Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

„Alt? Dann schaffen wir Beethoven gleich mit ab.“

Vor ein paar Tagen rief mich eine junge Frau an, die gerne Tango lernen wollte. Einen Beginnerkurs konnte ich ihr nicht anbieten, also kamen wir ins Gespräch. Nicht über Termine, sondern über Bewegung. Über Stand. Über das, was einen Körper stabil macht.

Sie erzählte mir, sie trainiere eine japanische Kampfkunst. Ihr Lehrer – selbst Tangotänzer – habe ihr geraten, Tango zu lernen, um ihre „Beinarbeit“ zu verbessern.

Das hat mich nicht überrascht. Ich erinnerte mich an ein spielerisches Ringen vor Jahren mit einem Freund, fortgeschritten im Wing Tsun. Ich blieb erstaunlich stabil auf den Beinen. Sein Kommentar: „Du hast einen sehr guten Stand.“ (Heute allerdings, nach einer Achillessehnenruptur und OP, wohl nicht mehr so sehr.)

Offenbar gibt es zwischen Tango und Kampfkunst eine gemeinsame Grundlage: Balance, Erdung, Struktur. Form ist nicht Einschränkung, sondern Voraussetzung.

Im weiteren Verlauf erwähnte ich die besondere Rolle Japans in der Geschichte des Tango – und wusste plötzlich, dass ich darüber längst hätte schreiben sollen.

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Teil 2) | Was bedeutet eigentlich „zur Musik tanzen“?

Kaum ein Satz fällt im Tango so häufig wie dieser: „Man sollte mehr zur Musik tanzen.“
Er klingt selbstverständlich. Und doch bleibt er erstaunlich unbestimmt. Denn die eigentliche Frage lautet: Was heißt das konkret?

Zur Musik tanzen kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Genau hier beginnen viele Missverständnisse. Alle benutzen denselben Ausdruck, aber jeder verbindet etwas anderes damit. Der eine meint: Hauptsache im Takt. Der nächste meint: Akzente aufnehmen. Ein dritter meint: Ausdruck, Gefühl, Dramaturgie. Und alle glauben, sie sprächen vom selben Phänomen.

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Über Kosten, Milonga-Modelle und falsche Vergleiche

Der Beitrag von Christian Beyreuther hat hohe Wellen geschlagen. Die Zugriffszahlen – vor allem über Facebook – gingen deutlich nach oben, und ebenso die Zahl der Kommentare. Viele Leser hielten die dort genannten Kostenaufstellungen für überzogen oder unrealistisch. Dabei beruhen diese Zahlen nicht auf Schätzungen, sondern auf den offen gelegten Angaben des Tangostudios El Abrazo in Hamburg.

Diese Diskussion kommt mir vertraut vor. Eine sehr ähnliche Debatte habe ich bereits vor rund dreißig Jahren in der Usenet-Newsgroup „tango-L“ geführt, damals ebenfalls mit Argumenten zugunsten realistischer Eintrittspreise. Allerdings bewegten wir uns zu dieser Zeit in völlig anderen Dimensionen. Die Preise waren noch in D-Mark angegeben, lagen deutlich niedriger, und viele Veranstalter arbeiteten tatsächlich eher im idealistischen als im wirtschaftlichen Rahmen.

Heute sind die Strukturen andere, und auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert.

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Die Diskussion um steigende Eintrittspreise bei Milongas entzündet sich oft am falschen Punkt. Nicht die Erhöhung an sich ist bemerkenswert, sondern dass Veranstalter heute überhaupt gezwungen sind, offen über Zahlen zu sprechen. Genau diese Transparenz hat in der Tangoszene über viele Jahre gefehlt.

Wer über Preise diskutiert, ohne Kosten zu benennen, diskutiert letztlich im luftleeren Raum.

Gedanken über Tango-Unterricht | 42. Teil

Gedanken über Tango-Unterricht | 42. Teil

Teil 42) | Tango zwischen Standpunkt und Begegnung – eine Modellanalyse

Man hat mir vorgeworfen, ich würde mich nicht ernsthaft mit den Inhalten bestimmter Blogtexte auseinandersetzen, sondern nur zuspitzen. Na gut, dann tue ich es hier ausdrücklich: Ich nehme ein beschriebenes Tango-Modell beim Wort und untersuche, was davon tanztechnisch übrig bleibt, wenn man es konsequent zu Ende denkt.

