Bloggerwelt
Mimimimi…

Mimimimi…

Es ist schon ein hartes Los, Publizist zu sein. Man schreibt jahrelang über andere, kommentiert, seziert, deutet, spottet und erklärt der Tango-Welt, was sie falsch macht. Und dann geschieht das Unfassbare: Jemand liest mit. Schlimmer noch: Jemand antwortet. Noch schlimmer: Jemand richtet dafür sogar eine eigene Rubrik ein. Da kann man schon einmal von negativer „Dauer-Beobachtung“ sprechen. Oder einfacher: Mimimimi…
Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich bereits darüber, dass offenbar noch jemand anderes auf meinem Blog wohnt. Der Zustand hält an. Die Riedl zuzuordnenden Zugriffe liegen weiterhin exorbitant über denen anderer Personen. Man könnte fast meinen, die Dauerbeobachtung funktioniere in beide Richtungen.

Gerhard Riedl beklagt sich in seinem jüngsten Beitrag darüber, dass seine Texte regelmäßig besprochen und kritisiert werden. Was er dabei offenbar nicht versteht: Diese Dauerbeobachtung wurde gerade deshalb eingerichtet, damit er einmal vor Augen geführt bekommt, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Name seit Monaten in einem fremden Blog auftaucht. Klaus Wendel hier, Klaus Wendel dort, Klaus Wendel als Aufhänger, Klaus Wendel als Gegner, Klaus Wendel als Stofflieferant für den nächsten Artikel. Wer andere über einen langen Zeitraum zum festen Bestandteil seines eigenen Veröffentlichungsprogramms macht, sollte nicht allzu erschrocken reagieren, wenn diese Methode irgendwann gespiegelt wird.

Im Unterschied zu Riedl schreibe ich nebenbei allerdings auch noch ganz normale Artikel über Tango: über Unterricht, Musik, Tanztechnik, Geschichte und die Szene. Riedl dagegen macht seit geraumer Zeit vor allem sich selbst zum Thema – seine Zugriffszahlen, seine Kritiker, seine Wirkung, seine Bedeutung und seine angebliche Verfolgung. Nur einen Namen vergisst er dabei erstaunlicherweise fast nie: Klaus Wendel. Wer hier also wen zur publizistischen Dauerbeschäftigung gemacht hat, lässt sich unschwer nachlesen.

Vielleicht liegt darin sogar das Geheimnis seiner berühmten Zugriffszahlen. Möglicherweise ist das Interesse an Klaus Wendel inzwischen so gewaltig, dass die Leser nur deshalb in Scharen auf Riedls Blog strömen. Je öfter dort „Klaus Wendel“ steht, desto höher die Reichweite. Das wäre natürlich eine ebenso belastbare Erklärung wie manche andere Deutung seiner Statistik – aber immerhin eine unterhaltsamere.

Eigentlich wollte Riedl über Interviews schreiben. Über gute und schlechte Gespräche, über Neugier, Nähe, Distanz und die Frage, wann aus einem Interview ein Verhör wird. Das Thema hält ungefähr so lange, bis er wieder bei sich selbst angekommen ist. Ein freundliches Gespräch mit Bettina Böttinger ist ihm zu harmlos. Ein kritisches Gespräch mit ihm selbst war dagegen zu konfrontativ. Die ideale Interviewform scheint also schnell gefunden: Der Gast soll kritisch befragt werden, sofern der Gast nicht Gerhard Riedl heißt.

Als Vorbild bemüht er Günter Gaus, der mit Distanz, Präzision und Interesse gefragt habe. Das stimmt sogar. Gaus war allerdings auch nicht dafür bekannt, seine Gesprächspartner als blinde Hühner zu bezeichnen, über ihre Keimdrüsen zu spekulieren oder jeden Widerspruch mit Religion, Verfolgung, Gefängnissen und Kriegen zu verbinden. Vielleicht bestand seine journalistische Kunst gerade darin, einen Gedanken zu Ende zu führen, ohne unterwegs noch einen Gedankenfurz, eine Schwiegermutter und den Untergang des Abendlandes einzubauen.

Besonders schön ist Riedls Klage, seine Kritiker wollten ihn „flächendeckend niedermachen“. Das klingt, als kreisten bereits Drohnen über seinem Blog und als würden in geheimen Kommandozentralen seine Adjektive ausgewertet. Tatsächlich schreiben zwei oder drei Leute Texte über seine Texte. Man könnte das für eine überschaubare Debatte innerhalb einer kleinen Tango-Blogwelt halten. Aber das wäre natürlich zu wenig dramatisch. Publizistischer Erfolg braucht schließlich Gegner, Überwachung und mindestens eine kleine Verschwörung.

