
Das Riedl’sche Realitätsverzerrungsfeld
Vom Tangoblog zur Bloggerschlacht
Update, 24.07,2026:
Riedl hat auf meinen Artikel geantwortet – und sich dabei selbst den Rest gegeben.
Statt die beschriebenen Muster zu widerlegen, führt er sie noch einmal vollständig vor: Opferrolle, persönliche Herabsetzungen, Ausweichen auf Nebenpunkte, dieselben alten Tangothemen und zum Schluss eine Beleidigung mit musikalischem Feigenblatt.
Mehr Bestätigung konnte mein Artikel kaum bekommen. Riedls ehrlichster Satz steht ohnehin am Ende:
„Ich bin dagegen.“
Für Steve Jobs wurde einmal der Begriff „Reality Distortion Field“ geprägt – ein Realitätsverzerrungsfeld. Gemeint war seine Fähigkeit, Menschen davon zu überzeugen, dass Dinge möglich seien, die objektiv kaum möglich waren. Bei Gerhard Riedl scheint dieses Phänomen in einer anderen Form aufzutreten. Es geht nicht um Computer oder Innovationen, sondern um seinen eigenen Blog.
Denn dort hat sich in den vergangenen Monaten etwas Bemerkenswertes verschoben. Eigentlich betreibt Riedl einen Tangoblog. Tatsächlich kreist ein erheblicher Teil seiner Aufmerksamkeit inzwischen nur noch um die Bloggerszene: um Yokoito, um Klaus Wendel, um Kommentare, Gegenkommentare, Erwähnungen und die Frage, wer wen zitiert, ignoriert oder angeblich bekannter macht. Der Tango spielt dabei immer häufiger nur noch die Rolle einer notdürftig aufgestellten Kulisse.
Jedes Thema führt nach Hause
Selbst wenn Riedl einmal mit einem ganz anderen Thema beginnt, kann man ziemlich sicher sein, dass der Text spätestens auf halber Strecke wieder dort landet, wo inzwischen offenbar alles hinführt: bei den bösen Gegnern, der eigenen Opferrolle und den ewig gleichen Glaubenssätzen.
Dann ist Piazzolla wieder großartig, die Ronda wieder lästig und traditionelle Tangomusik wieder bloß Geschrammel für Leute, die noch nicht verstanden haben, wie modern Gerhard Riedl denkt.
Andere Autoren haben einen roten Faden. Riedl hat einen Rückholmechanismus.
Ganz gleich, wie weit sich ein Thema anfangs von der Bloggerschlacht entfernt: Irgendwann ertönt innerlich ein Signal, und der Text biegt wieder ab. Nach Hause. Zu Piazzolla. Zur Ronda. Zum musikalischen Geschrammel. Zu den Feinden. Sein Blog gleicht inzwischen einem Navigationsgerät mit nur einem gespeicherten Ziel: „Sie haben Ihr Opfer erreicht.“
Die Buchbesprechung ohne Buch
Nun gab es zuletzt sogar eine Buchbesprechung. Das klingt zunächst erfreulich sachlich. Ein Buch, ein Autor, eine These – endlich einmal ein Thema, das nicht schon nach drei Absätzen im Bloggergraben landet.
Nur handelt es sich bei näherem Hinsehen kaum um eine Buchbesprechung. Eher um eine Besprechung des Werbetextes über das Buch. Titel, Klappentext, ein paar zugespitzte Aussagen, dazu die passenden Folgerungen. Vom tatsächlichen Inhalt des Buches erfährt man wenig, von seiner Argumentation, seinen Quellen und möglichen Widersprüchen fast nichts.
Es ist eine Buchbesprechung für Menschen, die das Buch möglichst nicht stören soll.
Das entspricht dem üblichen Verfahren. Als Ausgangsmaterial genügen Verlagsankündigungen, Milonga-Werbetexte, kurze YouTube-Videos, Facebook-Kommentare oder einzelne Sätze, die sich aus ihrem Zusammenhang lösen lassen. Hauptsache, die Quelle ist kurz genug, um dem eigenen Narrativ nicht in die Quere zu kommen.
Eine gründliche Auseinandersetzung wäre dabei eher hinderlich. Sie könnte Differenzierungen enthalten, Einschränkungen oder sogar Tatsachen, die sich nicht ohne Weiteres in Riedls vertraute Erzählung einbauen lassen. Je oberflächlicher die Datenquelle, desto freier lässt sie sich für tiefschürfende Schlussfolgerungen verwenden.
So wird aus einem Teaser eine wissenschaftliche These, aus einer Veranstaltungsankündigung eine Aussage über den Zustand der Tangoszene, aus einem Kurzvideo ein Beleg für die Fähigkeiten eines Tanzpaares und aus einem Facebook-Kommentar eine Charakterstudie seines Verfassers.
Riedl braucht keine umfangreichen Quellen. Er braucht Quellen, die stillhalten.