Dieses beschriebene Tango-Modell ist auch oft in der Freestyler- und Neo-Tango-Szene zu beobachten und führt nicht selten zu Konflikten über räumlichen Umgang auf gefüllten Pisten. Den technisch bedingten Grund dafür werde ich hier erläutern. 

Es geht dabei nicht um Personen, sondern um Begriffe und Konzepte. Ein Text, der sich mit großen Worten wie „Dialog“ und „Dialektik“ schmückt, muss sich daran messen lassen, ob diese Begriffe im Tanz überhaupt eingelöst werden.

Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Eigentlich würde ich mich aus diesem Streit heraushalten. Ich bin selbst nicht betroffen, und normalerweise habe ich keine Lust, jede private Blogger-Schlägerei mit einem Extra-Beitrag zu kommentieren. Aber hier geht es nicht mehr um Tango oder um ein Buch, sondern darum, wie Geschichte missbraucht wird. Eine polemische Metapher wird in die Nähe der Bücherverbrennungen von 1933 gerückt, und am Ende wird sogar die jüdische Bevölkerung in diesen privaten Diskurs hineingezogen, um die Empörung noch weiter hochzudrehen. Das ist für mich […]

Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Mit Nachtrag

Willkommen zu meiner neuen Themenreihe „Gedanken über Tango-Musik“

Der Anstoß zu dieser Reihe kam durch einen Blogartikel von Helge Schütt mit dem Titel „Zur Systematik der Tango-Schritte“. Beim Lesen fiel mir erneut etwas auf, das mir im Tango-Unterricht – insbesondere beim Thema Musik – seit Jahren begegnet: Begriffe werden durcheinandergeworfen. Und genau dieses Durcheinander produziert Missverständnisse.

In Helges Fall entstand das Missverständnis im Anschluss an einen von ihm besuchten Workshop bei Joaquín Amenábar, einem ausgewiesenen Spezialisten für Tango-Musikalität. Das Problem lag ausdrücklich nicht am Unterricht, sondern an der Komplexität des Themas – und an der begrifflichen Unschärfe, mit der im Tango oft gearbeitet wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Teil 41) | Was sind Bezugssysteme – und warum sie beim Lernen sehr hilfreich sind

Tango wird gern als etwas beschrieben, das man nicht erklären könne.
Man müsse ihn fühlen. Alles andere störe nur.

Das ist bequem – und falsch.

Denn auch wenn Tango im Tanz selbst weitgehend unbewusst geschieht, wird er nicht unbewusst gelernt.

Lernen braucht Orientierung. Und Orientierung braucht Bezugssysteme.

Bezugssysteme sind keine Theorie über Tango.
Sie sind Hilfsmittel, um Komplexität zu strukturieren, Wahrnehmung zu schärfen und Missverständnisse zu vermeiden. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Oder: Woher stammt eigentlich die Idee, dass beim Tango jede Dienstleistung verschenkt werden soll?

Es hält sich in der Tangowelt ein erstaunlich zähes Märchen: der Veranstalter sei geldgierig, der Lehrer ein Abkassierer, der Organisator im Grunde ein Profiteur, der die „Leidenschaft anderer“ finanziell ausnutzt. Diese Sätze kommen meistens von Menschen, die noch nie auch nur eine Sekunde lang auf der anderen Seite standen. Denn wer einmal erlebt hat, was es bedeutet, eine Milonga, einen Ball, einen Workshop oder auch nur einen regelmäßigen Unterricht zu organisieren, weiß sehr genau: Tango ist kein Selbstläufer und schon gar keine Wohlfahrt. Es ist Arbeit, Verantwortung, Zeitaufwand, Material, Risiko und Organisation – und zwar weit mehr, als man von außen ahnt.

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Oder: Warum es nicht unbedingt ein Vorteil ist, „von Anfang an“ dabei gewesen zu sein

In einer laufenden Blogdiskussion musste ein bestimmter Blogger wieder einmal beweisen, dass er nur ein Argument wirklich beherrscht: das Baujahr als Kompetenzbeleg.
Er versuchte, einen sehr erfahrenen Tänzer abzuwerten, weil dieser nicht „bei den wilden, alten Tangozeiten“ dabei gewesen sei.
Als hinge Verständnis davon ab, ob man zufällig ein paar Jahre früher oder später angefangen hat.

