Stillstand trotz Erfahrung?

Warum scheinen manche Tangotänzer/innen trotz jahrelanger Erfahrung nicht mehr dazuzulernen?

Gedanken über Tango Unterricht | 70. Teil

Wenn die Zeit stehengeblieben zu sein scheint

Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem Tangofreund über die Entwicklung von Tangotänzern. Er erzählte mir, dass er nach einer mehrjährigen Tangopause in die Zürcher Tangoszene zurückgekehrt sei. Dabei habe er eine merkwürdige Beobachtung gemacht: Viele Tänzer, die er noch von früher kannte, tanzten offenbar immer noch genauso wie damals. Es sei ihm vorgekommen, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Diese Beobachtung fand ich interessant, denn Ähnliches habe ich im Laufe der Jahre ebenfalls festgestellt. Man begegnet Menschen, die seit zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren Tango tanzen, regelmäßig Milongas besuchen, Unterricht nehmen und gelegentlich auch Workshops absolvieren. Trotzdem hat man manchmal den Eindruck, dass sich ihre tänzerischen Fähigkeiten in all den Jahren kaum verändert haben.

Eigentlich müsste man doch annehmen, dass jemand, der über so lange Zeit regelmäßig tanzt, irgendwann auch besser wird. Schließlich sammelt er Erfahrungen, tanzt mit unterschiedlichen Partnerinnen, beschäftigt sich mit Musik und lernt immer wieder neue Bewegungen. Warum scheint das bei manchen Tänzern so wenig zu bewirken?

Was bedeutet es überhaupt, besser Tango zu tanzen?

Bevor ich dieser Frage nachgehe, müsste ich zunächst einmal klären, was ich überhaupt unter einer Verbesserung verstehe. Denn im Tango ist das gar nicht so einfach festzustellen.

Natürlich kann jemand im Laufe der Jahre immer mehr Figuren und Kombinationen lernen. Aber ist er deshalb auch ein besserer Tänzer geworden? Ich habe schon Tänzer erlebt, die über ein beachtliches Figurenrepertoire verfügten, aber erhebliche Schwierigkeiten hatten, sich auf einer gut besuchten Milonga sicher und musikalisch zu bewegen. Andererseits gibt es Menschen, die mit einem sehr begrenzten Bewegungsrepertoire wunderbar tanzen.

Für mich zeigt sich tänzerisches Können vor allem darin, wie jemand seinen eigenen Körper organisiert, wie er mit seiner Partnerin kommuniziert, wie er die Musik interpretiert und wie er sich innerhalb einer Ronda bewegt. Dazu gehört natürlich auch die Fähigkeit, auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren, ohne den gemeinsamen Tanz zu unterbrechen.

Eine Verbesserung muss also keineswegs darin bestehen, immer komplizierter zu tanzen. Vielleicht bewegt sich jemand nach einigen Jahren viel einfacher, dafür aber klarer, musikalischer und angenehmer für seine Partnerin. Das wäre für mich durchaus ein erheblicher Fortschritt.

Die Entwicklung einer Tanzpersönlichkeit

Im Laufe der Jahre habe ich noch etwas anderes beobachtet: Viele Tangotänzer entwickeln eine ganz persönliche Art zu tanzen, an der man sie sofort wiedererkennt.

Dazu fällt mir eine Begebenheit aus meiner Berliner Tangozeit ein. Im damaligen Estudio Sudamerica von Juan D. Lange, seinerzeit noch im Grunewald, hingen Scherenschnitte verschiedener Tangotänzer. Ob Juan sie hatte anfertigen lassen oder geschenkt bekommen hatte, weiß ich heute nicht mehr. Erstaunlich fand ich damals, wie deutlich die charakteristischen Wesenszüge der einzelnen Tänzer in diesen Silhouetten zum Ausdruck kamen. Man konnte sofort erkennen, wer dargestellt war.

