Der wahre Tango?

– schon wieder?


Tom Tabaczyński hat mich mit einem neuen Kommentar auf Helges Blog zu einem neuen Beitrag verführt. Ich habe während meiner gesamten Tango-Zeit immer wieder mit Leuten zu tun gehabt, die aufgrund ihrer ganz eigenen Sicht auf diesen Tanz behaupteten, den „wahren“ Tango erkennen zu können. Meistens meinen sie damit allerdings genau den Tango, den sie selbst für den besten halten – und erstaunlicherweise ist das fast immer der Tango, der ihnen persönlich am besten gefällt.

Gedanken über Tango Unterricht | 66. Teil

Was Tango-Schüler lernen müssten, aber oft nicht lernen


Tango zu unterrichten ist eine merkwürdige Sache. Man erklärt, zeigt, korrigiert, wiederholt und freut sich natürlich, wenn die Schüler am Ende einer Stunde etwas können, was eineinhalb Stunden vorher noch nicht funktioniert hat. Manchmal zeigt man die behandelte Bewegung zum Abschluss noch einmal selbst, vielleicht etwas flüssiger, vielleicht auch etwas schöner. Natürlich genießt man dabei auch ein wenig das eigene Können. Warum auch nicht? Man hat schließlich lange dafür gearbeitet.

Nur ist das eigentlich nicht der entscheidende Maßstab für guten Unterricht.

Viel interessanter ist die Frage, was die Schüler nach einiger Zeit tatsächlich mitnehmen. Was davon können sie später selbstständig benutzen? Was hilft ihnen auf einer normalen Milonga? Was bleibt übrig, wenn kein Lehrer mehr danebensteht, keine Übungsfolge vorgegeben wird und niemand sagt, welcher Schritt als Nächstes kommen soll?

Genau darum soll es diesmal gehen.

Nicht um schlechten Unterricht und auch nicht um schlechte Lehrer. Es geht um Dinge, die selbst in gut gemeintem, engagiertem Unterricht leicht untergehen können, obwohl sie für das spätere Tanzen ziemlich entscheidend sind. Einige davon sind mir über viele Jahre immer wieder begegnet.

Warum mich guter Tango zunehmend langweilt

Wie sich Tango zwischen Hochleistung, Ästhetik und gesellschaftlicher Praxis verändert


Ich merke seit einiger Zeit, dass ich immer weniger Lust habe, guten oder sagen wir: oberen Mittelklasse-Tänzern auf Videos zuzuschauen. Das klingt zunächst merkwürdig, denn das technische Niveau im Tango war vermutlich noch nie so hoch wie heute. Gerade die besten Paare bewegen sich ausgezeichnet, sind hervorragend ausgebildet, musikalisch versiert und verfügen über ein Bewegungsrepertoire, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Trotzdem langweilt es mich zunehmend, ihnen zuzusehen. Oft wende ich mich sogar genervt ab. 

Kizomba – Tango light?

Von Kizomba bis zur Mundial: Was macht Tango eigentlich zu Tango?


Ich habe mir in letzter Zeit einige Videos von wirklich guten Kizomba-Paaren angesehen und war überrascht, wie viele Bewegungen mir aus dem Tango ausgesprochen vertraut vorkamen. Da sieht man Kreuzschritte, Drehbewegungen, Gewichtsverlagerungen und sogar Bewegungsformen, die durchaus an Volcadas oder Colgadas erinnern. Auch manche einfachen Schrittverbindungen unterscheiden sich räumlich kaum von etwas, das ebenso gut in einem Tango auftauchen könnte.
Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter wurde aber eine ganz andere Frage: Wenn sich die Bewegungsformen verschiedener Paartänze teilweise so ähnlich sind, woran erkennen wir dann überhaupt, welchen Tanz wir gerade sehen?

Authentischer Tango – jetzt auch als Premiumprodukt

Wenn aus der Abgrenzung von der Tango-Industrie ein exklusives Geschäftsmodell wird.


Sollte sich etwa nach dem etwas verschrobenen Konzept von T. T. schon in Buenos Aires eine Gruppe abgespalten haben, die gegen den kommerziellen Tango, gegen die Touristen-Tango-Industrie und vielleicht demnächst auch noch gegen die Mundial zu Felde zieht und stattdessen kleine, intime Veranstaltungen organisiert?

Für einen kurzen Moment könnte man das tatsächlich glauben. Auf der Website der Secreto Tango Society findet sich ein Artikel vom 22. April 2026 mit dem Titel „The Truly Private Tango Show in Buenos Aires“. Dort wird ziemlich kräftig gegen die üblichen großen Tango-Shows in Buenos Aires ausgeteilt.

