Gibt’s eigentlich Humor im Tango?
Von der Dramafalte, komischen Tangotexten und dem Lachen auf der Tanzfläche
Wer auf einer Milonga die Tanzfläche beobachtet, könnte gelegentlich glauben, der Tango sei eine ausgesprochen ernste Angelegenheit. Mit geschlossenen Augen, bedeutungsvollen Gesichtern und der obligatorischen Dramafalte auf der Stirn bewegen sich die Paare zur Musik, als hänge das Schicksal einer großen Liebe von der nächsten Gewichtsverlagerung ab. Dabei ist die Verteilung der Gemütszustände scheinbar recht einfach: Beim Tango wird gelitten, bei der Milonga darf es etwas fröhlicher zugehen und beim Vals wird schwungvoll durch den Raum getanzt. Jedenfalls könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke betrachtet. Aber ist der Tango tatsächlich so humorlos, wie er manchmal aussieht?
Eigentlich ist diese Frage schon deshalb merkwürdig, weil die historischen Tangos keineswegs ausschließlich von Liebeskummer, Verrat, Sehnsucht und gebrochenen Herzen handeln. Natürlich gibt es diese Texte in großer Zahl. Manchmal wird darin der Liebesschmerz mit einer Ausdauer kultiviert, die einem beinahe Bewunderung abverlangt. Aber daneben existiert eine beträchtliche Tradition von Spott, Ironie, Satire und ausgesprochen albernem Humor. Der Tango war schließlich nicht nur ein Tanz, sondern gehörte zur Unterhaltungskultur von Buenos Aires, einschließlich Varieté, Theater und musikalischer Komödie.
Wenn der Tango komisch wird
Schon Ángel Villoldo, einer der frühen Protagonisten des Tangos, hatte eine ausgeprägte Neigung zur Satire. In seinem Tango „Cuidado con los 50“ von 1907 machte er sich über eine polizeiliche Verordnung lustig, nach der anzügliche Bemerkungen gegenüber Frauen auf der Straße mit einer Geldstrafe von fünfzig Pesos geahndet werden konnten. Villoldo schildert die Schwierigkeiten eines Mannes, der einer schönen Frau nicht einmal mehr ein Kompliment machen kann, ohne um sein Geld fürchten zu müssen. Die damalige Satire lässt sich heute durchaus anders beurteilen. Interessant ist aber, dass Villoldo bereits politische und gesellschaftliche Vorschriften zum Gegenstand seiner humoristischen Texte machte. Carlos Di Sarli nahm diesen Tango später instrumental auf, unter anderem 1954. Wer dazu tanzt, wird allerdings kaum wissen, welche Späße sich hinter der Musik verbergen.
Besonders Francisco Canaro und Edgardo Donato haben sich im Bereich der komischen und satirischen Tangos hervorgetan. Canaro komponierte beispielsweise 1934 „El tango de la mula“ mit einem Text von Ivo Pelay, den Ernesto Famá sang. In diesem Stück werden alle möglichen Lügen und Ausreden des Alltags aufs Korn genommen. Wenn der Ehemann aus geschäftlichen Gründen unbedingt mit seinem Kompagnon zu Abend essen muss, wird das ebenso misstrauisch kommentiert wie die Liebesschwüre anderer Leute. Das Stück stammt aus einer musikalischen Theaterproduktion und wurde sogar ausdrücklich als humoristischer Tango bezeichnet.
Ein weiteres schönes Beispiel ist Canaros Milonga „Se dice de mí“, ebenfalls mit einem Text von Ivo Pelay. Die erste Aufnahme entstand 1943 mit Carlos Roldán. Berühmt wurde jedoch Tita Merellos Interpretation, die sie 1954 mit Canaros Orchester aufnahm und später im Film „Mercado de Abasto“ sang. Darin macht sich eine Frau über all diejenigen lustig, die ihr mangelnde Schönheit, eine merkwürdige Figur und ein wenig vorteilhaftes Äußeres bescheinigen. Sie selbst kann darüber nur lachen, schließlich scheinen die Männer trotz aller angeblichen Mängel ziemlich an ihr interessiert zu sein. Eine wunderbare Karikatur menschlicher Eitelkeit und Selbstüberschätzung, die ursprünglich sogar für einen männlichen Sänger geschrieben worden war.
