Ein sehr persönlicher Brief an Gerhard Riedl

Herr Riedl,

ich schreibe Ihnen diesen Brief nicht, weil ich noch irgendeine Hoffnung hätte, Sie in einer Sachfrage zu überzeugen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Dafür haben wir dieselben Diskussionen zu oft geführt, dieselben Argumente ausgetauscht und dieselben Schleifen gedreht.

Ich schreibe ihn, weil mir inzwischen etwas anderes klar geworden ist: Unser eigentliches Problem sind gar nicht unsere unterschiedlichen Vorstellungen vom Tango. Darüber könnte man wunderbar streiten. Unser Problem ist Ihre Art, diesen Streit zu führen. Wahrscheinlich hätten wir ihn längst beendet, wenn Sie meine Texte einfach stehen ließen, statt ihnen regelmäßig Bedeutungen unterzuschieben, die dort nicht stehen. Ihre Großspurigkeit wäre dabei vielleicht noch zu ertragen. Ihre oft völlig falsche Deutung meiner Beiträge ist es inzwischen nicht mehr.

Und genau das geht mir gewaltig auf die Nerven.

Sie schreiben über Tangolehrer, Tangoschulen, Veranstalter, Tänzer und nicht zuletzt über mich mit einer Selbstverständlichkeit Urteile und Unterstellungen hin, für die Sie erstaunlich selten Belege liefern. Sie erklären, warum Tangoschulen etwas tun, welche finanziellen Motive dahinterstecken, was Anfänger angeblich brauchen, was ihnen schadet, warum die Szene so ist, wie sie ist – und sobald jemand genauer nachfragt, beginnt das große Zurückrudern.

Dann kommt Ihr Lieblingssatz:

„Ich habe nie behauptet …“

Doch, Herr Riedl. Vielleicht nicht immer genau in der Formulierung, die man Ihnen anschließend entgegenhält. Aber Sie schreiben Dinge so, dass beim Leser eine ziemlich eindeutige Aussage ankommt. Wird diese Aussage kritisiert, ziehen Sie sich auf die engstmögliche Interpretation Ihrer eigenen Worte zurück und erklären Ihrem Gegenüber anschließend, er habe Sie missverstanden.

Das ist auf Dauer keine raffinierte Argumentation. Es ist ermüdend.

Immer dieses „Ich habe nie behauptet“

Nehmen wir nur die aktuelle Diskussion. Sie empfehlen Anfängern:

„Sucht nach Leuten, deren Tanzstil euch gefällt – vielleicht üben die mal mit euch.“

Sie schreiben:

„Meine Idee, sich in freien Übungsgruppen zusammenzutun, habe ich schon öfter vorgestellt.“

Und wenn ich genau diese Idee untersuche und frage, ob unangeleitetes Lernen durch Ausprobieren tatsächlich funktioniert, erklären Sie plötzlich, Ihr Blog könne unmöglich gemeint sein.

Was denn sonst?

Soll ich inzwischen zu jedem Ihrer Sätze ein juristisches Gutachten anfertigen, bevor ich darauf reagieren darf?

Jeder normal lesende Mensch versteht, welche Richtung Sie seit Jahren vertreten: weniger institutioneller Unterricht, mehr freies Lernen, mehr Hilfe durch Erfahrene, weniger „Volllabern“, weniger Regelwerk und mehr Ausprobieren.

Das dürfen Sie vertreten.

Aber dann stehen Sie doch bitte dazu.

Dieses ständige Spiel, zunächst eine Botschaft deutlich genug zu formulieren, damit jeder sie versteht, und sich hinterher erstaunt zu geben, sobald jemand genau diese Botschaft kritisiert, ist irgendwann nur noch albern.

Behaupten kann man viel

Sie verlangen von anderen gerne Belege. Videos. Beispiele. Quellen.

Dann hätte ich inzwischen gerne einmal dasselbe von Ihnen.

Wo sind eigentlich die Anfänger, die nach Ihrem immer wieder propagierten Ansatz Tango gelernt haben?

Nicht die Frau, mit der Sie einmal eine Tanda getanzt haben und die anschließend vielleicht etwas lockerer war. Nicht irgendein Mann, der Ihrer Tanzpartnerin begeistert erzählt hat, er habe plötzlich etwas getanzt, das er vorher nicht kannte.

Ich meine Menschen, die nach diesem Konzept tatsächlich Tango gelernt haben.

Wo sind sie?

Wie lange haben sie gelernt? Wie wurde geübt? Wer hat sie begleitet? Was konnten sie anschließend? Konnten sie sich auf einer gefüllten Milonga bewegen? Konnten sie gemeinsam Timing organisieren? Musik interpretieren? Eine Ronda einhalten? Konnten sie mit unterschiedlichen Partnern tanzen?

