Piazzolla für Einsteiger – oder: Unterricht war gestern
Nach einem langen Kommentarstreit über ein Práctica-Video ließ unser Meister-Blogger der unbeabsichtigten Satire – also besonders an den Stellen, die er vollkommen ernst meint – einige Schmuckstücke aus seiner Videoproduktion auf die Leserschaft los.
Die Sammlung umfasst inzwischen immerhin mehr als 100 Videos. Zwanzig besondere Kostbarkeiten möchte er uns nun noch einmal kredenzen; manche davon seien sogar mit „satirischem Einschlag“. Wobei diese Formulierung vermutlich schon der erste unfreiwillige satirische Einschlag ist.
Stolz verkündet er außerdem, seine Videos hätten zusammen rund 13.000 Aufrufe erreicht. Bei gut 100 Videos wären das rechnerisch ungefähr 130 Aufrufe pro Video. Donnerwetter, da kann YouTube schon mal nervös werden.
Ich hatte zunächst gedacht, ich versuche mich nun ebenfalls ein wenig an Satire. Dann dachte ich: Nein, Klaus, streng dich nicht unnötig an. Das Thema und dieses Video erledigen das ganz von allein. Du musst eigentlich nur aufschreiben, was du siehst und hörst.
Also bitte jetzt keine Satire erwarten.
Der Mann am Tisch
Das Video trägt den verheißungsvollen Titel „Piazzolla für Einsteiger“. Man erwartet vielleicht ein Tanzpaar oder wenigstens einen Tangotänzer, der praktisch andeutet, was an dieser Musik tänzerisch möglich ist. Ein paar Schritte, ein kleiner musikalischer Hinweis, irgendeine Bewegung, bei der man als Einsteiger sehen könnte, worum es eigentlich geht.
Stattdessen sitzt dort ein älterer Herr an einem Tisch. Gerhard Riedl persönlich.
Bekleidet ist er mit einem babyblauen Oberteil, dessen genaue Bestimmung mir nicht recht gelingen will. Pullover? Nicki? T-Shirt? Schlafanzugoberteil? Das spielt letztlich keine große Rolle, denn auffälliger ist ohnehin seine Vortragsweise. Er spricht sehr bedächtig, mit vielen Pausen. Wir merken schon: Hier will uns jemand etwas Wichtiges sagen.
Denn Riedl liest vom Laptop ab und schaut zwischendurch pflichtschuldig in die Kamera. Danach beginnt jedes Mal die kleine Suche nach der Stelle, an der er eben aufgehört hat. Das sorgt für jene bedeutungsvollen Pausen, die vermutlich spontan wirken sollen, aber eher so aussehen, als hätte jemand mitten im Satz den Faden verloren.
Wer Reden schreibt, weiß: Vorlesen klingt fast immer anders als Sprechen. Hier wird sehr sichtbar versucht, beides gleichzeitig zu machen. Dieser Versuch, natürlich zu wirken, hat dann eher einen gegenteiligen Effekt: Es wird monoton und langweilig.
Das Ergebnis hat etwas eigentümlich Peinliches. Fremdschämen wäre vielleicht das passende Wort. Da muss noch jemand üben.
An der Wand im Hintergrund hängen Illustrationen und ein Selbstporträt des Hausherrn in ausgesuchter Intellektuellenpose. So etwas hat ein Mann natürlich gern in der Nähe seines Schreibtisches. Man möchte schließlich auch beim Nachdenken daran erinnert werden, wer hier denkt.
Dann fällt mein Blick auf die Computermaus. Blau. Da wusste ich es: Dieser Mann stimmt offenbar die Farbe seiner Bekleidung mit den Accessoires seiner Umgebung ab. Das zeugt von einer geradezu bezaubernden Detailverliebtheit, die ich ihm zunächst gar nicht zugetraut hätte. Nur bei den Blautönen hapert es noch ein wenig. Oberteil und Maus wollen nicht so recht miteinander harmonieren. Hier schreit die Szenerie nach einem kundigen Requisiteur, der bei künftigen Produktionen etwas Ordnung in die Farbdramaturgie bringt.
Dieser Mann scheint überhaupt, laut seiner Titelbilder mit Selbstportraits, besonders auf die Farbtöne Baby-Blau, Knall-Blau zu stehen, also auf die traditionelle Farbe für Jungen, – man möchte ja schließlich Männlichkeit ausstrahlen.
Natürlich gibt es auch Bücher. Bücher sind wichtig. Nicht im üblichen Regal, (in jedem üblichen Videoprogramm auch als fertiger Video-Hintergrund zu haben,) nein, er stapelt sie etwas lieblos auf einem Schrank. Genies überblicken schließlich das Chaos. Ich bilde mir ein, darunter auch zahlreiche Exemplare seines eigenen Schmökers „Der große und noch größere Milongaführer“ zu erkennen. Restbestände, vermutlich.
Aber genug der Täterbeschreibung. Kommen wir zum Thema.
Astor Piazzolla muss gerettet werden
Riedl möchte uns erklären, dass Piazzollas Musik entgegen anderslautenden Behauptungen durchaus tanzbar sei. Das Thema beschäftigt ihn offenbar schon länger, denn nach eigener Aussage habe es „einige Dutzend“ Blogbeiträge gebraucht, um diesen „Unsinn“ zu widerlegen. Das hat zwar schon lange keiner behauptet, aber man möchte nochmal sichergehen.
