Gedanken über Tango Musik | 5. Teil

Gedanken über Tango Musik | 5. Teil

Musik im Unterricht – Funktion vor Geschmack
Musik-Links korrigiert!

Ich habe bereits im Beitrag „Gedanken über Tango-Unterricht | 37. Teil – Musikalität vor Repertoire-Vielfalt“ darüber geschrieben, warum Musikalität im Unterricht systematisch zu kurz kommt.

Hier möchte ich noch einmal ausdrücklich auf die Musik im Unterricht eingehen.

Um es vorwegzunehmen: Beim Thema Musik fliegen schnell die Kugeln.
Deshalb gleich zu Beginn: Das hier Geschriebene ist meine Meinung, meine Erfahrung aus vier Jahrzehnten Unterricht und DJ-Praxis – kein Almanach, kein Kanon, kein Lehrbuch darüber, wie Unterrichtsmusik „zu sein hätte“.

Gedanken über Tango Musik | 4. Teil

Gedanken über Tango Musik | 4. Teil

Fortschritt, Raum und die Erzählung vom verhinderten Niveau | nachträglich bearbeitet

Die Behauptung vom „unerwünschten Weiterkommen“

In einer jüngsten Replik wurde erneut die These formuliert, im Tango sei Weiterkommen unerwünscht. Schwierige Musik werde gemieden, weil man Anfänger nicht verschrecken wolle. Die Ronda wirke wie ein disziplinierendes Korsett. Der Unterricht produziere „ewige Anfänger“, die trotz jahrelanger Kurse kaum Fortschritte machten. Anspruchsvollere musikalische Konzepte würden nicht angeboten, um das allgemeine Niveau nicht zu gefährden.

Diese Diagnose klingt zunächst wie eine soziologische Analyse der Szene. Tatsächlich beruht sie auf einer bestimmten Vorstellung davon, was Fortschritt im Tango überhaupt bedeutet. Und genau diese Vorstellung muss man genauer betrachten, bevor man von struktureller Niveau-Deckelung spricht.

Gedanken über Tango Musik | 3. Teil

Gedanken über Tango Musik | 3. Teil

Vom Fundament eines Gesellschaftstanzes

Die ersten beiden Teile dieser Reihe haben eine Diskussion ausgelöst. Das ist nicht überraschend. Überraschend ist eher, wie sie geführt wird.

Ein/ige Leser haben/hat die dort formulierten Argumente entweder nicht nachvollzogen oder in einer Weise ausgelegt, die mit dem tatsächlichen Inhalt wenig zu tun hat. Es wurden Positionen kritisiert, die ich nicht vertreten habe, und Aussagen zurückgewiesen, die so nie getroffen wurden.

Das betrifft selbstverständlich nicht die gesamte Leserschaft. Aber es tauchen in den Reaktionen wiederholt Schein- oder Strohmann-Argumente auf: Man widerlegt eine zugespitzte Version des Textes – nicht den Text selbst.

Hinzu kommt eine weitere Unschärfe: Moderne Tango-Kompositionen, Tango Nuevo im engeren Sinn und neu eingespielte Versionen traditioneller Orchester werden häufig in einen Topf geworfen. Dadurch verschwimmen entscheidende Unterschiede. Wer nicht sauber zwischen kompositorischer Struktur, klanglicher Modernisierung und stilistischer Neuinterpretation unterscheidet, diskutiert über etwas anderes, als tatsächlich zur Debatte steht.

Noch grundsätzlicher wird es, wenn außer Acht gelassen wird, was einen Gesellschaftstanz überhaupt trägt. Ein Tanz, der sich sozial verbreitet, braucht bestimmte musikalische Eigenschaften: rhythmische Klarheit, formale Erkennbarkeit, wiederkehrende Spannungsbögen. Diese Fragen standen bereits in den ersten beiden Teilen im Mittelpunkt.

Wenn diese Voraussetzungen jedoch bestritten oder als nebensächlich abgetan werden, dann geht es nicht mehr um Detailfragen des Repertoires. Dann liegen unterschiedliche Auffassungen darüber vor, wie Tango als Gesellschaftstanz überhaupt funktioniert.

Genau an diesem Punkt möchte ich im dritten Teil ansetzen.

Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

Japan und sein Umgang mit fremder, traditioneller Kultur

„Alt? Dann schaffen wir Beethoven gleich mit ab.“

Vor ein paar Tagen rief mich eine junge Frau an, die gerne Tango lernen wollte. Einen Beginnerkurs konnte ich ihr nicht anbieten, also kamen wir ins Gespräch. Nicht über Termine, sondern über Bewegung. Über Stand. Über das, was einen Körper stabil macht.

