
Gedanken über Tango Unterricht | 59. Teil
Kann man Tango überhaupt lehren?
Foto: Tom Tabaczynsky, Guitar
Noch vor dem Erscheinen eines Artikels auf einem anderen Blog war mir der Name Tom Tabaczynski schon einmal begegnet. Damals, ich glaube 2017, hatte ich einige seiner Texte gelesen und den Eindruck gewonnen, dass sich hinter seinen Überlegungen mehr verbirgt als die üblichen Workshop-Ankündigungen oder wohlklingenden Schlagworte. Heute wurde ich nun in einem englischsprachigen Tango-Blog erneut auf sein Buch Somatic Milonguero – Movement Awareness for Close Embrace Social Tango hingewiesen. Das erinnerte mich an meine frühere Recherche. Also habe ich mich noch einmal mit dem Autor beschäftigt – nicht mit dem Buch selbst, das ich nicht gelesen habe, sondern mit seiner Biografie und den Gedanken, die er seit vielen Jahren über Tango veröffentlicht.
Dabei wurde mir schnell klar, dass mich eigentlich gar nicht das Buch interessierte. Viel spannender fand ich die Frage, die hinter seinen Überlegungen steckt: Kann man Tango überhaupt lehren?
Eine alte Frage in neuen Begriffen
Diese Frage taucht in der Tango-Szene seit Jahrzehnten in immer neuen Varianten auf. Mal heißt es, Tango könne man gar nicht unterrichten, sondern nur erfahren. Dann wieder wird behauptet, guter Tango entstehe ausschließlich durch das Tanzen auf Milongas. Andere sehen den Schlüssel in der Biomechanik, in der Neurophysiologie, in der Psychologie, in der Musikalität oder neuerdings in der Somatik. Die Begriffe wechseln, die Grundfrage bleibt dieselbe: Wie lernen Menschen eigentlich Tango?
Dabei sieht jede Fachrichtung einen anderen Tango. Ein Historiker interessiert sich für Quellen und die Entstehung des Tanzes, ein Philosoph fragt nach seinem Wesen, ein Psychologe untersucht Wahrnehmung und Lernen, ein Bewegungswissenschaftler beschäftigt sich mit Balance, Motorik und Koordination, ein Musiker analysiert Rhythmus, Phrasierung und musikalische Struktur. Der Tangolehrer steht dagegen Woche für Woche vor einer sehr praktischen Aufgabe: Er muss Menschen dabei helfen, miteinander tanzen zu lernen.
Keine dieser Perspektiven ist falsch. Aber keine erklärt den Tango vollständig.
Wer ist Tom Tabaczynski?
Tom Tabaczynski promovierte an der University of New South Wales in Philosophie und Kognitionswissenschaften. Hinzu kommt ein Master of Education mit Schwerpunkt Angewandte Linguistik an der University of Wollongong. Beruflich beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Sprachvermittlung, Lernprozessen und der Frage, wie Menschen komplexe Fähigkeiten erwerben.
Auch seine tänzerische Ausbildung reicht weit über den Tango hinaus. Neben dem Tango studierte er Contact Improvisation, die Feldenkrais-Methode, Capoeira und zeitgenössischen Tanz. Gleichzeitig beschäftigt er sich intensiv mit Musik. Er spielt Jazzgitarre und Gesang, veröffentlicht Gitarrenarrangements sowie musikanalytische Beiträge und setzt sich unter anderem mit den Werken Astor Piazzollas und der brasilianischen Gitarrenmusik auseinander.
Schon diese Biografie zeigt, dass Tabaczynski den Tango aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet. Philosophie, Kognitionswissenschaft, Sprachlernen, Körperarbeit und Musik fließen in seinen Texten zusammen. Er fragt daher weniger, welche Figuren Tango ausmachen, sondern vielmehr, wie Menschen überhaupt lernen, sich zu bewegen, wahrzunehmen und miteinander zu kommunizieren.
Gerade deshalb finde ich seine Texte interessant. Philosophen stellen oft Fragen, die Praktiker gar nicht mehr wahrnehmen. Gleichzeitig erklärt dieser Hintergrund aber auch, warum seine Antworten nicht zwangsläufig mit den Erkenntnissen der Bewegungswissenschaft oder den Erfahrungen jahrzehntelanger Unterrichtspraxis übereinstimmen müssen.
Ein Denker zwischen Philosophie, Lernen und Bewegung
Tom Tabaczynski ist promovierter Philosoph und Sprachpädagoge. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Tango Milonguero und veröffentlicht Essays über Lernen, Kultur und gesellschaftlichen Tango. Gerade deshalb finde ich seine Texte interessant. Philosophen stellen oft Fragen, die Praktiker gar nicht mehr wahrnehmen. Sie versuchen, scheinbar Selbstverständliches neu zu betrachten und allgemeine Zusammenhänge zu erkennen.