Ich kenne diese Denke.
Ich habe selbst sehr früh begonnen – und weiß genau, wie viel Unsinn man damals lernte. Wer stolz auf diese Frühzeit ist, hat sie entweder vergessen oder nie verstanden.

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Teil 40) | Was Kontakt im Tango wirklich bedeutet – und warum die meisten nur die Hälfte davon nutzen

Wir reden im Tango ständig über „Kontakt“.
Aber selten darüber, welchen.
Denn Kontakt ist nicht ein einzelner Zustand, sondern besteht aus mindestens zwei Ebenen, die idealerweise zusammenfallen – oft aber getrennt voneinander existieren.

Um sinnvoll über Weiterentwicklung zu sprechen, müssen wir zuerst klären, welchen Kontakt wir überhaupt meinen.

Gedanken über Tango Unterricht | 39.Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 39.Teil

Teil 39) | Nachtrag zu Teil 38 | Warum Tango- Beschreibungen so oft missverstanden werden

Im letzten Teil dieser Reihe habe ich einen Text eines Tango-Lehrers aus Buenos Aires vorgestellt. Und bemerkenswert viele Leser fühlten sich sofort angesprochen – besonders unter den Führenden gibt es eine fast reflexhafte Grundüberzeugung, das Beschriebene längst zu beherrschen. Man sei „bei der Partnerin“, man „fühle den Körper“, man „führe über Wahrnehmung“ statt über Bewegungsabsicht.
Die Realität sieht allerdings meist deutlich nüchterner aus.

Selbst geübte Tänzer behaupten gern, sie würden ihre eigene Bewegung beim Tanzen vollständig ausblenden und seien zu hundert Prozent im Kontakt. Tatsächlich sind viele davon bestenfalls zu 20–30 % bei der Partnerin. Der Rest ihrer Aufmerksamkeit hängt weiterhin an den eigenen Füßen, der eigenen Achse, den eigenen Vorstellungen vom nächsten Schritt.

Gedanken über Tango Unterricht | 38. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 38. Teil

Teil 38) | Warum so viele Paare nebeneinander tanzen – aber nicht miteinander

Ein Satz des Autors trifft einen Nerv unserer heutigen Unterrichtskultur:
„Sie tanzen nur für sich selbst und ignorieren die wunderbare Reise, die ein Tango zu zweit bedeutet.“

Das beschreibt den Zustand vieler Paare erschreckend gut. Sie bewegen sich zwar gemeinsam durch den Raum, aber sie tanzen nicht miteinander. Sie folgen inneren Drehbüchern, die ihnen jemand einmal verkauft hat, statt den Menschen vor sich wahrzunehmen.

Dieses Denken kommt nicht aus Bosheit oder Faulheit – es kommt aus der verbreiteten Vorstellung, Tango sei das Aneinanderreihen von Schritten. Und wer mehr Schritte könne, tanze „besser“.
Eine groteske Fehlannahme, die leider von einem Großteil des Unterrichts noch immer verstärkt wird.

In Wahrheit erkennt man sehr schnell, dass Menschen, die Figuren lernen, am Ende Figuren tanzen. Menschen hingegen, die Wahrnehmung lernen, tanzen sich gegenseitig. Das ist der Unterschied zwischen einem mechanisch funktionierenden Paar und einem Paar, das Tango tanzt.

In eigener Sache und Sonstiges

In eigener Sache und Sonstiges

Zuerst einmal wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein gutes, erfolgreiches – und vor allem friedliches – neues Jahr! Meine Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ werde ich demnächst fortsetzen. Allerdings nicht mehr in so engem Takt: Das Thema ist weit, aber nicht unendlich, und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nichts mehr ergänzt, sondern nur noch wiederholt.Auch meine Beiträge zur Tango-Szene und zu allgemeinen Entwicklungen werde ich etwas reduzieren – schlicht deshalb, weil ich nicht mehr so oft unterwegs […]

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung