
Jetzt wird sogar das Lachen gegendert
Ein gewisser Blogger hat einen Trailer gesehen, ein paar Pressetexte gelesen und weiß nun: Der Staat will uns das Lachen verbieten. Früher gab es Otto, Harald Schmidt und Rudi Carrell. Heute gibt es Filmförderung, ZDF und Frauen, die sich erdreisten, im Nachhinein zu sagen, dass manches damals vielleicht doch nicht so lustig war.
Für Riedl ist das natürlich kein Rückblick, sondern Umerziehung. Niemand löscht alte Sendungen, niemand verbietet Witze, niemand beschlagnahmt Gottschalks Sofa. Aber sobald Frauen erzählen, wie sie das Fernsehgeschäft erlebt haben, steht für ihn die Genderpolizei vor der Tür.
Besonders hübsch ist sein Satz, keine Frau sei gezwungen worden, sich als „dümmliche Sexpuppe“ zu vermarkten. Stimmt. Es stand ja immer eine riesige Auswahl bereit: kurze Röcke, dümmliche Rollen oder keine Karriere. Freie Entscheidung also.
Der häßlichste Satz des ganzen Artikels ist ausgerechnet der über die „anständigen“ Frauen: „Keine Frau wurde gezwungen, sich in den Medien als dümmliche Sexpuppe zu vermarkten. Millionen von ihnen gingen einer anständigen Arbeit nach und wären froh gewesen, hätten sie den gleichen Lohn erhalten wie ihre männlichen Kollegen.“
Denn damit verrät Riedl ungewollt sein eigenes Weltbild: Die Fabrikarbeiterin verdient Mitgefühl. Die Fernsehfrau trägt selbst die Verantwortung. Selbst Schuld, wer auf die Bühne und mehr verdienen möchte als am Fließband oder an der Aldi-Kasse. Wer auf der Bühne steht, hat offenbar sein Recht verwirkt, sich später über Demütigungen zu beschweren. Das ist kein Plädoyer für starke Frauen. Das ist eine Hierarchie von Frauen.
Dann kommt der Biologe. Sexualisierung könne eigentlich gar nicht schlimm sein, weil Sexualität zur menschlichen Natur gehöre. Das ist ungefähr so schlau wie die Behauptung, Alkoholmissbrauch könne es nicht geben, weil Durst etwas Natürliches ist.
Natürlich muss auch noch der Tango hinein. Bei Riedl ist selbst Fernsehgeschichte offenbar nur eine schlecht getanzte Milonga mit Gender-Schmus und Tango-Códigos.
Der eigentliche Skandal ist aber viel kleiner: Ein paar Frauen sagen, dass sie damals nicht alles komisch fanden.
Und plötzlich versteht Gerhard Riedl beim Thema Humor überhaupt keinen Spaß mehr.
Der Titel müsste eigentlich heißen:
Was habe ich mir eigentlich bei diesem Beitrag gedacht?
Update: 18.Juli 2026 | 15:02 Uhr
Nachtrag: „Brav mitgemischt“
Riedl räumt immerhin ein, die Kritik am damaligen Sexismus sei „prinzipiell berechtigt“. Dieses Zugeständnis hält allerdings nur einen halben Satz. Danach sind wieder die Frauen selbst schuld: Viele „Damen“ hätten schließlich „brav mitgemischt“, in solchen Rollen Karriere gemacht und vermarkteten nun den veränderten Zeitgeist ein zweites Mal.
„Brav mitgemischt“ – darin steckt bereits die ganze Herablassung. Es klingt, als hätten Frauen damals aus einem reichhaltigen Angebot frei wählen können: Quizmasterin, Intendantin, politische Journalistin, Programmdirektorin oder eben dekorative Assistentin im kurzen Rock. Tatsächlich waren die Rollen sehr viel eindeutiger verteilt. Männer moderierten, entschieden, interviewten und erklärten die Welt. Frauen sagten an, assistierten, lächelten und sahen dabei möglichst gut aus.
Natürlich machten Frauen dabei mit. Was hätten sie sonst tun sollen? Wer im Fernsehen arbeiten und Karriere machen wollte, musste sich innerhalb der vorhandenen Strukturen bewegen. Dass eine Frau eine angebotene Rolle annimmt, beweist nicht, dass sie die Bedingungen geschaffen hat oder gerecht fand. Es beweist zunächst nur, dass sie arbeiten wollte.
Wie hoch die Hürden lagen, zeigen die ersten Nachrichtensprecherinnen. Als Wibke Bruhns 1971 beim ZDF Nachrichten präsentierte, galt sie nicht einfach als neue Kollegin, sondern als Versuchsanordnung. Ihr persönliches Verhalten wurde sofort zur Grundsatzfrage über die Eignung aller Frauen. Noch 1976 hielt der damalige Tagesschau-Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke Frauen angeblich für zu emotional und politisch zu wenig bewandert. Dagmar Berghoff durfte also nicht nur Nachrichten sprechen. Sie musste zugleich beweisen, dass Frauen dabei nicht weinen, zusammenbrechen oder die Politik durcheinanderbringen.
Ein Mann durfte einen Fehler machen. Eine Frau lieferte mit demselben Fehler angeblich den Beweis, dass Frauen für diese Aufgabe ungeeignet seien. Heinz Maegerleins Versprecher von den „Hängen und Pisten“ wurde zum liebenswerten Fernsehklassiker. Carmen Thomas’ „Schalke 05“ klebte dagegen jahrzehntelang an ihrer Person und wurde gegen ihre fachliche Eignung verwendet.
Vor diesem Hintergrund ist es ziemlich billig, später zu behaupten, die Frauen hätten doch „brav mitgemischt“. Sie spielten unter Bedingungen mit, die andere geschaffen hatten. Manche nutzten diese Rollen geschickt, manche profitierten davon, manche nahmen Kränkungen und Übergriffe hin, weil Widerstand ihre Karriere gefährdet hätte. Das nennt man Anpassung an Machtverhältnisse. Man kann es natürlich auch „freie Entscheidung“ nennen, wenn man sich die Sache gern einfach macht.
Besonders hübsch ist Riedls Tucholsky-Zitat von den sauren Trauben. Damit unterstellt er den Frauen, ihre heutige Kritik sei eigentlich nur Altersfrust: Früher hätten sie ihre Reize vermarktet, heute seien diese nicht mehr gefragt, also würden sie plötzlich „fromm und weise“. Das ist nicht nur gehässig, sondern entlarvend. Frauen dürfen demnach über frühere Erfahrungen nur sprechen, solange niemand vermuten könnte, sie seien inzwischen zu alt, um daraus noch Vorteile zu ziehen.
Natürlich kann man darüber diskutieren, ob auch die heutige Aufarbeitung vermarktet wird. Filme werden produziert, beworben und verkauft. Das widerlegt jedoch ihren Inhalt nicht. Auch Riedl vermarktet den wechselnden Zeitgeist auf seinem Blog – nur eben in der Gegenrichtung. Früher wurde mit kurzen Röcken Quote gemacht, heute macht er mit der Klage über „Gender-Schmus“ seine Pointe.
Und ja: Auch heute gibt es Frauen, die Schönheit und erotische Wirkung bewusst als Kapital einsetzen. Auf Instagram, YouTube und in der Welt der Superreichen sieht man sie als perfekt gestyltes Zubehör neben Sportwagen, Yacht und Luxusvilla. Aber auch daraus folgt nicht, dass die zugrunde liegende Reduktion deshalb gut oder gleichberechtigt wäre. Dass sich jemand in einem bestehenden System möglichst gewinnbringend verkauft, macht dieses System noch lange nicht emanzipatorisch.
Frauen haben damals mitgemacht. Männer haben damals bestimmt, unter welchen Bedingungen mitgemacht werden durfte. Das ist der kleine Unterschied, den Riedl in seiner großen Altersweisheit übersieht.
Riedl stellt sich in seinen Tangotexten gern als verständnisvollen Milonga-Gast dar, der mitfühlend auf die Frauen blickt, die unaufgefordert am Rand sitzen bleiben. Seine Wut richtet sich dann demonstrativ gegen die arroganten Schnösel, die diese Frauen übersehen und nicht zum Tanzen auffordern.
Diese Rolle nehme ich ihm schon lange nicht mehr ab.
Wer Frauen außerhalb der Milonga vorhält, sie hätten bei sexistischen Verhältnissen „brav mitgemischt“, wer ihre spätere Kritik mit Alter, Opportunismus und den „sauren Trauben“ erklärt, zeigt ein ziemlich anderes Frauenbild. Solange Frauen als zurückgewiesene Wesen erscheinen, die auf die Aufmerksamkeit eines Mannes warten, kann er sich als verständnisvoller Beschützer inszenieren. Sobald Frauen aber selbst über Erfahrungen, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse sprechen, ist es mit seinem Verständnis schnell vorbei. Dann haben sie angeblich alles freiwillig gewollt, ihren Vorteil daraus gezogen und vermarkten nun den neuen Zeitgeist.
Sein Mitgefühl scheint also an eine Bedingung geknüpft zu sein: Die Frau muss in der Rolle bleiben, die er für sie vorgesehen hat. Sie sollte möglichst mit tiefer Stimme sprechen (genau wie Nachrichtensprecherin Dagmar Berghof), um von ihm überhaupt ernst genommen zu werden. Sie darf übersehen und verletzt sein und sich dankbar für männliche Aufmerksamkeit zeigen. Aber sie sollte möglichst nicht selbstbewusst erklären, was sie erlebt hat, welche Machtverhältnisse dabei eine Rolle spielten und wie sie das alles heute beurteilt.
Vielleicht empört sich Riedl auf Milongas deshalb auch weniger über die Lage der sitzenden Frauen als über die Männer, die ihm die Gelegenheit nehmen, sich als deren verständnisvoller Anwalt aufzuspielen.