Ähnliches lässt sich auch auf einer Milonga beobachten. Manche Tänzer erkennt man schon von Weitem an ihrer Silhouette, ihrer Haltung, ihrem Gang oder an bestimmten Bewegungsabläufen. Es entwickelt sich im Laufe der Jahre so etwas wie eine individuelle tänzerische Kennung, eine Tanzpersönlichkeit. Man könnte sie auch als persönlichen Stil bezeichnen.

Dazu gehören bestimmte Körperhaltungen, Bewegungsgewohnheiten, Vorlieben für bestimmte Figuren und natürlich auch die Art, wie jemand die Musik interpretiert. Manche dieser Merkmale werden bewusst entwickelt, vielleicht sogar als persönliches Markenzeichen eingesetzt. Andere entstehen ganz unbewusst durch jahrelange Wiederholung und durch die Erfahrungen mit unterschiedlichen Tanzpartnerinnen.

Dabei können sich durchaus auch tänzerische Unzulänglichkeiten zu einem festen Bestandteil dieser persönlichen Handschrift entwickeln. Eine bestimmte Körperhaltung oder Bewegungsweise, die ursprünglich vielleicht aus einem technischen Problem entstanden ist, kann über die Jahre zu einem unverwechselbaren Merkmal werden.

Nun muss man aber vorsichtig sein. Wenn jemand nach zehn oder zwanzig Jahren noch immer seine charakteristische Art zu tanzen pflegt, bedeutet das keineswegs, dass er sich in dieser Zeit nicht verbessert hat. Vielleicht ist er musikalischer geworden, führt klarer oder bewegt sich sicherer durch die Ronda. Seine persönliche Handschrift kann dabei durchaus erhalten geblieben sein.

Und vielleicht sollten wir mit unserem Wunsch nach tänzerischer Verbesserung ohnehin etwas vorsichtiger umgehen. Schließlich tragen Menschen ihre persönlichen Eigenheiten oft ein Leben lang mit sich herum. Warum sollte das beim Tanzen anders sein?

Ich selbst habe mich schon darüber beklagt, wie ähnlich sich manche durchaus guten Tänzer in ihrer Art zu tanzen sind. Andererseits ist es vielleicht gerade die Unterschiedlichkeit der Menschen, die diesen ganzen Tangozirkus lebendig hält. Ihre Vorlieben, ihre Eigenheiten und vielleicht sogar manche Unzulänglichkeiten gehören schließlich dazu.

Wir haben es beim Tango mit Menschen zu tun und nicht mit Tango-Maschinen, die alle nach denselben technischen Vorgaben funktionieren sollen.

Deshalb halte ich es für wichtig, zwischen einem persönlichen Stil und solchen Gewohnheiten zu unterscheiden, die den eigenen Tanz oder den der Partnerin tatsächlich einschränken.

Erfahrung ist noch keine Entwicklung

Wer regelmäßig Tango tanzt, sammelt zweifellos Erfahrungen. Er tanzt mit unterschiedlichen Partnerinnen, bewegt sich in verschiedenen Räumen und muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Aber wird er dadurch zwangsläufig besser?

Ich glaube nicht. Denn Erfahrung und Lernen sind zwei unterschiedliche Dinge. Wer eine Bewegung tausendmal wiederholt, wird sie irgendwann mit großer Selbstverständlichkeit ausführen können. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er sie auch gut ausführt.

Im Gegenteil: Durch ständige Wiederholung können sich Bewegungsgewohnheiten verfestigen, die einer weiteren Entwicklung sogar im Wege stehen.

Ein Tänzer, der beispielsweise seit Jahren seine Partnerin bei jeder Drehung aus dem Gleichgewicht bringt, wird dieses Problem durch weitere tausend Drehungen vermutlich nicht lösen. Vielleicht bemerkt er es nicht einmal, weil er sich längst an die Reaktionen seiner Partnerinnen gewöhnt hat.

Ähnliches gilt für die Musikalität. Wer immer nach demselben rhythmischen Muster tanzt, entwickelt darin möglicherweise eine große Sicherheit. Seine Fähigkeit, unterschiedliche musikalische Strukturen wahrzunehmen und tänzerisch zu interpretieren, muss sich dadurch aber keineswegs verbessern.

