Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 53. Teil

Warum Unterricht ohne Vorgaben nicht funktioniert

Es gibt eine Unterrichtsidee, die im Tango immer wieder auftaucht und zunächst sehr sympathisch klingt: Man gibt den Schülern keine festen Vorgaben, keine klaren Formen, keine präzisen technischen Aufgaben, sondern lässt sie experimentieren. Sie sollen ihre Bewegung selbst entdecken, ihren eigenen Körper befragen, ihre eigene Lösung finden. Der Lehrer wird dann weniger als jemand verstanden, der etwas erklärt, sondern eher als Begleiter eines offenen Suchprozesses.

Das klingt frei. Es klingt modern. Es klingt künstlerisch. Und es klingt natürlich wesentlich sympathischer als ein Unterricht, in dem Schüler lediglich Figuren nachbauen, ohne zu verstehen, was sie tun.

Trotzdem halte ich diese Idee, jedenfalls als Grundprinzip für Anfängerunterricht, für falsch.

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 52. Teil

Die Rosinen in der Tango-Szene

In der Tango-Szene gibt es seit Jahren eine Tendenz, die ich problematisch finde: Viele Angebote richten sich bevorzugt an jene Tänzerinnen und Tänzer, die schon eine gewisse Vorausbildung besitzen. Das ist bequem, denn diese Menschen können bereits stehen, gehen, führen, folgen, die Musik halbwegs einordnen und müssen nicht mehr bei null abgeholt werden. Mit ihnen lässt sich schneller etwas Vorzeigbares machen. Man kann komplexere Figuren anbieten, schöne Workshop-Titel formulieren und mit Dingen werben, die nach Fortschritt, Raffinesse und besonderem Können klingen.

Der mühsame Weg über Anfängerunterricht ist dagegen steinig. Anfängerunterricht bedeutet, immer wieder ganz von vorne zu beginnen. Es bedeutet, Menschen zu erklären, dass Tango nicht aus Schrittkombinationen besteht, dass eine Umarmung kein Griff ist, dass Führen nichts mit Schieben zu tun hat und Folgen nicht bedeutet, brav zu erraten, was der andere gerade vorhat. Man muss Balance, Körpertonus, Gehen, Raumgefühl, musikalische Orientierung und soziale Rücksichtnahme unterrichten, bevor überhaupt an größere Figuren zu denken ist. Das ist pädagogisch anspruchsvoll, aber es sieht auf einem Flyer weniger beeindruckend aus.

Darum greift man gern nach den Rosinen. Man nimmt lieber jene, die schon vorbereitet sind, und setzt ihnen weitere Accessoires oben drauf: hier eine Alteration, dort eine Sacada, etwas Dynamik, ein überraschender Richtungswechsel, vielleicht noch eine Verzierung, damit es nach mehr aussieht. An solchen Dingen ist nichts Verwerfliches, solange sie in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Spaß, Spielerei und tänzerische Fantasie gehören zum Tango. Aber wenn diese Accessoires zum eigentlichen Geschäftsmodell werden, beginnt das Problem. Dann wird nicht mehr ausgebildet, sondern fortlaufend Appetit erzeugt.

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

Ich bin beim Lesen auf einem anderen Blog auf einen Tangolehrer gestoßen, den ich schon aus einem anderen Zusammenhang zumindest in Videos wahrgenommen hatte. Er nennt sich Miles und betreibt eine umfangreiche Webseite über Tango-Unterricht. In einigen seiner Videos demonstriert er typische Fehler von Tänzern. Teilweise empfand ich diese Art der Darstellung als überheblich, weil sie für mich weniger nach Erklärung als nach Nachäffen aussah.

Aber darum soll es hier nicht in erster Linie gehen.

Ich möchte Miles nicht persönlich angreifen. Er dient mir in diesem Artikel eher als Beispiel für eine Falle, in die Tangolehrer geraten können. Und ich sage ausdrücklich: in die auch ich früher geraten bin. Diese Falle heißt Selbstgewissheit.

