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Der Pädagoge als Entlastungszeuge

Der Pädagoge als Entlastungszeuge

Ein gewisser Blogger verteidigt Dieter Nuhr. Das heißt: Er schreibt ein paar Absätze über Dieter Nuhr und kommt dann möglichst schnell auf sich selbst zu sprechen. Ein bewährtes Verfahren. Andere nennen so etwas Themenwechsel, bei ihm ist es vermutlich Selbsterkenntnis.

Nuhr hatte erzählt, junge Schülerinnen hätten ihn mit geöffneten Blusen derart aus dem Konzept gebracht, dass er strafrechtliche Probleme befürchtete. Das kann man witzig finden. Man kann aber auch denken: Donnerwetter, was für eine originelle Pointe – junge Frauen, Brüste, lüsterner Lehrer. Fast schon Neuland.

Eine Autorin findet das nicht komisch. Riedl stellt sie deshalb als „eine mir unbekannte Andrea Zschocher“ vor. Das ist natürlich vernichtend. Wer Gerhard Riedl persönlich unbekannt ist, dürfte im öffentlichen Leben kaum eine Rolle spielen. Anschließend teilt er mit, nun kenne man ihre Probleme. Welche das sind, erklärt er nicht. Vermutlich leidet sie an einer seltenen Humorstörung: Sie lacht nicht zuverlässig an den Stellen, die Riedl freigegeben hat.

Nun werden die üblichen Requisiten aus dem Keller geholt: Mistgabeln, Haberfeldtreiben, Shitstorm, moralische Empörung. Man könnte beinahe glauben, Nuhr sei nicht kritisiert, sondern auf dem Marktplatz geteert und gefedert worden. Tatsächlich haben ein paar Leute gesagt, sie fänden seinen Witz daneben. Für Riedl ist das bereits der Vorhof zur Kulturrevolution.

Dann erklärt er die Methode seiner Gegner: Man suche lange genug in alten Texten, finde irgendeinen Fehler und lege ihn möglichst negativ aus. Ein sehr interessanter Vorwurf von einem Mann, dessen publizistische Hauptbeschäftigung inzwischen darin besteht, alte Texte anderer Leute auszugraben, einzelne Sätze herauszulösen und daraus Ferndiagnosen über deren Charakter, Lebensplanung und geistige Verfassung anzufertigen.

Aber dann endlich kommt der wichtigste Mann des Artikels zu Wort: Gerhard Riedl.

Er habe das Lehramt im Gegensatz zu Nuhr immerhin „durchgezogen“. Außerdem hätten ihn junge Mädchen niemals gereizt. Das ist eine eindrucksvolle Entlastung von einem Vorwurf, den niemand erhoben hat. Kritisiert worden war sein angeblich autoritärer Umgang mit Schülern. Riedl antwortet darauf sinngemäß: Mag sein, aber sexuell war ich tadellos.

Dann setzt er noch einen drauf: Die Mädchen hätten sich vermutlich eher vor ihm gefürchtet.

Das muss man erst einmal schaffen. Aus dem Vorwurf, als Lehrer Angst erzeugt zu haben, baut er sich einen Persilschein. Andere Lehrer geraten wegen sexueller Anziehung in Schwierigkeiten, bei ihm herrschte offenbar einfach nur pädagogischer Schrecken. Jeder hat eben seine Begabung.

Besonders schön ist, dass er das selbst für Selbstironie hält. Tatsächlich bestätigt er damit ziemlich genau den zitierten Vorwurf: Zustimmung für Angepasste, Widerstand gegen Widerspruch, Pädagogik als Machtdisziplin. Aber wo andere einen Widerspruch sehen, entdeckt Riedl eine Pointe. Auch das ist eine Form von Begabung.

Am Ende zitiert er Nuhr mit dem Satz, er habe an der Universität denken gelernt. Riedl fügt hinzu: „Für andere auch nicht.“

Damit sind die Rollen geklärt. Er hat studiert, also denkt er. Andere widersprechen ihm, also offenbar nicht. So einfach kann akademische Bildung sein, wenn man sie hauptsächlich als Orden am eigenen Revers trägt.

Aus einem mäßig gealterten Lehrerwitz wird so wieder ein klassischer Riedl-Text: erst Nuhr, dann die bösen Frauen, dann die hysterische Gesellschaft und schließlich der unvermeidliche Hinweis auf die eigene moralische und intellektuelle Überlegenheit.

Zwischen Lehramt und Witzfigur liegt eben nicht immer eine Karriere.

Manchmal reicht auch ein Blog.

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