Die große Welt der drei Blogger
Das Erstaunliche daran ist, dass er diese Verschiebung offenbar gar nicht mehr wahrnimmt. Er scheint überzeugt zu sein, dass die Dauerfehde inzwischen der eigentliche Magnet seines Blogs geworden ist. Dass sich eine große Leserschaft brennend dafür interessiert, welcher Blogger gerade welchen Blogger erwähnt hat und welche psychologische Ferndiagnose heute wieder verteilt wird.
Dabei kommt ihm offenbar nicht der Gedanke, dass außerhalb dieses kleinen Blogger-Kosmos vermutlich kaum jemand morgens aufsteht und sich fragt, ob Klaus Wendel oder Yokoito heute schon wieder etwas über Gerhard Riedl geschrieben haben. Aus einer kleinen Bloggerschlacht wird in seinem inneren Nachrichtenstudio ein publizistisches Weltereignis.
Und sollte doch einmal ein neues Thema auftauchen, wird es schnell der heimischen Dramaturgie angepasst. Ein Buch wird nicht besprochen, sondern als Stichwortgeber benutzt. Eine Milonga wird nicht untersucht, sondern anhand ihres Werbetextes einsortiert. Ein Video wird nicht analysiert, sondern zum Beweisstück erklärt. Die Welt liefert keine Erkenntnisse mehr. Sie liefert nur noch Material.
Zwei Seelen in einer Brust
Das Kuriose ist: In Riedls Brust wohnen dabei zwei völlig gegensätzliche Seelen. Die eine fühlt sich verfolgt. Sie ist überzeugt, andere Blogger wollten seinen Blog beschädigen, ihn schlechtmachen oder gar zerstören. Die andere Seele genießt genau dieselbe Aufmerksamkeit. Jede Reaktion wird zum Beweis der eigenen Bedeutung. Jede Erwähnung bestätigt, dass man an ihm offenbar nicht vorbeikommt.
Die eine Seele ruft: „Sie wollen mich vernichten!“ Die andere antwortet: „Seht nur, wie wichtig ich bin!“
Beide leben erstaunlich friedlich nebeneinander, obwohl sie sich eigentlich gegenseitig ausschließen müssten. Vielleicht sprechen sie einfach nicht miteinander.
Der Zugriffszähler als Seelsorger
Der Rettungsanker dieser inneren Zerrissenheit ist der Zugriffszähler. Er versöhnt beide Seiten. Die verfolgte Seele kann sagen: „Ihr habt es nicht geschafft, mich kaputtzumachen.“ Die andere ergänzt zufrieden: „Im Gegenteil – ihr macht mich immer bekannter.“
So wird jede Kritik automatisch zum Erfolg, jeder Widerspruch zum Beweis der eigenen Bedeutung und jeder Gegenartikel zur unfreiwilligen Werbeanzeige. Der Zugriffszähler ist damit nicht nur Statistik, sondern Pokal, Trostpflaster und seelischer Notdienst in einem.
Eleganter kann man einen inneren Widerspruch kaum auflösen.
Der stündliche Blick über den Gartenzaun
Auch Riedls Blick auf meine Seite richtet sich inzwischen kaum noch auf meine eigentlichen Tango-Themen. Ob ich über Unterricht, Musikalität, Gehtechnik oder die Entwicklung des Tangos schreibe, scheint nur noch am Rand zu interessieren. Und ich bin froh darüber.
Wichtig wird es offenbar erst, wenn irgendwo sein Name fällt.
Dann wird nachgesehen. Und später noch einmal. Und sicherheitshalber noch einmal. Das ist keine normale Blogbeobachtung mehr. Das ist ein publizistischer Bewegungsmelder.
Man könnte meinen, auf meiner Seite sei eine kleine Klingel installiert: „Achtung, Riedl wurde erwähnt!“ Und irgendwo klappt sofort ein Laptop auf.
Wo ist eigentlich der Tango geblieben?
Am Ende bleibt deshalb eine einfache Frage: Was ist aus dem Tangoblog geworden? Wer regelmäßig hineinschaut, findet immer häufiger keinen Tango mehr, sondern einen Blog, der vor allem sich selbst beobachtet. Riedl beobachtet seine Kritiker, die Kritiker beobachten Riedl, und Riedl beobachtet wiederum seine Beobachter.
Wenn tatsächlich einmal ein anderes Thema vorbeikommt, wird es kurz kontrolliert, auf einige Schlagwörter reduziert und anschließend in die alte Erzählung eingemeindet. Piazzolla muss erneut verteidigt, die Ronda erneut verspottet, traditionelle Musik erneut als Geschrammel abgeheftet und der böse Gegner erneut entlarvt werden.
Der Blog ist zum Spiegelkabinett geworden. Selbst wenn Riedl ein Buch hineinträgt, sieht er darin am Ende wieder nur Riedl.
Irgendwo dazwischen wartet der Tango geduldig darauf, auch einmal wieder die Hauptrolle spielen zu dürfen. Vielleicht steht er noch im Flur. Vielleicht hat er inzwischen aufgegeben und liest das Buch.
