Warum so viele Männer beim Tango auf der Strecke bleiben

Gedanken über Tango Unterricht | 69. Teil

Es war ursprünglich nicht meine Idee, über dieses heikle Thema zu schreiben.
Bei einem Telefonat mit Pekka Tasala kamen wir auf die Frage zu sprechen, warum so viele Männer mit dem Tango aufhören, während ihre Partnerinnen weitertanzen. Dazu hatte ich natürlich eine ziemlich lange Antwort parat. Pekka fand das Thema interessant und regte an, einen Artikel darüber zu schreiben. Hier ist er.
Mein versprochener Artikel 68/3/3. Teil erscheint am Wochenende!

Endlich mal wieder etwas zusammen unternehmen

Ich erlebe in meinem Tango-Unterricht immer wieder Paare, die nach vielen Jahren des Zusammenlebens endlich einmal wieder etwas gemeinsam unternehmen möchten. Vielleicht sind die Kinder inzwischen groß genug, um allein zu Hause zu bleiben, ohne gleich die Bude zu ramponieren. Vielleicht ist auch einfach der Wunsch entstanden, aus der alltäglichen Routine auszubrechen, wieder etwas gemeinsam zu erleben und sich dabei auch körperlich näherzukommen.

Die Initiative geht meistens von den Frauen aus. Sie möchten wieder etwas von der Aufmerksamkeit und Nähe erleben, die im Laufe einer langjährigen Beziehung möglicherweise etwas verloren gegangen ist. Die Männer sind dagegen häufig zurückhaltender. Fragt man sie, ob sie tanzen lernen möchten, kommt nicht selten die bekannte Antwort: „Ich habe zwei linke Beine.“ Merkwürdigerweise machen sich diese beiden linken Beine beim Fußballspielen überhaupt nicht bemerkbar.

Aber Tango ist vielleicht doch etwas anderes. Er verspricht eine besondere Begegnung zwischen Mann und Frau. Und wo sonst kann ein Mann beim Tanzen so männlich, souverän und bestimmend auftreten, ohne sich dabei besonders viel bewegen zu müssen? Keine wilden Verrenkungen, keine komplizierte Akrobatik. Im Grunde soll er doch nur gehen lernen. Und das kann er schließlich schon seit seinem zweiten Lebensjahr. Also lässt er sich auf dieses gemeinsame Abenteuer ein. Was er allerdings noch nicht ahnt: Er wird dabei mit Anforderungen konfrontiert, die weit über das hinausgehen, was er sich unter einem gemütlichen gemeinsamen Tanzabend vorgestellt hat.

Zwei Menschen lernen Tango – aber jeder etwas anderes

Im üblichen Figurenunterricht werden zunächst Schrittfolgen vorgeführt. Der Mann lernt seine Schritte, die Frau die ihren. Anschließend sollen beide das Ganze gemeinsam ausführen. Die Frau weiß dabei bereits, welche Schritte von ihr erwartet werden. Sie versucht, diese mit den Bewegungen ihres Partners abzugleichen und zeitlich zu synchronisieren. Dabei hilft sie ihm unbewusst, indem sie ihre gelernten Schritte selbstständig ausführt, auch wenn er sie überhaupt nicht führt. 

Der Mann dagegen ist häufig vollständig mit seinen eigenen Schritten beschäftigt. Er muss sich merken, welcher Fuß als Nächstes drankommt, wohin er gehen soll und wie er dabei nicht über seine eigenen Beine stolpert. Was seine Partnerin gerade macht, bekommt er oft nur am Rande mit.

Trotzdem funktioniert die Figur irgendwann. Der Mann glaubt, sie erfolgreich geführt zu haben, während seine Partnerin einen erheblichen Teil der Arbeit für ihn übernommen hat. Von der viel beschworenen Verbindung, die angeblich das Wesen des Tangos ausmacht, kann dabei noch kaum die Rede sein.

Denn, wenn jeder einen Text auswendig lernt, wird daraus noch lange kein Gespräch, – genau das, was man sich als Rettung der Beziehung eigentlich erwünscht hatte.

Schwierig wird es, wenn etwas nicht funktioniert. Dann behauptet der Mann, seine Partnerin habe seine Führung nicht verstanden. Die Frau dagegen weiß genau, welche Schritte sie machen sollte, und fragt sich, warum ihr Partner sie nicht richtig geführt hat. Schon beginnt der Streit über die Verantwortung für den Fehler. Dabei haben beide möglicherweise noch gar nicht gelernt, was Führen und Folgen eigentlich bedeutet.

