Wenn der Milongaführer dem Maestro Tango erklärt
Herr Riedl,
es ist wirklich nicht mehr zu fassen! Gestern verkünden Sie noch die große „Wendel-Dämmerung“, und keine 24 Stunden später sitzen Sie schon wieder über einem meiner Artikel und basteln sich daraus den nächsten Tango-Report. Ihre angeblich spontan zufliegenden Ideen scheinen inzwischen eine feste Heimatadresse zu haben: meinen Blog. Vielleicht sollten Sie langsam darüber nachdenken, mich als freien Mitarbeiter zu beschäftigen. Die Themen liefere ich Ihnen offenbar ohnehin.
Diesmal haben Sie sich allerdings ein besonders schönes Eigentor geschossen. Sie nehmen meine persönlichen Erinnerungen an Eduardo Arquimbau, einen der bedeutenden Tänzer und Choreografen des argentinischen Tangos, und erklären diesem Mann gönnerhaft, wie er sich als Künstler und Gentleman hätte verhalten sollen.
Eduardo hätte also gefälligst mit einer Veranstalterin auftreten sollen, die ihm ohne vorherige Absprache einen Showtanz aufs Auge drücken wollte. Schließlich lasse ein Gentleman eine Dame nicht im Regen stehen. Was für ein grandioser Unsinn! Die Veranstalterin hatte sich selbst in diese peinliche Situation gebracht. Aber nach Ihrer Vorstellung sollte Eduardo die Folgen ihrer Anmaßung ausbaden. Künstlerische Selbstbestimmung? Professionelle Standards? Die gemeinsame choreografische Arbeit mit Gloria? Geschenkt! Hauptsache, der Herr Riedl findet das Verhalten gentlemanlike.
Besonders grotesk ist Ihre Bemerkung, Eduardo hätte durch einen improvisierten Auftritt seine „Sympathiewerte“ steigern können. Ein international gefeierter Künstler soll sich also nach Ihren persönlichen Vorstellungen verbiegen, um bei einem damaligen Milonga-Publikum von gerade einmal 20 Personen ein paar Sympathiepunkte einzusammeln? Merken Sie eigentlich noch, wie bescheuert das klingt?
Aber dann kommt der eigentliche Knaller.
Weil Eduardo am selben Abend mit einer Anfängerin tanzte, fällt Ihnen augenblicklich ein, dass Sie ja ebenfalls schon mit Anfängerinnen getanzt haben. Selbstverständlich schicken Sie vorsichtshalber die Versicherung voraus, Sie könnten sich mit seinen Fähigkeiten keineswegs vergleichen. Und im nächsten Atemzug vergleichen Sie sich dann doch mit ihm!
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ich berichte über eine außergewöhnliche tänzerische Leistung Eduardo Arquimbaus, und Ihnen fällt dazu als Erstes ein, dass Sie so etwas schließlich auch schon erlebt haben.
Was für eine geradezu monumentale Selbstgefälligkeit!
Und als fachliche Erklärung liefern Sie dann diesen Satz: „Man muss halt das mittanzen, was die Frau macht.“
Herr Riedl, wenn Sie glauben, damit das tänzerische Können Eduardo Arquimbaus auch nur annähernd beschrieben zu haben, dann demonstrieren Sie vor allem, wie wenig Sie von dem verstanden haben, was ich in meinem Artikel erklären wollte.
Eduardo führte eine Anfängerin so differenziert und einfühlsam, dass ein gemeinsamer, musikalisch gestalteter Tanz entstand, obwohl ihr die entsprechenden Bewegungsabläufe unbekannt waren. Das erforderte eine außergewöhnliche Qualität der Führung, der Wahrnehmung und der tänzerischen Kommunikation. Sie machen daraus: Man muss halt mittanzen, was die Frau macht.
Bravo! Treffender kann man eine anspruchsvolle tänzerische Leistung kaum auf Stammtischniveau herunterbrechen.
Und dann folgt natürlich wieder Ihr unvermeidlicher Vorwurf, ich würde dieselbe Leistung bei Ihnen abwerten, die ich bei Eduardo bewundere. Aber genau weil ich gute Tänzer bewundere und tänzerische Qualität durchaus erkennen kann, halte ich das, was Sie selbst als Tango präsentieren, für absolute Stümperei. Das hat übrigens nichts damit zu tun, dass ich ältere Männer kritisieren möchte, die nicht besonders gut tanzen. Jeder soll nach seinen Möglichkeiten tanzen und Freude daran haben. Darüber würde ich mich niemals lustig machen.
