Bloggerwelt
Drei Minuten Wirklichkeit – Jahrzehnte Verletztheit

Drei Minuten Wirklichkeit – Jahrzehnte Verletztheit

Dumm sind immer nur die anderen

Ein neues Glanzstück der Bloggerkunst ist erschienen. Riedl erzählt hier im Kern eine durchaus brauchbare Anekdote: ein Auftritt, ein unpassender Zwischenruf, die eigene Verunsicherung und am Ende die Erinnerung an Piazzollas Musik. Daraus hätte ein schöner, selbstironischer Text werden können. Aber wie so oft reicht ihm die Geschichte offenbar nicht. Er muss noch nachtreten.

Besonders auffällig ist die Passage über die Eltern beim Tanzschulball. Der „Beerdigungs-Anzug“, die „Muttis“ im auf Kleidergröße 52 „umgepfriemelten Ballkleid“, der Geruch nach Mottenkugeln und die Bemerkung über die Erblichkeit tänzerischer Begabung: Das hat mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun. Es ist bloße Herablassung gegenüber Menschen, die wahrscheinlich einfach stolz auf ihre Kinder waren. Riedl erhebt sich über das Publikum, von dessen Aufmerksamkeit er gleichzeitig profitieren wollte. Dass ausgerechnet er anschließend „fehlende Kinderstube“ beklagt, besitzt eine gewisse unfreiwillige Komik.

Auch ein Zwischenruf selbst war vermutlich weniger bösartig, als Riedl ihn nachträglich inszeniert. Wenn jemand ein Stück mit dem Titel „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ ankündigt, liegt der Spruch „Da schau’n wir jetzt aber genau auf d‘ Uhr!“ ziemlich nahe. Geschmackvoll war er vielleicht nicht, aber auch kein Beweis „abgrundtiefer Dummheit“. Es war ein flapsiger Zwischenruf bei einem Abschlussball. Riedl macht daraus einen beinahe traumatischen Angriff auf seine künstlerische Würde. Dabei zeigt die Anekdote vor allem, wie ernst er damals seine eigene Ansage nahm.

Die Bemerkung, er habe den Mann nur deshalb nicht „abgestochen“, weil er kein Messer dabeihatte, soll natürlich Satire sein. Trotzdem ist sie geschmacklos. Gerade bei einem Autor, der anderen gern Grobheit, Aggressivität oder mangelnde Umgangsformen vorwirft, wirkt diese Formulierung reichlich entlarvend. Er darf beleidigen, verspotten und Gewaltfantasien als Witz verpacken; bei anderen wird bereits scharfe Kritik zum Beweis eines schlechten Charakters.

Interessant ist außerdem seine wiederholte Betonung, die Darbietung habe auf „reiner Improvisation“ beruht. Doch hatte er überhaupt eine andere Wahl? Angesichts der musikalischen Komplexität Piazzollas hätte eine ausgearbeitete Choreografie vermutlich eine präzisere musikalische Gestaltung ermöglicht. Gerade weil Riedl den Begriff der Improvisation ständig wie ein Gütesiegel benutzt, liegt die Frage nahe, ob er alternativ überhaupt über die tänzerische Kompetenz verfügt, eine Choreografie präzise und wiederholbar zu tanzen.

Der beste Satz des Textes steht fast am Ende: Beim Tango gebe es „kein Davor und Danach, sondern nur die Gegenwart“. Das ist ein schöner Gedanke. Leider wird er von dem ganzen Spott davor beinahe verschüttet. Ausgerechnet ein Text über die Gegenwart des Tanzes verbringt erstaunlich viel Zeit damit, sich Jahrzehnte später noch über einen Vater, dicke Mütter und vermeintlich dumme Blogger zu ärgern. Die drei Minuten mit der Wirklichkeit scheinen vorbei gewesen zu sein. Der gekränkte Spruch wirkt offenbar bis heute nach.

In Folge dessen scheint ihn dann auch ein ganzer Tag in der Wirklichkeit zu überfordern. Denn besonders komisch ist wieder sein Hinweis auf die Zugriffszahlen: 8.664 Aufrufe am 12. Juli 2026 – an einem warmen Sommersonntag bei 31 Grad im Schatten. Wow! Rund zehn Prozent der deutschen Tango-Szene sitzen also am Strand, im Straßencafé, in der Eisdiele oder beim Grillen auf dem Balkon und lesen Gerhard Riedls Ergüsse. Und das Erstaunlichste daran: Er glaubt das offenbar wirklich.

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