Sie verlangen gerne Anschauungsmaterial von anderen.

Dann zeigen Sie Ihres.

Bis dahin ist Ihre Methode keine bewiesene Alternative. Sie ist eine Idee.

Und Ideen darf jeder haben.

Das einzige Anschauungsmaterial, das mir von Ihnen selbst bekannt ist, ist Ihr Video für Cassiel. Und genau deshalb wundert mich Ihr Selbstbewusstsein bei der tänzerischen Beurteilung anderer immer wieder. Sie mögen Ihre eigene tänzerische Leistung für überzeugend halten. Viele Tangotänzer, denen ich dieses Video gezeigt habe, sehen das deutlich anders. Umso erstaunlicher finde ich, mit welcher Großmäuligkeit Sie die tänzerischen Fähigkeiten anderer beurteilen – auch meine.

Wer selbst so hohe Maßstäbe anlegt, muss sich irgendwann gefallen lassen, dass dieselben Maßstäbe auch an ihn angelegt werden.

Sie müssen nicht besonders gut Tango tanzen können, um über Tango zu schreiben. Aber wer andere öffentlich tänzerisch abqualifiziert, macht die eigene Kompetenz zwangsläufig zum Thema.

Besonders dreist wird es beim Geld

Nun erklären Sie auch noch, Tangoschulen ließen zehn und mehr Anfängerpaare hauptsächlich deshalb gemeinsam „herumtorkeln“, weil das mehr Kohle bringe als Einzelunterricht.

Das ist eine Frechheit.

Sie unterstellen damit einer ganzen Berufsgruppe ein Motiv, ohne dafür irgendeinen Beleg zu liefern.

Mit derselben Logik könnte ich einem produzierenden Betrieb vorwerfen, er beschäftige Maschinen nur deshalb, weil er zu geizig sei, jedes Stück von einem Handwerker einzeln herstellen zu lassen.

Gruppenunterricht ist eine Organisationsform. Einzelunterricht ist eine andere. Beide haben Vor- und Nachteile, beide haben wirtschaftliche Voraussetzungen.

Sie können Einzelunterricht besser finden. Sie dürfen wünschen, dass erfahrene Tänzer kostenlos mit Anfängern üben. Sie können auch sämtliche Tangoschulen für überflüssig halten.

Aber mit welchem Recht erklären Sie Ihr Wunschmodell zum moralisch besseren und unterstellen allen anderen gleichzeitig Geldgier?

Woher sollen übrigens all die erfahrenen Tänzer kommen, die jedem Anfänger einzeln zur Verfügung stehen?

Wer organisiert sie?

Wer bezahlt die Räume?

Wer übernimmt regelmäßig die Verantwortung?

Oder genügt es inzwischen als pädagogisches Konzept, Wünsche in einen Blog zu schreiben und die praktische Umsetzung anderen zu überlassen?

Ihr Fahrschulvergleich ist fast komisch

Sie führen ausgerechnet die Fahrschule als Beispiel an.

Neben dem Fahrschüler sitzt dort ein ausgebildeter Fahrlehrer. Er gibt Anweisungen, beobachtet, korrigiert, strukturiert die Übungen und greift notfalls ein.

Herr Riedl: Das ist Unterricht.

Sie liefern also als Beweis gegen angeleitetes Lernen ein Paradebeispiel für angeleitetes Lernen.

Und merken es offenbar nicht einmal.

Natürlich fährt der Schüler selbst. Das tut ein Tangoschüler ebenfalls. Kein Tanzlehrer bewegt dessen Beine mit Fernsteuerung.

Die entscheidende Frage ist doch nicht, wer die Bewegung ausführt, sondern ob jemand den Lernprozess strukturiert, Fehler erkennt, Aufgaben stellt und dem Anfänger hilft, seine Erfahrungen zu ordnen.

Genau darüber habe ich geschrieben.

Und nein, „Vormachen und Volllabern“ ist nicht Unterricht

Auch diese Karikatur können Sie sich inzwischen sparen.

Kein vernünftiger Mensch behauptet, Tango werde dadurch gelernt, dass ein Lehrer neunzig Minuten redet und die Schüler zuschauen.

Unterricht besteht aus Tun, Beobachten, Korrigieren, Wiederholen, Variieren, Fühlen, Erklären und Ausprobieren.

Dass Sie daraus regelmäßig „Volllabern“ machen, ist keine Kritik an Unterricht. Es ist lediglich eine möglichst dümmliche Verkleinerung dessen, was andere tatsächlich tun.

Man kann anschließend prima dagegen polemisieren.

Mit der Realität muss es nur nicht mehr viel zu tun haben.