Doch damit ist sein Hintergrund noch nicht vollständig beschrieben. Tabaczynski beschäftigt sich seit vielen Jahren auch intensiv mit Musik. Auf seiner eigenen Website veröffentlicht er Gitarrenarrangements, musikanalytische Beiträge und Lehrmaterialien. Seine Schwerpunkte reichen von Jazz über brasilianische Gitarrenmusik bis zu Astor Piazzolla, dessen Werke er analysiert und für Gitarre bearbeitet.
Auf seiner anderen Website beschäftiget er sich mit Themen um den Tango
Damit verbindet er mehrere Disziplinen: Philosophie, Sprachdidaktik, Musik, Harmonieanalyse und Tango. Sein Blick auf den Tango entsteht also nicht allein aus der Perspektive eines Tänzers oder Philosophen, sondern ebenso aus der eines Musikers und Pädagogen. Gerade diese ungewöhnliche Kombination macht seine Texte interessant.
Problematisch wird es erst, wenn philosophische oder sprachpädagogische Überlegungen als allgemeingültige Erklärung für alle Bereiche des Tango verstanden werden. Zwischen einer philosophischen Deutung und Erkenntnissen der Bewegungs- oder Lernforschung besteht ein erheblicher Unterschied. Ebenso besteht ein Unterschied zwischen einem theoretischen Modell und jahrzehntelanger Unterrichtserfahrung mit Anfängern, Fortgeschrittenen und erfahrenen Tänzern.
Der Werbetext zu Tabaczynskis Buch enthält eine Aussage, die mich besonders beschäftigt hat:
„Tango als Gesellschaftstanz entsteht spontan und anpassungsfähig. Er entwickelt sich ganz natürlich.“ Man könne ihn niemandem „eintrichtern“.
Ich glaube, dieser Satz ist gleichzeitig richtig und falsch.
Spontaneität braucht Voraussetzungen
Richtig ist: Tango lässt sich tatsächlich nicht eintrichtern. Kein Lehrer kann Musikalität wie eine Vokabelliste vermitteln. Sensibilität lässt sich nicht anordnen, Kommunikation zwischen zwei Menschen nicht als fertige Bewegungsfolge auswendig lernen. Auch Improvisation kann nicht dadurch entstehen, dass Schüler immer neue Figuren speichern und anschließend hoffen, sie im richtigen Moment abrufen zu können.
Daraus folgt aber nicht, dass Tango von selbst entsteht. Auch in Buenos Aires kann nicht jeder ohne Vorkenntnisse einfach die Tanzfläche betreten. Wer die Ronda nicht versteht, den Rhythmus nicht erkennt, keine Orientierung besitzt oder andere Paare gefährdet, wird dort ebenso wenig als „natürlicher“ Tänzer akzeptiert wie anderswo. Bevor man eine traditionelle Milonga betritt, sind Mindestkenntnisse erforderlich.
Gerade deshalb gibt es Unterricht und Prácticas. Dort wird vorbereitet, was später auf der Milonga selbstverständlich und spontan aussehen soll. Spontaneität auf der Tanzfläche setzt bereits erworbene Fähigkeiten voraus. Wer das übersieht, verwechselt die freie Anwendung eines Könnens mit dessen Erwerb.
Natürlichkeit ist das Ergebnis des Lernens
Der Begriff „natürlich“ führt leicht in die Irre. Natürlichkeit ist nicht das Gegenteil von Lernen. Sie ist häufig dessen Ergebnis. Eine Bewegung wirkt dann natürlich, wenn sie nicht mehr bewusst zusammengesetzt werden muss. Der Tänzer denkt nicht mehr darüber nach, wohin er sein Gewicht verlagern, wie er einen Schritt vorbereiten oder an welcher Stelle er abbremsen muss. Er hört, reagiert und passt sich an.
Bis es so weit ist, braucht es allerdings Erfahrung. Junge Tänzer lernen durch Beobachtung, Nachahmung, Ausprobieren, Rückmeldung und Korrektur. Ob diese Korrektur von einem Lehrer, einem erfahrenen Partner oder aus der eigenen Wahrnehmung kommt, ändert nichts daran, dass ein Lernprozess stattfindet. Auch ein Milonguero, der nie einen formellen Kurs besucht hat, hat gelernt. Er hat nur auf andere Weise gelernt.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Tango gelernt wird, sondern wie er gelernt wird.
Was Unterricht leisten kann
Viele Menschen glauben, Unterricht müsse Tango vermitteln. Genau darin liegt möglicherweise das Missverständnis. Ein guter Unterricht liefert keinen fertigen Tango und produziert keine fertigen Tänzer. Er schafft Bedingungen, unter denen Menschen selbst lernen können. Er hilft ihnen, Bewegungen zu verstehen, unnötige Irrwege zu vermeiden, ihre Wahrnehmung zu entwickeln und Erfahrungen einzuordnen.
