
Wenn man sich selbst zum Sieger erklärt
Über Zugriffszahlen, Ranglisten und die deutsche Tango-Blogosphäre
„Pinscher sind auch nur Menschen“
Barbara Streisand
Gerhard Riedl hat seine „Bilanz Juli 2026“ veröffentlicht. Schon der Titel klingt nach Geschäftsbericht, Marktanalyse und Rechenschaftslegung. Tatsächlich bilanziert er jedoch weniger seinen Blog als sein Verhältnis zur gesamten Tango-Blogosphäre. Und das besteht offenbar vor allem aus Zahlen, Ranglisten und Konkurrenten.
Den Auftakt bildet ein angeblicher „Kommentar-Schnipsel“, den Riedl nach eigener Angabe nicht veröffentlicht hat. Darin wird er als verbittert, einsam und sozial isoliert beschrieben, sein Blog als „künstliches Beatmungsgerät für sein Ego“.
Der Text ist zweifellos beleidigend und in seiner pseudopsychologischen Ferndiagnose vollkommen unangemessen.
Er ist aber keine grundlose Attacke, sondern eine wütende Reaktion auf Riedls eigene, über Jahre hinweg provozierende und persönlich herabsetzende Beiträge. Das macht die Wortwahl nicht richtig, erklärt aber, warum sich bei manchen Lesern derart viel Ärger aufgestaut hat. Wer fortgesetzt austeilt, kann die heftige Gegenreaktion nicht vollständig von der eigenen Rolle trennen.
Aber warum veröffentlicht Riedl ihn dennoch selbst?
Weil er ihn braucht. Der Kommentar liefert ihm die perfekte Vorlage für die folgende Inszenierung: Hier der angeblich einsame, verachtete Blogger – dort die überwältigenden Zugriffszahlen, die seine Bedeutung beweisen sollen. Die Kränkung wird nicht zurückgewiesen, sondern dramaturgisch verwertet. Aus einer persönlichen Beleidigung entsteht eine Heldengeschichte.
Der Marktführer der Tango-Blogs
Riedl meldet für Juli 70.234 Seitenaufrufe und erklärt anschließend, sein „Tango-Report“ habe „in Sachen Popularität die Nase vorn“. Mein Blog komme immerhin „in die Nähe“ dieser Zahlen und sei eine „halbwegs ebenbürtige Quelle“. Yokoito landet auf Platz drei.
Damit ist aus der deutschen Tango-Blogosphäre endgültig eine Bundesligatabelle geworden.
Die Kategorien lauten offenbar:
- Beiträge pro Monat.
- Kommentare pro Monat. * siehe Nachtrag, unten
- Seitenaufrufe pro Monat.
- Google-Sympathie.
- Fleiß.
- Popularität.
Was diese Zahlen über die Qualität, Glaubwürdigkeit oder Bedeutung eines Blogs aussagen, bleibt offen. Ein Seitenaufruf ist zunächst einmal ein technischer Messwert. Er verrät weder, weshalb jemand eine Seite aufgerufen hat, noch ob der Text gelesen, verstanden oder für gut befunden wurde. Auch Bots, Suchmaschinen, automatische Abrufe und wiederholte Seitenaufrufe können solche Zahlen beeinflussen.
Riedl weiß das sogar. Er erwähnt die Möglichkeit von „Suchmaschinen-Artefakten“, wischt sie aber sofort mit einem Scherz über die „Sympathie von Google“ beiseite. Das Ergebnis soll schließlich feststehen: Popularität.
Zahlen werden hier nicht untersucht, sondern eingesetzt.
Fleiß als Qualitätsmerkmal
Besonders bemerkenswert ist die Bemerkung über meine 23 Texte und seine 25 Beiträge: „Man sieht also: Fleiß lohnt sich!“
Nein, das sieht man daran nicht.
Man sieht lediglich, dass zwei Blogger häufig publiziert haben. Ob sich dieser Fleiß lohnt, hängt davon ab, was unter „lohnen“ verstanden wird: mehr Zugriffe, bessere Texte, mehr Erkenntnis, mehr Streit oder mehr gegenseitige Beschäftigung?
Auch 93 Kommentare* (siehe unten im Nachtrag) beweisen keinen offenen Meinungsaustausch. Entscheidend wäre, welche Kommentare veröffentlicht, welche zurückgehalten und welche Argumente tatsächlich beantwortet wurden. Wer regelmäßig kritische Einwände nicht sachlich beantwortet, zum – wenn auch, wie er behauptet, kleinen Teil – nicht freischaltet, kann sich nicht anschließend mit der Gesamtzahl der veröffentlichten Kommentare als besonders diskussionsfreudig präsentieren.
