Kizomba – Tango light?

Kizomba – Tango light?

Von Kizomba bis zur Mundial: Was macht Tango eigentlich zu Tango?

Vertraute Bewegungen in einem fremden Tanz

Ich habe mir in letzter Zeit einige Videos von wirklich guten Kizomba-Paaren angesehen und war überrascht, wie viele Bewegungen mir aus dem Tango ausgesprochen vertraut vorkamen. Da sieht man Kreuzschritte, Drehbewegungen, Gewichtsverlagerungen und sogar Bewegungsformen, die durchaus an Volcadas oder Colgadas erinnern. Auch manche einfachen Schrittverbindungen unterscheiden sich räumlich kaum von etwas, das ebenso gut in einem Tango auftauchen könnte.

Natürlich ist Kizomba trotzdem sofort als Kizomba zu erkennen. Die Hüftbewegungen sind anders, die Schritte häufig weicher und in ihrer Länge variabler, das Verhältnis zum Boden unterscheidet sich, und die rhythmische Organisation folgt anderen Prinzipien. Schon der Grundcharakter mit Seit-Tap-Seit-Tap-Bewegungen innerhalb des 4/4-Taktes erzeugt ein anderes Bewegungsgefühl. Trotzdem hatte ich spontan den Gedanken: Für einen guten Tangotänzer müsste Kizomba eigentlich relativ leicht zu erlernen sein. Vieles, was er für die Kommunikation im Paar benötigt, bringt er bereits mit.

Zunächst wollte ich das etwas flapsig „Tango light“ nennen. Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter wurde aber eine ganz andere Frage: Wenn sich die Bewegungsformen verschiedener Paartänze teilweise so ähnlich sind, woran erkennen wir dann überhaupt, welchen Tanz wir gerade sehen?

Elegant Kizomba
Jesus & Anni
Kizomba entstand in Angola und entwickelte sich dort seit den 1970er- und 1980er-Jahren aus verschiedenen Musik- und Tanztraditionen weiter. Getanzt wird meist in enger Umarmung und mit relativ kleinen, weichen Schritten. Charakteristisch sind fließende Gewichtsverlagerungen, eine deutliche Körper- und Hüftarbeit sowie eine enge musikalische Verbindung zum meist im 4/4-Takt stehenden Rhythmus. Anders als viele standardisierte Paartänze besitzt Kizomba keinen starren Grundschritt, sondern arbeitet mit verschiedenen grundlegenden Schritt- und Gewichtswechselmustern. Auffällig ist die starke Kommunikation über den Körperkontakt und die gemeinsame Bewegung des Paares. Dadurch entstehen Bewegungsformen, die für Tangotänzer überraschend vertraut wirken können, etwa Kreuzungen, Drehungen oder gemeinsame Achsenveränderungen. Trotzdem unterscheidet sich der Bewegungsmodus deutlich vom Tango, vor allem durch Rhythmik, Körperorganisation und Hüftbewegung. Gerade deshalb eignet sich Kizomba gut als Beispiel dafür, dass ähnliche Formen noch lange nicht denselben Tanz ergeben.

Form und Modus

Im Buch* von Gloria und Rodolfo Dinzel findet sich im Kapitel über Form und Modus ein Satz, der dafür einen entscheidenden Hinweis gibt: „Von daher behaupte ich, dass es, um einen Tango gut zu tanzen, wichtiger ist, auf einen korrekten Modus zu achten als auf auf eine Vielzahl von Formelementen.“

Das erscheint mir ziemlich einleuchtend. Schließlich ist der Bewegungsumfang zweier Menschen auf insgesamt vier Beinen nicht unbegrenzt. Wir können vorwärts, rückwärts und seitwärts gehen, Gewicht verlagern, kreuzen, drehen, Abstand verändern oder mit gemeinsamen und getrennten Achsen arbeiten. Es wäre eher erstaunlich, wenn sich daraus nicht in verschiedenen Paartänzen ähnliche räumliche Muster entwickeln würden.

Ein Kreuzschritt bleibt geometrisch zunächst ein Kreuzschritt. Eine gemeinsame Neigung kann einer Volcada ähneln, eine Gegenneigung einer Colgada, und eine Drehbewegung kann räumlich fast identisch organisiert sein. Trotzdem wird aus einer solchen Bewegung nicht automatisch Tango. Erst Musik, Spannung, Bewegungsqualität, Art der Gewichtsübertragung, Umarmung, Rhythmus und die Kommunikation innerhalb des Paares geben ihr ihren besonderen Charakter.

Das erklärt auch, warum manche Folkloretänze oder stark rhythmusgebundene Tänze schon an ihrer Form leicht zu erkennen sind. Ein Walzer besitzt beispielsweise eine sehr eindeutige rhythmische und bewegungsbezogene Organisation. Beim Tango ist das schwieriger. Dort kann dieselbe räumliche Form in völlig unterschiedlichen Modi getanzt werden.