Man kann einem Schüler zeigen, wie er sein Gewicht organisiert, wie eine Bewegung vorbereitet wird und wie sich ein Vorschlag vom eigentlichen Schritt unterscheidet. Man kann erklären, wie eine Ronda funktioniert, wie der Raum wahrgenommen wird und warum ein Tanzpaar nicht isoliert, sondern als Teil eines gemeinsamen Verkehrsflusses tanzt. Man kann musikalische Strukturen hörbar machen und darauf aufmerksam machen, wo eine Bewegung beginnt, sich verändert oder endet.
Was man nicht kann, ist das Ergebnis dieses Lernens erzwingen. Der Schüler muss die Bewegung selbst erfahren, wiederholen, verändern und irgendwann eigenständig anwenden. Unterricht kann diesen Prozess begleiten, aber nicht ersetzen.
Zwischen Erklären und Erfahren
In den vergangenen Jahrzehnten habe ich sehr unterschiedliche Unterrichtskonzepte kennengelernt. Manche Lehrer erklären fast gar nichts. Die Schüler sollen alles durch Beobachtung und eigenes Ausprobieren entdecken. Andere erklären jede Einzelheit und zerlegen selbst einfache Bewegungen in eine kaum noch überschaubare Zahl von Anweisungen.
Beides halte ich für problematisch. Wer nur vormacht, überlässt seine Schüler ihren Missverständnissen. Sie sehen vielleicht die äußere Form, erkennen aber nicht die entscheidenden Prozesse. Wer dagegen alles bis ins Letzte erklärt, verhindert leicht die eigene Erfahrung. Der Schüler versucht dann, eine Liste von Anweisungen abzuarbeiten, statt wahrzunehmen, was im Paar tatsächlich geschieht.
Guter Unterricht bewegt sich zwischen diesen Extremen. Er erklärt so viel wie nötig und lässt so viel Erfahrung wie möglich zu. Er greift ein, wenn ein Missverständnis den Lernprozess blockiert, und hält sich zurück, wenn der Schüler selbst eine Lösung finden kann.
Was man nicht direkt lehren kann
Musikalität, Sensibilität, Vertrauen und die Qualität einer Umarmung lassen sich nicht unmittelbar unterrichten. Trotzdem kann Unterricht ihre Entwicklung fördern. Wer gelernt hat, zuzuhören, Pausen wahrzunehmen, Bewegungen nicht vorwegzunehmen und Veränderungen im Partner zu erkennen, entwickelt bessere Voraussetzungen für musikalisches und partnerschaftliches Tanzen.
Auch Improvisation entsteht nicht aus dem Nichts. Sie setzt ein Repertoire an Möglichkeiten voraus, das nicht als starre Figur, sondern als veränderbares Bewegungsmaterial verfügbar ist. Der Tänzer muss entscheiden können, ob er weitergeht, anhält, dreht, verkürzt oder eine Bewegung ganz aufgibt. Diese Entscheidungsfähigkeit entwickelt sich nicht dadurch, dass man möglichst viele Figuren lernt, aber auch nicht dadurch, dass man keinerlei Struktur vermittelt.
Freiheit entsteht nicht durch das Fehlen von Grundlagen, sondern durch deren sichere Verfügbarkeit.
Der Unterricht muss sich überflüssig machen
Vielleicht liegt darin die eigentliche Aufgabe eines Tangolehrers. Er soll nicht möglichst lange unentbehrlich bleiben, sondern seine Schüler zunehmend unabhängig machen. Am Anfang brauchen sie Orientierung, klare Aufgaben und verständliche Korrekturen. Mit wachsender Erfahrung benötigen sie weniger Vorgaben und mehr Raum für eigene Entscheidungen.
Irgendwann verschwindet das Gelernte aus dem Bewusstsein. Der Tänzer denkt nicht mehr an Unterricht, Technik oder Bewegungsabläufe. Er reagiert auf Musik, Partner und Raum. Genau dann wirkt Tango natürlich.
Aber dieses Natürliche fällt nicht vom Himmel. Es ist das Ergebnis eines oft langen Lernprozesses.
Nach über vierzig Jahren Unterricht würde ich die Ausgangsfrage deshalb so beantworten: Man kann nicht den Tango lehren. Man kann Menschen aber sehr wohl dabei helfen, Tango zu lernen. Der Unterschied ist entscheidend. Ein Lehrer vermittelt keine fertige Wahrheit, sondern schafft Erfahrungen, aus denen sich ein eigener Tango entwickeln kann.
Der beste Unterricht ist daher nicht derjenige, der am meisten erklärt oder die meisten Figuren anbietet. Der beste Unterricht ist derjenige, der sich Schritt für Schritt selbst überflüssig macht.