Dabei besitzt die Sache eine einfache Logik: Wer öffentlich schreibt, wird öffentlich gelesen. Wer andere kritisiert, wird selbst kritisiert. Wer seine Beiträge mit Spott, Unterstellungen und persönlichen Spitzen würzt, sollte nicht überrascht sein, wenn die Antwort nicht ausschließlich aus höflichem Applaus besteht. Öffentlichkeit ist keine Einbahnstraße, auf der Riedl mit Fernlicht fährt, während alle anderen am Straßenrand stehen und dankbar winken.

Er selbst stellt die Sache gern anders dar. Seine Texte seien offenbar von Neugier getragen, die Texte der anderen dagegen von Munition, Keimdrüsen und Vernichtungswillen. Er fragt angeblich nur: „Ist das wirklich so?“ Die anderen hingegen betreiben Dauerbeobachtung. Er bespricht andere Autoren, weil ihn die Sache interessiert. Andere besprechen ihn, weil sie besessen sind. Er spottet, weil Satire erlaubt sein muss. Andere spotten, weil sie ihn niedermachen wollen. Eine schöne Ordnung. Vor allem für ihn.

Der Höhepunkt folgt wie so oft am Schluss. Riedl diskutiere am liebsten mit blinden Hühnern, weil diese wenigstens manchmal ein Korn fänden. Das ist sein Beitrag zur respektvollen Gesprächskultur. Erst fordert er Entspannung, Neugier und Offenheit, dann erklärt er seine Kritiker zu geistig eingeschränktem Federvieh. Vermutlich ist das die moderne Form der Captatio benevolentiae: Man schmeichelt dem Leser zunächst mit einem lateinischen Begriff und beleidigt ihn später auf Deutsch.

Vielleicht sollte man ihm trotzdem dankbar sein. Seine Texte zeigen sehr anschaulich, wie Selbstwahrnehmung funktioniert, wenn sie sich vollständig von der Fremdwahrnehmung gelöst hat. Wer kritisiert, führt ein Verhör. Wer widerspricht, verfolgt. Wer antwortet, beobachtet. Wer lacht, ist bösartig. Und wer über Monate Klaus Wendel in nahezu jedem Artikel unterbringt, wundert sich anschließend, dass Klaus Wendel zurückschreibt.

Oder, um es kürzer zu sagen: Mimimimi…

Ich schlage deshalb einen Kompromiss vor: Wie wäre es, Herr Riedl, wenn wir beide für zwei Monate darauf verzichten würden, den jeweils anderen in unseren Blogs zu erwähnen? Dann hätten unsere Leser endlich einmal Ruhe vor diesem Dauer-Scharmützel – und wir könnten ganz nebenbei einen kleinen Feldversuch starten. Sollten die Zugriffszahlen in dieser Zeit deutlich sinken, wüssten wir immerhin, dass sich ein Teil des Publikums weniger für Tango als für unseren Zoff interessiert. Bleiben sie dagegen stabil, wäre bewiesen, dass wir beide auch ohne den Namen des anderen noch gelesen werden. Eigentlich eine faire Versuchsanordnung. Und vielleicht sogar die erste wirklich belastbare Auswertung unserer Reichweiten.

Oder haben Sie Angst davor, dass Ihr Blog das nötige Drama verlieren könnte? 

PS: 

Also letzteres. Riedl hat seinen eigenen Nachtrag wieder in Form eines Kommentars untergebracht. Dort freut er sich darüber, dass meine schnelle Reaktion die Bekanntheit seiner Texte weiter erhöhe. Meinen Vorschlag, versuchsweise für zwei Monate gegenseitig auf jede Bezugnahme zu verzichten, hat er also entweder nicht gelesen oder vorsichtshalber übersehen. Denn auf diesen kleinen Versuch möchte er offenbar doch nicht eingehen.

Auch wird man aus Riedls Gefühlslage allerdings nicht recht schlau. In seinem Artikel beklagt er ausführlich, dass andere ständig über ihn schreiben, ihn beobachten und seine Texte zum Gegenstand eigener Beiträge machen. Kaum erscheint eine Antwort, freut er sich im Kommentar darüber, dass dadurch die Bekanntheit seiner Texte weiter steige. Was denn nun? Ist die Aufmerksamkeit eine unzumutbare Dauerbeobachtung oder kostenlose Werbung?

Vielleicht liegt deshalb das eigentliche Problem gar nicht darin, dass über ihn geschrieben wird. Vielleicht stört ihn nur, dass andere dabei selbst bestimmen, was sie über ihn schreiben.

Dann noch ein zweiter Kommentar: Darin beklagt er sich, dass er sich gar nicht beklagt habe. Na gut, in seinem Artikel „analysiert“ er: „Derzeit ist es Kollege Wendel, der einen Text nach dem anderen produziert, um mein Blog und dessen Autor in ein schlechtes Licht zu rücken.“
Ich denke allerdings bei Gerhards Tango Report wäre es ein Problem, weil da kaum noch eine Funzel übrig geblieben ist, um ihn noch schlechter aussehen zu lassen, als er ohnehin schon erscheint.

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