
Verstehen wir den Tango eigentlich?
Wir Tango-Tänzerinnen und Tango-Tänzer hier in Deutschland und in den umliegenden Ländern wachsen nicht mit dem Tango auf. Jedenfalls nicht so, wie Menschen in Buenos Aires mit ihm aufwachsen können.
Wir bringen unsere eigenen Kulturen mit. Unsere regionalen Bewegungs-Codes. Unsere Vorstellungen von Nähe. Unsere Erfahrungen mit Körperkontakt. Unsere Hemmungen. Unsere Art, miteinander umzugehen. Auch unsere Vorstellungen davon, was zwischen Männern und Frauen möglich, angenehm, peinlich oder selbstverständlich ist.
Und dann kommt dieser Tanz.
Ein Tanz aus einer anderen Kultur. Entstanden aus einem Gemisch von Einwanderern, Einheimischen, Gauchos, Indios, afrikanischen Einflüssen, sozialen Spannungen, Armut, Sehnsucht, Stolz, Melancholie und Musik. Ein Tanz, der nicht einfach nur aus Schritten besteht.
In Buenos Aires ist der Tango bis heute lebendig. Sicher nicht mehr so wie in den vierziger Jahren. Aber er ist dort nicht nur ein Hobby, das man einmal pro Woche in einer Tanzschule lernt. In vielen Familien gibt es noch irgendeine Person, die Tango tanzt, Tango hört, Tango spielt oder wenigstens mit ihm aufgewachsen ist.
Und vor allem: Sie verstehen die Sprache.
Sie verstehen die Texte. Sie hören nicht nur Bandoneon, Geige und Klavier. Sie hören Geschichten. Ironie. Trauer. Zärtlichkeit. Spott. Enttäuschung. Straßenleben. Männerposen. Frauenbilder. Verlust. Erinnerung.
Für viele von uns bleibt diese Ebene stumm. Nicht, weil wir nichts fühlen. Sondern weil uns ein großer Teil des Materials gar nicht direkt zugänglich ist. Wir hören die Musik, aber wir verstehen oft nicht, was gesungen wird. Wir tanzen auf eine Kultur, deren Sprache wir meistens nicht sprechen.
Das sollte einen wenigstens ein bisschen vorsichtig machen.
Hier lernen wir Tango meist in Tangoschulen. Einmal in der Woche. Wenn es einen richtig packt, auch öfter. Man übt, man fährt auf Workshops, man geht tanzen, man wird süchtig. Oder man hört wieder auf, weil es zu kompliziert ist, zu eng, zu schwierig, zu anstrengend.
Und irgendwann entsteht hier eine Szene mit eigenen Gewohnheiten, eigenen Reizthemen und eigenen Spaltungen.
Manche mögen die Musik der Época de Oro nicht besonders. Andere halten fast nur sie für tanzbar. Manche wollen lieber Neo, Non, Elektro, Fusion oder irgendetwas dazwischen. In Buenos Aires scheint die klassische Tangomusik dagegen viel selbstverständlicher akzeptiert zu sein. Nicht als Museum, sondern als Grundsprache.
Wir tanzen hier anders.
Oft technischer. Oft kopflastiger. Oft theoretischer. Wir schreiben darüber, analysieren, definieren, ordnen ein, streiten über Begriffe und Konzepte. Dagegen wird Tango dort vermutlich stärker sinnlich erfahren. Nicht unbedingt besser getanzt von jedem Einzelnen, das ist gar nicht der Punkt. Aber anders verankert.
Wir reden hier viel über Gefühle.
Nur weiß man manchmal nicht genau, welche Gefühle eigentlich gemeint sind. Und ob wir sie wirklich aus dem Tango beziehen – oder ob wir sie dem Tango überstülpen.
Vielleicht ist das überhaupt ein zentraler Punkt: Wir drücken dem Tango unsere Persönlichkeit auf.
