
Tango, Neo-Tango und welche Freiheit?
Ein schönes Video und ein großes Wort
Auf der Suche nach Quellen für diesen Beitrag habe ich auf YouTube ein Video entdeckt, das den abschließenden Showtanz nach einem Neo-Tango-Wochenende in Bremen zeigt. Die Kursteilnehmer stehen um die Tanzfläche und filmen das Lehrerpaar. Eine typische Situation: Man hat ein Wochenende lang an Bewegungen gearbeitet und sieht am Ende zwei Menschen, bei denen all das leicht, flüssig und selbstverständlich aussieht.
Das Paar heißt Cedric und Charlotte und betreibt unter dem Namen ToxiTango einen eigenen YouTube-Kanal. Beide sind auf vielen Neo-Tango-Festivals als Lehrer und Showpaar zu Gast. Sie tanzen wirklich gut. Es geht mir ausdrücklich nicht darum, ihr Können in Frage zu stellen. Man sieht ein technisch versiertes Paar mit viel Bewegungsverständnis, Körperkontrolle und einem umfangreichen Repertoire aus dem Tango Nuevo: Soltadas, Öffnungen, Drehungen, Achswechsel und längere, teilweise recht virtuose Figurenfolgen.
Unter dem Video steht der Satz:
„Neotango is freedom, free to unlock your body, free to dance on any music you like without being judge, while respecting the roots and legacy of argentine tango.“
Neo-Tango sei also Freiheit: die Freiheit, den Körper zu lösen, zu jeder beliebigen Musik zu tanzen, ohne beurteilt zu werden, und dabei zugleich die Wurzeln und das Erbe des argentinischen Tangos zu respektieren.
Das klingt freundlich, offen und modern. Wer möchte schon gegen Freiheit sein? Nur lohnt es sich, genauer hinzusehen, was mit diesem großen Wort eigentlich versprochen wird.
Musik: „Dear Sara…“ von Andy Leech
Tanz: Cedric & Charlotte, ToxiTango
Die Freiheit der Könner
Die Vorführung zeigt vor allem die Diskrepanz zwischen erreichtem Können und dem Wunsch der Kursteilnehmer nach derselben Leichtigkeit. Soltadas, schnelle Achswechsel, geöffnete Positionen und komplexe Übergänge entstehen nicht dadurch, dass jemand seinen Körper „freischaltet“. Sie verlangen jahrelange Arbeit, Gleichgewicht, Timing, Körperkontrolle und ein genaues Verständnis der Paarbewegung.
Mit dem Wort Freiheit wird also etwas angeboten, das den Schülern zunächst gar nicht zur Verfügung steht. Der Begriff klingt nach Loslassen und Selbstentfaltung. Tatsächlich müssen die Teilnehmer erst sehr viele Regeln verstehen und technische Voraussetzungen schaffen. Die Freiheit steht nicht am Anfang. Sie wäre allenfalls das Ergebnis langen Lernens.
Man lockt mit Freiheit, obwohl Können verlangt wird. Und man suggeriert Beliebigkeit, obwohl die Bewegungen nur unter sehr bestimmten körperlichen und technischen Bedingungen funktionieren. Das ist zumindest erklärungsbedürftig.
Musik als Klangtapete
Die Bewegungsqualität der Vorführung ist unbestritten. Das eigentliche Problem liegt für mich an einer anderen Stelle: Der Tanz benötigt die Musik kaum. Sie läuft unter den Bewegungen wie eine Klangtapete. Die Figuren bilden ihren eigenen Zusammenhang, aber nur selten entsteht der Eindruck, dass gerade diese Bewegung aus genau diesem musikalischen Moment hervorgeht.
Hinzu kommt, dass die Musik offenbar unter das Video geschnitten wurde. Ob sie bei der ursprünglichen Vorführung überhaupt gespielt wurde, erfährt man nicht. Vielleicht wurde tatsächlich zu diesem Stück getanzt, vielleicht auch zu einer ganz anderen Musik. Für die Beurteilung der Musikalität ist das keine Kleinigkeit.
Ich habe mir deshalb weitere Videos angesehen. In einem zufällig ausgewählten Video vom Tangofestival Rhein-Ruhr in Witten wurde das Stück „Breath“ von Hase unter die Aufnahme gelegt. Das Stück besitzt einen regelmäßigen, gut hörbaren Taktschlag. In der Bewegung wird er kaum sichtbar umgesetzt. Auch andere musikalische Strukturen sind nur schwer zu erkennen. Der Tanz könnte über weite Strecken ebenso gut zu einer anderen Musik laufen.
Vielleicht war die ursprüngliche Vorführung musikalischer. Das kann sein. Nur ist sie dann im veröffentlichten Video nicht mehr zu sehen. Wer ein anderes Musikstück unterschneidet, sollte entweder Bild und Ton sinnvoll synchronisieren oder den Originalton stehen lassen. Sonst muss er sich die Kritik gefallen lassen, dass beides nicht zusammenpasst.
Man kann es mit meiner bekannten Formulierung auf den Punkt bringen: Tangobewegung, während Musik läuft.