Wenn aus dem gemeinsamen Hobby ein Ehekrach wird

Tango verlangt ausgerechnet jene Fähigkeiten, die auch eine gute Partnerschaft ausmachen: Aufmerksamkeit, Geduld, Rücksichtnahme, Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf den anderen einzustellen. Manches davon ist vielleicht genau das, was die Frau im Alltag schon seit Jahren an ihrem Partner vermisst und gelegentlich auch anspricht. Und nun soll ausgerechnet der Tango das gemeinsame Erlebnis werden, bei dem beide wieder mehr zueinanderfinden.

Was im Alltag schon schwierig war, wird auf der Tanzfläche plötzlich zu einer unmittelbaren körperlichen Aufgabe. Der Mann soll Initiative zeigen, Verantwortung übernehmen, aufmerksam sein und seiner Partnerin Sicherheit vermitteln. Dabei ist er möglicherweise schon damit überfordert, seine eigenen Schritte zu organisieren.

Und wenn es nicht funktioniert, werden die gegenseitigen Unzulänglichkeiten manchmal vor der ganzen Unterrichtsgruppe ausgetragen. Man kritisiert, belehrt, verliert die Geduld oder rollt demonstrativ mit den Augen. Dabei genügt häufig schon der Tonfall, um zu erkennen, dass es hier längst nicht mehr um einen misslungenen Tangoschritt geht.

Die offene Zahnpastatube, die herumliegenden Socken und andere lästige Angewohnheiten des Partners sitzen gewissermaßen mit auf der Tanzfläche. Was sonst hinter der Wohnungstür bleibt, wird plötzlich öffentlich. Die anderen Kursteilnehmer bekommen Einblicke in eine Beziehung, die sie eigentlich gar nichts angehen.

Ich sage meinen Paaren deshalb gelegentlich, sie sollten doch einmal versuchen, mit ihrem eigenen Partner so umzugehen, als hätten sie einen völlig fremden Menschen im Arm. Denn einem fremden Tanzpartner begegnet man gewöhnlich mit einem Respekt und einer Höflichkeit, die in manchen langjährigen Beziehungen leider etwas verloren gegangen sind.

Wenn aus einem gemeinsamen Lernprozess ein Konkurrenzkampf darüber wird, wer recht hat und wer die Fehler macht, ist der Spaß irgendwann vorbei. Welcher Mann möchte schon seine Partnerschaft für einen Tanz aufs Spiel setzen?

Auch professionelle Tanzpaare sind nicht besser

Wer glaubt, solche Auseinandersetzungen seien nur ein Problem von Anfängern, sollte einmal erleben, was sich hinter den Kulissen professioneller Tangoveranstaltungen abspielt. Ich habe viele Streitereien von Tanzpaaren erlebt, in Garderoben, vor Auftritten, beim Eintanzen und auch im Unterricht.

Meine damalige Tanzpartnerin Esther und ich können davon ein Lied singen. Bei uns ging es häufig um unterschiedliche Auffassungen darüber, was gerade im Unterricht wichtig war. Daraus entstanden gelegentlich Meinungsverschiedenheiten, die wir auch vor unseren Schülern austrugen. Manchmal durchaus in einem Tonfall, der nicht gerade von gegenseitigem Respekt geprägt war. Für manche Schüler war das unangenehm. Andere wiederum fanden es erfrischend, ein Lehrerpaar zu erleben, das offenbar mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen hatte wie sie selbst.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine WDR-Dokumentation aus dem Jahr 2017 über das bekannte Tangopaar Rafael Busch und Susanne Opitz. Unter dem Titel „Bleiben oder gehen? – Ein Paar ringt um seine Liebe“ gewährten die beiden dem Fernsehpublikum sogar Einblicke in ihre Paartherapie.

Ich war damals ziemlich erstaunt, mit welcher Respektlosigkeit Susanne ihren Partner gelegentlich zurechtwies, beinahe wie einen ungezogenen Schuljungen. Ich erinnere mich an Vorwürfe wegen seiner Auftrittshosen und ungeputzter Tanzschuhe. Die Kritik mag durchaus berechtigt gewesen sein, aber den Tonfall vor einem großen Fernsehpublikum empfand ich als grenzwertig. Dass ein Paar der Öffentlichkeit derart tiefe Einblicke in seine Beziehung gewährt, bis hinein in intime Therapiestunden, ist mir bis heute einigermaßen unerklärlich. Über die Beweggründe möchte ich nicht spekulieren.