Peinlich wird es erst, wenn jemand seine eigenen bescheidenen tänzerischen Fähigkeiten zum Maßstab erhebt, sich indirekt mit einem Meister wie Eduardo Arquimbau vergleicht und diesem anschließend auch noch erklärt, wie er sich als Tänzer und Gentleman hätte verhalten sollen.
Haben Sie eigentlich einmal darüber nachgedacht, dass zwei Menschen durchaus beide mit Anfängerinnen tanzen können, ohne deshalb auch nur annähernd dasselbe tänzerische Können zu besitzen? Dass eine äußerlich ähnliche Situation noch lange keine vergleichbare tänzerische Qualität beweist?
Mit einer Anfängerin zu tanzen macht noch keinen Maestro aus einem mittelmäßigen Tänzer. Und einem Maestro Ratschläge zu erteilen, macht ihn erst recht nicht besser.
Sie heischen geradezu nach Anerkennung und reagieren jedes Mal beleidigt, wenn sie Ihnen verweigert wird. Neidisch, wie ein kleines Kind, das weint, wenn ein anderes Kind gelobt wird. Offenbar können Sie es kaum ertragen, dass ich Ihre tänzerischen Fähigkeiten völlig anders beurteile als Sie selbst. Und nun versuchen Sie allen Ernstes, meine Bewunderung für einen Meister wie Eduardo Arquimbau gegen mich zu verwenden, um sich selbst auf eine vergleichbare Stufe zu stellen. Diese geradezu verzweifelte Suche nach Bestätigung ist inzwischen nur noch peinlich. Dass Sie ausgerechnet von mir die Anerkennung erwarten, die Sie sich selbst so großzügig ausstellen, macht die Sache vollends erbärmlich.
Und damit sind wir wieder beim eigentlichen Problem: Sie können offenbar nicht einmal eine persönliche Würdigung eines großen Tangokünstlers lesen, ohne daraus eine Geschichte über Ihre eigene Person und Ihre Auseinandersetzung mit mir zu machen.
Eduardo Arquimbau wird 90 Jahre alt. Ich schreibe über fast vierzig Jahre persönlicher Begegnungen, über seine künstlerische Haltung, seine Arbeit mit Gloria und seine Bedeutung für mein Verständnis des Tangos. Und was machen Sie daraus? Eine Benimmbelehrung für Eduardo, einen Vergleich mit Ihren eigenen Tänzen und den nächsten Seitenhieb gegen Wendel.
Wie selbstbezogen muss man eigentlich sein, um selbst bei einer solchen Würdigung wieder die eigene Person in den Mittelpunkt zu rücken?
Besonders erheiternd ist dabei Ihre einleitende Bemerkung, interessante Geschichten seien Ihnen wichtiger als lange Fachabhandlungen. Das erklärt allerdings einiges. Wer sich mit den fachlichen Zusammenhängen nicht eingehend beschäftigen möchte, kann natürlich bequem die Geschichten anderer übernehmen und nach eigenem Geschmack ausschmücken.
Nur sollte er dann vielleicht etwas vorsichtiger sein, wenn er anschließend den Beteiligten erklärt, was sie hätten besser machen müssen.
Sie haben aus meinem Artikel die Anekdote herausgepickt, ihren fachlichen Zusammenhang weitgehend entsorgt und das Ganze anschließend mit Ihren üblichen persönlichen Seitenhieben garniert. Fertig ist wieder ein Tango-Report.
Und das ausgerechnet einen Tag nach Ihrer groß angekündigten „Wendel-Dämmerung“!
Herr Riedl, langsam bekommt Ihr Blog ein ernsthaftes dramaturgisches Problem: Sie können mich offenbar so oft verabschieden, wie Sie wollen. Schon im nächsten Akt holen Sie mich wieder auf die Bühne, weil Ihnen eine neue Geschichte über mich eingefallen ist.
