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Época de Oro II?

Época de Oro II?

Während wir musikalisch noch von den 1940er-Jahren leben, hat sich der Tanz längst weiterentwickelt.

Was war die Época de Oro?

Mit der Época de Oro bezeichnet man gewöhnlich die große Zeit des Tango zwischen etwa Mitte der 1930er- und Mitte der 1950er-Jahre. Es war die Epoche der großen Orchester, Sänger, Komponisten und Arrangeure, aber ebenso eine Zeit, in der Tango gesellschaftlich tief verankert war. Tanzlokale, Rundfunk, Schallplattenproduktion und ein großes Publikum bildeten ein zusammenhängendes kulturelles System.

Die Musik entstand für die Gegenwart der damaligen Tänzer. Neue Stücke, neue Arrangements und unverwechselbare Orchesterstile konkurrierten miteinander. Buenos Aires war nicht nur das Zentrum des Tanzes, sondern zugleich ein Ort permanenter musikalischer Produktion.

Wenn heute von einer Época de Oro II gesprochen würde, könnte damit daher keine Wiederholung dieser Verhältnisse gemeint sein. Die Voraussetzungen haben sich grundlegend verändert.

Die Welt tanzt, Buenos Aires bleibt das Labor

Heute wird Tango auf der ganzen Welt getanzt. Milongas, Festivals, Marathons, Encuentros und Workshops finden auf nahezu allen Kontinenten statt. Lehrer reisen international, Tänzer besuchen Veranstaltungen in anderen Ländern, und neue Entwicklungen verbreiten sich innerhalb kurzer Zeit über die gesamte Szene.

Noch nie war Tango geografisch so weit verbreitet. Die historische Época de Oro war eine lokale Massenkultur. Der heutige Tango ist eher eine internationale Subkultur.

Dennoch hat die weltweite Verbreitung Buenos Aires nicht ersetzt. Die Stadt bleibt das wichtigste kreative Zentrum des Tanzes. Dort ist die Konzentration hervorragender Tänzer, Lehrer und unterschiedlicher Stilrichtungen weiterhin besonders hoch. Entscheidend ist nicht nur die Qualität einzelner Personen, sondern ihre Dichte.

In Buenos Aires begegnen sich unterschiedliche Generationen, Erfahrungen und Auffassungen auf engem Raum. Tänzer beobachten einander, übernehmen Ideen, widersprechen sich und entwickeln neue Möglichkeiten. Diese Verdichtung lässt sich an anderen Orten nur schwer herstellen.

Buenos Aires bleibt daher das Labor. Die internationale Szene ist der Resonanzraum.

Eine goldene Epoche des Tanzes?

Seit den 1980er- und 1990er-Jahren hat sich der Tango tänzerisch erheblich weiterentwickelt. Bewegungen wurden genauer analysiert, systematisiert und miteinander in Beziehung gesetzt. Achsen, Dissoziation, Drehmechanik, freie und gekreuzte Systeme, Sacadas, Volcadas, Colgadas und zahlreiche weitere Möglichkeiten wurden nicht unbedingt neu erfunden, aber besser verstanden und vermittelbar gemacht.

Die entscheidende Entwicklung lag nicht in der bloßen Vermehrung von Figuren. Es entstand ein klareres Verständnis der Bewegungsgrammatik des Tango. Bewegungen konnten zunehmend aus Prinzipien entwickelt werden, statt ausschließlich als feste Folgen gelernt zu werden.

Vieles, was früher nur einzelne Tänzer intuitiv beherrschten, wurde beschreibbar. Dadurch vergrößerte sich nicht nur das Repertoire, sondern auch das Verständnis dafür, warum bestimmte Bewegungen funktionieren.

Das bedeutet nicht, dass heute automatisch besser getanzt wird. Technisches Wissen kann ebenso zu Effekthascherei und Überfrachtung führen. Trotzdem sind die tänzerischen Möglichkeiten heute differenzierter als je zuvor.

Die erste Época de Oro schuf die Musik. Die zweite erforscht möglicherweise den Tanz.

Qualität braucht keine Masse

Eine qualitative Entwicklung muss nicht an der Zahl der Tänzer gemessen werden. Tango kann sich verfeinern, auch wenn er dadurch nicht massenkompatibler wird.

