Gedanken über Tango Unterricht | 65. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 65. Teil

Eine Tomate – bitte bewerten!

Eine Tomate – bitte bewerten!

Nach meiner schon länger zurückliegenden Bestellung von Blumen-, Kräuter- und Tomatensamen kam irgendwann die längst fällige Aufforderung: Bitte bewerten Sie Ihren Einkauf.

Überhaupt eine der lästigeren Erfindungen des Onlinehandels. Man bezahlt eine Leistung und soll anschließend auch noch kostenlos an der Qualitätssicherung des Unternehmens mitarbeiten. Natürlich bevorzugt in einem hübsch vorgefertigten Fragebogen, der echte Kritik möglichst elegant in Zahlen von 1 bis 10 zerlegt. Wenn man Glück hat, gibt es am Ende noch das Feld „Zusätzliche Bemerkungen“, worin dann die inzwischen aufgestaute Wut möglichst nach zwei Sätzen beendet werden soll.

Nun gut. Dann also die Tomatensamen.

Im vergangenen Jahr konnte ich noch ungefähr 30 Tomaten ernten. Dieses Jahr stehen hier fünf Töpfe herum, aus denen es bis Anfang September genau eine Tomate geschafft hat. Noch grün.

Bei geschätzten 50 Litern Wasser macht das eine ziemlich beeindruckende Ökobilanz: 50 Liter Wasser für eine Tomate.

Oder war vielleicht doch El Niño schuld daran?

Meine Bewertung wäre also:

Eine Tomate. Dafür aber mit hervorragender Kundenbindung.

Nur lässt sich der eigentliche Grund für das bescheidene Ergebnis in solchen Bewertungsformularen meistens gar nicht vernünftig unterbringen. War das Saatgut schlecht? War es das Wetter? Habe ich falsch gegossen? War der Standort ungeeignet? Eine Zahl zwischen 1 und 10 sagt darüber herzlich wenig.

Und damit wären wir erstaunlicherweise schon ziemlich nah beim Tangounterricht.

Was sind Bewertungen eigentlich wert?

Seit einiger Zeit bekomme ich regelmäßig Angebote von Firmen, eine negative Google-Bewertung meiner Tangoschule löschen zu lassen. Sie steht ungefähr zwanzig Fünf-Sterne-Bewertungen gegenüber und senkt meine Gesamtwertung nur geringfügig. Eigentlich macht sie das Ganze sogar glaubwürdiger. Eine makellose Wand aus ausschließlich fünf Sternen wirkt irgendwann verdächtiger als eine kleine Delle.

Besonders hübsch ist, dass die negative Bewertung nach meiner Kenntnis von jemandem stammt, der nie an meinem Unterricht teilgenommen hat.

Das System funktioniert also ungefähr so: Irgendjemand schreibt eine Bewertung. Google veröffentlicht sie weitgehend ungeprüft. Anschließend melden sich Firmen und bieten gegen Geld an, sie wieder verschwinden zu lassen.

Da stellt sich eine ziemlich einfache Frage:

Was ist eine Bewertung eigentlich noch wert, wenn schlechte Bewertungen gelöscht, gute möglicherweise erkauft und ganze Reputationen professionell gepflegt werden können?

Noch interessanter ist aber die nächste Frage:

Wie sollte man eigentlich eine Tangoschule bewerten?

Und was ist mit Umfragen?

Die naheliegendste Lösung wäre natürlich eine Kundenbefragung. Genau jene Form also, mit der wir nach jedem Onlinekauf ohnehin zugeschüttet werden.

Warum nicht auch bei Tangoschulen?

Wie zufrieden sind Sie mit dem Unterricht? Würden Sie die Schule weiterempfehlen? Fühlen Sie sich gut betreut? War der Lehrer sympathisch?

Das Problem liegt auf der Hand: Solche Befragungen messen vor allem Zufriedenheit.

Und Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Lernerfolg.

