
Vielleicht übt er ja mit euch!
Einen besonders absurden Vorschlag machte Gerhard Riedl wieder einmal in seiner Reihe „Was Ihnen Ihr Tangolehrer leider nicht erzählt“. Diese Artikelserie ist bekanntlich der Versuch, der gesamten Tango-Schülerschaft – oder denen, die es noch werden wollen – zu erklären, was sie im Unterricht besser nicht glauben sollten, wo sie ihren Lehrern widersprechen müssen und warum sie die Tangoschule eigentlich am besten gleich verlassen. Denn dort lernt man ja ohnehin nichts. Die Tanzlehrer sind vermutlich hauptsächlich geldgierige Ausbeuter, haben am Unterrichten sowieso keinen besonderen Spaß und sind ständig mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Zum Beispiel damit, auf Milongas gelangweilt herumzusitzen oder Eintritts- und Unterrichtsgelder zu verwalten. Die bisherigen Tanzschüler haben offenbar ebenfalls wenig davon gehabt und können größtenteils nicht tanzen. Gut, dass es Herrn Riedl gibt. Der bietet schließlich in seinem Machwerk „Der große Milongaführer“ rund 40 Seiten kostenlose Tutorials an und versorgt uns zusätzlich regelmäßig mit wertvollen Hinweisen in besagter Artikelserie.
Und nun also die neueste pädagogische Großtat. Man lese und staune:
„Sucht nach Leuten, deren Tanzstil euch gefällt – vielleicht üben die mal mit euch. Spürt selber, was sich gut anfühlt, und bleibt dabei. Auch, wenn euch ‚Experten‘ davon abraten. Es gibt im Tango keine ‚vorgeschriebenen‘ Schrittfolgen – nur solche, die sich in der Praxis bewähren. Und Fantasie ist noch nicht überall verboten.“
Offensichtlich auch nicht beim Bloggen. Normalerweise versuche ich, solchen Aussagen sachlich zu widersprechen. In diesem Fall spare ich mir das weitgehend, weil sich eigentlich jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, selbst ausmalen kann, wie dieses großartige Ausbildungskonzept in der Praxis aussehen wird.
Vielleicht findet sich ja jemand
Also gut, liebe Anfänger: Sucht euch einfach jemanden, dessen Tanzstil euch gefällt. Vielleicht übt er mit euch, vielleicht auch nicht. Vielleicht hat er Zeit, vielleicht keine Lust, vielleicht möchte er auf der Milonga lieber selbst tanzen, vielleicht hat er bereits einen Partner, eigene Baustellen, Familie, Beruf oder schlicht keine Lust, monatelang kostenlos fremde Anfänger zu betreuen. Aber wer etwas will, findet bekanntlich Wege.
Besonders hübsch wird es, wenn jemand genau darauf hinweist. Helge Schütt erlaubte sich nämlich die Bemerkung, fortgeschrittene Tänzer könnten vielleicht nicht sonderlich begeistert davon sein, ihre Freizeit dauerhaft mit kostenloser Anfängerbetreuung zu verbringen. Und das hatte Helge gar nicht auf sich selbst bezogen. Trotzdem bekam er für seinen „unverschämten Hinweis“ von Herrn Riedl sinngemäß den Titel „arroganter Schnösel“ verliehen. Wer also keine Lust hat, Anfänger kostenlos über Monate oder Jahre auszubilden, ist arrogant. Zitat:
„Interessant ist aber, dass Helge es als Belastung sieht, mit Anfängern zu üben. Dann sollte er es auf jeden Fall vermeiden. Beginner haben es nicht verdient, gleich mit arroganten Schnöseln konfrontiert zu werden.“
Und dann wissen wir jetzt auch, dass „arroganter Schnösel“ bei Gerhard Riedl offenbar als völlig unproblematisches Attribut durchgeht. Das erweitert die Möglichkeiten für künftige Kommentare auf seinem Blog erheblich. Selbstverständlich müsste diese sprachliche Freiheit dann auch gelten, wenn damit ausnahmsweise einmal er selbst gemeint ist. Wenn er da nicht so eine Mimose wäre.