Von Canaro stammt außerdem „La milonga de mis perros“, die er 1942 mit Carlos Roldán aufnahm. Sie gehörte zum musikalischen Theaterstück „Sentimiento gaucho“. Auch daran erkennt man, wie eng Tango, Milonga und die damalige Unterhaltungskultur miteinander verbunden waren. Nicht jedes solche Stück ist übrigens eine komische Nummer im engeren Sinne. Man sollte zwischen heiterer Musik, komischen Texten und wirklicher Satire unterscheiden.
Bei Edgardo Donato wird es gelegentlich noch etwas alberner. Seine Aufnahmen „La caída de la estantería“ und „Rosa, poneme una ventosa“ aus dem Jahr 1935 gehören zu den Beispielen, die man heute auf Milongas kaum noch hört. Besonders die zweite Aufnahme ist bemerkenswert. Der Tango stammt von Enrique Delfino und Manuel Romero und wurde mit Hugo del Carril und Randona aufgenommen. Dabei wird eine Frauenrolle mit einer verstellten Männerstimme dargestellt. Das Ganze bekommt dadurch den Charakter einer kleinen musikalischen Travestie, bei der die komische Wirkung nicht allein vom Text, sondern ebenso von der stimmlichen Überzeichnung lebt.
Man kann sich gut vorstellen, wie eine solche Nummer im damaligen Unterhaltungsmilieu funktioniert hat. Ob sie deshalb heute auf einer Milonga gespielt werden sollte, ist allerdings eine andere Frage. Wer den spanischen Text nicht versteht, hört zunächst einmal eine quäkende, verstellte Stimme, deren komische Absicht sich kaum erschließt. Und das muss man keineswegs schön finden. Ich selbst frage mich manchmal, ob solche Aufnahmen von den DJs bewusst gemieden werden oder ob sie einfach nicht in deren musikalisches Konzept passen. Bei Donato kommt womöglich hinzu, dass manche DJs ihn nicht einmal zum bevorzugten Repertoire der sogenannten Época de Oro zählen. Aber vielleicht ist die Erklärung viel einfacher: Nicht alles, was einmal komisch gemeint war, ist deshalb auch ein musikalischer Genuss.
Auch Juan D’Arienzo hatte solche Nummern im Repertoire. In „El hipo“, das er 1951 mit Alberto Echagüe aufnahm, scheitert eine romantische Liebeserklärung ausgerechnet am Schluckauf des verliebten Mannes. Noch grotesker ist „Sepeñoporipitapa“, ebenfalls von D’Arienzo mit Echagüe aufgenommen. Der Text stammt von Carlos Bahr, die Musik von Fulvio Salamanca und Juan D’Arienzo. Ein junger Mann erfindet darin eine Geheimsprache, weil er seiner Angebeteten in Anwesenheit ihrer Familie keine ungestörte Liebeserklärung machen kann. Schließlich lernt auch sie diese Sprache, und beide verständigen sich fortan in einem Kauderwelsch, das für Außenstehende völlig unverständlich ist. Das ist musikalischer Klamauk, bei dem man sich fragen darf, ob die Zuhörer damals mehr gelacht haben als die Tänzer heute.
Diese Beispiele zeigen jedenfalls, dass Humor keineswegs ein Fremdkörper in der historischen Tangomusik war. Allerdings bedeutete die Existenz solcher Aufnahmen noch lange nicht, dass sie regelmäßig auf den Tanzveranstaltungen zu hören waren. Die Orchester produzierten schließlich nicht ausschließlich Tanzmusik, sondern bedienten auch ein breites Publikum in Rundfunk, Theater und auf Schallplatten.