Der eine macht daraus Technik. Der andere Gefühl. Der nächste Weltanschauung. Wieder ein anderer Befreiung, Nostalgie, Erotik, Sport, Esoterik, Therapie oder Bühnenkunst. Und dann streiten wir uns über Tango, obwohl wir in Wahrheit oft über uns selbst reden.
Ich merke das auch an mir.
Wenn ich meine eigenen Texte über Tango lese, bekomme ich manchmal eine merkwürdige Distanz zu diesem Tanz. Ich schreibe viel über Unterricht, Lernen, Technik, Musik, Navigation, Führung, Struktur. Das ist alles nicht falsch. Im Unterricht interessiert mich tatsächlich vor allem die Frage: Wie kann ich diesen Tanz vermitteln? Wie kann ich ihn verständlich machen? Wie kann ich vermeiden, dass Anfänger in einem Nebel aus Gefühlen, Begriffen und Figuren verloren gehen?
Aber Tango ist nicht nur Vermittlung.
Und Tango ist auch nicht nur Technik.
Das wäre eine Verarmung.
Gefühle kann man nicht unterrichten. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen etwas entdecken können. Man kann die Musik erklären, Bewegungen ordnen, Zusammenhänge zeigen, Fehler korrigieren, Missverständnisse ausräumen. Aber was jemand in diesem Tanz erlebt, muss er selbst herausfinden.
Vielleicht ist meine Sicht auf Tango deshalb manchmal zu sehr die eines Lehrers. Ich schaue darauf, wie etwas funktioniert. Wie es aufgebaut ist. Wie es vermittelt werden kann. Wie man unnötige Umwege vermeidet.
Das ist meine Stärke.
Aber vielleicht auch meine Begrenzung.
Ich verstehe Tango nicht so, wie er in Buenos Aires verstanden wird. Das kann ich auch gar nicht. Ich bin nicht dort aufgewachsen, spreche die Sprache nicht wie ein Porteño, habe die Musik nicht als Familienerinnerung im Ohr.
Aber ich bemühe mich wenigstens.
Für mich ist Tango nicht nur ein Tanz, den man nachahmt. Er ist ein Tanz, an dem man etwas verstehen kann: über Musik, über Nähe, über Kommunikation, über Rollen, über Kultur, über Missverständnisse – und auch über sich selbst.
Vielleicht streite ich mich deshalb so heftig mit anderen über Tango. Weil es dabei selten nur um Schritte geht. Es geht um Auffassungen. Um Temperamente. Um Eitelkeiten. Um Erfahrung. Um Halbwissen. Um Sehnsüchte. Um die Frage, wer eigentlich das Recht hat, etwas über diesen Tanz zu sagen.
Und manchmal reden zwei Menschen gar nicht über denselben Tango.
Der eine meint den Tanzsaal in Buenos Aires. Der andere meint seine deutsche Tangoschule. Der eine meint Musikgeschichte. Der andere meint Bewegungsfreiheit. Der eine meint Gefühl. Der andere meint Handwerk. Der eine meint Kultur. Der andere meint sein persönliches Erlebnis.
Und jeder glaubt, er spreche über Tango. Vielleicht wäre ein wenig Demut gar nicht schlecht. Nicht als Unterwerfung unter irgendeine angeblich reine Lehre. Nicht als Buenos-Aires-Kitsch. Nicht als Folklore-Andacht.
Sondern als einfache Einsicht: Wir haben den Tango nicht erfunden.
Wir haben ihn übernommen, gelernt, verändert, missverstanden, geliebt, verteidigt, benutzt und manchmal auch verbogen. Das macht ihn nicht wertlos. Im Gegenteil. Es zeigt, wie stark dieser Tanz ist. Aber es sollte uns davor bewahren, so zu tun, als hätten wir ihn endgültig verstanden.
Ich jedenfalls habe ihn nicht endgültig verstanden.
Aber ich lerne noch.