Quantität ersetzt keine Debattenkultur.
Die Konkurrenz muss erwähnt werden
Auffällig ist, wie viel Raum Riedl anderen Bloggern widmet. Meine Veröffentlichungszahl wird gezählt, meine Kommentarzahl ebenfalls. Yokoitos Artikel und Kommentare werden erfasst. Sogar dessen frühere Ankündigung einer Blogpause wird gegen ihn verwendet. Anschließend folgt noch der Hinweis, er müsse lernen, dass nicht die KI einen guten Text produziere, sondern der Autor.
Das ist erstaunlich für jemanden, der sich regelmäßig über angebliche persönliche Angriffe beklagt.
Yokoitos Arbeitsweise hat mit Riedls Monatsstatistik nichts zu tun. Meine Veröffentlichungsfrequenz ebenfalls nicht. Dennoch erscheinen beide als notwendige Vergleichsgrößen, damit Riedl sich selbst auf Platz eins setzen kann.
Die anderen Blogs werden nicht als eigenständige Stimmen behandelt, sondern als Material für die eigene Selbstvermessung.
Ein Meinungsaustausch ohne Meinungen
Riedl schreibt:
„Dass auf meiner Seite kein Meinungsaustausch stattfindet, ist ein gut erfundenes Märchen.“
Unmittelbar zuvor hat er einen Kommentar zitiert, den er nicht veröffentlicht hat.
Das allein widerlegt seine Behauptung natürlich nicht. Kein Blogger muss jede Beleidigung freischalten. Aber es zeigt das eigentliche Problem: Riedl entscheidet, welche Kritik unsichtbar bleibt, verwendet sie aber bei Bedarf dennoch als Beleg für die Bosheit seiner Gegner.
Kritik wird damit gleichzeitig unterdrückt und ausgeschlachtet.
Sachliche Einwände bleiben unveröffentlicht oder unbeantwortet, während besonders beleidigende Aussagen zitiert werden, weil sie das gewünschte Bild erzeugen: Auf der einen Seite der besonnene, erfolgreiche Blogger, auf der anderen Seite anonyme, cholerische Feinde.
Das ist kein Meinungsaustausch. Das ist Regie.
Der unverkrampfte Tango und seine Feindbilder
Inhaltlich erklärt Riedl seinen Blog erneut zum Gegenmodell eines angeblich immer traditioneller werdenden Tango. Sein „Alleinstellungs-Merkmal“ sei das Plädoyer für einen modernen, unverkrampften Tango, befreit von „historischen Reglements“ und einem „längst überholten Zeitgeist“.
Das klingt offen und fortschrittlich, beruht aber auf einer bekannten Vereinfachung.
Traditioneller Tango erscheint bei Riedl regelmäßig als eng, verkrampft, rückwärtsgewandt und reglementiert. Seine eigene Position dagegen als modern, frei und undogmatisch. Dass auch traditionell orientierte Tänzer kreativ, musikalisch, individuell und entspannt tanzen können, passt nicht in diese Gegenüberstellung.
Das vermeintliche Alleinstellungsmerkmal entsteht daher weniger aus einer außergewöhnlichen Position als aus der möglichst groben Darstellung der Gegenseite.
Wer die anderen erst zu Traditionalisten, Reglementierern oder historischen Nachspielern erklärt, kann sich anschließend leicht als einziger Anwalt der Freiheit präsentieren.
Die Dialektik des Spitzenreiters
Am Ende verspricht Riedl weiterhin „Dialektik“.
Dialektik würde jedoch bedeuten, Widersprüche ernst zu nehmen und unterschiedliche Positionen gegeneinander zu prüfen. In diesem Beitrag geschieht etwas anderes: Alle Widersprüche werden in ein System eingeordnet, das immer dasselbe Ergebnis hervorbringt.
Kritik beweist seine Bedeutung.
Beleidigungen beweisen die Verkommenheit seiner Gegner.
Viele Zugriffe beweisen seine Popularität.
Viele Beiträge beweisen seinen Fleiß.
Andere Blogger beweisen seine Spitzenposition.
Der traditionelle Trend beweist sein Alleinstellungsmerkmal.
Was auch geschieht: Es bestätigt Gerhard Riedl.
Der Beitrag ist deshalb weniger eine Bilanz des Monats Juli als eine Bilanz seines Weltbildes. Ein Blog wird darin nicht als Ort des Austauschs verstanden, sondern als Bühne, Messstation und Rangliste. Aufmerksamkeit wird mit Zustimmung verwechselt, Reichweite mit Relevanz und Widerspruch mit Verfolgung.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, welcher deutsche Tango-Blog die meisten Aufrufe erzielt.
Sondern weshalb jemand überhaupt glaubt, daraus eine Rangordnung der Wahrheit ableiten zu können.
Dabei möchte ich noch eine treffende Beschreibung seines Blogs hinzufügen. Eigentlich genügt dafür ein einziges Wort. Ich benutze den spanischen Ausdruck, mit dem vielleicht mancher argentinische Fachmann auf unsere beiden Blogs blicken würde:
Sabelotodismo
Sabelotodo nennt man im Spanischen einen Menschen, der alles zu wissen glaubt. Sabelotodismo wäre demnach die Neigung, über nahezu jedes Thema mit größter Gewissheit zu urteilen. Auf Deutsch: „Klugscheißerei“
Und ganz ehrlich: Davon sind vermutlich beide Blogs nicht völlig frei.
Wir schreiben über Tangogeschichte, Musik, Tanztechnik, Unterricht, Milongas, gesellschaftliche Entwicklungen, Psychologie, Journalismus und gelegentlich gleich noch über den Zustand der gesamten Tangowelt. Dabei sitzen wir beide in Deutschland und betrachten eine Kultur, die nicht unsere eigene ist. Mancher argentinische Musiker, Tänzer oder Historiker dürfte unsere Auseinandersetzungen daher mit einer gewissen Verwunderung verfolgen.
Was wissen wir schon?
Wir verfügen über Erfahrungen, Erinnerungen, Quellen und persönliche Überzeugungen. Mehr nicht. Daraus können interessante Texte entstehen, aber keine päpstlichen Lehrsätze über den Tango.
Der entscheidende Unterschied liegt deshalb nicht darin, wer von uns mehr weiß. Er liegt darin, wie man mit dem eigenen Nichtwissen umgeht. Ob man seine Auffassung als begründete Position kennzeichnet oder als endgültiges Urteil. Ob man anderen zugesteht, ebenfalls Erfahrungen und Argumente zu besitzen, oder sie lediglich als Beleg für die eigene Überlegenheit verwendet.
Vielleicht lautet die ehrlichste Bilanz der deutschen Tango-Blogosphäre deshalb:
Zwei ältere Herren schreiben sehr viel über Tango und erklären sich gegenseitig, warum der andere ihn nicht verstanden hat.
Sabelotodismo eben.
Riedls Antwort erinnert nur noch an einen wütenden Pinscher, der sich am Hosenbein festbeißt. Er zerrt an Karikatur, Leserniveau und angeblicher Nervosität, erreicht aber den Kern der Kritik nicht.
Nachtrag*:
Riedl hat inzwischen einen ganzen Artikel, nein zwei Artikel* über das Wort „Pinscher“ geschrieben. Darin führt er von Tucholsky über Ludwig Erhard und Günter Grass bis zu Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Markus Söder. Auf die Argumente meines Textes geht er erneut nicht ein.
Damit bestätigt er unfreiwillig genau das verwendete Bild: Er hat sich an einem einzigen Wort festgebissen und zerrt daran weiter, während der eigentliche Gegenstand längst unbehelligt danebensteht.
Besonders schön ist sein abschließender Rat: „Weniger ist oft mehr.“ Nach einem derart ausgedehnten Ausflug wegen einer einzigen Metapher kann man dem nur zustimmen.
Man muss Riedl lassen: Kein anderer hätte die Metapher vom Pinscher überzeugender illustrieren können als er selbst.
Wie lebhaft war der Meinungsaustausch wirklich?
Ich habe mir inzwischen die Mühe gemacht, Riedls Kommentare für den Monat Juli selbst nachzuzählen (aber per KI), weil er behauptete, ich hätte seinen Zahlen nicht viel entgegenzusetzen. Das Ergebnis fällt deutlich anders aus, als seine Monatsbilanz vermuten lässt.
Riedl spricht von insgesamt 93 Kommentaren. Öffentlich auffindbar waren jedoch nur 69*. Damit fehlen 24 Kommentare – fast ein Drittel der von ihm genannten Zahl. Sollen diese 24 Beiträge tatsächlich sämtlich beleidigend, unsachlich oder unzumutbar gewesen sein? Das lässt sich nicht überprüfen, denn Riedl hält sie zurück. Ebenso wenig lässt sich ausschließen, dass sich darunter sachlich formulierte und gut begründete Kritik befand, oder auf die eine Antwort unbequemer gewesen wäre.