Man kann also über viele Jahre sehr viel Routine entwickeln, ohne seine tatsächlichen Fähigkeiten wesentlich zu erweitern. Und je selbstverständlicher uns unsere Gewohnheiten werden, desto weniger nehmen wir sie überhaupt noch wahr.

Warum sich Gewohnheiten so schwer verändern lassen

Wie schnell sich beim Tanzen bestimmte Gewohnheiten und Bewegungsmuster ausbilden, sollte man nicht unterschätzen. Schon im Anfängerkurs können sich Verhaltensweisen einschleifen, die später nur mit erheblichem Aufwand wieder verändert werden können.

Ich habe in meinem Unterricht immer wieder beobachtet, dass die Korrektur einmal verfestigter Bewegungsmuster etwa den drei- bis fünffachen Lernaufwand erfordern kann, verglichen mit dem Erlernen einer neuen Bewegung. Das ist natürlich kein wissenschaftlich ermittelter Wert, sondern meine Einschätzung aus über vierzig Jahren Unterrichtspraxis.

Es ist fast wie eine Prägung. Was einmal zur Gewohnheit geworden ist, wird irgendwann ganz selbstverständlich ausgeführt, ohne dass der Tänzer noch darüber nachdenken muss. Will man diese Gewohnheit verändern, muss der Schüler zunächst lernen, sein bisheriges Muster überhaupt wahrzunehmen. Anschließend muss er es bewusst unterbrechen und durch eine andere Bewegung ersetzen. Und schließlich muss diese neue Bewegung so selbstverständlich werden, dass er auch auf einer Milonga darauf zurückgreifen kann.

Ich glaube, viele Tangolehrer unterschätzen diese Schwierigkeit. Gerade im Anfängerunterricht werden technische Probleme häufig mit der Bemerkung übergangen, dass man sich darum später kümmern könne. Zunächst sollen die Schüler eine bestimmte Figur lernen, die Feinheiten könne man schließlich noch verbessern.

Aber was geschieht in der Zwischenzeit? Die Schüler wiederholen die Bewegung immer wieder, bis sie sich daran gewöhnt haben. Was ursprünglich vielleicht nur als vorläufige Lösung gedacht war, wird zum festen Bestandteil ihres Tanzens.

Wenn der Lehrer später versucht, diese Gewohnheit zu korrigieren, muss der Schüler im Grunde etwas verlernen, das er zuvor unter Anleitung gelernt und über längere Zeit geübt hat. Das halte ich für einen erheblichen didaktischen Fehler.

Natürlich müssen Anfänger nicht von Beginn an alles perfekt machen. Aber ein Lehrer sollte schon unterscheiden können, welche Unzulänglichkeiten vorübergehend tolerierbar sind und welche sich zu problematischen Bewegungsmustern entwickeln können.

Warum lernen erfahrene Tänzer auf Workshops oft so wenig?

Eine weitere Beobachtung mache ich immer wieder bei Workshops für fortgeschrittene Tangotänzer. Viele Teilnehmer verfügen über jahrelange Tanzerfahrung und fühlen sich deshalb auch in der Lage, anspruchsvolle und komplexe Bewegungsabläufe zu erlernen.

Das ist zunächst verständlich. Wer schon lange Tango tanzt, besitzt schließlich einen gewissen Erfahrungsschatz und kann auf zahlreiche bekannte Bewegungen zurückgreifen. Allerdings bedeutet das noch lange nicht, dass er auch gelernt hat, sich neue Bewegungsabläufe systematisch zu erarbeiten.

Genau daran scheint es mir häufig zu fehlen.

Ich beobachte beispielsweise immer wieder, dass Teilnehmer versuchen, eine vom Lehrer demonstrierte Bewegungsfolge sofort im gleichen Tempo nachzutanzen. Statt zunächst die einzelnen Bewegungen, Positionen und Zusammenhänge zu verstehen, versuchen sie, möglichst schnell die gesamte Figur zu reproduzieren.