Wer bestimmt eigentlich die Stimmung einer Milonga?
Was mich an heutigen Milongas zunehmend beschäftigt, ist weniger das Verschwinden komischer Gesangsnummern als die musikalische Stimmung, die durch die Auswahl vieler DJs entsteht. Ich beobachte seit einiger Zeit eine deutliche Vorliebe für romantische, melancholische und dramatische Tangomusik. Besonders Raúl Berón scheint dabei hoch im Kurs zu stehen, vor allem mit seinen Aufnahmen bei Miguel Caló. Dabei hat Berón auch mit Lucio Demare eine ganze Reihe wunderbarer Titel aufgenommen, von denen auf Milongas nach meinem Eindruck nur wenige zu hören sind. Auch Puglieses Aufnahmen mit Roberto Chanel werden inzwischen gerne gespielt. Das sind hervorragende Orchester und Sänger, aber ihre häufige Auswahl wirft für mich eine grundsätzliche Frage auf: Welche Stimmung wollen wir eigentlich auf einer Milonga erzeugen?
Ein DJ ist schließlich kein bloßer Schallplattenaufleger. Er gestaltet mit seiner Auswahl die emotionale Atmosphäre eines ganzen Abends. Und wenn sich diese Auswahl zunehmend auf melancholische, romantische und dramatische Tangos konzentriert, bleibt das nicht ohne Folgen für die Tänzer. Musik ist schließlich kein neutraler Hintergrund, vor dem wir unsere Bewegungen ausführen. Sie spricht uns emotional an, weckt Erwartungen, verändert unsere Bewegungsbereitschaft und beeinflusst, wie wir einander auf der Tanzfläche begegnen. Wer überwiegend gefühlsschwere Aufnahmen spielt, erzeugt eine andere Atmosphäre als jemand, der rhythmische, lyrische, beschwingte und dramatische Tangos abwechslungsreich miteinander verbindet. Dabei interessiert mich weniger, ob ein einzelner Tango besonders schön oder ergreifend ist. Mich interessiert vielmehr, was die Gesamtheit der ausgewählten Musik mit einem Tanzabend macht.
Ich möchte meinen persönlichen Musikgeschmack dabei keineswegs zum allgemeingültigen Maßstab erheben. Aber ich erlebe Musik in erster Linie aus dem Blickwinkel des Tänzers. Mich begeistert, wenn ein Orchester mich regelrecht vom Stuhl holt, wenn musikalische Akzente meine Bewegungsfantasie anregen und ich Lust bekomme, mit meiner Partnerin auf rhythmische Überraschungen zu reagieren. Bei Troilo und Donato geht es mir häufig so. Bei Raúl Berón dagegen möchte ich nach drei Titeln manchmal nur noch ausrufen: „Nun geh doch nach Hause und heul dort weiter!“ Seine klagende Stimme kann mir gehörig auf die Nerven gehen. Und bevor jemand meint, mir fehle das nötige Gefühl für den Tango: Gerade weil Musik Gefühle in mir auslöst, reagiere ich so. Nur möchte ich nicht jede fremde Liebestragödie zu meiner eigenen machen. Die Welt ist traurig genug, da muss ich mich nicht auch noch auf einer Milonga ausgiebig in Melancholie suhlen.
Natürlich empfinden andere Tänzer diese Musik ganz anders. Wer sich am liebsten in enger Umarmung in die Musik hineinträumt, wird solchen Aufnahmen möglicherweise viel abgewinnen können. Auch dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Nur sollte man nicht vergessen, dass Tango ebenso ein Bewegungstanz ist, dessen rhythmischer Reichtum und musikalische Vielfalt weit über romantische Versunkenheit hinausreichen. Eine Tanda mit Berón kann wunderbar sein, ohne dass ich anschließend weitere Tandas mit derselben emotionalen Schwere brauche. Melancholie und Dramatik gehören zum Tango, aber ebenso rhythmische Ausgelassenheit, musikalischer Witz, Leichtigkeit und spielerische Improvisation. Wenn diese Seiten zu kurz kommen, verändert sich zwangsläufig das Bild des Tangos, das wir auf unseren Milongas erleben.