Und wie machen wir das mit den Führenden?
Bei folgenden Anfängerinnen könnte das Modell sogar noch eine gewisse Chance haben. Eine erfahrene Führende oder ein erfahrener Führender könnte mit ihnen tanzen, und vielleicht merkt die Anfängerin tatsächlich irgendwann, wie sich eine vernünftige Verbindung, ein klarer Impuls oder eine angenehme Bewegung anfühlt. Aber, Herr Riedl: Wie machen wir das eigentlich mit den Führenden? Die sollen also ebenfalls jemanden suchen, dessen Tanzstil ihnen gefällt, sich dann von ihm führen lassen, ein bisschen spüren, wie sich das anfühlt, und anschließend daraus schließen, wie sie selbst führen müssen? Genial. Das erspart uns tatsächlich eine Menge Unterricht. Vielleicht brauchen wir überhaupt keine Tangolehrer mehr. Man müsste nur genügend gute Tänzer aufstellen, an denen die Anfänger abwechselnd fühlen dürfen, wie Tango geht. Eine Art Streichelzoo für Tango-Pädagogik.
Deutschland übt
Jetzt müssen wir nur noch eine Kleinigkeit klären: die Menge. Wie viele Menschen jährlich in Deutschland mit Tango anfangen, weiß ich nicht. Aber es dürften etwas mehr sein als die drei Leute, die zufällig gerade in Pörnbach jemanden finden, der nichts Besseres vorhat. Wenn dieses Modell Schule macht, dürften sich die deutschen Milongas bald merklich leeren. Die fortgeschrittenen Tänzer haben schließlich keine Zeit mehr zum Tanzen, sie müssen Anfänger betreuen: montags Peter, dienstags Sabine, mittwochs das neue Paar aus dem VHS-Kurs, donnerstags noch schnell einen Führenden, der nicht weiß, wohin mit seinem rechten Arm, freitags Práctica und samstags Milonga – aber leider wieder keine Zeit, weil drei Anfänger warten.
Und das nicht zwei Wochen lang, sondern Monate, vielleicht Jahre. So lange braucht Tango nämlich gelegentlich, Herr Riedl. Aber das wissen Sie ja bestimmt aus mehr als zwanzig Jahren Tango-Erfahrung. Spätestens nach einigen Wochen könnte bei den hilfsbereiten Fortgeschrittenen allerdings ein merkwürdiger Gedanke auftauchen: Warum mache ich das eigentlich ständig kostenlos? Ich komme früher, bleibe länger, erkläre, korrigiere, zeige, tanze mit Leuten, mit denen ich sonst wahrscheinlich nicht tanzen würde, und beschäftige mich mit deren Problemen statt mit meinen eigenen. Irgendwann entsteht daraus etwas ausgesprochen Verdächtiges. Man könnte es beinahe Unterricht nennen. Und dann kommt womöglich noch jemand auf die völlig abwegige Idee, für die investierte Zeit eine Aufwandsentschädigung oder sogar Geld zu verlangen. Damit wären wir dann leider wieder genau dort angekommen, wo wir angefangen haben: bei der Tanzschule. Dumm gelaufen.
Ein Pilotprojekt für Pörnbach
Aber ich möchte Ihren Vorschlag keineswegs einfach schlechtreden, Herr Riedl. Im Gegenteil: Wir sollten ihn testen. Und zwar dort, wo die Idee entstanden ist. In Pörnbach. Gehen Sie doch einfach mit gutem Beispiel voran und bieten Sie dort kostenlosen Tango-Unterricht für Anfänger an. Ein Werbeschild habe ich vorsorglich schon vorbereitet. Sie sehen es oben als Titelbild: „KOSTENLOSER TANGO-UNTERRICHT – Gerhard Riedl in Pörnbach – Vielleicht übt er ja mit euch!“
Dazu bringen Sie noch einmal Ihr Tanzvideo ins Spiel, auf das Sie ja offenbar einigen Wert legen. Das wäre nur fair. Schließlich empfehlen Sie den Anfängern ausdrücklich, sich jemanden zu suchen, dessen Tanzstil ihnen gefällt. Dann können die Interessenten vorher prüfen, ob das bei Ihnen der Fall ist. Transparenter geht es kaum. Vielleicht auch nicht abschreckender. (Aber vielleicht brauchen Sie dann auch gerade deshalb keinen „Run“ befürchten.)