Was das Publikum offenbar sehen möchte
Die Kommentare unter den Videos sind fast durchweg positiv. Bis auf einen Kommentar, worin das Paar als „Langweilig , Sorry!>keine Passion“ kritisiert wurde. Da könnte man zustimmen. Aber die Tänze sehen schön aus. Sie besitzen Fluss, technische Sicherheit und sichtbare Harmonie. Für viele Zuschauer scheint genau das entscheidend zu sein. Die Musikalität steht offenbar nicht an erster Stelle.
Bewegungsqualität kann man sehen. Musikalität muss man hören und zugleich in der Bewegung wiedererkennen. Wer vor allem auf Figuren, Körperlinien und Virtuosität achtet, wird einen solchen Tanz als gelungen empfinden, auch wenn der musikalische Zusammenhang schwach bleibt.
Damit stellt sich die Frage, ob die Musik ausgerechnet bei einer Tanzform namens Tango zur Nebensache werden darf. Tango bezeichnet schließlich nicht nur ein Bewegungssystem, sondern ebenso eine Musik, eine musikalische Kultur und eine besondere Art, Bewegung auf diese Musik zu beziehen.
Genau hier trennt sich für mich Tango von Contact Improvisation.
Die Grenze zur Contact Improvisation
Bei der Contact Improvisation entsteht Bewegung hauptsächlich aus Körperkontakt, Gewicht, Impuls, Gleichgewicht und den räumlichen Möglichkeiten des Augenblicks. Musik kann Atmosphäre schaffen, muss die Bewegung aber nicht strukturieren. Das ist kein Mangel, sondern gehört zu ihrer Idee.
Beim Tango ist es anders. Auch dort entstehen Bewegungen aus Kontakt, Achse, Gewicht und gegenseitiger Reaktion. Aber diese Kommunikation findet nicht unabhängig von der Musik statt. Die Musik ist der dritte Beteiligte. Sie strukturiert Zeit, Spannung, Charakter und Dramaturgie.
Wenn sich der Tanz hauptsächlich aus den Möglichkeiten der Körper organisiert und die Musik nur noch eine Stimmung darunterlegt, nähert er sich einer Contact Improvisation mit Tango-Vokabular. Das kann schön und technisch anspruchsvoll sein. Aber dann hat sich nicht nur die Musikauswahl erweitert. Das Verhältnis des Tanzes zur Musik hat sich grundlegend verändert.
Vielleicht ist genau das mit Freiheit gemeint: die Freiheit von der Musik.
Das ist jedoch etwas anderes als die Freiheit, musikalisch unterschiedlich und differenziert zu reagieren.
War der traditionelle Tango immer musikalischer?
Nun wäre es zu einfach, diese Entkopplung allein dem Neo-Tango anzulasten. Auch der traditionelle Showtango war keineswegs immer so musikalisch, wie wir ihn heute gern darstellen.
Selbst bei historischen Fernsehaufnahmen aus dem Umfeld der Época de Oro sieht man Vorführungen, die im Wesentlichen aus der Aneinanderreihung komplexer Figuren bestehen. Bei Antonio Todaro etwa findet man Tänze, die technisch beeindruckend und sauber im Takt ausgeführt werden, bei denen aber nicht besonders viel an differenzierter musikalischer Gestaltung zu erkennen ist. Es geht um schwierige Schrittfolgen, schnelle Richtungswechsel und ein großes Figurenrepertoire. Die Musik liefert Takt und Tempo.
Auch dort könnte man zugespitzt sagen: Tangobewegung während Tangomusik – allerdings im Takt.
Der Anspruch an Musikalität hat sich erst in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht. Heute wird wesentlich stärker darauf geachtet, nicht nur den Takt, sondern auch Melodien, Pausen, Klangfarben, Instrumentierung und musikalische Spannungsverläufe sichtbar zu machen.
Das wertet frühere Tänzer nicht ab. Es zeigt nur, dass sich unsere Maßstäbe erweitert haben.
Was der Tango Nuevo tatsächlich ermöglicht hat
Gerade hier wird es für den Neo-Tango interessant. Der Tango Nuevo hat den Tango als Tanz erheblich erweitert. Öffnungen der Umarmung, veränderte Achsen, größere Raumwege, Soltadas, Colgadas, Volcadas und ein differenzierteres Verständnis der Körperorganisation haben den Tänzern ein deutlich größeres Bewegungsvokabular gegeben.
Diese Erweiterung hat nicht nur mehr Figuren ermöglicht. Sie hat auch neue Möglichkeiten geschaffen, Musik körperlich sichtbar zu machen. Ein Akzent kann mit einer Achsverlagerung beantwortet werden, eine Klangfläche mit einer Öffnung, eine Pause mit vollständiger Ruhe, ein Bruch mit einem Richtungswechsel oder einer Soltada.
Der Tango Nuevo hat den Tänzern also nicht nur erlaubt, mehr zu machen. Er hat ihnen die Chance gegeben, musikalisch differenzierter zu reagieren.