Diese Überzeugung prägt übrigens auch meine Musikauswahl im Unterricht. Dort verwende ich bewusst ausgesprochen motivierende Musik, die meinen Schülern Lust macht, sich zu bewegen, rhythmische Strukturen zu entdecken und mit den Möglichkeiten der Improvisation zu experimentieren. Gerade beim motorischen Lernen halte ich eine solche musikalische Motivation für wichtig. Meine Schüler sollen auf die Musik reagieren, ihre Bewegungsmöglichkeiten erweitern und Freude am Ausprobieren entwickeln. Dafür brauche ich keine musikalische Dauerbegleitung gebrochener Herzen. Meine Schüler möchten schließlich tanzen lernen und nicht kuscheln.
Vielleicht sollten wir deshalb bei der Diskussion über die Stimmung auf Milongas weniger auf die ernsten Gesichter der Tänzer achten als auf die musikalische Dramaturgie des Abends. Denn die Atmosphäre einer Milonga entsteht nicht zufällig. Sie wird ganz wesentlich von der Musikauswahl geprägt. Und wer über Stunden vor allem Melancholie, romantische Versunkenheit und dramatische Gefühlsausbrüche anbietet, darf sich nicht wundern, wenn sich genau diese Stimmung auch auf der Tanzfläche ausbreitet. Der Tango besitzt einen ungeheuren emotionalen und rhythmischen Reichtum. Warum sollten wir uns ausgerechnet beim Tanzen auf einen kleinen Ausschnitt davon beschränken?
Lachen auf der Tanzfläche
Nun wäre es allerdings ziemlich unsinnig, aus den ernsten Gesichtern vieler Tangotänzer auf einen allgemeinen Humormangel zu schließen. Wer eine Milonga besucht, erlebt an den Tischen meist eine ausgesprochen gesellige Atmosphäre. Da wird geredet, gescherzt und gelacht, und auch während der Cortinas unterhalten sich die Paare auf der Tanzfläche. Sobald der nächste Tango beginnt, werden die Gesichter wieder ernster. Das liegt aber vor allem an der Konzentration, die der improvisierte Tanz verlangt. Man muss die Musik hören, auf den Partner achten, seine Bewegungen organisieren und gleichzeitig den Verkehr auf der Tanzfläche im Auge behalten. Bei einer vergleichsweise unkomplizierten Salsa kann man sich während des Tanzens noch unterhalten. Beim Tango ist das schon erheblich schwieriger. Ein ernstes Gesicht ist deshalb noch lange kein Zeichen für mangelnde Lebensfreude.
Trotzdem habe ich im Laufe meiner vielen Tanzjahre ausgesprochen komische, manchmal auch völlig alberne Situationen erlebt. Seltsam finde ich nur, dass ein spontanes, etwas lauteres Lachen gelegentlich mit bösen Blicken quittiert wird. Warum eigentlich? Wir sind doch nicht auf einer Beerdigung. Obwohl, manchmal vielleicht doch. Auf der Beerdigung einer großen Liebe, deren tragisches Ende gerade von einem Sänger zu schmachtvollem Gejammer ausgeweitet wird. Und wehe, jemand lacht dazwischen! Man kann die vorwurfsvollen Blicke beinahe übersetzen: „Hörst du denn nicht, wie dieser arme Mann gerade leidet?“ Natürlich höre ich das. Entschuldigung, ich wollte die in tiefer Andacht versunkenen Paare keineswegs aus ihrer gemeinsamen Trance reißen. Vielleicht sollte man vor der nächsten Tanda vorsichtshalber noch eine Schweigeminute einlegen.
