Spart Euch dieses Buch!

Spart Euch dieses Buch!

„Viel Lärm Um Nichts“

Nachdem ich mich tagelang intensiv mit diesem Buch beschäftigt hatte – mit seiner inhaltlichen Erfassung, einer Zusammenfassung, Rückfragen an den Autor und schließlich drei eigenen Artikeln –, musste ich irgendwann feststellen, dass ein großer Teil dieser Arbeit eigentlich für die Katz gewesen war.

Und trotzdem war sie nicht umsonst.

Denn gerade die Auseinandersetzung mit einer so radikalen Position hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, was guten Unterricht ausmacht: nicht das bloße Vermitteln von Formen, sondern das Herstellen verständlicher Zusammenhänge, das Dosieren von Komplexität, das Stellen sinnvoller Aufgaben, das Sichtbarmachen von Unterschieden und das Begleiten von Erfahrung, ohne sie vorwegzunehmen.

Dafür also tatsächlich: Danke, Tom. Auch wenn das vermutlich nicht Deine Absicht war – oder vielleicht sogar das Gegenteil.

Nichts ist also wirklich für die Katz. Extreme Positionen zwingen dazu, die eigenen Annahmen genauer zu prüfen, Begriffe zu schärfen und scheinbar Selbstverständliches neu zu begründen. Das kostet allerdings enorm viel Zeit.

Und am Ende habe ich Tom vielleicht gar nicht widerlegt.

Denn möglicherweise gab es gar nichts zu widerlegen.

Erst in den Kommentaren wird nämlich deutlich, wie eng Tabaczynski seinen eigentlichen Gegenstand offenbar fasst. Während Somatic Milonguero weite Teile der internationalen Tango-Unterrichtskultur kritisiert, erklärt er später, dass ihn der größte Teil dieser Tangowelt überhaupt nicht interessiert und er vieles davon kaum noch als Tango oder sogar als Tanzen betrachtet.

Damit verändert sich die Frage grundlegend. Dann geht es nicht mehr um eine allgemeine Alternative zum Tango-Unterricht, sondern um ein sehr eng umrissenes Ideal einer bestimmten Milonguero-Praxis.

Gerade deshalb müsste aber präzise geklärt werden, was dieses Ideal eigentlich ist, wo es heute noch existiert und wer überhaupt berechtigt sein soll, es zu definieren.

Wenn die historischen Milongueros diese Theorie selbst nie formuliert haben, die heutige Milonga-Kultur längst vielfältiger geworden ist, Unterricht diese Praxis angeblich nicht vermitteln kann und zugleich fast alle anderen Formen als irrelevant ausgeschlossen werden, entsteht ein eigentümlicher Erkenntniskäfig:

Die Milongueros verkörpern eine Praxis, die sie selbst nicht theoretisch definieren müssen. Der Theoretiker Tom Tabaczynski rekonstruiert aus ausgewählten Merkmalen, was diese Praxis „eigentlich“ ausmacht. Andere können seine Definition kaum überprüfen, weil sie angeblich die Kultur nicht verstehen. Und unterrichten lässt sich diese Praxis ohnehin nicht.

Dann stellt sich die entscheidende Frage:

Beschreibt die Theorie noch eine lebendige Kultur – oder konstruiert sie aus einem historischen Ausschnitt ein Ideal, das anschließend selbst zum Maßstab dafür wird, was überhaupt als echter Tango gelten darf?

Eine lebendige Kultur ist kein konserviertes Präparat. Wer einen historischen (oder zeitlichen  Ausschnitt einer oder mehrerer Buenos-Aires-Reisen) einfriert und ihn zum Wesen des Tango erklärt, riskiert, eine Momentaufnahme mit einer Essenz zu verwechseln.

Und noch etwas fällt dabei auf: Wenn Tabaczynski tatsächlich nur eine sehr spezifische Form des Tango Milonguero für diskussionswürdig hält, dann stellt sich die Frage, warum er im Buch so ausführlich über die vorhandenen Unterrichts- und Tanzstrukturen weltweit herzieht.

Man kann schwer die gesamte Biosphäre der Erde für dysfunktional erklären, wenn man gleichzeitig ein kleines Stück Paradies auf den Malediven zur einzig wahren Natur erklärt.

Wenn ich nur ein kleines ökologisches Biotop für die einzig „richtige“ Natur halte, kann ich nicht gleichzeitig die gesamte übrige Biosphäre als Beleg dafür heranziehen, dass Natur grundsätzlich falsch organisiert sei.

Übertragen auf Tango heißt das: Wenn Tabaczynski nur eine sehr spezifische Form des Tango Milonguero für wirklich relevant hält, dann kann er aus den Defiziten anderer Tanz- und Unterrichtskulturen nicht ohne Weiteres allgemeine Aussagen über Lernen im Tango ableiten.

Vielleicht handelt es sich also um eine Theorie, die sich durch ihre eigene nachträgliche Eingrenzung selbst weitgehend bedeutungslos macht.

Aber lassen wir Tom Tabaczynski selbst zu Wort kommen. In einem Kommentar auf Helges Blog schreibt er:

“the only fraction worth discussing. the rest is a load of garbage no different from street latin etc. hardly even tango.”

“Yeah, have no interest in that at all. I don’t even consider that to be dancing.”

“what is taught as tango milonguero/close embrace is garbage, bc it cannot be taught.”

Übersetzung:

„Der einzige Teil, über den es sich überhaupt zu reden lohnt. Der Rest ist ein Haufen Müll, nicht anders als Street Latin und Ähnliches. Kaum überhaupt Tango.“

„Ja, daran habe ich überhaupt kein Interesse. Ich betrachte das nicht einmal als Tanzen.“

„Was als Tango Milonguero / enge Umarmung unterrichtet wird, ist Müll, weil es nicht unterrichtet werden kann.“

Deutlicher kann man die Reichweite des Buches eigentlich kaum noch einschränken.

Falls Ihr also nicht zufällig zum inneren Zirkel jener Tänzer gehört, die im El Beso* sozialisiert wurden, ohne je durch Tango-Unterricht „verdorben“ worden zu sein – und als Tango-Touristen zählt Ihr nach dieser Logik ohnehin nicht –, dann lautet mein Rat inzwischen schlicht:

Spart Euch das Buch!

(*Eine kleine Ironie am Rande: Ausgerechnet El Beso, das Tabaczynski auf dem Cover seines Buches als Symbol jener Milonguero-Welt verwendet, ist keineswegs ein unterrichtsfreier Raum. Eine Publikation der Stadt Buenos Aires beschreibt El Beso ausdrücklich als Ort mehrerer Milongas und einer Tango-Akademie. Dort wurde Susana Millers „estilo milonguero“ unterrichtet; es gab Klassen fast täglich und zusätzlich eine Practica. Dort wurde und wird Tango unterrichtet, teilweise unmittelbar vor den Milongas. Historisch war El Beso sogar eng mit der Vermittlung des sogenannten „estilo milonguero“ verbunden.
Damit stellt sich eine interessante Frage: Widerspricht ausgerechnet der reale Ort, den Tabaczynski symbolisch für seine Vorstellung des natürlichen Tango Milonguero benutzt, der strikten Trennung zwischen Unterricht und authentischem Milonga-Lernen, die seine Theorie voraussetzt?)

 

Nach einer langen Diskussion stellt sich erstaunlich spät heraus, worum es Tom Tabaczynski offenbar tatsächlich geht: nicht um den Tango Argentino, den die überwältigende Mehrheit der Menschen weltweit tanzt, und auch nicht um die Frage, wie dieser Tango sinnvoll gelernt oder unterrichtet werden kann.

Es geht um einen sehr kleinen Ausschnitt einer bestimmten Tango-Milonguero-Kultur, den Tom selbst als den einzig diskussionswürdigen Tango betrachtet. Den Rest bezeichnet er inzwischen offen als „garbage“ und teilweise nicht einmal als Tanzen.

Damit bekommt das Buch im Nachhinein eine überraschend einfache Gebrauchsanweisung:

Wenn Ihr zu den meisten Tangotänzern und Tangolehrern dieser Welt gehört, betrifft Euch das Buch nach Aussage seines Autors eigentlich gar nicht.

Denn den Tango, den Ihr tanzt, hält er nicht für relevant. Den Unterricht, durch den Ihr lernt, hält er für ungeeignet. Und den Tango, um den es ihm tatsächlich geht, soll man nach seiner Auffassung ohnehin nicht auf die übliche Weise unterrichten können.

Die eigentliche Frage wäre dann nur noch:

Warum benötigt es ein ganzes Buch, um ausführlich eine Unterrichtskultur zu kritisieren, deren Tanz für die eigene Theorie angeblich überhaupt keine Rolle spielt?

 

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