Ein Lehrer kann sehr beliebt sein, eine angenehme Atmosphäre schaffen und trotzdem wenig vermitteln. Umgekehrt kann anspruchsvoller Unterricht gelegentlich anstrengend oder frustrierend sein und langfristig trotzdem zu besseren Ergebnissen führen.

Auch die Selbsteinschätzung hilft zunächst nur begrenzt. Wer gerade erst anfängt, weiß schließlich noch gar nicht genau, was er können müsste.

Eine Umfrage allein löst unser Bewertungsproblem also auch nicht.
Wir müssen also weitersuchen.

Hauptsache Dienstag passt

Schon bei der Auswahl einer Tangoschule scheint bei Beginnern eines der wichtigsten Kriterien häufig gar nicht die versprochene Qualität des Unterrichts zu sein, (wer glaubt schon einer Eigenwerbung?) sondern der passende Wochentag. Zwei prallvolle Terminkalender werden übereinandergelegt, bis irgendwo noch ein gemeinsamer Abend übrigbleibt – und dort wird dann Tango gelernt.

Entfernung von zu Hause, Erfahrung der Lehrer, Unterrichtskonzept, Qualifikation oder die Frage, wie lange diese Schule überhaupt schon erfolgreich arbeitet, scheinen erstaunlich oft zweitrangig zu sein.

Bei einem Wasserrohrbruch würde ich vermutlich nicht genauso verfahren. Da bestelle ich nicht Schreiner, Fensterputzer oder Tapezierer, nur weil einer von ihnen Dienstag um 19.30 Uhr Zeit hat.

Beim Tango scheint das gelegentlich anders zu funktionieren.

Und hinterher wird bewertet, ob die Lehrer sympathisch waren, der Raum schön, die Musik angenehm und die Atmosphäre nett. Alles durchaus nicht unwichtig. Nur beantwortet das eine entscheidende Frage nicht:

Hat man dort eigentlich Tango gelernt?

Pfusch am Bau – Pfusch beim Unterricht

Wenn beim Hausbau gepfuscht wurde, folgen Gutachter, Nachbesserungen, Ärger und schlimmstenfalls Prozesse. Beim Tangounterricht funktioniert das nicht.

Wenn jemand nach zwei Jahren bezahltem Unterricht erstmals auf eine öffentliche Milonga geht, dort überwiegend herumsitzt und schließlich feststellt, dass er mit anderen Tänzern kaum kompatibel tanzen kann, wird vielleicht die Schule gewechselt. Regressansprüche an den bisherigen Lehrer stellt verständlicherweise niemand.

Wie sollte man das auch nachweisen? Hat der Lehrer Mist gebaut? Hat der Schüler zu wenig geübt? Hat er Unterricht versäumt? Lag es an beiden? Oder konnte der Schüler im geschützten Kursraum wunderbar mit seiner gewohnten Partnerin funktionieren und merkt erst draußen, dass dieses System außerhalb der eigenen Gruppe nicht trägt?

Ganz unschuldig sind Schüler dabei tatsächlich nicht immer. Viele schieben den ersten Milongabesuch erstaunlich lange vor sich her. Selbst wenn Lehrer ständig dazu auffordern, endlich tanzen zu gehen, bleibt eine gewisse Scheu. Man möchte beim ersten öffentlichen Versuch möglichst schon eine passable Figur auf der Piste machen – meistens auch im Plural: passable Figuren.

Nur entsteht Milonga-Kompetenz nicht dadurch, dass man zwei Jahre auf die Milonga wartet.

Irgendwann wird sonst eine Art Jodel-Diplom daraus: Man hat etwas fürs Leben gelernt, ohne genau zu wissen, wofür.

Ich nenne das manchmal „betreutes Tanzen für Paare, die irgendetwas zusammen machen möchten“ – mit Betonung auf zusammen, egal was.

Beim Golf wird man jedoch irgendwann, spätestens, wenn einer beider Partner die Platzreife erreicht, nach Handicap getrennt. Denn wer nicht in der Lage ist, ein Grün ungepflügt zu hinterlassen, fällt auf.