Besonders auffällig wird das, wenn der Lehrer eine bestimmte Ausgangsposition für eine Übung vorgibt. Viele Teilnehmer sind gar nicht in der Lage, diese Position unmittelbar einzunehmen. Stattdessen greifen sie auf bekannte Bewegungsfolgen zurück, die sie erst umständlich in die gewünschte Position bringen. Sie benötigen also den ihnen vertrauten Weg, um überhaupt an ein bestimmtes Ziel zu gelangen.

Dabei wäre gerade die Fähigkeit, einzelne Positionen unabhängig von einer festgelegten Bewegungsfolge einzunehmen, eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis komplexerer Bewegungszusammenhänge.

Hier liegt meiner Meinung nach ein grundsätzliches Problem: Viele Tänzer haben im Laufe ihrer Ausbildung gelernt, Figuren auszuführen, aber viel zu wenig darüber erfahren, wie diese Bewegungen eigentlich aufgebaut sind.

Eine Figur nachtanzen heißt noch lange nicht, sie zu beherrschen

Ich würde hier drei unterschiedliche Lernleistungen unterscheiden.

Zunächst kann ein Schüler eine vorgeführte Figur nachtanzen. Er orientiert sich dabei an den Bewegungen des Lehrers und versucht, diese möglichst genau zu reproduzieren.

Im nächsten Schritt müsste er verstehen, wie die Figur aufgebaut ist. Welche Positionen werden durchlaufen? Welche Gewichtsverlagerungen sind notwendig? Welche Bewegungsmöglichkeiten ergeben sich daraus?

Und schließlich müsste er in der Lage sein, die erlernten Bewegungen unabhängig von der ursprünglichen Folge in seinen improvisierten Tanz einzubauen. Er müsste einzelne Bestandteile herausgreifen, miteinander kombinieren und sie entsprechend der Musik, seiner Partnerin und den räumlichen Verhältnissen verändern können.

Das sind drei ziemlich unterschiedliche Fähigkeiten.

Ich vermute, dass viele Workshop-Teilnehmer über die erste Stufe kaum hinauskommen. Sie können am Ende einer Unterrichtseinheit eine anspruchsvolle Figur ausführen und haben deshalb das Gefühl, etwas Neues gelernt zu haben. Aber sobald sie die vertraute Schrittfolge verlassen, fehlen ihnen die Möglichkeiten, das Erlernte selbstständig anzuwenden.

Vielleicht liegt hier eines der größten Missverständnisse im Tango-Unterricht: Man hält die erfolgreiche Wiederholung einer vorgeführten Figur bereits für einen ausreichenden Lernerfolg.

Allerdings möchte ich auch eine positive Entwicklung erwähnen. Bei vielen guten Tangolehrern, darunter auch Gastlehrern, hat sich inzwischen eine deutlich bessere Didaktik entwickelt. Komplexe Bewegungsabläufe werden zunächst durch vorbereitende Übungen erschlossen. Einzelne Bewegungen, Positionen und technische Voraussetzungen werden getrennt erarbeitet, bevor sie schließlich zu einer vollständigen Figur zusammengesetzt werden.

Das halte ich für einen erheblichen Fortschritt. Allerdings müssen die Teilnehmer auch bereit sein, sich auf diese Lernschritte einzulassen, anstatt möglichst schnell die fertige Figur tanzen zu wollen.

Denn auch fortgeschrittene Tänzer müssen lernen, wie man lernt.

Eine gute Basisausbildung ist keine Zumutung

Aus diesen Erfahrungen ergibt sich für mich eine wesentliche Forderung an den Tango-Unterricht: Eine gute Basisausbildung muss von Anfang an im Mittelpunkt stehen. Sie schafft schließlich die Voraussetzungen für die gesamte spätere tänzerische Entwicklung.

Manche Lehrer scheinen allerdings zu befürchten, dass eine intensive Beschäftigung mit den Grundlagen ihre Anfänger überfordern oder langweilen könnte. Deshalb verschieben sie bestimmte Themen auf spätere Unterrichtsabschnitte und konzentrieren sich zunächst darauf, möglichst schnell erste Figuren und Kombinationen zu vermitteln.

