht genügt, ist, die widerlegte Aussage einfach erneut aufzuschreiben, als hätte die vorherige Diskussion nie stattgefunden.

Wenn jemand immer wieder behauptet, zwei und zwei ergäben fünf, obwohl ihm mehrfach gezeigt wurde, weshalb das nicht stimmt, ist „andere Meinung“ irgendwann keine passende Beschreibung mehr.

Dann ist es schlicht Unsinn.
Das Wort bezeichnet dabei nicht die Person, sondern die Qualität einer konkreten Aussage.

Eine Behauptung wird nicht dadurch wieder richtig, dass man sie oft genug wiederholt.

Viel Widerspruch, wenig Widerlegung

Ich erlebe seit Längerem einen ausgesprochen hartnäckigen Widerspruch, bei dem jedoch selten die eigentlichen Argumente beantwortet werden.

Stattdessen folgen oft Nebelkerzen, Ablenkungsmanöver und künstlich eröffnete Nebenfronten.

Man zitiert einen Satz möglichst verkürzt, reagiert auf eine Behauptung, die gar nicht aufgestellt wurde, oder erklärt den ganzen Gegenstand zur Ideologie einer angeblichen Tango-Elite.

So entsteht der Eindruck einer Debatte, ohne dass die eigentliche Frage berührt wird.

Das ist ein übliches Verfahren.

Wer eine These nicht widerlegen kann, verschiebt die Diskussion so lange, bis über etwas anderes gesprochen wird.

Am Ende hat man viel Text produziert, einige Pointen gesetzt und dem Publikum das Gefühl vermittelt, es habe eine heftige Auseinandersetzung stattgefunden.

Nur das Argument fehlt.

Spott ersetzt kein Verständnis

Der erwähnte Artikel über die Umarmung arbeitet reichlich mit sexuellen Anspielungen, nackigen Schaubildern, müffelnden Hemdkragen, „Weiber anfassen“ und dem bekannten „Geronto-Stehschmusen“.

Das kann unterhaltsam sein, sofern man diese Art von Humor mag.
Es beantwortet aber keine der entscheidenden Fragen:
Warum empfinden viele Menschen die Umarmung als zentral? Welche körperlichen und kommunikativen Möglichkeiten entstehen darin? Weshalb erleben Tänzer Nähe nicht als Einschränkung, sondern als Grundlage von Bewegungsfreiheit? Und warum hat sich diese Form des Kontakts in großen Teilen der Tango-Gemeinschaft erhalten?

Man könnte darüber nachdenken.
Oder man nennt es eine heilige Kuh.
Ich verlange von niemandem, mir zuzustimmen.

Im Gegenteil: Widerspruch kann ausgesprochen nützlich sein. Er zwingt mich, meine eigenen Gedanken zu überprüfen, unklare Stellen genauer zu formulieren und möglicherweise Fehler zu korrigieren.

Aber Widerspruch allein ist noch kein Gegenargument.
Zustimmung ist noch kein Gütesiegel.
Und Spott ist noch keine Widerlegung.

Die bequeme Gleichmacherei

Das eigentliche Problem liegt tiefer als bei einer einzelnen Diskussion über die Umarmung.

Im Tango wird häufig fachliche Gleichheit behauptet, weil menschliche Gleichwertigkeit besteht.

Aber das sind zwei verschiedene Dinge.

Jeder Mensch besitzt denselben Wert. Doch nicht jeder verfügt auf jedem Gebiet über dieselben Kenntnisse, dieselbe Erfahrung oder dasselbe Können.

Wer diese Unterschiede benennt, errichtet damit keine gesellschaftliche Rangordnung.

Er beschreibt eine Realität.

Ein Anfänger kann kluge Beobachtungen machen. Ein Fachmann kann sich irren. Ein argentinischer Lehrer kann schlecht unterrichten, und ein deutscher Lehrer kann viel verstanden haben.

Herkunft, Titel und Dauer allein beweisen nichts.

Aber sie sind ebenso wenig bedeutungslos.

Entscheidend ist, ob jemand gelernt, geübt, beobachtet, verglichen, reflektiert und seine eigenen Annahmen immer wieder überprüft hat.

Tieferes Wissen zu verunglimpfen, weil es das eigene Urteil relativiert, ist keine Kritik an Eliten.

Es ist die Weigerung, Kompetenz anzuerkennen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb im Tango so viele Menschen bereits nach zwei Jahren glauben, den gesamten Tanz erklären zu können:
Sie kennen einige Antworten.
Aber noch nicht genügend Fragen.

2 thoughts on “Wenn Wissen und Erfahrung plötzlich elitär werden

    • Author gravatar

      Findest Du das nicht ein bisschen diskriminierend?
      Nur weil jemand noch nie in Buenos Aires war, noch nie ein Tango Festival, einen Marathon oder (Gott bewahre!) gar ein Encuentro besucht hat, sondern sein geballtes Halbwissen auf der YouTube Universität erworben hat, heißt das doch noch lange nicht, dass er uns seine fundamentalen Erkenntnisse über den Tango und die Tango Community vorenthalten sollte, oder?

      • Author gravatar

        Gegenfrage: Habe ich mich so ausgedrückt, dass sich jemand diskriminierend fühlen könnte? Und es heißt ja nicht, dass dieser jemand nichts mehr schreiben sollte, sondern seine Thesen mal auf gesunde Füße stellt.

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