*TANGO – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit“, Gloria & Rodolfo Dinzel,
FORM & MODUS, Seite 13

Wie homogen ist Tango überhaupt?

Damit führt der Blick auf Kizomba unmittelbar zurück zum Tango selbst. Denn vielleicht ist Tango längst nicht so homogen, wie wir ihn gerne darstellen. Choreografische Unterschiede, Schrittgrößen und verschiedene Formen der Umarmung lassen sich von außen erkennen. Was innerhalb eines Paares an Feinabstimmung geschieht, bleibt dagegen weitgehend unsichtbar.

Schon die räumliche Situation verändert den Modus erheblich. Ein Tango auf einer fast leeren Tanzfläche organisiert sich anders als ein Tango in einer dicht gefüllten Ronda. Schritte werden kleiner, Entscheidungen müssen früher getroffen werden, Richtungswechsel müssen sich stärker nach den anderen Paaren richten. Trotzdem können zwei Paare auf demselben engen Raum vollkommen verschieden tanzen. Das eine arbeitet mit vielen Kreuzschritten und Rebotes, ein anderes mit kleinen Drehungen, ein drittes fast nur mit Gehen und Gewichtswechseln.

Diese Unterschiede sind nicht beliebig, denn Tango bleibt ein Gesellschaftstanz. Wer mit einem Partner tanzt, muss mit ihm kompatibel sein, und wer sich in einer Ronda bewegt, muss zusätzlich mit den anderen Paaren kompatibel bleiben. Persönlicher Ausdruck funktioniert also nur innerhalb gemeinsamer Regeln und Verständigungsmöglichkeiten.

Vielleicht liegt genau darin die Vielfalt des Tango: nicht in einer möglichst großen Zahl spektakulärer Figuren, sondern in der Möglichkeit, unter vergleichbaren räumlichen und sozialen Bedingungen ganz unterschiedliche persönliche Lösungen zu finden.

Stadtviertel, Milieus und verschiedene Modi

Auch historisch entstand Tango nicht in einem einheitlichen sozialen Raum. Unterschiedliche Stadtviertel, Milieus, Einwanderungsgeschichten, Tanzlokale und musikalische Vorlieben haben zwangsläufig unterschiedliche Formen des Tanzens hervorgebracht. Wo dichter getanzt wurde, brauchte man andere räumliche Lösungen als dort, wo mehr Platz vorhanden war. Wo andere Orchester bevorzugt wurden, konnte sich auch die musikalische Interpretation unterscheiden.

Damit möchte ich keineswegs behaupten, jedes Barrio habe einen sauber abgrenzbaren eigenen Stil besessen. Solche nachträglichen Einteilungen sind häufig viel ordentlicher als die Wirklichkeit. Aber Tango lässt sich vielleicht sinnvoller als ein Geflecht verwandter Modi begreifen als als ein homogenes System mit einer einzigen richtigen Ausführung.

Das erklärt möglicherweise auch, warum sich viele ältere Tänzer aus Buenos Aires so schwer in unsere heutigen Stilbegriffe einordnen lassen. Wir versuchen, sichtbare Merkmale zu Kategorien zusammenzufassen. Viele Ocho cortados werden dann zum „Milonguero-Stil“, große Giros und Sacadas zum „Tango Nuevo“, und längere elegante Schritte landen schnell bei „Villa Urquiza“. Solche Begriffe können Tendenzen beschreiben. Problematisch werden sie dort, wo daraus geschlossene Tanzsysteme gemacht werden.

Die Mundial und das Problem der Sichtbarkeit

Besonders interessant wird diese Frage bei der Mundial in Buenos Aires. Ich halte die Paare, die dort die Finalrunden erreichen, für Tänzer auf einem außerordentlich hohen Niveau. Das Problem liegt für mich überhaupt nicht in ihrer Qualität, sondern in den Bedingungen eines Wettbewerbs.

Ein Wettbewerb muss Unterschiede sichtbar machen und Leistungen vergleichbar machen. Genau dort beginnt aber ein Widerspruch zum sozialen Tango, denn ein erheblicher Teil seiner Qualität ist für Zuschauer kaum zu sehen. Ein Paar kann eine schwierige Situation in einer vollen Ronda mit drei unspektakulären Schritten hervorragend lösen. Tänzerisch kann das ausgezeichnet sein, von der Tribüne aus passiert dabei scheinbar fast nichts.