Belege, Herr Riedl, Belege!
Noch bemerkenswerter ist die Zusammensetzung der sichtbaren Kommentare: 45 der 66 Beiträge stammen von Riedl selbst. Lediglich 21 Kommentare wurden von anderen Personen verfasst.
Mit anderen Worten: Rund zwei Drittel des öffentlich sichtbaren „Meinungsaustauschs“ führte Gerhard Riedl mit sich selbst beziehungsweise unter seinen eigenen Artikeln als Antwort. Aber oft nicht als Antwort. Von den behaupteten 93 Kommentaren kamen nur knapp 23 Prozent tatsächlich von außen.
Sein Satz,
„Dass auf meiner Seite kein Meinungsaustausch stattfindet, ist ein gut erfundenes Märchen“,
bekommt damit eine unerwartete Bedeutung. Offenbar zählt Riedl seine eigenen Kommentare unter den eigenen Beiträgen als Beleg für eine lebhafte Debatte.
Man könnte auch sagen: Der Meinungsaustausch findet statt – nur überwiegend zwischen Gerhard Riedl und Gerhard Riedl.
(*Übrigens regt sich Riedl gern über meine Nachträge auf. Vielleicht sollte ich sie künftig „Epiloge“ nennen – das klingt literarischer. Er selbst veröffentlicht seine Nachträge als Kommentare unter den eigenen Texten und kommentiert darin wahlweise sich selbst mich oder andere.)
Zweierlei Maß
Unser Kommunikationsgenie Riedl hat inzwischen eine genaue Bestandsaufnahme der Kommentare veröffentlicht, die er im Juli 2026 nicht freigeschaltet hat. Seine Aufstellung widerlegt meine Vermutung nicht – sie verschärft sie eher. (Den Beitrag will er am 5. August wieder löschen; ich habe mir vorsorglich eine Kopie gesichert.)
Ich bin überzeugt: Müsste Riedl seine eigenen Kommentare nach denselben Maßstäben prüfen, nach denen er fremde Beiträge blockiert, dürfte er einen beträchtlichen Teil davon ebenfalls nicht veröffentlichen. Denn auch seine eigenen Wortmeldungen enthalten regelmäßig Spott, persönliche Herabsetzungen, Unterstellungen und einen Tonfall, den er bei anderen umgehend als unangemessen beanstanden würde.
Man muss nochmals hervorheben: Er kann blockieren was er will. Aber bitte seinen Blog als Beispiel für freien Meinungsaustausch bezeichnen.
Er misst offenkundig mit zweierlei Maß. Was bei ihm als Satire, deutliche Sprache oder berechtigte Gegenwehr gilt, wird beim Kritiker zum „Mist“, zur Provokation oder zur Beleidigung.
Die zahlreichen Kommentare, in denen sich Leser – wenn auch teilweise anonym – gerade über seinen Ton beschweren, sollten ihm eigentlich zu denken geben. An der zunehmenden Ablehnung seines Blogs dürfte er einen erheblichen Anteil selbst haben. Nicht wegen seiner inhaltlichen Positionen. Die darf er selbstverständlich vertreten, sofern er sie plausibel und nachvollziehbar begründet. Das Problem ist die Art, in der er sie vorträgt: die ständigen Herabsetzungen, der Spott, die Rechthaberei, das Nörgeln über falsch geschriebene Namen, die demonstrativen Rechtschreibkorrekturen und die persönlichen Beleidigungen.
Daran ändert auch sein häufig gewandter Schreibstil nichts. Ein geschliffener Satz macht eine Herabsetzung nicht weniger herabsetzend. Und wenn der bayerische Grantler durchbricht, muss Riedl seine Beleidigungen bisweilen sogar noch im Fettdruck hervorheben – offenbar aus Sorge, sie könnten sonst übersehen werden.
Man muss es einmal deutlich sagen: Riedl ist ein ausgesprochen unangenehmer Schreiber – frech, herablassend und nicht selten unverschämt. Das haben ihm inzwischen viele Menschen mitgeteilt. Nur scheint er jede solche Reaktion lieber als Beweis für die Bosheit seiner Kritiker zu verwenden, statt den eigenen Anteil daran zu prüfen.
Jetzt bin ich selbst mal in sein Archiv eingezogen. Vielleicht spürt er selbst einmal, wie sich das anfühlt.