Seine qualitative Grenze ist ohnehin nach oben offen. Ein einfacher Schritt kann über Jahrzehnte verbessert werden. Timing, Balance, Musikalität, Dynamik, Verbindung und Raumgefühl lassen sich immer weiter differenzieren. Äußerlich bleibt es vielleicht ein Schritt, tänzerisch können zwischen zwei Ausführungen Welten liegen.

Weiterentwicklung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, immer komplizierter zu tanzen. Sie kann ebenso darin bestehen, das Einfache präziser, musikalischer und angenehmer zu gestalten.

Mehr Tänzer bedeuten nicht automatisch mehr Qualität. Eine kleine Szene kann eine hohe Tanzkultur besitzen, während eine große Szene oberflächlich und schematisch tanzt. Quantität, Zugänglichkeit und Qualität sind verschiedene Maßstäbe.

Eine Época de Oro II müsste daher nicht zwingend eine neue Massenbewegung sein. Sie könnte ebenso eine künstlerische und tänzerische Hochphase bezeichnen.

Gesellschaftstanz hat Grenzen

Trotzdem bleibt Tango ein Gesellschaftstanz. Er muss von Menschen erlernbar sein, die einen Beruf, Familie und andere Verpflichtungen haben. Die meisten können nicht täglich mehrere Stunden trainieren.

Tango liegt ohnehin nahe an der Grenze dessen, was ein Gesellschaftstanz normalen Freizeittänzern abverlangt. Man muss improvisieren, führen oder folgen, auf die Musik hören, das Gleichgewicht organisieren, den Partner wahrnehmen und gleichzeitig die Ronda beachten. All das geschieht ohne festgelegte Schrittfolge.

Eine Weiterentwicklung, die lediglich die Anforderungen erhöht, kann den Tanz für wenige verfeinern, aber zugleich seine gesellschaftliche Basis verkleinern. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Qualität muss nicht von allen erreicht werden. Problematisch wird es erst, wenn die Spitze zum notwendigen Mindeststandard erklärt wird.

Dasselbe gilt für die Musik. Wird sie immer komplexer, bleiben viele Tänzer auf der Strecke. Die Abschreckung wächst. Die Alternative kann aber auch nicht darin bestehen, den Musikbezug weitgehend aufzulösen.

Die Herausforderung besteht darin, den Tango an der Basis zugänglich und nach oben offen zu halten.

Der Tanz ist weiter als seine Musik

Der auffälligste Widerspruch der heutigen Tangowelt liegt in der Musik. Der Tanz hat sich weiterentwickelt, getanzt wird jedoch noch immer überwiegend zu Aufnahmen der historischen Época de Oro.

Wir tanzen mit den Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu Musik aus den 1940er-Jahren.

Das ist einerseits ein Beweis für die außergewöhnliche Qualität dieser Musik. Andererseits zeigt es, dass eine vergleichbare neue Sozialtanzmusik kaum entstanden ist.

Piazzolla schließt diese Lücke nicht. Seine Musik ist eine bedeutende künstlerische Weiterentwicklung des Tango, eignet sich aber nur eingeschränkt für sozialen Tanz in einer gefüllten Ronda. Lange Spannungsbögen, Tempowechsel, Brüche und konzertante Strukturen verlangen viel Aufmerksamkeit, Raum und Erfahrung. Auch in der Neo-Szene ist Piazzolla daher keineswegs die ideale allgemeine Tanzmusik.

Dort wurde häufig ein anderer Weg gewählt. Statt neue Tangomusik zu entwickeln, verwendet man Pop, Elektronik, Filmmusik oder andere vorhandene Musik und tanzt dazu Tangobewegungen. Das kann den Zugang erleichtern, weil die Musik vertrauter und rhythmisch oft übersichtlicher ist.

Gleichzeitig wird der konkrete Musikbezug häufig lockerer. Die Musik dient dann eher als Atmosphäre oder Klangkulisse, während bekannte Bewegungen relativ unabhängig darübergelegt werden.

Dadurch kann die Zahl der Menschen wachsen, die sich mit Tangobewegungen beschäftigen. Ob damit auch der Tango als musikalischer Gesellschaftstanz wächst, ist eine andere Frage.

Könnten die neuen Orchester eine zweite Época de Oro schaffen?