Tango de Pista bei der Mundial wird dagegen auf großen Flächen mit einer begrenzten Zahl von Paaren getanzt. Dadurch entsteht erheblich mehr choreografischer Spielraum als auf einer tatsächlich vollen Milonga. Die Paare können größere Drehungen, längere Schritte und komplexere Bewegungsfolgen zeigen. Trotzdem müssen sie innerhalb dessen bleiben, was noch als gesellschaftlicher Tango erkennbar ist. Würden sie sämtliche technisch möglichen Achsenspiele und spektakulären Bewegungen ausschöpfen, wären sie schnell beim Tango Escenario.

Damit ist der Spielraum paradoxerweise gleichzeitig groß und begrenzt. Die technische Qualität steigt immer weiter, aber der Vorrat an Formen, die innerhalb eines Tango-de-Pista-Wettbewerbs noch sinnvoll erscheinen, ist nicht unbegrenzt. So gleichen sich mit der Zeit nicht nur die Modi, sondern auch die sichtbaren Bewegungsmuster an.

Für einen normalen Zuschauer wird dadurch immer schwerer nachvollziehbar, warum ein Paar weiterkommt und ein anderes ausscheidet. Die Unterschiede bewegen sich auf einem Niveau, das dem ungeübten Blick kaum noch zugänglich ist. Grob gesagt sehen die erfolgreichen Paare inzwischen häufig erstaunlich ähnlich aus.

„Die Unterschiede bewegen sich auf einem Niveau, das dem ungeübten Blick kaum noch zugänglich ist. Grob gesagt sehen die erfolgreichen Paare inzwischen häufig erstaunlich ähnlich aus.“

Wenn der Wettbewerb zum Unterrichtsvorbild wird

Problematisch wird das vor allem dann, wenn die Wettbewerbsästhetik anschließend zum Vorbild für den normalen Milonga-Tanz wird. Natürlich kann man von diesen Paaren enorm viel lernen: Balance, Körperorganisation, Präzision, Kommunikation, Musikalität und Bewegungsqualität. Auch große Schritte und raumgreifende Bewegungen können als Training hervorragend geeignet sein, weil sie Achse, Haltung und Kontrolle schulen.

Aber Training ist noch kein Milonga-Modell. Was auf einer großen Tanzfläche Eleganz und technische Qualität entwickelt, lässt sich auf einer dicht gefüllten Piste häufig nur verkleinert oder überhaupt nicht einsetzen. Dort zählt nicht die maximale Bewegungsmöglichkeit, sondern die Fähigkeit, vorhandenen Raum sinnvoll zu nutzen und auf andere Paare zu reagieren.

Auch die typische Contest-Umarmung sehe ich unter diesem Gesichtspunkt zwiespältig. Sie wirkt häufig sehr elegant, klar und aufgerichtet, entspricht aber nicht unbedingt jener eher pragmatischen und volkstümlichen Umarmung, die man auf vielen Milongas beobachten kann. Eine Umarmung, die für den gesellschaftlichen Tanz entsteht, muss nicht für den Blick des Publikums schön aussehen. Sie muss vor allem zwischen zwei Menschen funktionieren.

Wenn nun gerade die Ästhetik der Mundial international als besonders hochwertiger Tango verbreitet wird, verschiebt sich der Maßstab. Eine Wettbewerbsform wird zum technischen Ideal für einen Gesellschaftstanz, obwohl beide unter sehr unterschiedlichen Bedingungen stattfinden.

Lucas Gauto & Naima Gerasopoulou – World Champions of Tango de Pista 2026
 
Obwohl dieses Paar in manchen Passagen in einer sehr milonguero-ähnlichen Umarmung tanzt, ist vieles von dem, was hier gezeigt wird, weit von dem entfernt, was auf einer gefüllten Milonga tatsächlich möglich wäre. Insofern wurde bei diesem Paar vermutlich die technische Leistung stärker gewichtet als das, was „Tango de Pista“ im gesellschaftlichen Sinn eigentlich ausmacht.
Allerdings muss man berücksichtigen, dass es sich hier um eine Vorführung handelt. Das Paar zeigt also vermutlich nicht, wie es auf einer gefüllten Milonga tanzen würde, sondern vor allem, was es technisch tatsächlich kann.

Profis als Vorbilder für Gesellschaftstänzer

Dazu kommt der enorme Trainingsaufwand dieser Paare. Wer bei einer Mundial auf höchstem Niveau bestehen will, lebt nicht den tänzerischen Alltag eines Menschen, der ein- oder zweimal pro Woche zur Milonga geht. Dahinter stehen jahrelange Ausbildung, intensives Techniktraining und eine körperliche Spezialisierung, die eher einem professionellen Tanzberuf entspricht als einem normalen Gesellschaftstanz.