Über Kleidung in Milongas

Über Kleidung in Milongas

oder Freiheit und Ästhetik Da ich nun ein heikles Thema ansprechen werde, ist es mir schon in dieser Einleitung wichtig zu betonen, dass ich hier eine Meinung vertrete und keinen Tango-Kleidungs-Knigge schreiben möchte. Jede und jeder Tango-Tänzer zieht sich ohnehin so an, wie es ihm selbst gefällt, anderen gefällt oder wie man meint, dass es anderen gefallen könnte. Ich habe im Laufe der Jahre schon die skurrilsten Modevorschläge gesehen: vom Survival-Look bei Männern, bei dem der Gürtel mit allerlei Werkzeugen […]

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 50.Teil

Zwischen Ausprobieren und Zielvorgabe: Warum Tango-Unterricht mehr braucht als bloße Selbsterfahrung

Ein alter Streit über Methodik

Über Tango-Unterricht, genauer gesagt über seine Methodik, wird immer wieder gestritten. Soll der Unterrichtsstoff eher durch Probieren und Experimentieren vermittelt werden, also nach dem Prinzip „Try and Error“? Oder durch klare Zielvorgaben nach dem Prinzip „vor- und nachmachen“? Schon diese Gegenüberstellung ist allerdings schief. Denn in Wahrheit geht es gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein sinnvolles Sowohl-als-auch. Als Kombination ist beides vermutlich am wirksamsten.

Ich kenne diese Diskussion nicht nur theoretisch. Ich habe einen alten Tango-Freund, der stark nach dem ersten Prinzip arbeitet, weil er als ausgebildeter Alexander-Technik-Lehrer aus der Bewegungsschulung kommt. Dort spielen Wahrnehmung, Erfahrung und das eigene Erforschen von Bewegung naturgemäß eine große Rolle. Das ist nachvollziehbar und keineswegs falsch. Denn niemand lernt Bewegung wirklich, indem er bloß äußere Formen kopiert. Was nicht im eigenen Körper angekommen ist, bleibt Nachahmung.

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Wenn Bewegung sich von der Musik abkoppelt

Über musikalische Interpretation im Tango – zwischen Anspruch und Trugschluss

Neulich bin ich über ein Video gestolpert, das beweisen sollte, dass man zu Astor Piazzolla problemlos tanzen kann. Nicht als Beispiel, sondern als Argument.

Und genau dieses Argument geht für mich nicht auf.

Dass ich es hier mit einem Amateur-Paar zu tun habe, ist offensichtlich. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wer sich öffentlich zeigt, darf das – und muss nicht perfekt sein. Aber es handelt sich hier um eine Demonstration und auf einer normalen Tanzfläche ist so etwas kaum möglich. Insofern kritisiere ich hier eine Darbietung von Tango, bei der man auch höhere Maßstäbe ansetzen sollte als bei einem Tanz in einer Milonga. 

Ich sage es trotzdem direkt: Das überzeugt mich weder musikalisch noch technisch.

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Das Smartphone als Krücke – oder warum wir uns das Lernen selbst kaputtfilmen

Man kennt das Bild: Ein Konzert, eine Show, ein besonderer Moment – und statt Gesichter sieht man eine Wand aus hochgereckten Smartphones. Das Ereignis wird nicht mehr erlebt, sondern dokumentiert. Nicht für jetzt, sondern für später. Oder genauer: für ein „später“, das in der Regel nie eintritt. Besonders absurd wird das bei Reisegruppen, die Sehenswürdigkeiten fast ausschließlich durch ihre Displays betrachten. Sie stehen vor etwas Einzigartigem – und sehen es nicht. Sie produzieren Material für die Zukunft, während sie die […]

Über Erotik im Tango

Über Erotik im Tango

Warum die Szene sich vor einem offensichtlichen Thema drückt

In letzter Zeit wird in verschiedenen Foren wieder verstärkt über ein Thema diskutiert, das in der Tango-Szene lange eher vermieden wurde: Nähe, Übergriffigkeit – und eben auch Erotik im Tango.

Auffällig ist dabei eine Schieflage. Über Übergriffigkeit wird sofort und zu Recht gesprochen, sobald Grenzen verletzt werden. Über die andere Seite – die sinnliche, vielleicht auch erotische Dimension dieses Tanzes – dagegen herrscht auffällige Zurückhaltung. Als müsste man sich dafür rechtfertigen oder sie gleich ganz leugnen.

