Gedanken über Tango Unterricht | 62. Teil

>Improvisation im Tango beginnt mit Ordnung


Warum Anfänger klare Anleitungen brauchen – und Freiheit im Tango erst dann entsteht, wenn man etwas hat, worüber man entscheiden kann
Aus Anlass eines Blogs, der freies Lernen durch bloßes Ausprobieren propagiert, möchte ich dieses Märchen ein letztes Mal widerlegen. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen freies Lernen hätte. Im Gegenteil: Ich würde mich freuen – ja, wirklich freuen –, wenn dieses Konzept beim Tango zuverlässig funktionieren würde.

Nur warte ich bis heute auf belastbare Belege dafür. Eine kühne Behauptung wird schließlich nicht dadurch wahr, dass man sie oft genug wiederholt. Behaupten kann jeder, was ihm gerade einfällt. Interessant wird es erst dort, wo jemand zeigen kann, dass ein solcher Ansatz Anfänger tatsächlich zu einem funktionierenden gemeinsamen Tanz führt.

Gedanken über Tango Unterricht | 61. Teil

Der Schritt ist die Entscheidung

Warum sieht Tangogehen bei guten Tänzern so einfach aus?

Das Gehen im Tango wird oft als eine der schwierigsten Bewegungen überhaupt empfunden. Man übt und feilt jahrelang daran, und trotzdem sieht es manchmal noch ganz anders aus als bei wirklich guten Tänzerinnen und Tänzern. Bei ihnen scheint jeder Schritt genau dort zu landen, wo er hingehört. Da rutscht nichts nach, da wird nicht herumgeschlurft, und trotzdem wirkt die Bewegung weder steif noch angestrengt. Der Gang sieht federnd und kompakt aus, leicht und zugleich geerdet, kontrolliert und trotzdem locker und lässig.

Eigentlich müsste man dem Gehen deshalb im Training viel mehr Aufmerksamkeit schenken. Schließlich ist der modellierte Gang eines der wichtigsten musikalischen Ausdruckswerkzeuge, die wir beim Tango haben. Unsere Hände sind im Paartanz weitgehend mit anderen Aufgaben beschäftigt, also müssen Füße, Beine und Körper ausdrücken, was wir in der Musik hören. Trotzdem wird gerade das Gehen außerhalb des Unterrichts erstaunlich wenig geübt.

Dabei kennt fast jeder den Satz:
Wer gut geht, tanzt gut Tango.

Lesetip: Übungen zur Stärkung der Füße für Tango

Ich habe bei Feedspot einen interessanten Beitrag gefunden, den ich hier empfehlen möchte. Es geht darum, was starke, reaktionsfähige Füße beim Tanzen bewirken. Nämlich … weichere Pivots bessere Balance stabileres Gehen weniger Spannung im restlichen Körper Wie es dort schön heißt: „Im Tango beginnt alles am Boden.“ Leider habe ich den Namen des Autors nicht herausfinden können. Der Beitrag stammt aber von der Münchner Tangoschule „TANGO FLOW“.

Wie weit kann sich Tango überhaupt entwickeln?

Warum der soziale Tango vielleicht nicht stagniert, sondern nur anders wächst, als man es von außen sieht

Ich hatte in meinem Beitrag über eine mögliche zweite Época de Oro geschrieben, dass sich der Tango tänzerisch weiterentwickelt habe. Das stimmt auch, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss man unterscheiden, wo diese Entwicklung eigentlich stattfindet und was wir unter Weiterentwicklung überhaupt verstehen. Sichtbar ist sie vor allem in der Profi-Szene, auf Bühnen und bei Wettbewerben. Dort sieht man eine technische Qualität, Bewegungsvielfalt und Körperbeherrschung, die weit über das hinausgeht, was vor einigen Jahrzehnten üblich war.

Auf normalen Milongas sieht man davon erstaunlich wenig. Genau da beginnt aber das Problem. Vielleicht erwarten wir von einem Gesellschaftstanz eine Form von Entwicklung, die unter seinen realen Bedingungen gar nicht dauerhaft möglich ist. Und vielleicht übersehen wir gleichzeitig eine andere Entwicklung, die längst stattfindet, weil sie weniger spektakulär und von außen kaum sichtbar ist.

Über Musikgeschmack lässt sich nicht herrschen

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, wie viel Energie man damit vergeuden kann, sich mit Menschen, Texten und Debatten zu beschäftigen, die einen ärgern. Man liest, widerspricht, erklärt und verteidigt sich – und am Ende bleibt vor allem Erschöpfung. Gleichzeitig habe ich die Musik wiederentdeckt. Nicht nur den Tango, sondern vor allem die Oper und die klassische Musik: Liszt, Tschaikowski, Grieg, Dvořák, Beethoven. Musik, die eine andere Welt öffnet, eine Welt der Konzentration, der Empfindung, der Größe und manchmal auch des Trostes.

Gerade in einer Zeit, in der Krieg, Machtgier und Zerstörung wieder so viel Raum einnehmen, wirkt diese Musik wie eine Gegenbewegung. Nicht, weil Musik Kriege verhindern könnte. Sie macht Menschen auch nicht automatisch besser, schließlich gingen selbst Diktatoren in die Oper. Aber sie erinnert daran, wozu Menschen ebenfalls fähig sind: zu Schönheit, Zusammenarbeit, Disziplin, Fantasie und etwas, das weit über den Augenblick hinausreicht.
Jeder Tyrann kann eine Stadt zerstören. Keiner von ihnen könnte eine Beethoven-Sinfonie schreiben.

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