Man lernt Milonga auch auf der Milonga.

Golf allerdings nicht unbedingt durch Pflügen*.

*Wobei Golf-Anfänger im Gegensatz zu Tango-Anfängern meist nicht so offen in Erscheinung treten, denn beim Golf befinden diese sich meistens im Bunker (diesen Sandmulden), im äußeren Bereich – im Rough – oder sogar noch weiter: auf Bäumen und zerkratzt zwischen Sträuchern – Bälle suchend. Das Tauchen in den Teichen hat man dabei inzwischen wohl aufgegeben und gilt in Golferkreisen als übertrieben geizig. Wer einmal diese Tümpel trockenlegen würde, könnte einen Versandhandel mit Golfbällen eröffnen. Natürlich mit Bewertungen. 

Wofür bildet eine Tangoschule eigentlich aus?

Ich unterrichte selbst in den Räumen einer ADTV-Tanzschule. Gerade deshalb fällt mir ein grundlegender Unterschied auf.

Klassische Tanzschulen haben aus kommerziellen Gründen ein nachvollziehbares Interesse an möglichst langer Kundenbindung. Das eigentliche Tanzen findet häufig weiterhin innerhalb derselben Tanzschule statt, bei eigens organisierten Tanzabenden und Partys. Der Erfolg des Unterrichts wird damit zu einem erheblichen Teil innerhalb des Systems erlebt und bewertet, das ihn selbst hervorgebracht hat.

Das ist nicht verwerflich. Es ist einfach ein anderes Modell.

Tangounterricht hat für mich einen anderen Bezug zur Außenwelt. Tangoschulen bilden für öffentliche Milongas aus. Dort treffen ihre Schüler auf Menschen aus anderen Schulen, anderen Städten, manchmal anderen Ländern und mit völlig unterschiedlichen Lerngeschichten.

Dort genügt es nicht, ausschließlich mit dem eigenen Kurs und dem seit Monaten vertrauten Partner zurechtzukommen: 

Man muss kompatibel sein.

Die öffentliche Milonga wird damit zu einem ziemlich schonungslosen Realitätstest. Dort zeigt sich, ob das Gelernte außerhalb des geschützten Unterrichtsraums tatsächlich funktioniert.

Die beste Visitenkarte einer Tangoschule wären deshalb eigentlich ihre Schüler. Wenn sie musikalisch, sozial, sicher und mit unterschiedlichen Menschen tanzen können, machen sie ganz automatisch Werbung für ihre Schule.

Nur gibt es auch hier ein Problem: Auf einer Milonga fallen gewöhnlich nur die besonders guten Tänzer wirklich auf. Der solide Durchschnitt bleibt weitgehend unsichtbar.

Dann zeigen wir eben die Beginner?

Manche haben deshalb vorgeschlagen, Tangoschulen sollten auf ihren Webseiten Videos ihrer Beginner-Gruppen zeigen.

Eigentlich eine interessante Idee. Nicht die Lehrer präsentieren, was sie nach zwanzig oder dreißig Jahren können, sondern die Schüler zeigen, was der Unterricht nach einigen Monaten hervorgebracht hat. Manche mutige Tangoschulen machen das sogar. Etwa heimlich?

Denn aus eigener Erfahrung wollen das verständlicherweise die wenigsten Schüler. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem sich viele zunächst nicht auf eine öffentliche Milonga trauen. Menschen möchten beim Lernen nicht unbedingt beobachtet und schon gar nicht anschließend im Internet als Leistungsnachweis ihrer Tangoschule ausgestellt werden.

Und selbst wenn sie zustimmen, bleibt die Frage, was so ein Video eigentlich zeigt.

Natürlich kann man die besten zehn Minuten auswählen. Man kann die stärkeren Paare nach vorne stellen, die schwächeren aus dem Bild lassen, eine einfache Übung wählen, genug Platz schaffen und notfalls drei Aufnahmen machen, bis es ordentlich aussieht.