Dabei ist der Ausgangspunkt banal: Tango wird in enger Umarmung getanzt. Zwei Menschen teilen für mehrere Minuten einen Raum, der im normalen sozialen Umgang so nicht existiert. Diese Nähe ist nicht neutral. Sie ist körperlich, sie ist spürbar, und sie ist intensiv.

Und genau hier beginnt der Widerspruch.

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Die Sache mit der Perfektion – und was daraus gemacht wird

Im Tango-Netzwerk tauchen immer wieder Texte auf, die erstaunlich schnell ihre Kreise ziehen.So auch diesmal. Ausgangspunkt war ein Beitrag, der offenbar sogar Rafael Busch – sonst eher für tägliche Vortanzvideos bekannt – dazu gebracht hat, diesen Text zu kommentieren. Der Ursprung liegt bei Marianne Jost, die ihre Erfahrungen aus Tanz, Coaching und Beziehungsarbeit zusammenführt und sich zum Thema „Perfektion“ äußert. Der Text ist schnell erzählt, eingängig formuliert und trifft einen Nerv: „Niemand verliebt sich in Perfektion……hör auf, perfekt sein zu […]

Das trügerische Optimum

Das trügerische Optimum

– oder: Wie sich Tango wirklich anfühlt

Wer über Tango spricht, landet fast automatisch bei Figuren, Technik oder Musik. Das ist alles nicht falsch, aber es bleibt an der Oberfläche. Der eigentliche Maßstab liegt tiefer, im körperlichen Empfinden. In diesem unmittelbaren, oft schwer zu beschreibenden Gefühl, das entsteht, wenn zwei Menschen sich bewegen und dabei miteinander in Kontakt stehen. Dort entscheidet sich, ob etwas wirklich funktioniert oder nur irgendwie zusammengebaut wirkt. Dort merkt man, ob etwas trägt oder ob es gehalten werden muss.

Und das Interessante ist: Dieses Empfinden ist von Anfang an da.

Zwischen Vielfalt und Reduktion

Zwischen Vielfalt und Reduktion

Eine Frage des Anspruchs im Tango

Ausgangspunkt dieses Beitrags war ein Gespräch mit einem Kollegen, der wie ich seit vielen Jahren unterrichtet. Es ging zunächst um Lehrkonzepte, um die Frage, wie man heute Anfänger sinnvoll aufbaut, was sich verbessert hat und wo die Probleme liegen. Und relativ schnell standen wir an einem Punkt, der zunächst unscheinbar wirkt, aber weitreichende Konsequenzen hat: Die Konzepte sind besser geworden, das Niveau nicht unbedingt. Oder genauer gesagt: Es hat sich nicht in der Breite in dem Maße entwickelt, wie man es erwarten könnte.

Je länger wir darüber sprachen, desto deutlicher wurde, dass die Frage nach „besser“ oder „schlechter“ eigentlich zu kurz greift. Denn was sich verändert hat, ist weniger das Niveau als die Zielrichtung. Der Tango hat sich nicht einfach entwickelt, sondern ausdifferenziert – und zwar in zwei Richtungen, die sich nur bedingt miteinander vereinbaren lassen.
Übereinstimmend konnten wir aber feststellen, dass im Bereich der räumlichen Begrenzung einer Ronda zu wenig in Richtung tänzerischer und musikalischer Vielfalt im Unterricht getan wird.

Über Satiriker und solche, die es gern wären

Über Satiriker und solche, die es gern wären

Ist satirische Souveränität echte Stärke – oder nur gut gespielte Unangreifbarkeit?

Wir werden durch die Medien permanent mit Comedians und selbsternannten Satirikern konfrontiert. Für manche sind Formate wie extra 3, die heute-show oder ähnliche Sendungen längst zu einer Art wöchentlicher Grundversorgung geworden – eine Mischung aus Information und emotionaler Entlastung, die den Nachrichtenfrust wenigstens für einen Moment erträglicher macht.

Andere wiederum nutzen das Etikett „Satire“, um sich regelmäßig und öffentlich ihren Frust von der Seele zu reden – zugespitzt, pointiert, oft mit dem Anspruch auf besondere geistige Schärfe. Je nach Perspektive gelten sie dann als „genial“ oder schlicht als „arrogant“. Sicher ist: Nicht wenige verfolgen dabei sehr konkrete Interessen – Aufmerksamkeit, Einfluss, nicht zuletzt auch Geld.

Gedanken über Tango Unterricht | 49. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 49. Teil

Funktion und Ästhetik im Tango

Zwei Sichtweisen auf Ästhetik:

Wenn man über Ästhetik im Tango spricht, landet man sehr schnell in einem grundlegenden Missverständnis. Denn es gibt zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen darauf, was Ästhetik überhaupt ist. Die eine orientiert sich an äußeren Kriterien wie Anmut, Eleganz, Ausdruck und schönen Linien. Das ist das Bild, das viele im Kopf haben, oft geprägt durch Bühnenauftritte und visuelle Vorbilder. Die andere Sichtweise ist deutlich radikaler: Sie versteht Ästhetik nicht als Ziel, sondern als Ergebnis funktionaler Bewegung.

Der Unterschied ist entscheidend. Wer tänzerische Ästhetik erreichen will, orientiert sich oft an Bildern: So sollte es aussehen, so sieht ein schöner Schritt aus, so wirkt es elegant. Der Körper beginnt dann, diesen Bildern zu folgen und nicht mehr der Funktion der Bewegung. Die Folge ist fast immer dieselbe: Bewegungen wirken gewollt. Und genau an diesem Punkt kippt Ästhetik.

Wie sich Paartänze auf der Tanzfläche organisierten

Wie sich Paartänze auf der Tanzfläche organisierten

Von Quadrille, Walzer und Polka bis Tango, Swing und Salsa

Es könnte in den letzten zwanzig Jahren – und teilweise bis heute – der Eindruck entstanden sein, dass die Ronda eine synthetische Erfindung besonders sadistischer Regel-Fanatiker sei, eingeführt mit dem einzigen Zweck, Freestylern das freie Tanzen zu vermiesen.

Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Tango-Szene zu Beginn des Tango-Revivals in den 1990er Jahren eine recht bunte Truppe war. Viele der damaligen Tänzerinnen und Tänzer nahmen es mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf der Tanzfläche nicht allzu genau. Die wenigsten waren geübte Tänzer auf vollen Tanzpisten.

Aber selbst unter Turnier-Standardtänzern war diese Form der Tanzflächenorganisation in Deutschland lange Zeit nicht besonders bewusst. Ganz anders sah das auf offenen Turnieren in England aus. Dort gehörte eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme auf der Tanzfläche schon lange viel stärker zum Selbstverständnis. Das verweist auf einen Punkt, der im Tango gern vergessen wird: Die Organisation einer Tanzfläche ist kein Tango-Spezialfall, sondern ein Grundproblem aller Gesellschaftspaartänze, sobald mehrere Paare gleichzeitig denselben Raum benutzen.

Sobald viele Paare gleichzeitig tanzen, entsteht zwangsläufig eine Art Verkehrssystem. Die Frage ist dann nicht mehr, obes Regeln gibt, sondern welche Art von Regeln sich aus dem jeweiligen Tanz ergeben. Und genau da wird es historisch interessant. Denn nicht alle Paartänze haben dieses Problem auf dieselbe Weise gelöst.

Gedanken über Tango Unterricht | 48. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 48. Teil

Wenn der Führende seine eigenen Schritte tanzt

Ein Phänomen, das im Tango Argentino erstaunlich lange unbemerkt bleiben kann, ist die Konzentration des Führenden auf seine eigenen Schritte. In diesem Zustand tanzt er im Grunde ein inneres Bewegungsprogramm ab: vorwärts, seitwärts, Drehung, vielleicht eine einstudierte Figur. Technisch funktioniert der Ablauf zwar, doch etwas Entscheidendes fehlt: Die Aufmerksamkeit liegt nicht mehr auf der Partnerin, sondern auf der eigenen internen „Choreografie“.

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