Riedl hat mal wieder ein Zitat – angeblich von Einstein – eingefügt, um seinem Texten einen gewissen intellektuellen Charme zu verleihen:
„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
Ich möchte dieses Zitat an Riedls Blog-Gewohnheiten anpassen:
„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu schreiben und eine Veränderung der Tango-Szene zu erwarten.“
Nachtrag vom 23. Juli 2026
Riedl ergänzt seinen Beitrag inzwischen um folgende Erklärung:
„Update 23.7.: Laut Blog-Statistik kommen derzeit 26 Prozent der Zugriffe aus Deutschland, 37 Prozent aus den USA. Das wundert mich nicht, da der Tango in den Vereinigten Staaten offenbar noch engstirniger praktiziert wird als in Europa. Da wirkt das Alleinstellungs-Merkmal meines Blogs noch stärker.“
Auch dieser Nachtrag passt ausgezeichnet zum Riedl’schen Realitätsverzerrungsfeld. Die Statistik sagt zunächst nur, dass ein bestimmter Anteil der registrierten Zugriffe den USA zugeordnet wird. Sie sagt nicht, ob dahinter amerikanische Tangotänzer, zufällige Suchmaschinenbesucher, automatisierte Abfragen oder mehrfach aufgerufene Seiten stecken. Noch weniger verrät sie, weshalb jemand den Blog aufgerufen hat.
Riedl vollzieht daraus dennoch einen bemerkenswerten Dreisprung: Zugriffe aus den USA – also ist der dortige Tango besonders engstirnig – also besitzt mein Blog dort ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Keine dieser Schlussfolgerungen ergibt sich aus der vorherigen.
Die amerikanischen Zugriffe werden dabei mit einer kompletten Persönlichkeit und einem dringenden Bedürfnis ausgestattet. Offenbar sitzen dort zahlreiche Tangotänzer in einer düsteren Welt aus Rondas und traditionellem Geschrammel, bis sie endlich einen deutschsprachigen Blog aus Bayern entdecken, der ihnen Piazzolla und die Freiheit erklärt.
Andere Menschen benötigen für Aussagen über die amerikanische Tangoszene Reisen, Gespräche und gründliche Recherchen. Riedl genügt ein Tortendiagramm.
Damit erfüllt der Zugriffszähler erneut seine eigentliche Aufgabe: Er liefert weniger Erkenntnisse über die Leser als Bestätigung für Riedls Erzählung über sich selbst.
Die eine Seele sagt: „Die engstirnige Tangowelt verfolgt mich.“
Die andere antwortet: „Gerade deshalb bin ich international so gefragt.“
Und schon haben beide wieder recht.
Update: 24.07.2026
Nachtrag: Die Vereinigten Staaten von „Tango Voice“
Herr Riedl erklärt nun (Kommentar), die Einstellungen im amerikanischen Tango seien „weit reaktionärer als in Europa“. Als Beleg nennt er unter anderem den Blog „Tango Voice“.
Das ist schon methodisch erstaunlich. „Tango Voice“ nennt sich zwar selbst „The Voice of Tango Argentino for North America“, ist aber ein anonym geführter WordPress-Blog mit einer deutlich traditionalistischen Ausrichtung. Sogar auf seiner eigenen „About“-Seite werden die Anonymität, die geringe Verbreitung und der akademisch-herablassende Ton als Probleme angesprochen.
Der Blog vertritt eine bestimmte Vorstellung von Tango: klassische Musik, traditionelle Códigos, Orientierung an ausgewählten Milongas von Buenos Aires und Skepsis gegenüber alternativer Musik, Neotango, Wettbewerbstango und anderen modernen Entwicklungen. Das darf man vertreten. Es ist aber keine empirische Beschreibung Nordamerikas.
Die USA besitzen nicht „eine“ Tangoszene. Zwischen New York, Chicago, San Francisco, Portland, Los Angeles, Philadelphia und den vielen kleineren Zentren existieren höchst unterschiedliche Milongas, Festivals, Marathons, Encuentros und Unterrichtskulturen. Es gibt dort strenge Traditionalisten ebenso wie alternative Milongas, Neotango, queere Veranstaltungen, rollenoffenen Tango und experimentelle Musikprogramme.
Eine ganze Tangokultur anhand eines anonymen Blogs zu beurteilen, ist daher ungefähr so sinnvoll, wie die deutsche Tangoszene anhand der „Tangoplauderei“ von Cassiel zu erklären.
Herr Riedl hat nicht die amerikanische Tangoszene untersucht. Er hat einige Webseiten gefunden, die sein bereits fertiges Urteil bestätigen. Das nennt man nicht Recherche, sondern in den USA: BULLSHIT.
Und damit sind wir wieder bei seinem üblichen Verfahren: Aus einer Einzelstimme wird eine ganze Szene, aus einer Behauptung eine Tatsache und aus der eigenen Meinung ein internationales Alleinstellungsmerkmal. Er lernt es einfach nicht. Total „lost“.