Nun soll man bei Anweisungen und Tutorials bekanntlich nicht so viel reden. Das beklagt Riedl schließlich oft genug: Tangolehrer reden zu viel, Blogger wie ich schreiben zu lang. Und dann erklärt er uns, dass Piazzolla tanzbar sei, weil er selbst einmal mit seiner Frau dazu getanzt habe – heimlich vor seiner Blog-Leserschaft offenbar – und benötigt für diese Erkenntnis einige Dutzend Blogartikel plus ein Viertelstündchen Video.
Donnerwetter. Das nenne ich effektiv.
Immerhin erfahren wir, dass er mit seiner Frau einmal zu „Tres minutos con la realidad“ vorgetanzt habe. Ein Ausschnitt davon wäre bei einem Video namens „Piazzolla für Einsteiger“ möglicherweise nicht völlig uninteressant und „realidad“ (Wirklichkeit) gewesen. Aber wer sehen möchte, wie Riedl zu Piazzolla tanzt, muss sich mit seiner Erzählung zufriedengeben.
Nach diesem rasanten Stück hätte ich allerdings auch gern kurz ein Lebenszeichen seiner Frau gesehen, denn es ist wirklich nicht ohne.
Die neue Didaktik
Zwischen den längeren Erklärungen spielt Riedl immer wieder Stücke von Piazzolla vor. Vielleicht ist genau das mit „für Einsteiger“ gemeint: erst einmal anhören. So bekommt man ein Viertelstündchen Video natürlich recht bequem gefüllt.
Ganz so einfach ist die Methode allerdings nicht. Man muss zur Musik auch die passende Mimik beherrschen. Die Augen rollen, die Brauen heben sich, das Gesicht begleitet die Musik mit sichtbarer Anteilnahme. Offenbar ist Gesichts-Pantomime eine seiner stärkeren Ausdrucksformen: Er tanzt mit seinem Gesicht!
Man ahnt, dass dieser gute Mann zu Astor Piazzolla eine tiefe Verbundenheit entwickelt haben muss. Schließlich hat er viele Blogartikel über ihn geschrieben. Das verbindet.
Während die Musik läuft und Riedls Gesicht jede Wendung mitkommentiert, wartet man irgendwann fast ungeduldig auf den Schluckauf und ein herzhaftes: „Krawehl! Krawehl! Taubtrüber Ginst am Musenhain!“ Loriots Lothar Frohwein scheint jedenfalls nicht weit entfernt.
Und während ich mir das ansehe, dämmert mir langsam, wie unnötig kompliziert ich meinen eigenen Unterricht jahrzehntelang gestaltet habe. Vielleicht habe ich mich einfach zu sehr angestrengt. Ich hätte mich ebenso gut an einen Tisch setzen können, Musik vorspielen und langsam erklären, dass sie tanzbar ist. Anschließend verschickt man das Video an die Schüler.
„Sucht Euch Freunde, die es können, tanzt mit ihnen und lernt dabei. Unterricht ist schließlich nur etwas für Versager.“
Nur die Mimik, die müsst Ihr Euch noch selbst erarbeiten.
Wie tanzt man denn nun Piazzolla?
Das eigentlich Erstaunliche an „Piazzolla für Einsteiger“ ist nämlich, dass der Einsteiger zwar erfährt, dass man zu Piazzolla tanzen könne, aber kaum etwas darüber, wie man das eigentlich machen könnte. Im Transkript findet sich keine nennenswerte Erklärung zu Phrasierung, Pausen, Rhythmusgestaltung, Dynamik oder Bewegungsqualität. Stattdessen werden Musikbeispiele vorgestellt und die grundsätzliche Tanzbarkeit verteidigt.
Das ist ungefähr so, als würde ich ein Video „Schwimmen für Einsteiger“ nennen, mich an den Beckenrand setzen und erklären: Wasser trägt. Ich habe das selbst ausprobiert.
Was soll da noch schiefgehen?
Das Alleinstellungsmerkmal
Später zitiert Riedl einen „Resident-DJ“, der Piazzolla-Liebhabern unterstellt, ihre Vorliebe könne als „Alleinstellungsmerkmal“ dienen, um sich von musikalisch weniger gebildeten oder anspruchslosen Tangotänzern abzuheben.
Das ist ein interessanter Gedanke.
Man könnte ihn natürlich auch auf Blogger anwenden, die über Jahre hinweg erklären, warum die anderen Tangotänzer, DJs und Lehrer dieses oder jenes nicht verstanden haben. Einige Dutzend Artikel über Piazzolla könnten dann ebenfalls als eine Art Alleinstellungsmerkmal durchgehen.
Aber wir wollten ja nicht satirisch werden.
Von Piazzolla zur Scheibenerde
Gegen Ende erreicht das Argument schließlich seine volle Flughöhe. Wer behaupte, zu Piazzolla könne niemand tanzen, wird von Riedl mit Menschen verglichen, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe.
Damit wäre die Sache geklärt.
Man startet bei der Frage, ob eine bestimmte Musik für einen Gesellschaftstanz geeignet ist, und landet knapp fünfzehn Minuten später bei den Flacherdlern. Dazwischen hören wir Musik, betrachten die dazugehörige Mimik und erfahren, dass der Vortragende selbst schon einmal zu Piazzolla getanzt hat.
Mehr Einführung braucht der Anfänger offenbar nicht.
Vielleicht habe ich Tango-Unterricht tatsächlich vierzig Jahre lang völlig falsch verstanden.