Für mich zeigte die Sendung jedenfalls, dass selbst erfolgreiche professionelle Tanzpaare keineswegs vor den Schwierigkeiten geschützt sind, die wir auch bei unseren Schülern erleben. Und dass tänzerische Kompetenz noch lange keine Garantie für einen respektvollen Umgang miteinander ist.

Dabei kommt bei erfahrenen Tanzpaaren häufig noch eine andere Schwierigkeit hinzu: Beide verfügen über tänzerische Kompetenz, aber die Rollenverteilung im Tango gibt dem Führenden einen größeren Einfluss auf die Gestaltung des Tanzes. Wenn daraus persönliche Führungsansprüche werden, kann es schnell zu einer Kompetenzrangelei kommen. Denn tänzerische Führung ist keine persönliche Autorität über einen anderen Menschen. Das wird leider gelegentlich verwechselt.

Man sollte sich außerdem einmal vor Augen führen, unter welchen Bedingungen manche professionellen Tangopaare leben und arbeiten. Auf Tourneen sind sie oft wochenlang praktisch 24 Stunden am Tag zusammen. Sie reisen, essen, trainieren, unterrichten und treten gemeinsam auf. Sie treffen ständig Menschen, vor denen sie als das perfekte, harmonische Tanzpaar erscheinen sollen, obwohl in ihrer Beziehung manches genauso schwierig sein kann wie bei anderen Paaren auch.

Von solchen Tangopaaren wird beinahe selbstverständlich die absolute Harmonie erwartet. Auf der Bühne sollen sie die große Liebe, die vollkommene Verbindung und das gegenseitige Vertrauen verkörpern. Dass hinter dieser Fassade zwei Menschen mit ihren ganz gewöhnlichen Schwierigkeiten stehen, möchte offenbar niemand so genau wissen.

Wie hart die öffentliche Reaktion ausfallen kann, wenn ein Mann dieses sorgfältig gepflegte Bild durch ein öffentliches Fehlverhalten zerstört, haben wir bei einzelnen Paaren erlebt. Da wird aus einem Vorfall innerhalb kürzester Zeit ein umfassendes Urteil über einen Menschen und möglicherweise sogar über seine gesamte Beziehung gefällt.

Dabei weiß doch niemand von außen, was sich über Jahre zwischen diesen beiden Menschen tatsächlich abgespielt hat. Aus einer öffentlich sichtbaren, vielleicht nur wenige Minuten dauernden Situation wird ein Bild entworfen, das auf Vermutungen beruht und mit der Wirklichkeit keineswegs vollständig übereinstimmen muss. Die Folgen können für das Ansehen und die berufliche Existenz eines Tänzers verheerend sein.

Ich glaube, viele wissen, welchen Vorfall ich hier im Hinterkopf habe. Natürlich kann auch ein kurzer Vorfall schwerwiegend sein und muss entsprechend beurteilt werden. Aber ich bilde mir nicht ein, daraus ableiten zu können, welche Persönlichkeiten dahinterstecken oder wie die betreffende Beziehung über viele Jahre tatsächlich ausgesehen hat. Vielleicht sollten wir bei aller berechtigten Kritik an einem konkreten Verhalten etwas vorsichtiger damit sein, gleich über einen ganzen Menschen zu urteilen.

Zehn Minuten mit einem fremden Tänzer

Dann kommt irgendwann die erste Milonga. Die Frau wird von einem erfahrenen Tänzer aufgefordert und erlebt plötzlich etwas, das sie mit ihrem eigenen Partner bisher kaum kennengelernt hat. Die Bewegungen funktionieren wie von selbst. Sie muss nicht darüber nachdenken, welche Schritte sie als Nächstes machen soll. Sie spürt, was ihr Partner anbietet, und kann sich darauf einlassen. Vielleicht erlebt sie zum ersten Mal, wie angenehm und selbstverständlich sich Tango anfühlen kann.

In zehn Minuten macht sie möglicherweise mehr wichtige körperliche Erfahrungen als in vielen Unterrichtsstunden mit ihrem eigenen Partner. Natürlich hat sie dadurch nicht plötzlich alles gelernt. Aber sie weiß jetzt, wie sich eine gute Führung anfühlen kann.