Was mich inzwischen wirklich sehr ärgert

Ich habe Ihnen in meinem aktuellen Artikel eine ganze Reihe konkreter Argumente vorgelegt: gemeinsames Timing, Richtung, Organisation in der Umarmung, Kommunikation im Paar, Ronda, unterschiedliche Lerncharaktere, Angst vor Fehlern und Blamage, kognitive Belastung beim ungeordneten Trial and Error und die schrittweise Erweiterung von Entscheidungsmöglichkeiten.

Darüber kann man streiten.

Widerlegen Sie es.

Zeigen Sie mir, wo ich falsch liege.

Aber dann beschäftigen Sie sich bitte mit den Argumenten und nicht wieder mit irgendeinem Nebenschauplatz über Geld, Fahrschulen, Tangolehrer, die angeblich Angst davor haben, Anfänger anzufassen, oder der nächsten Anekdote über eine Frau, die nach drei Tänzen plötzlich etwas konnte.

Das ist nämlich genau der Punkt, an dem mir Ihre Beiträge inzwischen zu dumm werden.

Nicht weil Sie anderer Meinung sind.

Sondern weil eine ernsthafte Auseinandersetzung immer wieder dort endet, wo sie eigentlich beginnen müsste.

Auch ich habe einen Fehler gemacht

Ich habe mich viel zu lange darauf eingelassen.

Ich habe auf jede Verdrehung geantwortet, jeden Seitenhieb korrigiert und geglaubt, ich müsse der Öffentlichkeit jedes Mal beweisen, warum irgendeine Ihrer Behauptungen nicht stimmt.

Das war mein Fehler.

Ich habe damit genau die Endlosschleife gefüttert, die mich inzwischen selbst nervt.

Denn natürlich wissen Sie mittlerweile, dass fast jede Provokation eine Reaktion erzeugt. Und ich war zuverlässig genug, sie Ihnen zu liefern.

Damit ist Schluss – jedenfalls mit diesem Spiel.

Wenn Sie widersprechen wollen: bitte richtig

Ich habe überhaupt kein Problem mit Kritik. Im Gegenteil. Ich freue mich über einen guten Einwand, weil er mich zwingt, meine eigenen Gedanken zu überprüfen.

Aber ich habe keine Lust mehr auf Dahergequatsche.

Keine Lust auf dieselben Behauptungen in der nächsten Verpackung.

Keine Lust mehr auf „Ich habe nie behauptet“, wenn Ihre Texte noch öffentlich nachlesbar sind.

Und keine Lust darauf, dass Sie von anderen ständig Belege verlangen, während Ihre eigenen Vermutungen offenbar bereits dadurch zu Tatsachen werden, dass Gerhard Riedl sie aufgeschrieben hat.

Wenn Sie meinen Artikel widerlegen wollen, dann tun Sie es.

Argument für Argument.

Beleg gegen Beleg.

Dann können wir reden.

Und ich lege inzwischen meine Hand dafür ins Feuer, dass Sie genau das nicht können oder nicht wollen. Ich wäre sogar bereit, darauf eine ziemlich hohe Wette abzuschließen. Nicht, weil ich Ihnen eine andere Meinung nicht zugestehe, sondern weil die Erfahrung der vergangenen Jahre ziemlich eindeutig ist: Sobald es um die konkrete Widerlegung eines Arguments geht, folgt meist der nächste Nebenschauplatz, die nächste Umdeutung oder das nächste „Das habe ich nie behauptet“.

Widerlegen Sie mich. In diesem Fall würde ich meine Wette sogar ausgesprochen gerne verlieren.

Wenn aber wieder nur dieselben Behauptungen kommen, garniert mit Spott, Unterstellungen und dem nächsten „Das habe ich doch gar nicht gesagt“, können Sie sich die Mühe sparen.

Denn irgendwann ist auch der geduldigste Leser erwachsen genug, ein Gespräch zu beenden, das sich permanent im Kreis dreht.

Und ganz offen gesagt:

Ich bin inzwischen dort angekommen.

PS:

Auch eine Antwort ist inzwischen geschrieben worden.
Mein Resümee: Riedl ist für mich als Diskussionspartner ein absoluter Reinfall.  
Er fragt, ob ich mit diesem Brief einer „Verständigung“ näherkommen wollte. Nein. Ich wollte Ihm erklären, warum eine Verständigung mit Ihm seit Jahren scheitert. Dass er selbst diesen Unterschied wieder nicht erkennen will oder kann, ist fast schon die perfekte Illustration meines Briefes.
Und natürlich hat er seinen Kommentarblock wieder eingeschränkt. Da wird wohl einiges an ungewünschten und unbequemen Kommentaren eingetroffen sein, die man nie zu sehen bekommt. 

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