Genau darin liegt ein weiterer Widerspruch. Tango de Pista wird als sozialer Tango präsentiert, gleichzeitig zeigt seine Spitze technische Fähigkeiten, die normale Tänzer nur mit erheblichem Aufwand oder überhaupt nicht erreichen können. Das wäre kein Problem, solange man zwischen professioneller Spitzenleistung und gesellschaftlichem Alltag unterscheidet. Schwieriger wird es, wenn diese Spitzenleistung zum allgemeinen Ideal für „guten Tango“ wird.

Der normale Milongatänzer braucht keinen Mundial-Tango, um ausgezeichnet Tango zu tanzen. Er braucht Musikalität, Balance, Kommunikation, Anpassungsfähigkeit und Raumgefühl. Er muss mit einem realen Partner unter realen Bedingungen eine gemeinsame Bewegung entstehen lassen können. Genau darin liegt eine Komplexität, die sich nicht unbedingt durch spektakuläre Technik ausdrückt.

Vielleicht besteht darin sogar die eigentliche Ironie: Der international sichtbare Tango wird technisch immer anspruchsvoller, während der soziale Kern des Tango darin liegt, mit relativ einfachen Mitteln etwas außerordentlich Komplexes gemeinsam zu erzeugen.

Tango als Exportartikel

Die Mundial ist inzwischen zudem weit mehr als ein Wettbewerb. Für junge argentinische Paare kann sie ein Einstieg in eine internationale Laufbahn sein. Wer dort erfolgreich ist, bekommt Sichtbarkeit, wird auf Festivals eingeladen, gibt Workshops und kann Gastspielreisen nach Europa, Amerika oder Asien unternehmen.

Argentinien hat Tango damit längst wieder als Kultur- und Wirtschaftsfaktor entdeckt. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Schon in den 1940er Jahren war Tango ein Wirtschaftszweig, von dem Musiker, Orchester, Veranstalter und Plattenfirmen lebten. Heute gehören professionelle Tänzer und Lehrer zu diesem System.

Nur sollte man deshalb vorsichtig damit sein, diese professionelle Exportkultur automatisch mit dem „ursprünglichen“ gesellschaftlichen Tango von Buenos Aires gleichzusetzen. Die international sichtbaren Repräsentanten sind häufig keine einfachen Milongabesucher aus irgendeinem Barrio, sondern hochqualifizierte Berufstänzer innerhalb eines globalen Marktes.

Zugespitzt könnte man sagen, dass die Mundial auch als eine Art Arbeitsbeschaffungsmodell für professionelle Tangokunst funktioniert. Sie erzeugt Reputation, Namen und internationale Karrierechancen. Gleichzeitig exportiert sie eine bestimmte elegante Ästhetik, die weltweit leicht als Qualitätssiegel verstanden werden kann.

Damit bekommt für mich auch der ständig gebrauchte Begriff vom „Original-Tango“ einen etwas schalen Beigeschmack. Was wird dort eigentlich exportiert: der gesellschaftliche Tango einer lokalen Milonga oder eine technisch hochentwickelte, hervorragend vermarktbare Version davon? Beides kann Tango sein, aber es ist nicht dasselbe.

Zurück zu Kizomba

Und damit lande ich wieder dort, wo diese Überlegungen begonnen haben. Beim Kizomba fielen mir zunächst die vertrauten Bewegungsformen auf. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger erstaunlich erschienen sie mir. Die Zahl möglicher Bewegungsformen zweier Menschen auf vier Beinen ist nun einmal begrenzt.

Viel größer ist dagegen die Zahl der Möglichkeiten, diese Formen modal zu verändern. Musik, Körperspannung, Rhythmus, Umarmung, Bewegungsqualität, sozialer Raum und Kommunikation können aus einer nahezu identischen geometrischen Bewegung etwas vollkommen anderes machen.

Deshalb kann eine Bewegung im Kizomba aussehen wie eine Volcada und trotzdem eindeutig Kizomba bleiben. Und deshalb können andererseits zwei Tangopaare äußerlich ähnliche Schritte tanzen, während sich ihr Tango innerhalb der Umarmung vollkommen unterschiedlich anfühlt.

Vielleicht hängen wir in unseren Diskussionen über Tango deshalb viel zu häufig an der sichtbaren Oberfläche. Wir reden über Figuren, Schrittgrößen, offene und enge Umarmungen und geben diesen Merkmalen Stilnamen. Der entscheidende Teil des Tanzes befindet sich aber möglicherweise dort, wo der Zuschauer kaum hinschauen kann: in der Kommunikation zwischen zwei Menschen, in ihrer gemeinsamen Organisation und in der Art, wie sie Musik, Partner und Raum miteinander verbinden.

Vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage gar nicht, welche Figur zu welchem Tango gehört.

Sondern: Was macht eine Bewegung in diesem Moment zu Tango?

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