Die Chimäre „Tango Milonguero“ – wie eine soziale Erfahrung zum Tanzstil wurde

Was am Begriff „Tango Milonguero“ nicht stimmt


Seit fast zwei Wochen beschäftigen mich eine erbetene Buchrezension und eine daraus entstandene – viel zu lange – Diskussion mit dem Begriff des Milongueros (oder der Milongueras). Aus diesem Begriff möchte man einen eigenen Tanzstil, manchmal sogar einen besonderen Tango samt zugehöriger gesellschaftlicher Gruppe machen. Diesen Tango soll man entweder durch selbst erworbene Kenntnisse innerhalb einer Peergruppe oder durch den Unterricht jener Tangoschulen erlernen können, die „Tango Milonguero“ anbieten. Dass außerdem hier nur die maskuline Rolle als stilprägend bezeichnet wird, ist besonders merkwürdig. Hier bestehe ich ausnahmsweise mal auf das Gendern eines Begriffs: Milonguera!

Die Tangoszene und die Tangoschulen arbeiten schon lange daran, eine gewisse Mindestqualität des getanzten Tangos herzustellen. Der Erfolg ist sehr unterschiedlich. Man muss zugeben, dass die sichtbaren Ergebnisse angesichts der Zeit und der in Summe beträchtlichen Beträge, die für Unterricht ausgegeben werden, nicht immer überzeugen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass Unterricht prinzipiell ungeeignet wäre oder dass eine besondere Gruppe von Milongueros über einen grundsätzlich anderen Zugang zum Tango verfügte. Zunächst müsste geklärt werden, was mit „Tango Milonguero“ überhaupt gemeint ist.

Der Ausdruck klingt, als bezeichne er einen eindeutig bestimmbaren Tanzstil. Tatsächlich verbindet er verschiedene Dinge, die nicht dasselbe sind: eine sichtbare Tanzform, einen sozialen Modus, eine erworbene Bewegungsqualität und die Identität eines Menschen, der über viele Jahre auf Milongas zu Hause ist.

Der Begriff ist deshalb eine Chimäre. Er täuscht eine Einheit vor, die erst durch die Vermischung unterschiedlicher Bedeutungsebenen entsteht.

Milonguero werden – aber richtig

Wie man aus einer Theorie eine eigene Tango-Welt mit eigener Sprache bastelt


Wer glaubt, die Online-Diskussion auf Helges Blog über Tom Tabaczynskis Buch Somatic Milonguero sei inzwischen beendet, kennt entweder das Internet schlecht oder Tom nicht gut genug. Aus einer Buchbesprechung ist längst eine Art tangologisches Konzil geworden, denn bevor man über Tango Milonguero sprechen darf, muss offenbar erst geklärt werden, was Tango ist, was Milonguero ist, was Bewegung ist, welche Bewegungen es überhaupt geben darf und welche Wörter man besser nicht benutzt, weil sie einen womöglich sofort als Anhänger des falschen Glaubens entlarven.

Das Ganze beruht auf einer ausgesprochen komplexen Theorie, die natürlich erst einmal richtig verstanden werden muss, bevor man sinnvoll darüber sprechen kann. Danach soll sie sich dann vermutlich ganz einfach verbreiten. Es gibt Menschen, die wollen einfach Tango tanzen, und es gibt Menschen, die möchten vorher sicherstellen, dass sie begriffen haben, warum ein Ocho kein Ocho ist, ein Pivot möglichst nicht Pivot heißen sollte und eine Bewegung zwar sichtbar stattfinden darf, aber durch ihre Benennung möglicherweise schon wieder zum „Teacher Tango“ wird. So wächst aus einem ursprünglich recht einfachen Wunsch – gemeinsam Musik zu tanzen – langsam eine vollständige Weltanschauung. Fehlt eigentlich nur noch ein Staatsgebiet.

Aber ich habe trotzdem viel gelernt – seht her…

Gedanken über Tango Unterricht | 65. Teil

Eine Tomate – bitte bewerten!


Wie sollte man eigentlich eine Tangoschule bewerten?
Und was ist mit Umfragen?
Die naheliegendste Lösung wäre natürlich eine Kundenbefragung. Genau jene Form also, mit der wir nach jedem Onlinekauf ohnehin zugeschüttet werden.
Warum nicht auch bei Tangoschulen?
Wie zufrieden sind Sie mit dem Unterricht? Würden Sie die Schule weiterempfehlen? Fühlen Sie sich gut betreut? War der Lehrer sympathisch?
Das Problem liegt auf der Hand: Solche Befragungen messen vor allem Zufriedenheit.
Und Zufriedenheit ist nicht dasselbe wie Lernerfolg.

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