Inzwischen gibt es wieder eine beachtliche Zahl leistungsfähiger Tango-Orchester, die ausdrücklich für Tänzer spielen. Solo Tango Orquesta, Bandonegro, La Juan D’Arienzo, Orquesta Romántica Milonguera, Sexteto Cristal, Orquesta Típica Andariega, Misteriosa Buenos Aires und weitere Ensembles zeigen, dass die traditionelle Spielweise keineswegs ausgestorben ist.

Manche orientieren sich sehr genau am Klang einzelner historischer Orchester. Andere verbinden klassische Spielweisen mit moderneren Arrangements und eigenen Kompositionen. Andariega und Misteriosa Buenos Aires versuchen ausdrücklich, den tanzbaren Tango nicht nur zu bewahren, sondern weiterzuentwickeln.

Diese Orchester sind technisch hervorragend, international erfolgreich und in der Lage, eine Milonga mit lebendiger Musik zu tragen. Ihre Bedeutung sollte deshalb nicht kleingeredet werden.

Trotzdem bilden sie noch keine zweite musikalische Época de Oro.

Die historische Epoche bestand nicht nur aus einigen ausgezeichneten Orchestern. Sie beruhte auf einem vollständigen Produktionssystem aus Komponisten, Arrangeuren, Sängern, Rundfunksendern, Plattenfirmen, Tanzlokalen und einem großen Publikum, das fortlaufend neue Musik verlangte.

Vor allem entstand ständig neues Repertoire. Die Orchester unterschieden sich nicht nur durch ihre Interpretation bekannter Stücke. Sie entwickelten eigene Arrangements, neue Kompositionen und unverwechselbare Klangwelten. Ihre Musik gehörte zum Alltag der damaligen Tänzer.

Die heutigen Ensembles arbeiten unter völlig anderen Bedingungen. Viele spielen neue Fassungen des historischen Repertoires oder rekonstruieren bewusst den Klang einzelner Vorbilder. Das kann musikalisch ausgezeichnet und für heutige Tänzer sehr wertvoll sein. Eine neue Epoche entsteht daraus aber noch nicht.

Auch die neuen tanzbaren Kompositionen haben bislang keinen gemeinsamen zeitgenössischen Kanon hervorgebracht. Auf den meisten Milongas dominieren weiterhin die historischen Aufnahmen. Die neuen Orchester leben noch immer im Gravitationsfeld der ersten Época de Oro.

Es fehlt also nicht an guten Musikern oder tragfähigen Ensembles. Es fehlt an einer breiten musikalischen Bewegung. Erst wenn zahlreiche Orchester regelmäßig neue Sozialtanzmusik hervorbringen, diese Stücke von DJs selbstverständlich gespielt werden und Tänzer sie als gemeinsames Repertoire annehmen, könnte daraus eine zweite Época de Oro der Musik entstehen.

Vielleicht stehen wir nicht mitten in dieser neuen goldenen Epoche, sondern erst am Beginn ihrer Voraussetzungen.

Época de Oro II – ja, aber anders

Erleben wir heute also eine zweite Época de Oro?

Vielleicht. Aber sie ist mit der ersten nicht unmittelbar vergleichbar.

Die historische Época de Oro war eine Blüte der Musikproduktion, der Orchester, der Tanzlokale und der gesellschaftlichen Tangokultur. Die heutige Epoche besitzt andere Stärken: weltweite Verbreitung, systematische tänzerische Erforschung, eine hohe Konzentration hervorragender Tänzer in Buenos Aires und eine nach oben offene Vielfalt der Bewegungsmöglichkeiten.

Sie muss nicht an der Zahl der Tänzer gemessen werden. Tango kann sich qualitativ entwickeln, ohne massenkompatibler zu werden. Seine künstlerische Grenze ist offen.

Musikalisch leben wir jedoch weiterhin weitgehend von der ersten Época de Oro. Die neuen Orchester zeigen, dass eine Entwicklung möglich ist, haben aber bislang noch keine vergleichbare musikalische Bewegung geschaffen.

Deshalb lautet die Antwort: Ja, möglicherweise erleben wir eine Época de Oro II. Aber nicht als Wiederholung der ersten. Die erste war eine goldene Epoche der Tangomusik. Die heutige ist vielleicht eine goldene Epoche des Tanzes.

Vollständig wäre sie erst, wenn der Tango des 21. Jahrhunderts auch seine eigene Sozialtanzmusik fände.

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