Sie behaupten, meine Texte seien voller Irrtümer, meine Fachbeiträge langweilig und meine Schreibweise grauenhaft. Trotzdem lesen Sie aufmerksam mit, übernehmen meine Geschichten, verlinken meine Artikel und verwenden sie als Ausgangspunkt Ihrer eigenen Veröffentlichungen.
Vielleicht sollten Sie sich endlich entscheiden: Bin ich nun der unfähige Blogger, dessen Texte kaum das Lesen lohnen, oder Ihr offenbar unerschöpflicher Lieferant interessanter Tangogeschichten?
Beides gleichzeitig wird auf Dauer ein bisschen lächerlich.
Und noch etwas: Wenn Sie das nächste Mal einem Eduardo Arquimbau erklären möchten, wie ein großer Tangokünstler sich zu verhalten hat, beschäftigen Sie sich vielleicht zunächst etwas gründlicher mit seiner Arbeit.
Das könnte verhindern, dass Sie aus einer eindrucksvollen Demonstration tänzerischer Meisterschaft wieder einmal nur eine Gelegenheit machen, sich selbst auf die Schulter zu klopfen.
Einen Maestro erkennt man nicht daran, dass er mit einer Anfängerin tanzt, Herr Riedl. Sondern daran, wie er mit ihr tanzt.
Dass Sie diesen Unterschied offenbar nicht verstanden haben, ist die eigentliche Pointe Ihres Artikels.
Nachtrag – Riedls eigentümliches Frauenbild
Noch etwas ist mir bei Ihrem Artikel aufgefallen, Herr Riedl, das einiges über Ihr Frauenbild verrät. Sie schreiben:
„Ein Gentleman lässt eine Dame nicht im Regen stehen – never ever!“
Und gleich anschließend erklären Sie, Eduardo hätte das „unverschämte Weib“ hinterher unter vier Augen zusammenstauchen können. Allein dieser Ausdruck lässt tief in Ihre Stammtisch-Mentalität blicken. Einfach widerlich!
Was haben Sie eigentlich für ein merkwürdiges Frauenbild? Die Veranstalterin war eine erwachsene Frau, die eigenverantwortlich einen Showauftritt angekündigt hatte, ohne vorher die Zustimmung des Künstlers einzuholen. Nach Ihrer Vorstellung hätte Eduardo die Folgen dieser Anmaßung ausbaden müssen, damit die Dame öffentlich nicht ihr Gesicht verliert. Und hinter verschlossenen Türen hätte er sie dann ordentlich zusammenstauchen dürfen.
Was für eine verlogene Vorstellung von Ritterlichkeit! Nach außen der galante Gentleman, hinter verschlossenen Türen der strenge Zuchtmeister. Hauptsache, die Fassade männlicher Großzügigkeit bleibt gewahrt.
Für mich bedeutet Respekt gegenüber Frauen, sie als gleichberechtigte, eigenverantwortliche Menschen ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, dass sie für ihre Entscheidungen genauso geradestehen wie Männer. Bei Ihnen dagegen scheint eine Frau vor den Folgen ihres eigenen Handelns beschützt werden zu müssen, während sich der Mann öffentlich als ihr großzügiger Retter inszenieren darf.
Ihre Vorstellung von einem Gentleman scheint vor allem darin zu bestehen, dass der Mann öffentlich glänzt und die Frau ihre Standpauke gefälligst im Hinterzimmer entgegennimmt.
Vielleicht sollten Sie einmal darüber nachdenken, ob Ihr vermeintlicher Respekt vor Frauen nicht in Wirklichkeit eine ziemlich bevormundende Form der Geringschätzung ist. Ihr Gentleman-Getue ist nichts weiter als eine paternalistische Attitüde.
Und so langsam verstehe ich auch, warum Ihre Artikel immer wieder derart heftige Kritik hervorrufen. Es sind offenbar diese ständig durchscheinenden Einblicke in Ihre Denkweise und Ihre Haltung gegenüber anderen Menschen, an denen sich Ihre Kritiker stoßen. Sie glauben, über andere zu urteilen, und merken dabei gar nicht, wie viel Sie mit Ihren eigenen Worten über sich selbst preisgeben.
Sie müssen gar nicht erst von Ihren Kritikern entlarvt werden, Herr Riedl. Das erledigen Sie mit Ihren Artikeln regelmäßig selbst.