Nicht kneifen, Herr Riedl!
Nun bloß nicht kneifen, Herr Riedl. Wer andere als arrogante Schnösel bezeichnet, weil sie möglicherweise keine Lust auf monatelange kostenlose Anfängerbetreuung haben – sich also keinen „Klotz ans Bein binden“ möchten (Originalzitat) –, sollte schließlich mit gutem Beispiel vorangehen. Das Wohnzimmer ist zu klein? Kein Problem, mieten Sie ein Studio, damit Ihre Anfänger Ihrer Fantasie möglichst freien Lauf lassen können – andere nennen so etwas schlicht Üben. Natürlich auf eigene Kosten, schließlich wollen wir nicht gleich wieder in diese hässliche Kommerzialisierung des Tango abrutschen.
Dann üben Sie jeden Mittwoch drei Stunden mit Anfängern, kostenlos natürlich. Vielleicht noch sonntags, denn man darf die Sache schließlich nicht halbherzig angehen. Nach einem Jahr können wir Bilanz ziehen: Wie viele Anfänger sind gekommen, wie viele sind geblieben, wie viele können inzwischen tanzen und wie viele Fortgeschrittene haben freiwillig mitgeholfen? Und vor allem: Wie lange hat es gedauert, bis Sie selbst auf die Idee gekommen sind, dass regelmäßige Anfängerbetreuung Arbeit macht?
Falls es Ihnen irgendwann zu viel werden sollte, können Sie die Teilnehmer immer noch auf Ihren Blog verweisen und erklären, was Ihnen Ihr Tangolehrer bisher leider nicht erzählt hat. Sie schreiben doch so gut. Oder Sie lassen den „Großen Milongaführer“ noch einmal nachdrucken. Als Abschiedsgeschenk.
PS: Gerhard Riedl fühlte sich nach Helges Beitrag offenbar zu einer ausführlichen Rechtfertigung veranlasst und glaubt nun sogar, mit solchen Beiträgen Nervosität bei Tangoschulen auszulösen.
Auch das scheint mir eine gewisse Überschätzung der eigenen Reichweite zu sein. Besonders hübsch ist seine Bemerkung, sein Angebot, nach Pörnbach zu kommen und mit ihm zu üben, sei „meist vergeblich“ geblieben. Offenbar geht er inzwischen davon aus, dass die Tango-Anfänger der Region nur darauf warten, seine Aufrufe zu Wohnzimmer-Milongas zu lesen. Vielleicht wussten sie einfach nichts davon. Vielleicht wollten sie aber auch nur Tango lernen.
Vielleicht hat Riedl bei seiner demonstrativen Gelassenheit aber noch etwas übersehen: Ihn hat offenbar nie jemand gefragt, ob er mal ein wenig kostenlos nachhelfen könne. Das erleichtert die Großzügigkeit natürlich ungemein.
Und noch etwas ist an seinem Vorschlag erstaunlich unausgegoren: Wo genau sollen diese hilfreichen Fortgeschrittenen die Anfänger eigentlich finden? Auf einer Milonga? Dort erscheinen Anfänger bekanntlich nicht in Scharen mit einem Schild um den Hals: „Bitte monatelang kostenlos betreuen.“ Ein paar freundliche Tänzchen am Abend sind jedenfalls noch kein Lernkonzept. Soll man sich Telefonnummern geben, regelmäßige Termine vereinbaren, Räume suchen und gemeinsam üben? Dann wären wir schon wieder verdächtig nahe bei organisiertem Unterricht. Praxisnähe dieses großartigen Vorschlags: eher überschaubar.