Nur bildet das noch lange nicht das Wesentliche ab.

Wie bewegen sich dieselben Schüler auf einer gefüllten Tanzfläche? Wie reagieren sie, wenn plötzlich jemand vor ihnen stehen bleibt? Können sie ihre Schritte verkürzen, eine Bewegung verändern oder ganz auf eine geplante Figur verzichten? Funktioniert das Gelernte auch mit Partnern aus anderen Schulen? Hören sie noch Musik, wenn gleichzeitig Ronda, Raum und fremde Partner ihre Aufmerksamkeit fordern?

Ein Video aus dem Unterricht zeigt deshalb vor allem, wie Schüler unter bekannten Bedingungen aussehen.

Was uns eigentlich interessieren müsste, wäre aber: Wie funktionieren sie unter unbekannten Bedingungen?

Und selbst dann bliebe noch ein Problem: Wer weiß bei einem solchen Video eigentlich, wie lange die Gezeigten schon tanzen? Sind es wirklich Anfänger nach sechs Monaten – oder „Beginner“, die vorher fünf Jahre Standard getanzt haben, sportlich extrem begabt sind oder längst heimlich Privatstunden nehmen?

Ein einzelnes Video kann also sympathisch und aufschlussreich sein. Als Qualitätsnachweis taugt es nur begrenzt.

Also braucht man wieder eine andere Lösung.

Der Michelin-Tester für Tangoschulen

Wie wäre es mit unangekündigten Testern?

Ein interessiert wirkendes Tanzpaar meldet sich zum Unterricht an und prüft unerkannt, was dort tatsächlich stattfindet. Sozusagen der Michelin-Guide für Tangoschulen.

Die Vorstellung hat durchaus ihren Reiz.
Nur: Wer sollte das organisieren?

Vielleicht könnte ein Verband wie ProTango e.V. ein Qualitätssiegel für geprüfte Tangoschulen entwickeln. Im Prinzip hielte ich das sogar für eine gute Idee.

Dann beginnt allerdings sofort das nächste Problem.

Wenn schon der Gedanke an eine geregelte Tangolehrerausbildung, wie sie beispielsweise im ADTV selbstverständlich ist, im Tango schnell an der Eitelkeit selbsternannter Lehrer scheitert, wie sollte dann ausgerechnet ein Qualitätssiegel allgemeine Anerkennung finden?

Der Verdacht wäre wahrscheinlich sofort da: Eine kleine Gruppe erklärt sich zur Elite und bestimmt nun, was richtiger und falscher Tango-Unterricht ist.

Das wäre ein Problem.

Das größere wäre allerdings:
Wie prüft man überhaupt fair?

Die Schulwechsler-Falle

Eine weitere scheinbar einfache Methode zur Beurteilung anderer Tangoschulen sind deren ehemalige Schüler.

Fast jede Tangoschule bekommt irgendwann Schulwechsler. Und manchmal erlebt man Lehrer, die sich angesichts des mitgebrachten Niveaus begeistert auf die eigene Schulter klopfen: Seht ihr! Schon wieder der Beweis, wie schlecht dort drüben unterrichtet wird.

Nur ist das logisch ziemlich dünnes Eis.

Denn wer wechselt überhaupt die Tangoschule?

Häufig gerade diejenigen, die mit ihrer bisherigen Entwicklung unzufrieden sind. Sie haben das Gefühl, nicht weiterzukommen, zu wenig gelernt zu haben oder auf der Milonga mit dem Gelernten nicht zurechtzukommen. Die zufriedenen und erfolgreichen Schüler bleiben dagegen eher dort, wo sie sind.

Man bekommt als neue Schule also keineswegs eine repräsentative Stichprobe der Konkurrenz geliefert, sondern möglicherweise gerade deren Problemfälle.

Aus einem einzelnen schwachen Schulwechsler lässt sich deshalb ungefähr so viel über die Qualität seiner ehemaligen Schule ableiten wie aus einer einzigen grünen Tomate über die Qualität sämtlicher Tomatensamen.