Sie erzählte mir, sie trainiere eine japanische Kampfkunst. Ihr Lehrer – selbst Tangotänzer – habe ihr geraten, Tango zu lernen, um ihre „Beinarbeit“ zu verbessern.

Das hat mich nicht überrascht. Ich erinnerte mich an ein spielerisches Ringen vor Jahren mit einem Freund, fortgeschritten im Wing Tsun. Ich blieb erstaunlich stabil auf den Beinen. Sein Kommentar: „Du hast einen sehr guten Stand.“ (Heute allerdings, nach einer Achillessehnenruptur und OP, wohl nicht mehr so sehr.)

Offenbar gibt es zwischen Tango und Kampfkunst eine gemeinsame Grundlage: Balance, Erdung, Struktur. Form ist nicht Einschränkung, sondern Voraussetzung.

Im weiteren Verlauf erwähnte ich die besondere Rolle Japans in der Geschichte des Tango – und wusste plötzlich, dass ich darüber längst hätte schreiben sollen.

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Gedanken über Tango Musik | 2. Teil

Teil 2) | Was bedeutet eigentlich „zur Musik tanzen“?

Kaum ein Satz fällt im Tango so häufig wie dieser: „Man sollte mehr zur Musik tanzen.“
Er klingt selbstverständlich. Und doch bleibt er erstaunlich unbestimmt. Denn die eigentliche Frage lautet: Was heißt das konkret?

Zur Musik tanzen kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Genau hier beginnen viele Missverständnisse. Alle benutzen denselben Ausdruck, aber jeder verbindet etwas anderes damit. Der eine meint: Hauptsache im Takt. Der nächste meint: Akzente aufnehmen. Ein dritter meint: Ausdruck, Gefühl, Dramaturgie. Und alle glauben, sie sprächen vom selben Phänomen.

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Unterschiedliche Eintrittspreise mit unterschiedlichen Voraussetzungen

Über Kosten, Milonga-Modelle und falsche Vergleiche

Der Beitrag von Christian Beyreuther hat hohe Wellen geschlagen. Die Zugriffszahlen – vor allem über Facebook – gingen deutlich nach oben, und ebenso die Zahl der Kommentare. Viele Leser hielten die dort genannten Kostenaufstellungen für überzogen oder unrealistisch. Dabei beruhen diese Zahlen nicht auf Schätzungen, sondern auf den offen gelegten Angaben des Tangostudios El Abrazo in Hamburg.

Diese Diskussion kommt mir vertraut vor. Eine sehr ähnliche Debatte habe ich bereits vor rund dreißig Jahren in der Usenet-Newsgroup „tango-L“ geführt, damals ebenfalls mit Argumenten zugunsten realistischer Eintrittspreise. Allerdings bewegten wir uns zu dieser Zeit in völlig anderen Dimensionen. Die Preise waren noch in D-Mark angegeben, lagen deutlich niedriger, und viele Veranstalter arbeiteten tatsächlich eher im idealistischen als im wirtschaftlichen Rahmen.

Heute sind die Strukturen andere, und auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert.

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Preisdebatten im Tango: Warum Milongas lange zu günstig waren – und warum sich das rächt

Ein Gastbeitrag von Christian Beyreuther

Die Diskussion um steigende Eintrittspreise bei Milongas entzündet sich oft am falschen Punkt. Nicht die Erhöhung an sich ist bemerkenswert, sondern dass Veranstalter heute überhaupt gezwungen sind, offen über Zahlen zu sprechen. Genau diese Transparenz hat in der Tangoszene über viele Jahre gefehlt.

Wer über Preise diskutiert, ohne Kosten zu benennen, diskutiert letztlich im luftleeren Raum.

Gedanken über Tango-Unterricht | 42. Teil

Gedanken über Tango-Unterricht | 42. Teil

Teil 42) | Tango zwischen Standpunkt und Begegnung – eine Modellanalyse

Man hat mir vorgeworfen, ich würde mich nicht ernsthaft mit den Inhalten bestimmter Blogtexte auseinandersetzen, sondern nur zuspitzen. Na gut, dann tue ich es hier ausdrücklich: Ich nehme ein beschriebenes Tango-Modell beim Wort und untersuche, was davon tanztechnisch übrig bleibt, wenn man es konsequent zu Ende denkt.

Dieses beschriebene Tango-Modell ist auch oft in der Freestyler- und Neo-Tango-Szene zu beobachten und führt nicht selten zu Konflikten über räumlichen Umgang auf gefüllten Pisten. Den technisch bedingten Grund dafür werde ich hier erläutern. 

Es geht dabei nicht um Personen, sondern um Begriffe und Konzepte. Ein Text, der sich mit großen Worten wie „Dialog“ und „Dialektik“ schmückt, muss sich daran messen lassen, ob diese Begriffe im Tanz überhaupt eingelöst werden.

Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Eigentlich würde ich mich aus diesem Streit heraushalten. Ich bin selbst nicht betroffen, und normalerweise habe ich keine Lust, jede private Blogger-Schlägerei mit einem Extra-Beitrag zu kommentieren. Aber hier geht es nicht mehr um Tango oder um ein Buch, sondern darum, wie Geschichte missbraucht wird. Eine polemische Metapher wird in die Nähe der Bücherverbrennungen von 1933 gerückt, und am Ende wird sogar die jüdische Bevölkerung in diesen privaten Diskurs hineingezogen, um die Empörung noch weiter hochzudrehen. Das ist für mich […]

Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Gedanken über Tango-Musik | 1. Teil

Mit Nachtrag

Willkommen zu meiner neuen Themenreihe „Gedanken über Tango-Musik“

Der Anstoß zu dieser Reihe kam durch einen Blogartikel von Helge Schütt mit dem Titel „Zur Systematik der Tango-Schritte“. Beim Lesen fiel mir erneut etwas auf, das mir im Tango-Unterricht – insbesondere beim Thema Musik – seit Jahren begegnet: Begriffe werden durcheinandergeworfen. Und genau dieses Durcheinander produziert Missverständnisse.

In Helges Fall entstand das Missverständnis im Anschluss an einen von ihm besuchten Workshop bei Joaquín Amenábar, einem ausgewiesenen Spezialisten für Tango-Musikalität. Das Problem lag ausdrücklich nicht am Unterricht, sondern an der Komplexität des Themas – und an der begrifflichen Unschärfe, mit der im Tango oft gearbeitet wird.

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 41. Teil

Teil 41) | Was sind Bezugssysteme – und warum sie beim Lernen sehr hilfreich sind

Tango wird gern als etwas beschrieben, das man nicht erklären könne.
Man müsse ihn fühlen. Alles andere störe nur.

Das ist bequem – und falsch.

Denn auch wenn Tango im Tanz selbst weitgehend unbewusst geschieht, wird er nicht unbewusst gelernt.

Lernen braucht Orientierung. Und Orientierung braucht Bezugssysteme.

Bezugssysteme sind keine Theorie über Tango.
Sie sind Hilfsmittel, um Komplexität zu strukturieren, Wahrnehmung zu schärfen und Missverständnisse zu vermeiden. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Das Märchen vom geldgierigen Tango-Veranstalter/Lehrer

Oder: Woher stammt eigentlich die Idee, dass beim Tango jede Dienstleistung verschenkt werden soll?

Es hält sich in der Tangowelt ein erstaunlich zähes Märchen: der Veranstalter sei geldgierig, der Lehrer ein Abkassierer, der Organisator im Grunde ein Profiteur, der die „Leidenschaft anderer“ finanziell ausnutzt. Diese Sätze kommen meistens von Menschen, die noch nie auch nur eine Sekunde lang auf der anderen Seite standen. Denn wer einmal erlebt hat, was es bedeutet, eine Milonga, einen Ball, einen Workshop oder auch nur einen regelmäßigen Unterricht zu organisieren, weiß sehr genau: Tango ist kein Selbstläufer und schon gar keine Wohlfahrt. Es ist Arbeit, Verantwortung, Zeitaufwand, Material, Risiko und Organisation – und zwar weit mehr, als man von außen ahnt.

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Die Gnade der späten (Tango)-Geburt

Oder: Warum es nicht unbedingt ein Vorteil ist, „von Anfang an“ dabei gewesen zu sein

In einer laufenden Blogdiskussion musste ein bestimmter Blogger wieder einmal beweisen, dass er nur ein Argument wirklich beherrscht: das Baujahr als Kompetenzbeleg.
Er versuchte, einen sehr erfahrenen Tänzer abzuwerten, weil dieser nicht „bei den wilden, alten Tangozeiten“ dabei gewesen sei.
Als hinge Verständnis davon ab, ob man zufällig ein paar Jahre früher oder später angefangen hat.

Ich kenne diese Denke.
Ich habe selbst sehr früh begonnen – und weiß genau, wie viel Unsinn man damals lernte. Wer stolz auf diese Frühzeit ist, hat sie entweder vergessen oder nie verstanden.

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 40. Teil

Teil 40) | Was Kontakt im Tango wirklich bedeutet – und warum die meisten nur die Hälfte davon nutzen

Wir reden im Tango ständig über „Kontakt“.
Aber selten darüber, welchen.
Denn Kontakt ist nicht ein einzelner Zustand, sondern besteht aus mindestens zwei Ebenen, die idealerweise zusammenfallen – oft aber getrennt voneinander existieren.

Um sinnvoll über Weiterentwicklung zu sprechen, müssen wir zuerst klären, welchen Kontakt wir überhaupt meinen.

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