Ich halte das für einen didaktischen Fehler. Wer glaubt, seinen Schülern grundlegende Fähigkeiten zunächst nicht zumuten zu können, hat möglicherweise noch keinen geeigneten Weg gefunden, diese verständlich, interessant und mit Freude am Lernen zu vermitteln.

In meinem Unterricht habe ich deshalb einen eigenen Bereich geschaffen, den ich als Modus-Unterricht bezeichne. Hier beschäftigen wir uns ausdrücklich mit den Grundlagen der Bewegung, der Körperorganisation und den Voraussetzungen für eine funktionierende Kommunikation im Paar.

Diese Übungen sind für die Schüler als eigenständiger Bestandteil ihrer Ausbildung erkennbar. Sie wissen, dass es dabei zunächst um die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten geht, die sie anschließend beim Tanzen benötigen. Nach meiner Erfahrung erhöht diese klare Trennung die Akzeptanz erheblich. Die Schüler lassen sich gerne darauf ein, wenn sie verstehen, weshalb diese Arbeit notwendig ist.

Ich vergleiche das gelegentlich mit dem klassischen Ballett. Dort gehört die Arbeit an der Stange selbstverständlich zur Ausbildung und zum regelmäßigen Training, auch bei fortgeschrittenen Tänzern. Niemand käme auf die Idee, diese Grundlagen für überflüssig zu erklären, nur weil die Tänzer längst komplizierte Choreografien beherrschen.

Warum sollte es beim Tango anders sein? Auch hier gibt es grundlegende Fähigkeiten, an denen immer wieder gearbeitet werden muss. Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung, Körperorganisation und Bewegungskoordination sind schließlich keine Themen, die man einmal im Anfängerkurs behandelt und anschließend abhakt.

Das Diagramm zeigt schematisch zwei unterschiedliche Lernverläufe. Ein Unterricht, der früh auf Figuren und Kombinationen setzt, kann zunächst schnelle Lernerfolge vermitteln, stößt aber möglicherweise später an Grenzen. Ein Unterricht, der zunächst die grundlegenden tänzerischen Fähigkeiten entwickelt, erscheint anfangs weniger spektakulär, schafft dafür aber bessere Voraussetzungen für eine langfristige Weiterentwicklung.

Grundlagen lernen, ohne die Lernlust zu verlieren

Natürlich ist ein Unterricht, der großen Wert auf die tänzerischen Grundlagen legt, in unserer heutigen, stark auf Unterhaltung ausgerichteten Freizeitwelt nicht immer einfach zu vermitteln. Viele Menschen kommen zum Tango, weil sie Spaß haben, andere Menschen kennenlernen und möglichst schnell tanzen möchten. Sie erwarten zunächst einmal ein angenehmes Freizeiterlebnis und keine anspruchsvolle Bewegungsausbildung.

Das ist verständlich, und darauf muss ein guter Unterricht Rücksicht nehmen.

Wenn ich meine Schüler nun über längere Zeit immer wieder dieselben Übungen ausführen lasse, nur weil ich sie für besonders wichtig halte, darf ich mich nicht wundern, wenn irgendwann die Begeisterung nachlässt. Nichts ist für die Lernlust tödlicher als eine Routine, deren Sinn und Ziel nicht mehr erkennbar sind.

Auch das ist eine Frage der Didaktik. Denn die Schwierigkeit besteht darin, notwendige Wiederholungen so zu gestalten, dass die Schüler sie als sinnvollen Bestandteil ihrer tänzerischen Entwicklung erleben.

Ich versuche deshalb, bestimmte Grundlagen schwerpunktbezogen zu vermitteln und sie mit einem konkreten tänzerischen Ziel zu verbinden. Das kann beispielsweise eine besondere Bewegung sein, die zunächst bestimmte Fähigkeiten voraussetzt. Werden diese Grundlagen erarbeitet, gelingt anschließend auch die Bewegung.

Die Schüler erleben damit unmittelbar, wofür sie geübt haben. Die neue Bewegungsmöglichkeit wird gewissermaßen zur Belohnung für die vorausgegangene Arbeit.

