Dritter Teil: Improvisation im Unterricht – Die musikalische Organisation

Gedanken über Tango-Unterricht | Teil 68 | 3/3

Und jetzt kommt die Musik hinzu.

In den ersten beiden Teilen habe ich beschrieben, wie Improvisation bereits im Anfängerunterricht beginnen kann. Zunächst ging es um die Bewegungsmöglichkeiten innerhalb des Paares, anschließend um die räumliche Orientierung, die Triangulation und die Navigation auf einer Milonga.

Nun fehlt noch etwas Entscheidendes: die Musik.

Denn bisher haben wir uns hauptsächlich damit beschäftigt, wohin der nächste Schritt führen soll. Aber wann soll er ausgeführt werden? Und warum gerade dann?

Damit wird die Improvisation um eine weitere Entscheidung erweitert. Der Führende muss seine räumlichen Möglichkeiten mit dem musikalischen Geschehen verbinden. Er entscheidet nicht nur über einen Zielpunkt, sondern auch darüber, zu welchem Zeitpunkt die Bewegung stattfinden soll.

Der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt

Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Anfängerunterricht. Ein Paar hat gelernt, vorwärts und rückwärts zu kreuzen und Öffnungsschritte auszuführen. Es kennt also bereits verschiedene Bewegungsmöglichkeiten und kann diese miteinander verbinden.

Jetzt kommt die Musik hinzu.

Bisher konnte der Führende entscheiden, wohin der nächste Schritt seiner Partnerin führen soll. Nun muss er zusätzlich entscheiden, wann dieser Schritt erfolgen soll. Vielleicht auf den nächsten Grundschlag, vielleicht auf einen dazwischenliegenden Akzent oder erst nach einer kurzen Pause.

Damit verändert sich auch die Bedeutung der Bewegung. Derselbe Schritt kann ruhig und gelassen ausgeführt werden oder kurz und akzentuiert. Er kann Teil einer fließenden Bewegungsfolge sein oder eine musikalische Phrase abschließen.

Dafür braucht man nicht unbedingt neue Schritte. Man braucht zunächst die Fähigkeit, die bereits bekannten Bewegungsmöglichkeiten zeitlich unterschiedlich einzusetzen.

Warum musikalische Improvisation so schwierig ist

Eine räumliche Entscheidung kann ich treffen, sobald ich sehe, wo Platz ist und welche Bewegungsmöglichkeiten mir zur Verfügung stehen. Bei der Musik ist das schwieriger. Denn während ich noch entscheide, vergeht die Zeit, und der musikalische Moment ist möglicherweise schon vorbei.

Der Führende muss also nicht nur hören, was gerade geschieht. Er muss auch eine Vorstellung davon entwickeln, was als Nächstes kommen könnte.

Das ist eine der Besonderheiten der traditionellen Tangomusik. Ihre musikalischen Strukturen sind häufig so gestaltet, dass erfahrene Hörer bestimmte rhythmische und melodische Entwicklungen vorausahnen können, auch wenn sie das betreffende Stück noch nie gehört haben.

Darüber habe ich bereits ausführlich in meinem früheren Beitrag „Die musikalische Struktur des Tangos“ geschrieben. Dort beschäftige ich mich unter anderem mit dem Metrum, den Taktschlägen, dem Rhythmus und den Voraussetzungen für eine spontane musikalische Interpretation.

Improvisation braucht Übung

Nun könnte man meinen, dass es genügt, die Musik aufmerksam zu hören und seine Schritte entsprechend auszuführen. Schön wär’s!

Wer schon einmal versucht hat, während einer Drehung spontan einen anderen Rhythmus zu tanzen, weiß, wie schwierig das sein kann. Schließlich müssen beide Partner ihre Bewegungen koordinieren, aufeinander reagieren und gleichzeitig die räumliche Situation berücksichtigen.

Das funktioniert nicht allein durch musikalisches Verständnis. Die unterschiedlichen rhythmischen Möglichkeiten müssen auch körperlich verfügbar sein.

Deshalb habe ich mich schon vor einiger Zeit mit einem systematischen Training der musikalischen Improvisation beschäftigt. In meinem Beitrag „Musikalität – Üben mit System“ beschreibe ich unter anderem, wie sich rhythmische Muster mit unterschiedlichen Bewegungsfolgen kombinieren und üben lassen.

Die musikalische Improvisation – warum ich mich diesmal kurzfasse

In diesem dritten Teil habe ich versprochen, die musikalische Improvisation im Tango zu erklären. Nun habe ich mich aber bereits in drei ziemlich aufwendigen Beiträgen ausführlich damit beschäftigt:

a) Die musikalische Struktur des Tangos

b) Musikalität – Üben mit System

c) Musiktraining im Tango-Unterricht – Synkopen, Pattern und Melodien

Damals hatte ich allerdings noch nicht erklärt, wie das System von Gustavo Naveira und Fabián Salas aufgebaut ist und wie sich auf dieser Grundlage räumlich improvisieren lässt. Das habe ich nun mit den ersten beiden Beiträgen dieser Reihe nachgeholt.

Nun möge man mir verzeihen, dass ich diese drei früheren Beiträge hier nicht noch einmal schreibe, zumal sie bereits alles sehr ausführlich erklären.

Natürlich ist das eine Menge Lesestoff, dazu noch ziemlich theoretisch. Das verlangt einiges an Leseverständnis, Kopfknobelei und Geduld. Sicherlich keine leichte Kost. Aber man sollte sich die Zeit nehmen, diese Beiträge in Ruhe durchzuarbeiten. Es lohnt sich wirklich! Und wer dabei Schwierigkeiten hat, kann sich gerne per E-Mail an mich wenden: ta***@******lo.de.

Wer sich ernsthaft damit beschäftigen möchte, wie musikalische Improvisation im Tango systematisch erlernt und geübt werden kann, findet dort reichlich Material. Die beschriebenen Übungen lassen sich sowohl im Anfängerunterricht als auch mit Fortgeschrittenen einsetzen. Voraussetzung ist allerdings, dass man die Bewegungsstruktur des Tangos verstanden hat.

Und genau diese Grundlage wollte ich mit der vorliegenden dreiteiligen Reihe vermitteln.

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