Tango lügt nicht
Ich habe über vierzig Jahre mit diesem Tanz zu tun. Tango bestimmte mein Leben. Nicht als Freizeitbeschäftigung nebenbei, sondern als Mittelpunkt. Unterricht, Musik, Reisen, Menschen, Diskussionen, Irrtümer, Entdeckungen, Enttäuschungen.
Heute habe ich zu vielen Dingen etwas mehr Abstand. Ich nehme den Tango nicht mehr ganz so wichtig wie früher. Das heißt aber nicht, dass er mich nicht mehr beschäftigt.
Ich analysiere immer noch. Ich lese, übersetze und sortiere Tango-Texte nach Themen und Entstehungszeit. Ich beschäftige mich mit historischen Schriften, mit alten Filmaufnahmen, von denen es inzwischen kaum noch wirklich unbekannte gibt. Ich studiere Tanzpaare, ihre Eigenheiten, ihre Vorlieben, ihre musikalischen Entscheidungen.
Aber eigentlich beobachte ich dabei immer wieder ein paar große Unterschiede.
Man sieht in Buenos Aires viele Persönlichkeiten. Unterschiedliche Körper. Unterschiedliche Stile. Unterschiedliche Figuren. Unterschiedliche Temperamente. Aber oft auf einem sehr hohen Niveau. Fast immer in einer Umarmung. Und sehr musikalisch.
Und sie malen.
Damit meine ich: Sie tanzen keine Tapetenmuster ab. Sie setzen nicht Figur an Figur, als würde man eine Rolle Musterpapier über den Boden ziehen. Sie planen jeden Schritt neu. Nicht theoretisch im Kopf, sondern im Moment, in der Musik, im Körper, in der Verbindung.
Wie in einem Gemälde. Und kein gutes Gemälde ist einfach nur eine Kopie.
Dieses Wunder wird bei uns oft missverstanden. Dann heißt es: Die tanzen eben frei. Die machen einfach. Die brauchen keinen Bauplan.
Nein. So einfach ist es nicht.
Diese Freiheit funktioniert nur, wenn man die Möglichkeiten des eigenen Körpers und die Möglichkeiten des Partners wirklich spürt. Wenn man merkt, wo Gewicht ist, wo Spannung entsteht, wo Raum frei wird, wo etwas möglich ist und wo nicht.
Tango lügt nicht.
Man kann eine Umarmung nachahmen. Man kann die äußere Form kopieren. Man kann eng stehen, ernst gucken, langsam gehen und glauben, jetzt habe man den eigentlichen Tango gefunden.
Aber die Frage ist nicht, ob die Umarmung nach Tango aussieht. Die Frage ist, ob sie etwas kann. Ob sie informiert. Ob sie zuhört. Ob sie trägt. Ob sie reagiert. Ob sie beide Körper miteinander verbindet, ohne einen davon zu überfahren.
In Europa kopieren wir Tango häufig nach Äußerlichkeiten. Haltung, Schrittformen, Figuren, Stile, manchmal sogar Mimik. Aber nicht immer nach seinem eigentlichen Kriterium. Und dieses Kriterium ist Verbindung.
Nicht als schönes Wort für Werbetexte. Nicht als romantischer Nebel. Sondern ganz konkret: Spüre ich den anderen Menschen? Kann ich mit ihm tanzen, ohne ihn zu benutzen? Kann ich eine Bewegung vorschlagen, ohne sie zu erzwingen? Kann ich auf eine Antwort reagieren, die nicht genauso ausfällt, wie ich sie erwartet habe? Deshalb ist Führung eigentlich kein besonders gutes Wort.
Führung klingt nach Richtung, Kontrolle, Kommando. Nach einem, der weiß, wo es langgeht, und einem anderen, der folgt. Im Tango ist gute Führung etwas anderes. Sie ist intensivste Einfühlung. Sensibilität. Wachheit. Sie beginnt nicht damit, dass ich etwas will. Sie beginnt damit, dass ich spüre, was möglich ist.
Nur wer spürt, kann führen. Alles andere ist Schieben, Ziehen, Drücken oder Behaupten.