Erst wenn über längere Zeit auffällig viele Wechsler aus derselben Schule mit denselben Defiziten auftauchen, wird daraus überhaupt eine interessante Beobachtung.

Und selbst dann bleibt die Frage: Liegt es am Unterricht, an den Schülern oder an beidem?

Auch hier gilt deshalb:
Ein Einzelfall ist noch kein Qualitätsnachweis – weder für die alte noch für die neue Schule.

Die Leichen im Tango-Schul-Keller

Auch Tangoschulen haben ihre „Leichen im Keller“.

Damit meine ich keine wirklichen Leichen, sondern jene außergewöhnlich schwachen Schüler, die auch nach langer Zeit keine besonders gute Reklame für die Schule abgeben. Die möchte niemand unbedingt als repräsentative Leistungsschau den Blicken der Öffentlichkeit aussetzen.

Trotzdem gehören sie dazu.

Eine Tanzschule ist schließlich kein Leistungskader. Menschen lernen unterschiedlich schnell, bringen unterschiedliche körperliche Voraussetzungen mit, üben verschieden viel und besitzen sehr unterschiedliche musikalische oder motorische Vorerfahrungen. Und selbstverständlich werden auch diejenigen weiterunterrichtet, die sich schwerer tun.

Schon deshalb wäre es unfair, bei einem unangekündigten Besuch zufällig drei besonders schwache Schüler zu erwischen und daraus die Qualität einer ganzen Schule abzuleiten.

Umgekehrt wäre es genauso unsinnig, sich die drei besten Paare vorführen zu lassen.

Ein einzelner Unterrichtsbesuch sagt ebenfalls wenig. Vielleicht sieht der Tester gerade eine Stunde, die ohne Kenntnis der vorhergehenden Wochen überhaupt keinen Sinn ergibt. Was isoliert wie eine merkwürdige Übung aussieht, kann innerhalb eines langfristigen Unterrichtskonzeptes vollkommen logisch sein.

Man müsste also auch wissen, was die Lehrer erreichen wollen und in welcher Reihenfolge sie es vermitteln.

Was müsste man eigentlich prüfen?

Wenn man eine Tangoschule tatsächlich seriös beurteilen wollte, müsste man deshalb mehrere Ebenen betrachten.

Nicht nur:
Wie tanzt der Lehrer?

Sondern:
Was passiert mit seinen Schülern?

Wie früh werden sie an öffentliche Milongas herangeführt? Können sie nach sechs Monaten oder einem Jahr mit anderen Partnern tanzen? Können sie Bewegungen improvisieren, statt ausschließlich gelernte Folgen abzurufen? Können sie ihre Schritte an den verfügbaren Raum anpassen? Verstehen sie eine Ronda? Hören sie Musik und reagieren darauf? Können Führende mit unterschiedlichen Partnerinnen umgehen und Folgende unterschiedliche Führungsweisen interpretieren?

Und bleiben sie handlungsfähig, wenn der vertraute Kurspartner plötzlich nicht neben ihnen steht?

Das wären schon wesentlich interessantere Fragen als fünf Sterne bei Google.

Wir kommen auf die Umfrage zurück

Ganz nutzlos wären Befragungen allerdings nicht. Sie verlangen nur etwas mehr Reflexion – und vermutlich andere Fragen.

Nicht:
„Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem Tangokurs?“

Sondern:
Wie gut sind Sie mit dem Gelernten auf einer wirklichen Milonga zurechtgekommen?

Das wäre immerhin eine Frage, die den Unterricht mit seiner praktischen Anwendung verbindet.

