
Green Tango – jetzt wird auch noch nachhaltig geschmust
Ich habe einen Beitrag im Feedspot gefunden. Da geht es einem Blogger oder einer Bloggerin um „Green Tango“, also um grünen oder nachhaltigen Tango. Offenbar hatte er oder sie bereits im Mai 2010 einen Artikel darüber geschrieben und wollte nun eine Bestandsaufnahme machen: Wie weit ist es inzwischen mit dem nachhaltigen Tango gediehen?
Offensichtlich nicht besonders weit.
Kein Wunder. Es lässt sich eben nicht alles begrünen, was Spaß macht. Man kann Tango natürlich unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit, Rücksicht, Schuhwerk, Schlaf und Lautstärke betrachten. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden. Wer seine Füße, Ohren und Mitmenschen dauerhaft ruiniert, tanzt vielleicht leidenschaftlich, aber nicht besonders klug.
Nur wird es etwas komisch, wenn aus ganz normalen Selbstverständlichkeiten plötzlich ein grünes Konzept gemacht wird. Nicht anderen Leuten in die Beine zu treten, die Musik nicht auf Presslufthammer-Niveau zu drehen und Schuhe zu tragen, in denen man auch morgen noch laufen kann, ist ja keine ökologische Revolution.
Das ist eher die Mindestanforderung an zivilisiertes Verhalten auf und neben der Tanzfläche.
Jetzt soll also auch der Tango grün werden. Nachhaltig. Körperbewusst. Zukunftsfähig. Damit man auch in dreißig Jahren noch gesund über die Tanzfläche gleiten kann.
Donnerwetter. Das ist mal eine optimistische Lebensplanung.
Geliebte Gewohnheiten, Milonga-Zeiten, Schuhwerk, Lautstärke und offenbar auch die nächtliche Lebensführung sollen nun angepasst werden, damit der Tanguero und die Tanguera möglichst lange betriebsfähig bleiben. Tango also nicht mehr nur als Tanz, sondern als eine Art betriebliche Gesundheitsvorsorge mit Bandoneon.
Natürlich ist an vielen Punkten etwas dran. Wer sich jede Woche mit übermüdetem Körper, schmerzenden Füßen und fiependen Ohren nach Hause schleppt, sollte sich vielleicht tatsächlich fragen, ob das noch Leidenschaft ist oder schon ein etwas romantisch verpacktes Verschleißprogramm.
Aber muss man dafür gleich das Etikett „Green Tango“ aus dem Schrank holen?
Thursday, July 2, 2026
Sustainable Tango is Green Tango
Back in 2010, I wrote about „Green Tango,“ sustainable tango, a tango healthy for one’s body. How are we doing 16 years later? Not very well in most of the categories that I had suggested back then. However, we have made some progress. Ten years ago, I was met with scepticism from my female friends and some readers about tango shoes and foot care. Women are more and more wearing nice tango shoes that do not have high heels. I am curious; please tell me how your Wise Tango is coming along!
18 May 2010
Is your tango sustainable?
„Green-Tango“ is taking care of yourself and having a tango community that will last. „Red-Tango“ is a live-for-the-moment tango.
Green Feet: Foot Care for Green Tango
Some tango shoes for women can cripple a woman over time. Talk to any podiatrist. Green-Tango is devoted to comfortable shoes for women who are currently harming their feet and skeletal systems with high heels. We all love these shoes, but they represent unsustainable tango.
Green Sleep: The Immune System
Tango usually starts late at night and goes into the night. Does it have to be that way? Green tango communities have at least some early milongas. All medical researchers tell us that we need to insist on good sleep. Good sleep is necessary for healthy bodies, which we need to dance tango in our 90’s and beyond. A person who does not sleep enough is hurting many things, but the most important is their immune system.
Green Safety: Social Tango is Safe Tango
Safety on the dance floor keeps people from getting injured. Sometimes injuries do not stop people from dancing, but out of pain avoidance, dance can be no more fun. People give up dance if the community is not safe. The thrill of cool moves and the nightlife, including inebriation, cause danger on the dance floor. A code of ethics of safe dancing is a necessary part of a green tango community. Unfortunately, too many tango teachers teach little about safety. The „violence“ has typical victims: Women. Their bare legs and their exposed feet receive to worst of it. Teaching boleros, ganchos, sentadas, volcadas, colgadas, etc. needs a bit of instruction about safety for backs and danger to those around you. Some milongas ban those who are unsafe on the dance floor.
Green Ears:
Music positioned at ear level, blasting in one’s ear over 100 decibels, creates ear damage. I always wore hearing protection as a professional drummer. Always. Many of my musician friends now have serious hearing loss. Yes, there is Green Music and Red Music. The joy of dance will be ruined if you cannot hear it!
Green Tango is Future Tango:
Sustainable tango is the dance you dance all of your life because you can–all because of being a Green tanguero or tanguera.
A comment from 2010:
I don’t agree that wearing high heels to dance ruins the feet. Many women come to tango after a lifetime of wearing high heels to work and to play, and so already have bunions and other foot problems. If the high heels are used only to dance (and one doesn’t dance 14 hours a day unless a stage dancer), then it’s sustainable.
Tango Therapist at Thursday, July 02, 2026
Wenn Rücksicht plötzlich nachhaltig wird
Dass man auf einer Tanzfläche keine Gewalt ausübt, keine fremden Beine ramponiert, keine Füße mit Stilettos perforiert und seine Mitmenschen nicht wie Verkehrshindernisse behandelt, sollte eigentlich keine Frage der Nachhaltigkeit sein.
Das nennt man Rücksicht.
Oder, noch einfacher: nicht bescheuert tanzen.
Natürlich lebt länger, wem beim Tanzen nicht die Beine gebrochen werden. Das ist medizinisch vermutlich unstrittig. Aber was genau ist daran jetzt grün? Wenn ich meinem Nachbarn nicht mit dem Gancho das Schienbein paniere, rette ich nicht den Regenwald. Ich benehme mich nur halbwegs zivilisiert.
Der Text vermischt hier zwei Ebenen. Auf der einen Seite stehen wirklich sinnvolle Fragen: Sind Tangoschuhe gesund? Sind Milongas zu spät? Ist die Musik zu laut? Wird auf der Tanzfläche zu rücksichtslos getanzt? Alles berechtigte Themen.
Auf der anderen Seite wird daraus eine kleine Nachhaltigkeitsreligion gebastelt. Plötzlich ist der flache Schuh „grün“, der hohe Absatz „rot“, die frühe Milonga vernünftig, die späte Milonga verdächtig, und der DJ steht gedanklich schon neben dem Kompostbehälter für schlechte Pugliese-Beschallung.
Das ist mir dann doch etwas zu viel moralische Verpackung für Dinge, die man auch nüchterner sagen könnte:
- Tragt Schuhe, in denen eure Füße nicht nach fünf Jahren Strafanzeige erstatten.
- Dreht die Musik nicht so laut, dass die Gäste nach der Di-Sarli-Tanda einen Termin beim HNO brauchen.
- Tanzt nicht so, als hätte euch jemand eine Privatbühne in die Ronda gebaut.
- Und wer am nächsten Morgen arbeiten muss, sollte vielleicht nicht so tun, als sei Schlaf ein bürgerliches Vorurteil.
Mehr ist es im Grunde nicht.
Die hohen Absätze: Zwischen Eleganz und Zehenfolter
Bei den Schuhen hat der Autor oder die Autorin natürlich einen Punkt. Viele Tangoschuhe für Frauen sehen aus, als seien sie nicht für Füße gebaut worden, sondern für Fotos. Vorne eng, hinten hoch, dazwischen die Hoffnung, dass der menschliche Fuß sich schon irgendwie der argentinischen Leidenschaft unterordnet.
Auf Dauer kann das Probleme machen. Das muss man nicht schönreden. Wer regelmäßig stundenlang auf hohen Absätzen tanzt, sollte sich nicht wundern, wenn die Füße irgendwann eine Gewerkschaft gründen.
Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Nicht jeder hohe Absatz ist automatisch ein medizinischer Skandal, und nicht jeder flache Schuh ist ein Beitrag zur Weltgesundheit. Man kann in flachen Schuhen auftreten wie ein schlecht gelaunter Paketbote und in Absatzschuhen wunderbar sauber, kontrolliert und ökonomisch tanzen.
Das eigentliche Problem ist nicht der Absatz allein. Das Problem ist die Szene-Folklore, die Frauen lange genug eingeredet hat, Tango beginne erst ab einer gewissen Absatzhöhe. Als wäre die Tänzerin ohne High Heel nur eine Art vorläufige Fußgängerin.
Da darf man ruhig widersprechen. Aber bitte ohne daraus gleich eine ökologische Heilslehre zu basteln.
Grüner Schlaf: Die Milonga als Angriff auf das Immunsystem
Auch beim Schlaf liegt der Text nicht falsch. Tango beginnt oft spät, endet noch später, und danach steht man im Badezimmer, schminkt sich ab oder sucht seine Autoschlüssel und fragt sich, warum man mit 68 Jahren noch Lebensentscheidungen trifft wie ein Erasmus-Student.
Schlaf ist wichtig. Natürlich. Frühe Milongas sind sinnvoll. Nachmittagsmilongas sind sinnvoll. Gerade für Menschen, die am nächsten Tag arbeiten, älter sind, Familie haben oder einfach keine Lust mehr auf dieses romantische „Wir tanzen bis zum Morgengrauen und sterben dann gepflegt an Cortisol“.
Aber Tango ist nun einmal auch Nachtkultur. Ein Teil der Milonga lebt davon, dass die normale Welt draußen schon den Schlafanzug anhat. Diese Stimmung kann man nicht einfach durch „Beginn 18:00 Uhr, Ende 21:30 Uhr, bitte bringen Sie Ihre Gesundheitskarte mit“ ersetzen.
Die richtige Forderung wäre also nicht: Weg mit den späten Milongas.
Sondern: Mehr Vielfalt. Frühe Milongas, späte Milongas, Nachmittagsmilongas.
Aber die gibt’s doch alle schon.
Nicht jeder muss seine Leidenschaft im Modus „Schichtarbeiter nach der dritten Überstunde“ ausleben.
Sicherheit ist keine Deko
Der stärkste Teil des Beitrags ist die Sicherheit auf der Tanzfläche. Da trifft er ins Schwarze.
Denn im Tango gibt es leider diese Spezialisten, die ihre Bewegungsfreiheit mit einem Räumfahrzeug verwechseln. Boleos, Ganchos, Sentadas, Volcadas, Colgadas – alles sehr schön, wenn man weiß, was man tut. Weniger schön, wenn man es in einer vollen Ronda einsetzt, als hätte man gerade eine Privatfläche in der Stadthalle gemietet.
Besonders Frauen bekommen davon oft das meiste ab. Offene Schuhe, nackte Beine, Füße im Gefahrenbereich – und dann kommt von hinten der lokale Bühnenkünstler für Arme und fegt mit einem dekorativen Bein durch die Gegend. Danach heißt es dann gerne: „Das war halt eng.“
Nein. Das war nicht eng. Das war blöd getanzt.
Und da wird der Text wichtig: Sicherheit ist kein Zusatzthema. Sicherheit ist Teil der Technik. Wer Figuren unterrichtet, die Raum, Dynamik oder Risiko erzeugen, muss auch unterrichten, wann man sie lässt. Nicht jede Figur, die man kann, hat ein Recht auf öffentliche Aufführung.
Das gilt übrigens besonders für die Sorte Tänzer, die ihre Rücksichtslosigkeit als „Ausdruck“ bezeichnet. Ausdruck ist schön. Aber wenn der Ausdruck bei der Nachbartänzerin im Schienbein landet, war es vielleicht doch eher Eitelkeit mit Musikbegleitung.
„Gewalt“ auf der Tanzfläche?
Der/die Autor/in benutzt dafür das Wort „violence“. Das kann man verstehen, aber es ist ein schweres Wort.
Nicht jeder Rempler ist Gewalt. Nicht jeder schlechte Gancho ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Vieles ist schlicht Unfähigkeit, Selbstüberschätzung oder Unterricht, bei dem mehr Wert auf Effekt als auf Verantwortung gelegt wurde.
Aber harmlos ist es deshalb nicht. Wer dauernd andere gefährdet, kann sich nicht hinter Leidenschaft verstecken. Eine Milonga ist keine Action-Szene. Und eine volle Ronda ist nicht der richtige Ort, um der Welt zu zeigen, dass man gestern ein Video aus Buenos Aires gesehen hat.
„Grüne Ohren“ und andere Klangschäden
Der Abschnitt über Lautstärke ist fast noch wichtiger, als er klingt. Viele Milongas sind nicht nur laut, sondern schlecht laut. Die Boxen hängen auf Ohrhöhe, die Höhen schneiden wie Rasierklingen, der Bass wummert gegen die Rippen, und der DJ dreht nach jeder Tanda noch ein bisschen auf, weil er offenbar glaubt, Begeisterung sei eine Frage von Dezibel.
Man geht dann nach Hause und hat nicht „intensiv getanzt“, sondern ein Pfeifen im Ohr.
Auch hier gilt: Gute Musik besteht nicht nur aus der richtigen Tanda. Sie muss auch so abgespielt werden, dass man sie genießen kann, ohne sich anschließend beim HNO für die schöne Pugliese-Runde zu bedanken.
Ein Dezibelmessgerät wäre auf manchen Milongas tatsächlich nützlicher als Klangschalen.
Was der Text übersieht: soziale Nachhaltigkeit
Der Text spricht von einer nachhaltigen Tangogemeinschaft. Aber dann geht es vor allem um Körper: Füße, Schlaf, Ohren, Verletzungen.
Das ist wichtig. Aber eine Szene kann auch sozial völlig ungesund sein, selbst wenn alle in flachen Schuhen tanzen und um 22 Uhr im Bett liegen.
Wie geht man mit Anfängern um? Mit älteren Tänzern? Mit langsamen Lernern? Mit Menschen, die nicht zum Szene-Ideal passen? Mit Frauen, die nicht dauernd verfügbar sein wollen? Mit Männern, die nicht den großen Macho-Führer geben möchten? Mit Konkurrenz zwischen Veranstaltern? Mit Lehrern, die sich gegenseitig ignorieren und danach „Tangofamilie“ auf den Flyer schreiben?
Auch das gehört zur Nachhaltigkeit.
Denn eine Szene, die körperlich gesund tut, aber menschlich vergiftet ist, bleibt trotzdem keine gute Szene. Dann hat man zwar bequeme Schuhe, aber immer noch schlechte Laune.
Erwachsener Tango statt grünes Gütesiegel
Der interessante Punkt wäre also nicht „Green Tango“, sondern erwachsener Tango. Ein Tango, bei dem man nicht jeden Unsinn mit Leidenschaft entschuldigt. Ein Tango, in dem Eleganz nicht bedeutet, den eigenen Körper gegen seine Bauanleitung zu benutzen. Und ein Tango, bei dem Rücksicht nicht erst dann beginnt, wenn jemand humpelnd von der Fläche getragen wird.
Man kann diesen Gedanken ernst nehmen. Aber man muss ihn nicht gleich mit einem grünen Gütesiegel bekleben.
Tango darf spät sein. Tango darf sinnlich sein. Tango darf elegant sein. Tango darf auch mal unvernünftig sein. Sonst kann man gleich Seniorengymnastik mit Cortinas anbieten.
Aber Tango sollte nicht dumm sein.
Und vielleicht reicht das schon als Nachhaltigkeitskonzept.