Dabei geht es mir keineswegs darum, möglichst spektakuläre Figuren anzubieten. Entscheidend ist, dass die Schüler einen Zusammenhang zwischen der erarbeiteten Fähigkeit und ihrer praktischen Anwendung erkennen. Die besondere Tanzbewegung ist damit nicht nur eine Belohnung, sondern zugleich der praktische Nachweis, dass die Grundlagenarbeit etwas bewirkt hat.

Die Kunst des Unterrichtens besteht für mich nicht darin, den Schülern die Mühe des Lernens zu ersparen, sondern darin, ihnen diese Mühe lohnend zu machen.

Warum bemerken viele Tänzer ihre eigenen Probleme nicht?

Eine Besonderheit des Tangos besteht darin, dass man seine eigenen tänzerischen Fähigkeiten nur begrenzt selbst beurteilen kann.

Wer führt, spürt möglicherweise, dass seine Partnerin auf eine Bewegung reagiert. Ob diese Reaktion allerdings durch eine klare Führung entstanden ist oder weil die Partnerin längst gelernt hat, unklare Signale auszugleichen, kann er oft gar nicht unterscheiden.

Auch die Folgende kann sich an bestimmte Bewegungsgewohnheiten gewöhnen, ohne zu bemerken, dass sie dadurch ihre eigenen Möglichkeiten einschränkt.

Hinzu kommt, dass auf Milongas selten offen über solche Probleme gesprochen wird. Aus Höflichkeit, Rücksichtnahme oder einfach, weil man dort tanzen und keinen Unterricht erteilen möchte, bleiben viele Schwierigkeiten unausgesprochen. So kann über Jahre der Eindruck entstehen, dass eigentlich alles gut funktioniert.

Für eine Weiterentwicklung wäre es jedoch notwendig, gelegentlich zu erfahren, was noch nicht funktioniert und warum. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und möglicherweise zu verändern.

Was führt nun tatsächlich zu einer Verbesserung?

Nach all diesen Überlegungen stellt sich natürlich die Frage, was einen Tänzer tatsächlich besser werden lässt.

Die bloße Wiederholung bekannter Bewegungen reicht dafür offensichtlich nicht aus. Sie schafft Routine und Sicherheit, erweitert aber nicht zwangsläufig die tänzerischen Fähigkeiten.

Eine wirkliche Weiterentwicklung setzt voraus, dass ein Tänzer immer wieder neue Anforderungen bewältigen muss. Er muss seine bisherigen Bewegungsgewohnheiten überprüfen, andere Möglichkeiten ausprobieren und lernen, seine Entscheidungen an wechselnde Situationen anzupassen.

Das kann eine neue Art der Gewichtsverlagerung sein, eine feinere Kommunikation mit der Partnerin, eine differenziertere musikalische Interpretation oder die Fähigkeit, eine bekannte Bewegung unter veränderten räumlichen Bedingungen auszuführen.

Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, immer mehr Bewegungen zu lernen. Mindestens ebenso wichtig ist es, die bereits bekannten Bewegungen auf unterschiedliche Weise verwenden zu können.

Gerade darin sehe ich einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Erlernen von Figuren und der Entwicklung einer wirklichen Improvisationsfähigkeit.

Wer nur auf bekannte Schrittfolgen zurückgreift, bleibt an die Bedingungen gebunden, unter denen er diese gelernt hat. Wer dagegen die zugrunde liegenden Bewegungsstrukturen versteht, kann seine Entscheidungen verändern, Bewegungen miteinander verbinden oder auch ganz auf sie verzichten.

Und genau dadurch erweitert er seine tänzerischen Möglichkeiten.

Ein guter Unterricht müsste solche Lernprozesse gezielt ermöglichen. Er müsste den Schülern Aufgaben stellen, die ihre bisherigen Fähigkeiten herausfordern, ihnen aber gleichzeitig die Voraussetzungen vermitteln, diese Aufgaben erfolgreich zu bewältigen.