    • Traue ich mich überhaupt auf die Piste?
    • Kann ich mit Menschen tanzen, die nicht aus meinem Kurs kommen?
    • Funktioniert meine Führung oder mein Folgen auch mit unbekannten Partnern?
    • Kann ich mich in einer Ronda bewegen, ohne ständig andere Paare zu behindern?
    • Kann ich improvisieren, wenn plötzlich kein Platz mehr für das vorhanden ist, was ich eigentlich vorhatte?
    • Höre ich die Musik oder arbeite ich lediglich mein gelerntes Bewegungsmaterial ab?

 

Und vielleicht die schlichteste Frage:

Hatte ich nach einigen Monaten Unterricht das Gefühl, auf einer Milonga wirklich tanzen zu können – oder stellte ich dort erstmals fest, wie wenig von meinem Gelernten tatsächlich brauchbar war?

Natürlich bleibt auch das subjektiv. Aber es ist eine andere Art von Subjektivität als die Frage, ob der Lehrer nett war und der Kurs Spaß gemacht hat.
Die Milonga wird damit zum Prüfstand der eigenen Lernerfahrung.

Nicht im Sinne einer Prüfung mit „bestanden“ oder „durchgefallen“, sondern als Realitätstest:

Funktioniert das, was ich gelernt habe, dort, wo Tango tatsächlich getanzt wird?

Vielleicht wäre genau diese Frage für Schüler am Ende aussagekräftiger als jede Sternebewertung.

Kann ein solches Bewertungssystem überhaupt objektiv sein?

Wahrscheinlich nicht vollständig.

Tango ist keine standardisierte Sportart mit Stoppuhr und Ziellinie. Musikalität, angenehme Verbindung, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz oder die Fähigkeit, dem Partner Bewegungsraum zu geben, lassen sich nicht wie hundert Meter Lauf messen.

Außerdem wäre es unfair, nur das Endergebnis zu vergleichen.

Eine Schule, die überwiegend sportliche Menschen mit großer tänzerischer Vorerfahrung unterrichtet, könnte bei einem solchen Test hervorragend aussehen. Eine andere Schule nimmt vielleicht ältere Menschen ohne jede Bewegungserfahrung auf und bringt sie innerhalb eines Jahres so weit, dass sie sich sicher auf einer Milonga bewegen können.

Welche Schule hat besser gearbeitet?

Deshalb müsste man nicht nur fragen, wo Schüler angekommen sind, sondern wo sie angefangen haben.

Entscheidend wäre also auch der Lernfortschritt.

Und selbst der reicht noch nicht. Eine Schule könnte Schüler innerhalb weniger Monate auf ein erstaunliches Niveau bringen, die Hälfte hört aber nach einem Jahr frustriert wieder auf. Eine andere entwickelt langsamer, dafür tanzen ihre Schüler zehn Jahre später immer noch.

Auch das gehört zum Erfolg einer Lehrmethode.

Ein vollständig objektives Bewertungssystem für Tangoschulen wird es deshalb kaum geben.

Aber daraus folgt keineswegs, dass jede Bewertung beliebig sein muss.

Man könnte Kriterien transparent machen, mehrere Beobachter einsetzen, Unterrichtskonzepte berücksichtigen, Schüler über längere Zeit begleiten und vor allem prüfen, ob das Gelernte außerhalb des geschützten Kursraums funktioniert.

Vielleicht braucht Tangounterricht also gar kein perfektes Bewertungssystem.

Vielleicht braucht er nur die richtigen Fragen – und eine Milonga, auf der sich die Antworten zeigen.

Zum Herunterladen: Mein erster Milonga-Check

Aus diesen Überlegungen ist ein kleiner Fragebogen entstanden, den man Anfängern nach ihren ersten Besuchen einer öffentlichen Milonga geben kann.

Er soll niemanden benoten. Er soll helfen herauszufinden, ob das bisher Gelernte dort funktioniert, wo Tango tatsächlich getanzt wird.

Denn vielleicht stellen wir seit Jahren einfach die falsche Frage.

Nicht:
Wie gut unterrichtet diese Tangoschule?

Sondern:
Was wird aus ihren Schülern?

Hier der Link zum PDF-Download

Link zur Umfrage als Word-Datei

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