Und genau da trennt sich für mich oft die äußere Kopie vom eigentlichen Tango. Man kann Figuren lernen, Sequenzen üben, Videos nachtanzen, historische Stile imitieren. Das alles ist nicht falsch. Aber ohne diese Verbindung bleibt es Oberfläche.
Dann sieht es vielleicht nach Tango aus.
Aber es malt nicht.
Eine persönliche Anmerkung
Ich habe diesen Text nicht geschrieben, um Tango-Kitsch zu verbreiten.
Sondern weil ich etwas nachholen wollte, was ich eigentlich schon zur Eröffnung dieses Blogs hätte schreiben sollen: ein Bekenntnis zum Tango. Zu meinem Tango. Zu meinem Verständnis dieses Tanzes.
Nicht direkt als Tango-Techniker. Der bin ich zwar als Lehrer, manchmal vielleicht etwas zu leidenschaftlich. Aber als Tänzer bin ich das nicht unbedingt. Jedenfalls nicht immer. Manchmal schleicht sich der Lehrer auch in meinen eigenen Tanzstil ein. Dann merke ich: Ich muss wieder mehr tanzen.
Mir ist klar, dass manches in diesem Text vielleicht pathetisch klingen kann. Vielleicht auch klischeehaft. Große Worte über Umarmung, Verbindung, Musik und Gefühl sind im Tango schnell verdächtig. Man hat sie schon zu oft gehört, oft auch schlecht benutzt.
Aber darum geht es mir nicht.
Ich habe bisher sehr viel über Tango geschrieben: über Unterricht, Technik, Musik, Navigation, Missverständnisse, Szenen, Begriffe, Irrtümer und manchmal auch über die Eitelkeiten, die dieser Tanz hervorbringt.
Vielleicht habe ich auch deshalb so oft darüber geschrieben, weil mir etwas am Tango nicht gefällt: wenn er missbraucht wird.
Ich weiß, ich muss diesen Tanz nicht beschützen. Tango braucht keinen Vormund, schon gar nicht mich. Er hat weit mehr überstanden als europäische Szenedebatten, Bloggerstreitigkeiten und pädagogische Eitelkeiten.
Aber manchmal möchte ich trotzdem verhindern, dass allzu viel mit ihm gemacht wird. Nicht, weil Tango sich nicht verändern dürfte. Natürlich verändert er sich. Hier in Europa ist er von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, manchmal sogar von Milonga zu Milonga etwas anderes.
Das ist nicht das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo Menschen den Tango so lange umbauen, bis er in ihr eigenes Bild passt. Bis aus einem gewachsenen Tanz nur noch eine Projektionsfläche wird. Für Ideologien, für Selbstdarstellung, für Beliebigkeit, für persönliche Vorlieben, die dann plötzlich als „neuer Tango“ verkauft werden.
Dagegen habe ich mich oft gewehrt. Vielleicht manchmal zu heftig. Aber nicht, weil ich glaube, im Besitz des Tangos zu sein. Sondern weil ich nicht möchte, dass man seine eigentlichen Kriterien einfach ausradiert: Musik, Verbindung, Umarmung, Dialog, Respekt vor dem anderen Körper und vor dem Raum.
Ohne das kann vieles entstehen.
Aber nicht alles davon ist noch Tango.
Gerade deshalb habe ich vielleicht selten darüber geschrieben, was mich eigentlich mit diesem Tanz verbindet. Über das, was unter der Kritik liegt. Unter der Technik. Unter den Begriffen. Unter den vielen Debatten.
Nach über vierzig Jahren war das vielleicht einmal nötig.
Nicht als Schwärmerei. Nicht als Andacht. Nicht als Buenos-Aires-Romantik. Sondern als Versuch, meine eigene Nähe zu diesem Tanz zu beschreiben.
Vielleicht ist das mein ehrlichster Text über Tango, weil er nicht nur erklärt, was ich denke, sondern zeigt, warum mich dieser Tanz überhaupt so lange beschäftigt hat.
Das musste einmal sein.