Gerade deshalb wirkt es widersprüchlich, wenn sich Lehrer ausgiebig dieses erweiterten Bewegungssystems bedienen, die Musik aber nachlässig behandeln. Sie nutzen die technischen Möglichkeiten des Tango Nuevo, ohne dessen musikalisches Potenzial auszuschöpfen.
Je größer das Bewegungsvokabular, desto größer die musikalische Verantwortung.
Freiheit oder …
Freiheit bedeutet nicht, sich irgendeine Musik als Hintergrund-Klangkulisse auszusuchen und das eigene Bewegungsrepertoire möglichst unbeeinflusst darüberzulegen. Freiheit bedeutet, unter vielen Möglichkeiten eine passende auszuwählen. Wer unabhängig von der Musik immer wieder ähnliche Figurenfolgen tanzt, besitzt vielleicht ein großes Repertoire, ist aber noch lange nicht musikalisch frei.
Eine wirkliche musikalische Freiheit setzt voraus, dass die Musik überhaupt Einfluss auf die Bewegung erhält. Nur wer Rhythmus, Melodie, Klangfarbe, Pausen und Dynamik wahrnimmt, kann sich bewusst entscheiden, worauf und in welcher Weise er reagiert. Wird die Musik dagegen lediglich nach Geschmack ausgewählt, weil sie eine schöne, dramatische oder moderne Stimmung erzeugt, ist sie keine Tanzgrundlage mehr. Sie ist eine Hintergrund-Klangkulisse.
Eine Soltada ist nicht musikalisch, weil sie schwierig ist. Eine große Bewegung ist nicht ausdrucksstark, weil sie viel Raum beansprucht. Ein Rollenwechsel wird nicht interessant, nur weil er eine traditionelle Zuordnung aufhebt. Jede Bewegung erhält ihren Sinn erst aus dem Zusammenhang, in dem sie eingesetzt wird.
…Beliebigkeit?
Natürlich könnte man sagen: Musikalität muss im Neo-Tango überhaupt kein verbindliches Kriterium sein. Da treffen sich Menschen, die Freude daran haben, Tango-Bewegungen zu beliebiger Musik auszuführen und sich dabei wohlzufühlen. Ist es nicht letztlich gleichgültig, ob das Wort Tango dabei etwas großzügig verwendet wird?
Eigentlich ja.
Niemand muss eine kulturelle Prüfung ablegen, bevor er tanzen darf. Wenn Menschen Spaß an dieser Form der Bewegung haben, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber was geschieht, wenn auch die Bewegungsqualität nicht besonders hoch ist? Wenn die Partner kaum miteinander kommunizieren und die Tango-Elemente nur ungefähr erkennbar bleiben? Ist das ebenfalls gleichgültig?
Vielleicht ja.
Dann muss sich der Neo-Tango allerdings auch das Wort „beliebig“ gefallen lassen.
Wenn weder die Musik noch die Qualität der Bewegung, die Beherrschung des Tango-Vokabulars oder der erkennbare Bezug zu seinen Wurzeln eine Rolle spielen, bleibt kein Maßstab mehr übrig. Dann kann nichts unmusikalisch sein, weil Musikalität bedeutungslos geworden ist. Es kann nichts misslingen, weil es auch kein Gelingen mehr gibt.
Und dann landen wir wieder beim Disco-Freestyle der sechziger und siebziger Jahre. Menschen hören Musik und bewegen sich, wie es ihnen gerade gefällt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wozu benötigt man dann noch Ochos, Giros, Sacadas, Colgadas und Soltadas?
Wenn die Musik austauschbar ist und die Bewegungsqualität ebenfalls keine Rolle spielt, wird das Tango-Vokabular nur noch zur ästhetischen Ausstattung. Es lässt die freie Bewegung anspruchsvoller und interessanter aussehen als gewöhnliches Schwofen. Das Wort Tango beschreibt dann nicht mehr die Tanzform, sondern wertet sie auf.
Auch das darf es geben. Nur sollte man es nicht als besondere Freiheit verkaufen.
Kultur benötigt keine starren Grenzpfähle. Aber sie benötigt Unterschiede. Ohne Unterschiede gibt es keine Qualität, keine Entwicklung und keine sinnvolle Kritik. Wenn alles Tango sein kann, sagt das Wort Tango irgendwann nichts mehr aus.
Neo-Tango darf andere Musik verwenden, die Umarmung öffnen, Rollen verändern und sein Bewegungsvokabular erweitern. Gerade darin liegt seine Berechtigung. Aber wenn er weiterhin Tango heißen und sich auf dessen Wurzeln berufen möchte, muss zumindest erkennbar bleiben, worin dieser Zusammenhang besteht.
Die Freiheit, aus vielen Möglichkeiten bewusst auszuwählen, halte ich für eine wirkliche tänzerische Freiheit. Die Freiheit, sich nur irgendeine Klangkulisse auszusuchen und jeden weiteren Maßstab für bedeutungslos zu erklären, darf sich dagegen nicht wundern, wenn man sie Beliebigkeit nennt.