Zurück im Unterricht steht sie wieder ihrem Mann gegenüber, der noch immer mit seinen Schritten kämpft. Vielleicht sagt sie gar nichts. Vielleicht wird sie nur ein wenig ungeduldiger. Oder sie macht eine Bemerkung wie: „Bei dem anderen Tänzer hat das aber funktioniert.“

Der Mann spürt jedenfalls, dass seine Partnerin inzwischen Erwartungen entwickelt hat, die er noch nicht erfüllen kann. Und dabei bemüht er sich doch gerade, ihr einen schönen Tanz zu ermöglichen.

Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen den Lernmöglichkeiten beider Rollen. Eine Anfängerin kann mit einem erfahrenen Tänzer bereits wunderbare Tanzerlebnisse haben. Ein männlicher Anfänger hat diese Möglichkeit als Führender kaum. Er muss erst selbst lernen, einen solchen Tanz zu gestalten, bevor andere gerne mit ihm tanzen.

Aus dem Privileg der Führung wird oft die  Last der Verantwortung

Der Führende soll die Bewegungen organisieren, musikalisch gestalten und dabei ständig auf seine Partnerin achten. Auf der Milonga kommt dann noch die Navigation hinzu. Er muss die Ronda beobachten, Abstände einschätzen, freie Räume erkennen und auf die Bewegungen anderer Paare reagieren. Gleichzeitig soll er seiner Partnerin interessante Bewegungsmöglichkeiten anbieten und möglichst auch noch musikalisch tanzen.

Für einen Anfänger ist das eine enorme Anforderung. Während er froh ist, eine schwierige Situation ohne Zusammenstoß überstanden zu haben, fragt sich seine Partnerin möglicherweise, warum sie schon wieder nur geradeaus gegangen sind.

Hinzu kommt, dass der Mann durch seine Führungsrolle den weitaus größeren Einfluss auf die gesamte Gestaltung des Tanzes hat. Er entscheidet über die Richtung, den Bewegungsablauf und weitgehend auch darüber, wie die Musik umgesetzt wird. Die Frau hat natürlich eigene Gestaltungsmöglichkeiten, aber sie kann den musikalischen Gesamteindruck nur innerhalb des Rahmens beeinflussen, den ihr Partner eröffnet.

Die tänzerische Kompetenz vieler Frauen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm entwickelt. Davon profitieren auch die Männer. Eine hervorragend ausgebildete Partnerin eröffnet ihnen Möglichkeiten, die mit einer weniger erfahrenen Tänzerin erheblich schwieriger umzusetzen wären. Aber die grundsätzliche Verteilung der Verantwortung bleibt bestehen.

Das kann für beide Seiten unbefriedigend werden. Die Frau verfügt möglicherweise über hervorragende technische Fähigkeiten, kann aber ihre eigenen musikalischen Vorstellungen nur begrenzt verwirklichen. Der Mann dagegen soll die gesamte Gestaltung übernehmen, obwohl er dazu vielleicht noch gar nicht in der Lage ist. Und wenn der Tanz misslingt, trägt er häufig auch noch die Verantwortung dafür.

Die Konkurrenz sitzt am Rand der Tanzfläche

Auf einer Milonga sitzen zahlreiche Männer, die möglicherweise wesentlich besser tanzen können als der eigene Partner. Manche kennen die Frau bereits, andere würden sie gerne kennenlernen. Sie wird aufgefordert, tanzt und kommt begeistert zurück. Ihr Mann sitzt währenddessen am Rand und beobachtet das Geschehen.

Vielleicht ist er gar nicht eifersüchtig. Vielleicht freut er sich sogar, dass seine Partnerin Spaß hat. Aber er sieht natürlich auch, dass andere Männer ihr tänzerisch etwas bieten können, wozu er selbst noch nicht in der Lage ist.

Für eine langjährige Partnerschaft kann das eine merkwürdige Situation sein. Im Alltag kennen beide längst die Gewohnheiten, Schwächen und Eigenheiten des anderen. Vieles ist selbstverständlich geworden. Und nun erlebt der Mann, wie seine Partnerin mit einem anderen Tänzer eine Begeisterung und Leichtigkeit entdeckt, die er ihr selbst gerne ermöglicht hätte. Das muss keine romantische Konkurrenz sein. Trotzdem kann es sich für ihn so anfühlen.

Irgendwann geht die Frau auch ohne ihren Mann zur Milonga. Sie kennt inzwischen andere Tänzer, wird aufgefordert und sammelt immer mehr Erfahrung. Der Mann dagegen bleibt zu Hause oder sitzt auf der Milonga herum und wartet darauf, dass seine Partnerin wieder vom Tanzen zurückkommt. Damit vergrößert sich der tänzerische Abstand zwischen beiden immer weiter.

Vielleicht könnte er mit einer anderen Partnerin leichter lernen, ohne die gegenseitigen Erwartungen und alltäglichen Konflikte. Aber dann wäre ausgerechnet das verloren gegangen, weshalb beide ursprünglich mit dem Tango angefangen haben: etwas gemeinsam zu unternehmen.

Irgendwann sagt er vielleicht: „Geh du ruhig tanzen. Mir macht das sowieso keinen Spaß mehr.“ Für sie beginnt der Tango möglicherweise gerade erst richtig. Für ihn ist er beendet.

Vielleicht ist Tango für alleinstehende Männer die bessere Wahl

Aber nun möchte ich nicht den Eindruck erwecken, Tango sei für Männer grundsätzlich eine schlechte Idee. Ganz im Gegenteil. Für alleinstehende Männer kann der Tango eine wunderbare Möglichkeit sein, Frauen kennenzulernen. Denn eines wissen viele Männer überhaupt nicht: Männer, die gut Tango tanzen können, sind auf Milongas ausgesprochen gefragt.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich halte mich äußerlich nicht gerade für einen besonders attraktiven Mann. Vielleicht hätten mich manche der besonders hübschen Frauen, mit denen ich im Laufe meines Tangolebens getanzt habe, außerhalb der Milongas überhaupt nicht wahrgenommen.

Hätte ich diese Frauen im Supermarkt oder im Kino einfach ansprechen können, ohne dass meine Annäherung möglicherweise als unerwünschte Anmache empfunden worden wäre? Auf einer Milonga war das anders.

Dort fiel ich als Tänzer auf, später natürlich auch als Tangolehrer. Frauen wollten mit mir tanzen, weil ihnen meine Art zu tanzen gefiel. Mein Aussehen spielte dabei möglicherweise eine wesentlich geringere Rolle als meine tänzerischen Fähigkeiten.

Der Tango bietet eine besondere Möglichkeit, einem anderen Menschen körperlich sehr nahezukommen, ohne dass daraus irgendeine Verpflichtung entsteht. Man kann sich für die Dauer einer Tanda aufeinander einlassen, gemeinsam Musik erleben und eine Nähe genießen, für die es außerhalb der Tanzfläche zunächst einmal großes gegenseitiges Vertrauen bräuchte. Natürlich entsteht daraus nicht automatisch eine Liebesbeziehung. Aber man begegnet Menschen, denen man im Alltag vielleicht niemals nähergekommen wäre.

Vielleicht erklärt das übrigens auch, warum man in der Tangoszene auffällig vielen eitlen Männern begegnet, die zu einer gewissen Selbstüberschätzung neigen. Wer im normalen Alltag bei Frauen kaum besondere Aufmerksamkeit erfährt, kann auf einer Milonga plötzlich zum begehrten Tanzpartner werden. Frauen suchen seinen Blickkontakt, freuen sich über seine Aufforderung und schwärmen anschließend vielleicht von einem wunderbaren Tanz.

Das kann einem Mann durchaus zu Kopf steigen. Mancher glaubt dann möglicherweise, diese Aufmerksamkeit gelte nicht nur seinen tänzerischen Fähigkeiten, sondern seiner gesamten Persönlichkeit. Aus dem guten Tänzer wird in seiner eigenen Vorstellung ein unwiderstehlicher Mann. Dabei könnte es durchaus sein, dass dieselben Frauen ihn außerhalb der Milonga kaum eines Blickes würdigen würden.

Ich will mich von solchen Eitelkeiten gar nicht grundsätzlich ausnehmen. Natürlich schmeichelt es einem, wenn attraktive Frauen gerne mit einem tanzen. Man sollte nur nicht vergessen, weshalb man diese Aufmerksamkeit bekommt.

Und was können wir Tangolehrer daraus lernen?

Vielleicht sollten wir Tangolehrer uns häufiger fragen, welchen Anteil unser Unterricht daran hat, dass so viele Männer beim Tango auf der Strecke bleiben. Wenn wir Anfänger von Anfang an mit Figuren, komplizierten Bewegungsabläufen und technischen Anforderungen beschäftigen, verlangen wir von den Führenden häufig viel zu viel auf einmal. Wir bringen den Frauen ihre Schritte bei, die sie anschließend selbstständig ausführen, und vermitteln den Männern damit möglicherweise sogar den Eindruck, sie könnten bereits führen.

Dann wundern wir uns, wenn diese vermeintliche Führung außerhalb der gelernten Schrittfolgen nicht funktioniert. Vielleicht müssten wir viel früher dafür sorgen, dass auch Männer Erfolgserlebnisse haben. Dass sie lernen, mit wenigen einfachen Bewegungen einen angenehmen Tanz zu gestalten, ohne ständig glauben zu müssen, ihrer Partnerin etwas Besonderes bieten zu müssen.

Und wir sollten den Paaren vermitteln, dass sie gemeinsam lernen, aber unterschiedliche Aufgaben bewältigen müssen. Sie sollten sich dabei gegenseitig unterstützen, statt einander ständig zu korrigieren. Vor allem sollten wir ihnen die Gelegenheit geben, Freude am Tango zu entwickeln, bevor sie mit all den Anforderungen konfrontiert werden, die eine volle Milonga an sie stellt.

Denn der Mann, der mit seiner Frau Tango lernen möchte, kommt häufig nicht aus eigenem tänzerischem Ehrgeiz. Vielleicht tut er es zunächst hauptsächlich ihr zuliebe. Wenn dann die Schwierigkeiten beginnen, verliert er irgendwann den Grund, weshalb er überhaupt angefangen hat. Seine Frau dagegen entdeckt immer neue Gründe, weshalb sie weitermachen möchte.

Vielleicht geben viele Männer den Tango deshalb gar nicht auf, weil sie grundsätzlich nicht tanzen wollen oder nicht tanzen können. Vielleicht haben sie unter den Bedingungen, unter denen sie ihn lernen sollten, einfach nie richtig Freude daran entwickeln können.

Und vielleicht sollten wir uns einmal fragen, was wir diesen Männern eigentlich versprechen, wenn sie zum ersten Mal mit ihrer Partnerin in unseren Unterricht kommen. Und was wir ihnen dann tatsächlich zumuten.

2 thoughts on “Warum so viele Männer beim Tango auf der Strecke bleiben”

    • Author gravatar

      Hallo Klaus,

      ich hatte vor 10 Jahren mal das Portal TanzMitMir ausgewertet: Es suchten 3:1 mehr Frauen einen Tanzpartner; beim Gesellschaftstanz wie beim Tango.
      Tanzen als Konstrukt ist in Nordeuropa(?) für Männer also nicht attraktiv, ohne eine Art „Nachteilsausgleich“ wird es nicht funktionieren.
      Das bedeutet aber auch: sofern die Anfängerkurse 1:1 besetzt sind, sind von der Partnersuche bis zum Unterricht schon 2/3 der Frauen auf der Strecke geblieben.

      Nach meiner Schätzung braucht das Führen zu lernen den dreifachen Aufwand, oft die dreifache Zeit. Ich denke nicht, dass man da innerhalb eines Paarkurses viel machen kann. Zumal die heute naheliegende Lösung, dass beide beide Rollen lernen, für viele Männer noch weniger attraktiv sein dürfte.

      Eine Mögliche Lösung für Paare ist, dass der Mann parallel Einzelunterricht bei einer „motivierenden“ Tangolehrerin nimmt. Das kostet, dafür muss das Paar dann vielleicht auf einen Kurzurlaub verzichten. Oder das Paar einigt sich darauf, die ersten zwei Jahre nicht auf eine Milonga zu gehen, dann tritt sie halt auf der Stelle.

      • Author gravatar

        Hallo Martin,
        das entspricht in allen Punkten auch meinen Anschauungen. Meine erwähnte Idee, dass Single-Männer Tango lernen sollten, mit dem vielleicht interessanten Aspekt eine Frau kennenzulernen, ist angesichts des Altersdurchschnitts der Tango-Szene und der langen Lernzeit wohl nicht gerade ein attraktives Unterfangen. Ich meinte auch nur, dass auf dem Dating-Markt Männer, die tanzen können, einen hohen Beliebtheitswert haben. Aber wie gesagt: ob sich dieser Aufwand lohnt? Für mich, als langjähriger Tänzer, ja. Aber ich habe auch als junger Mann angefangen, – ich war 26 Jahre alt. Und meine Tanzpartnerinnen auch alle in meinem Alter. Ich bin wohl rechtzeitig auf den Zug aufgesprungen.

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