Ebenso wichtig ist die Überprüfung des Lernerfolgs. Es reicht nicht aus, dass eine Bewegung während einer Unterrichtsstunde funktioniert. Entscheidend ist, ob der Schüler sie später selbstständig und unter wechselnden Bedingungen anwenden kann.

Muss man überhaupt immer besser werden?

Nun könnte man natürlich einwenden, dass nicht jeder Mensch, der Tango tanzt, ständig an seinen Fähigkeiten arbeiten möchte. Und dieser Einwand ist durchaus berechtigt.

Viele Menschen gehen zur Milonga, weil sie gerne tanzen, Musik hören, Freunde treffen und einen schönen Abend verbringen möchten. Sie haben vielleicht längst eine Art zu tanzen gefunden, mit der sie zufrieden sind. Warum sollten sie daran unbedingt etwas ändern?

Tango ist schließlich keine sportliche Disziplin, bei der es darum geht, ständig neue persönliche Bestleistungen aufzustellen.

Ich finde deshalb, dass wir zwischen dem Wunsch, Tango zu genießen, und dem Anspruch, sich tänzerisch weiterzuentwickeln, unterscheiden sollten.

Wer mit seinen Fähigkeiten zufrieden ist, muss keinen Unterricht besuchen und keine neuen Bewegungen lernen. Allerdings sollte er dabei auch berücksichtigen, dass Tango ein Paartanz ist. Die eigenen Gewohnheiten wirken sich unmittelbar auf den Menschen aus, mit dem man tanzt.

Spätestens dort, wo sie der Partnerin die Bewegung erschweren, sie aus dem Gleichgewicht bringen oder ihre Möglichkeiten einschränken, lohnt es sich, die eigene Tanzweise zu hinterfragen.

Warum werden manche Tangotänzer also nicht besser?

Kehren wir noch einmal zur Beobachtung meines Tangofreundes aus Zürich zurück.

Dass manche Tänzer auch nach vielen Jahren noch genauso aussehen und sich ähnlich bewegen wie früher, muss keineswegs bedeuten, dass sie nichts dazugelernt haben. Ihre individuelle Tanzpersönlichkeit kann erhalten bleiben, obwohl sich die Qualität ihres Tanzens durchaus verbessert hat.

Aber es gibt eben auch jene Tänzer, deren grundlegende Fähigkeiten über lange Zeit kaum eine Entwicklung erkennen lassen.

Nach meinen Erfahrungen liegt eine wesentliche Ursache darin, dass sie über Jahre hinweg hauptsächlich bekannte Bewegungsmuster wiederholen und festigen, ohne ihre tänzerischen Fähigkeiten gezielt zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Der Unterricht kann diese Entwicklung sogar noch begünstigen, wenn er seinen Schülern immer neue Figuren und Kombinationen anbietet, ohne ausreichend an den Voraussetzungen für deren selbstständige Anwendung zu arbeiten.

Dann entsteht eine merkwürdige Situation: Die Schüler lernen ständig etwas Neues, werden aber nicht unbedingt besser.

Sie sammeln Unterrichtsstunden, Workshops und Figuren, während ihre grundlegenden Bewegungsgewohnheiten weitgehend unverändert bleiben.

Dabei ist eine tänzerische Weiterentwicklung durchaus möglich, ohne dass man ständig neue Figuren erlernen muss. Oft besteht der entscheidende Fortschritt gerade darin, bekannte Bewegungen besser zu organisieren, musikalischer zu gestalten oder freier miteinander zu verbinden.

Für mich liegt deshalb die entscheidende Aufgabe des Tango-Unterrichts darin, den Schülern nicht nur neue Bewegungen zu vermitteln, sondern ihre Fähigkeit zum selbstständigen, improvisierten Tanzen kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Und damit stellt sich am Ende auch eine unbequeme Frage an uns Tangolehrer:

Wenn unsere Schüler nach Jahren des Unterrichts zwar mehr Figuren kennen, aber nicht wesentlich besser tanzen – was haben wir ihnen dann eigentlich beigebracht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung