Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Wenn wir beim Tanzen nicht denken müssen – wie lernen wir es dann?

Eine Ergänzung zu Tom Tabaczynskis Theorie über motorisches Lernen

In einer Diskussion über meinen Artikel stellte Tom Tabaczynsky eine interessante Frage: Denken wir beim Autofahren darüber nach, was wir gerade tun? Denken wir beim Sprechen bewusst über Grammatikregeln nach? Warum sollten wir dann annehmen, dass Tanzen auf bewussten Entscheidungen beruht, die anhand zuvor gelernter Regeln getroffen werden?

Das ist zunächst ein guter Einwand. Ein erfahrener Autofahrer überlegt normalerweise nicht mehr, welchen Fuß er beim Anfahren wohin setzen muss. Beim Sprechen konstruieren wir unsere Sätze ebenfalls nicht, indem wir zunächst grammatische Regeln ins Bewusstsein rufen. Und auch ein erfahrener Tänzer sollte beim Tanzen nicht fortlaufend denken: Jetzt verlagere ich mein Gewicht, anschließend drehe ich mein Becken um einen bestimmten Winkel und danach setze ich den nächsten Schritt.

Gut gelernte komplexe Fähigkeiten werden zu einem erheblichen Teil automatisiert. Gerade darin besteht ein wesentlicher Teil des Lernens.

Problematisch wird das Argument jedoch, wenn aus dieser richtigen Beobachtung eine zweite Behauptung abgeleitet wird: Weil eine Fähigkeit später weitgehend ohne bewusste Steuerung ausgeführt wird, könne sie auch nur auf nichtbewusste Weise gelernt werden. Und genau diesen Schritt macht Tabaczynsky, wenn er schreibt, das Tanzen auf einer vollen Tanzfläche sei „the only way to learn“, weil man dies nicht bewusst im Unterricht lernen könne.

Hier werden zwei verschiedene Fragen miteinander vermischt: Wie wird eine ausgebildete Fähigkeit ausgeführt? Und wie wird diese Fähigkeit erworben?

Dass ich heute beim Autofahren nicht mehr über das Kuppeln nachdenke, bedeutet nicht, dass ich niemals bewusst gelernt habe, wie eine Kupplung funktioniert. Dass ich beim Schreiben nicht über jede grammatische Regel nachdenke, bedeutet nicht, dass Erklärungen, Korrekturen oder bewusste Beschäftigung mit Sprache keinen Einfluss auf meinen Spracherwerb gehabt haben können. Und dass ein Tänzer irgendwann nicht mehr über seine Bewegungsorganisation nachdenkt, beweist ebenso wenig, dass Hinweise, Aufgaben oder Unterricht an deren Entstehung nicht beteiligt gewesen sein können.

Automatisierung ist ein mögliches Ergebnis des Lernens. Sie ist keine Beschreibung der einzigen möglichen Lernmethode.

Gerade in der Bewegungsforschung finden wir keinen einfachen Gegensatz zwischen „bewusst gelernt“ und „unbewusst gelernt“. Motorisches Lernen kann implizite und explizite Anteile enthalten. Bewusst erworbene Informationen können mit zunehmender Erfahrung automatisiert werden. Gleichzeitig gibt es gute Gründe, eine zu starke bewusste Kontrolle einer bereits automatisierten Bewegung kritisch zu sehen. Wer während einer flüssigen Bewegung plötzlich versucht, jeden einzelnen Bestandteil bewusst zu kontrollieren, kann diese Bewegung tatsächlich verschlechtern.

Aber auch daraus folgt nicht, dass Hinweise oder Unterricht grundsätzlich schädlich wären. Es bedeutet vielmehr, dass Unterricht nicht mit permanenter bewusster Bewegungssteuerung verwechselt werden darf.

Ein Lehrer kann beispielsweise eine Aufgabe formulieren, ohne deren Lösung vorzugeben. Er kann die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Wirkung richten, den Raum einschränken, unterschiedliche Situationen herstellen oder Bedingungen verändern, unter denen die Lernenden selbst Lösungen finden müssen. In modernen Ansätzen des motorischen Lernens wird genau diese Gestaltung der Lernumgebung als wichtige Aufgabe von Trainern verstanden.

Damit kommen wir zur vollen Milonga. Dass eine dicht besetzte Tanzfläche bestimmte Fähigkeiten herausfordert, halte ich für sehr plausibel. Wer dort tanzt, muss Raum wahrnehmen, Geschwindigkeit regulieren, Bewegungen abbrechen können und sich fortlaufend an andere Paare anpassen. Eine volle Tanzfläche stellt also einen sehr reichen Lernkontext dar.

Aber aus „Dieser Kontext ist hervorragend geeignet“ folgt nicht „Dieser Kontext ist die einzige Möglichkeit zu lernen.“

Die relevanten Bedingungen lassen sich zumindest teilweise auch in einer Unterrichtssituation erzeugen. Man kann mehrere Paare auf begrenztem Raum tanzen lassen, unvermittelte Stopps oder Richtungsänderungen verlangen, die verfügbare Fläche verändern oder Aufgaben stellen, bei denen keine Schrittfolge vorgegeben wird. Die Lernenden müssen dann ebenfalls selbst Lösungen entwickeln. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Bedingungen bewusst gestaltet wurden.

Das ist immer noch Unterricht.

Hinzu kommt bei Tabaczynskys eigener Lernerfahrung eine interessante Besonderheit. Er beschreibt selbst, dass er gleichzeitig mit seinem Tangolernen Contact Improvisation trainierte und dass ihm diese Erfahrung half, sich von den im Tangounterricht erlernten Bewegungsmustern zu lösen. Damit brachte er möglicherweise bereits Fähigkeiten mit, die ein gewöhnlicher Tangoanfänger erst entwickeln müsste: Bewegung im Kontakt wahrzunehmen, kontinuierlich auf einen Partner zu reagieren, Bewegungsfluss aufrechtzuerhalten und die eigene Organisation aus einer wechselnden gemeinsamen Situation heraus anzupassen.

Was einem erfahrenen Contact-Tänzer irgendwann selbstverständlich und „natürlich“ erscheint, muss für einen Anfänger deshalb keineswegs selbstverständlich sein. Eine Fähigkeit kann so tief automatisiert sein, dass wir sogar vergessen, dass wir sie irgendwann einmal gelernt haben.

Das macht die Idee des impliziten Lernens nicht falsch. Im Gegenteil: Sie ist für Tango außerordentlich interessant. Sie spricht gegen Unterricht, der den Tänzer mit Regeln überlädt und jede Bewegung bewusst kontrollierbar machen möchte. Sie spricht für Exploration, Variation, Wahrnehmung, einen reichen Kontext und Aufgaben, deren Lösungen nicht im Voraus feststehen.

Was sie jedoch nicht begründet, ist die Behauptung, Unterricht könne am Erwerb solcher Fähigkeiten grundsätzlich nicht beteiligt sein.

Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied deshalb gar nicht zwischen Unterricht und Nicht-Unterricht, sondern zwischen verschiedenen Formen des Unterrichtens: Unterricht kann Bewegungen vorschreiben und reproduzieren lassen. Er kann aber ebenso Bedingungen schaffen, unter denen Lernende eigene Lösungen entdecken.

Man kann eine Aufgabe vorgeben, ohne ihre Lösung vorzugeben.

Und eine letzte Bemerkung zur Diskussion selbst: Eine Theorie wird nicht überzeugender, indem man Menschen, die ihr widersprechen, für unintelligent, psychisch auffällig oder anderweitig defizitär erklärt. Sie wird überzeugender, indem sie die Gegenargumente beantworten kann.

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