Natürlich muss man nicht über jede komische Situation laut lachen. Und manchmal ist gerade das Unterdrücken eines Lachanfalls die eigentliche Herausforderung. Meine Tanzpartnerin erlebte einmal einen ausgesprochen schweigsamen Herrn, der während des gemeinsamen Tanzens kein einziges Wort sprach. Als die beiden am Rand der Tanzfläche über eine Teppichkante stolperten, durchbrach er plötzlich sein Schweigen und erklärte im breitesten Dialekt: „Ubs, dos wor där Däbbisch!“ Das war sein erster und offenbar wichtigster Redebeitrag. Für meine Partnerin begann damit eine völlig neue tänzerische Herausforderung. Sie musste irgendwie weitertanzen, ohne in einen offenen Lachkrampf zu verfallen und den armen Mann dadurch womöglich schwer zu brüskieren. Denn so komisch die Situation auch gewesen sein mag, der Herr konnte schließlich nichts dafür, dass seine Erklärung eine solche Wirkung auslöste.
Überhaupt sollte man mit Scherzen beim Tanzen ein wenig vorsichtig sein. Eine kurze, treffende Pointe während einer Tanzpause kann die Stimmung wunderbar auflockern. Ein längerer Witzvortrag ist dagegen eher fehl am Platz, und ein Herrenwitz kann die gerade entstandene Sympathie schneller zerstören als ein kräftiger Tritt auf den Fuß. Vor allem sollte man vorher bedenken, ob die Pointe beim Gegenüber überhaupt ankommt. Nicht jeder Scherz landet dort, wo er landen sollte. Gelegentlich bleibt nur eine irritierte Stirnfalte zurück, hinter der nun fieberhaft darüber nachgedacht wird, was der Partner eigentlich gemeint haben könnte. „War das jetzt eine Anspielung? Habe ich vielleicht Mundgeruch? Hat mein Deo versagt?“ Während der arme Mensch noch nach einer Erklärung sucht, läuft längst der nächste Tango. Und schon hat ein missglückter Scherz genau jene Aufmerksamkeit zerstört, die man für das gemeinsame Tanzen dringend benötigt.
Eine gewisse Verwandtschaft zwischen einem guten Scherz und einer guten Führung lässt sich dabei kaum übersehen. Beide brauchen den richtigen Zeitpunkt, müssen für den Partner verständlich sein und sollten möglichst keine unangenehmen Folgen hinterlassen. Wer hinterher ausführlich erklären muss, was eigentlich gemeint war, hat vermutlich in beiden Fällen etwas falsch gemacht.
Und dann gibt es natürlich jene Tänzer, für die jeder Fehler eine persönliche Katastrophe darstellt. Ein verpasster Schritt, eine missverstandene Führung oder eine kleine Unsicherheit werden mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, als habe man gerade einen irreparablen Schaden angerichtet. Dabei gehören solche Situationen zur Improvisation. Wer gemeinsam tanzt, kann nicht jeden Bewegungsablauf vorhersehen, und nicht jedes Missverständnis verlangt nach einer sofortigen Fehleranalyse. Manchmal genügt ein Lächeln, und schon ist die Sache erledigt. Gerade beim Lernen halte ich diese Gelassenheit für ausgesprochen wertvoll. Wer sich über seine eigenen kleinen Missgeschicke gelegentlich amüsieren kann, wird vermutlich auch weniger Angst davor haben, etwas Neues auszuprobieren.
Otros Ritmos – einmal kräftig durchlüften!
Was mir persönlich auf vielen heutigen Milongas fehlt, sind die sogenannten Otros Ritmos, also andere Tänze, die zwischendurch für Abwechslung sorgen. Salsa, Cumbia, Swing, vielleicht auch einmal Rock ’n’ Roll oder eine Chacarera. Wobei Letztere natürlich den Nachteil hat, dass längst nicht jeder sie beherrscht und deshalb einige Tänzer zunächst ausgeschlossen bleiben. Aber warum sollte ein Tangoabend eigentlich ausschließlich aus Tango, Milonga und Vals bestehen?
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Milongas in Berlin und später an meine eigenen Veranstaltungen in Dortmund. Damals war es keineswegs ungewöhnlich, zwischendurch eine Tanda Salsa oder Rock ’n’ Roll zu spielen. Und was dabei geschah, war bemerkenswert. Plötzlich veränderte sich die gesamte Atmosphäre. Die Menschen lachten, bewegten sich ausgelassener, wechselten unkompliziert die Partner und legten für einige Minuten jene Ernsthaftigkeit ab, mit der sie sich zuvor durch ihre Tangotandas bewegt hatten. Besonders interessant fand ich aber, was anschließend geschah: Diese gelöste Stimmung blieb erhalten, wenn wieder Tango gespielt wurde. Die Paare kehrten mit einer anderen Leichtigkeit auf die Tanzfläche zurück. Es war, als hätte jemand die Fenster geöffnet und den Raum einmal kräftig durchgelüftet.
Ich habe diese musikalischen Unterbrechungen nie als Störung des Tangos empfunden. Ganz im Gegenteil. Sie machten mir deutlich, wie sehr die Stimmung einer Milonga von der musikalischen Dramaturgie abhängt. Wer über Stunden immer wieder dieselben emotionalen Register bedient, darf sich nicht wundern, wenn sich auch eine entsprechende Atmosphäre entwickelt. Ein paar andere Rhythmen können diese Stimmung aufbrechen, ohne dass der Tango dadurch auch nur das Geringste an Qualität verliert. Manchmal gewinnt er sogar, weil die Tänzer anschließend mit neuer Energie und größerer Bewegungsfreude zurückkehren.
Natürlich weiß ich, dass manche Anhänger einer möglichst traditionellen Milonga bei Salsa oder Rock ’n’ Roll die Nase rümpfen. Für sie gehört offenbar ausschließlich das klassische Tangorepertoire auf die Tanzfläche. Aber ich frage mich, weshalb man sich freiwillig so viele Möglichkeiten der tänzerischen Freude nehmen sollte. Gerade Menschen, die sich mit der anspruchsvollen Improvisation des Tangos beschäftigen, könnten davon profitieren, gelegentlich einmal ganz anders zu tanzen. Ohne ständig über Führungstechnik, Umarmungsformen und komplizierte Bewegungsorganisation nachdenken zu müssen. Einfach tanzen, lachen und sich von einer anderen Musik mitreißen lassen.
Vielleicht brauchen manche Milongas also gar nicht mehr Humor im engeren Sinne. Vielleicht brauchen sie gelegentlich nur einen musikalischen Tapetenwechsel, der den Tänzern erlaubt, ihren eigenen Ernst für ein paar Minuten abzulegen. Ich jedenfalls vermisse diese Momente, in denen ein ganzer Saal plötzlich auflebte und man förmlich spüren konnte, wie die Stimmung kippte – zum Vergnüglichen.
Deshalb mein Vorschlag an die DJs und Tänzer: Traut euch, zwischendurch auch einmal etwas anderes zu spielen und zu tanzen. Und an alle, die bisher ausschließlich Tango beherrschen: Leute, habt Mut, lernt andere Tänze!
Humor ist da, wo er hingehört
Vielleicht ist die Frage, ob es im Tango überhaupt Humor gibt, am Ende ziemlich überflüssig. Natürlich gibt es ihn. Man muss nur wissen, wo man ihn findet. Eine Milonga braucht schließlich keinen Tusch und auch keinen karnevalistischen Lachzwang. An den Tischen wird gelacht, in den Tanzpausen gescherzt und auf der Tanzfläche entstehen immer wieder Situationen, die unfreiwillig komisch sind. Dass während einer Tanda nicht ständig geplaudert und gekichert wird, liegt weniger an mangelndem Humor als an der notwendigen Konzentration. Schließlich möchte man nebenbei auch noch die Musik hören, den Partner wahrnehmen und möglichst niemanden über den Haufen tanzen.
Auch der Humor in historischen Tangotexten ist nicht unbedingt dort am besten aufgehoben, wo heute getanzt wird. Was damals als komische Gesangsnummer funktionierte, muss auf einer Milonga noch lange kein Vergnügen sein. Wenn man den Text nicht versteht und eine verstellte Männerstimme einem minutenlang in die Ohren quäkt, kann einem das Lachen durchaus vergehen. Humor ist eben keine Garantie für musikalischen Genuss.
Vielleicht sollten wir also weniger darüber diskutieren, ob Tangotänzer genügend Humor besitzen. Den haben sie durchaus, wie man an den Tischen, während der Cortinas und bei zahllosen komischen Situationen auf der Tanzfläche erleben kann. Ich wünsche mir auch keinen Tango mit aufgesetztem Dauergrinsen oder karnevalistischem Lachzwang. Was mir auf manchen Milongas fehlt, ist die musikalische Leichtigkeit, die Lust am Tanzen und jene Abwechslung, die einen ganzen Saal in Bewegung und gute Stimmung versetzen kann. Denn die Atmosphäre einer Milonga entsteht nicht zufällig. Sie wird ganz wesentlich von der Musikauswahl geprägt. Und wenn man den Tango musikalisch immer tiefer in Melancholie und Dramatik versenkt, muss man sich über die entsprechende Stimmung auf der Tanzfläche nicht wundern.
Humor hat also durchaus seinen Platz im Tango, und manchmal besteht er gerade darin, eine Situation nicht allzu ernst zu nehmen. Man muss weder über jeden Fehler verzweifeln noch über jede komische Situation laut lachen. Ein wenig Taktgefühl gehört schließlich auch dazu. Vor allem sollte niemand glauben, ein ernstes Gesicht sei bereits ein Beweis für besonders tiefes Tango-Verständnis. Denn eines muss ich am Ende doch zugeben: Manche nehmen den Tango tatsächlich so ernst, dass sie gar nicht mehr merken, wie komisch sie dabei manchmal wirken.
Vielleicht braucht der Tango also gar nicht mehr Humor. Vielleicht braucht er gelegentlich nur etwas weniger Ehrfurcht vor seiner eigenen Ernsthaftigkeit.
Musikalische Beispiele und Quellen
Ángel Villoldo – Cuidado con los 50 (1907) – satirischer Tango über eine Polizeiverordnung.
Francisco Canaro / Ivo Pelay – El tango de la mula (1934) – Aufnahme mit Ernesto Famá.
Francisco Canaro / Ivo Pelay – Se dice de mí (1943) – erste Aufnahme mit Carlos Roldán; später berühmt durch Tita Merello.
Francisco Canaro – La milonga de mis perros (1942) – mit Carlos Roldán, aus der Revue „Sentimiento gaucho“.
Edgardo Donato – La caída de la estantería (1935) – mit Hugo del Carril.
Edgardo Donato – Rosa, poneme una ventosa (1935) – mit Hugo del Carril und Randona.
Juan D’Arienzo – Sepeñoporipitapa – mit Alberto Echagüe; Wortspiele in einer erfundenen Geheimsprache.
Juan D’Arienzo – El hipo – mit Alberto Echagüe; eine Liebeserklärung scheitert am Schluckauf.
3 thoughts on “Gibt’s eigentlich Humor im Tango?”
Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen
Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.
„Otros Ritmos: Aber warum sollte ein Tangoabend eigentlich ausschließlich aus Tango, Milonga und Vals bestehen?“
Eine geniale Idee, die überall praktiziert wird, nur im engstirnigen Tango nicht:
Bei einer Salsa Party wird ja üblicherweise als „Otros Ritmos“ immer eine Pugliese-Tanda eingespielt, um „mal frischen Wind“ auf die Pista zu bringen.
Bei Bachata Veranstaltungen gibt es stets eine obligatorische Cumparsita zu hören, damit die Paare wieder „in eine Leichtigkeit“ zurückfinden.
Alle anderen Genres benutzen doch auch bekanntlich Otros Ritmos um die Hörgewohnheiten und die eingeschliffenen „emotionalen Register“ aufzubrechen:
Deshalb werden auch Helene Fischer und Florian Silbereisen bei der nächsten Aufführung von Wagner’s Ring ein Medley ihres Schaffens als „Auflockerung“ zwischen der Aufführung einstreuen. Genial!
Endlich auch mal Zeit für einen „musikalischen Tapetenwechsel“, wenn Saso Avsenik mit seinen Oberkrainern die düsteren Töne bei einem Rammstein-Konzert „lustig auflockert“.
Alle werden begeistert sein!
Weiter so. Da sind Sie einem ganz grossen Ding auf der Spur, Wendel!!!
Oder auch nicht.
Ihre Vergleiche mit Wagner, Rammstein und Helene Fischer sind ja ganz amüsant. Nur leider verraten sie vor allem eines: Von der Geschichte der Milongas scheinen Sie wenig zu wissen.
Schon in den 1940er-Jahren wechselten sich in Buenos Aires Orquestas Típicas mit Jazz- und Swingorchestern ab. Pugliese mit Oscar Alemán, Troilo mit Feliciano Brunelli oder D’Arienzo mit Washington Bertolín – alles historisch belegte Kombinationen. Auch in späteren Jahrzehnten gehörten Otros Ritmos zum Tanzrepertoire in Buenos Aires. Rock ’n’ Roll wurde in den 50er bis 80er Jahre beispielsweise in einer der bekanntesten Milongas, den „Glorias Argentinas“ im Stadtteil Mataderos, gespielt. Viele Milongueros, darunter Osvaldo und Miguel Zotto sowie Teté Rusconi, waren hervorragende Swing- und Rock-’n’-Roll-Tänzer. Überhaupt gehörten andere Tänze zum selbstverständlichen Repertoire vieler Milongueros. Sie waren eben nicht so monokulturell geprägt wie manche Vertreter der europäischen Tangoszene, die offenbar glauben, mit dem Tango bereits den Gipfel des Gesellschaftstanzes erklommen zu haben.
Auch in den Anfangsjahren des Tangos in Berlin war es üblich, zwischendurch andere lateinamerikanische Rhythmen aufzulegen. Später habe ich bei meinen eigenen Milongas in Dortmund Salsa und Rock ’n’ Roll gespielt. Die positive Wirkung auf die Stimmung habe ich dabei selbst erlebt.
Sie machen sich also mit beträchtlichem rhetorischem Aufwand über eine Tanzpraxis lustig, das beweist ja themengerecht Ihren Humor, die in Buenos Aires über Jahrzehnte selbstverständlich war. Ihre Beispiele von Wagner bis Rammstein beweisen deshalb vor allem eines: Man kann einen ziemlich großen Mund haben und trotzdem erstaunlich wenig Tangogeschichte darin unterbringen.
Es ist überhaupt kein Problem, wenn man über Tangogeschichte nicht viel weiß. Peinlich wird es allerdings, wenn man mit diesem Unwissen auch noch andere belehren möchte.
Aber immerhin: Einen unfreiwillig komischen Beitrag zum Thema Humor im Tango haben Sie damit geliefert.
PS: Im Übrigen geht es nur um 1-2 Tandas mit Otros Ritmos und nicht den ganzen Abend lang.