
Wenn ein weiterer Tango-Blog verstummt
Über das Ende einer kleinen Debattenkultur – und die Frage, ob es irgendwann auch für mich reicht
Es gab einmal eine Zeit, da war das Bloggen im Tango durchaus eine eigene kleine Welt. Man schrieb nicht nur Veranstaltungshinweise, kündigte Workshops an oder stellte das nächste Tangowochenende vor. Man vertrat Positionen, widersprach einander, berichtete von Erfahrungen, stritt über Musik, Unterricht, Tanzstile, Milongas, Traditionen und Veränderungen in der Szene. Manchmal war das klug, manchmal ärgerlich, manchmal überzogen. Aber immerhin wurde geschrieben.
Davon ist nicht mehr viel übrig.
Ich habe mich einmal umgesehen, welche deutschsprachigen Tangoblogs überhaupt noch aktiv sind. Wenn man dabei nicht jede Tanzschulseite mit gelegentlichen Neuigkeiten als Blog bezeichnet und auch die zahlreichen längst verwaisten Seiten aussortiert, wird die Liste erstaunlich kurz. Yokoitos Tangoblogblog gehört dazu, ebenso Helges Tango Blog. Enrique Grahl veröffentlicht ebenfalls noch regelmäßig Texte, wenn auch mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Daneben existieren einige Seiten, bei denen die Grenzen zwischen Blog, Veranstaltungswerbung und Archiv fließend sind.
Und natürlich gibt es meinen eigenen TANGOcompas.
Das war es dann schon fast. Fast. Denn da gibt es noch eine Echokammer meines Blogs, in der in letzter Zeit leider nur noch zuverlässig das nachhallt, was ich zuvor geschrieben habe – ergänzt um die üblichen Verdrehungen und Wiederholungen. Ihr wisst schon.
Wo sind sie geblieben?
Wer heute nach deutschsprachigen Tangoblogs sucht, findet jede Menge Spuren aus vergangenen Jahren. Blogs, auf denen einmal intensiv diskutiert wurde, deren letzter Beitrag aber fünf, zehn oder noch mehr Jahre zurückliegt. Manche Seiten sind verschwunden, andere stehen wie verlassene Häuser im Netz. Die Texte sind noch da, aber niemand wohnt mehr darin.
Das ist wahrscheinlich keine Besonderheit des Tangos. Das klassische Blog hat insgesamt an Bedeutung verloren. Diskussionen sind zu Facebook, Instagram und anderen sozialen Medien gewandert. Dort sind sie allerdings meist kürzer, schneller und flüchtiger. Ein Beitrag verschwindet nach wenigen Tagen im Strom der nächsten Meldungen. Ein ausführlicher Gedanke, den man noch Jahre später finden, verlinken und weiterentwickeln kann, passt nur bedingt in diese Welt.
Ich bedaure das.
Denn genau darin lag für mich immer der Reiz eines Blogs. Ich kann einen Gedanken ausführlicher verfolgen, als es in einem Facebook-Kommentar möglich wäre. Ich kann auf ältere Texte zurückgreifen, Zusammenhänge herstellen und gelegentlich auch feststellen, dass ich manche Dinge heute anders sehe als vor zehn Jahren.
Nur entsteht inzwischen ein anderes Problem: Irgendwann ist auch sehr viel gesagt.
68 Gedanken über Tango-Unterricht
Allein meine Reihe „Gedanken über Tango-Unterricht“ umfasst inzwischen 68 Artikel, wobei zwei davon sogar aus jeweils drei Teilen bestehen. Dazu kommen Texte über Musik, Musikalität, Umarmung, Navigation, Unterrichtssysteme, Anfängerprobleme, Neo-Tango, traditionelle Musik, Workshops, Shows, gesellschaftliche Veränderungen und alles Mögliche, was mir in vier Jahrzehnten Tango begegnet ist.
Natürlich könnte ich weiterschreiben. Irgendeinen Anlass findet man immer.
Aber immer häufiger ertappe ich mich bei der Frage: Habe ich das nicht schon geschrieben?
Vielleicht nicht mit exakt denselben Worten. Vielleicht aus einem etwas anderen Anlass. Vielleicht mit einem neuen Beispiel. Aber der Kern ist längst vorhanden.
Das gilt übrigens nicht nur für mich. Wer lange genug über ein Spezialgebiet schreibt, kommt zwangsläufig irgendwann an diesen Punkt. Tango ist groß genug für viele Betrachtungen, aber auch nicht unendlich groß. Nach Hunderten von Artikeln wird die Wahrscheinlichkeit geringer, wirklich noch ein Thema zu finden, das nicht irgendwo schon einmal berührt wurde.
Wenn die Platte einen Sprung bekommt
Eine Sonderrolle hat dabei für lange Zeit die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Tangoblogs gespielt. Widerspruch erzeugt Texte. Einer schreibt etwas, der nächste reagiert, darauf folgt eine Erwiderung, daraus entsteht eine neue Frage. So kann tatsächlich eine Debattenkultur entstehen.
Oder eine Endlosschleife.
Den Tango Report von Gerhard Riedl werde ich künftig nicht mehr zu den für mich ernst zu nehmenden Tangoblogs zählen. Das hat nichts damit zu tun, dass dort andere Auffassungen vertreten werden als meine. Gerade unterschiedliche Auffassungen wären schließlich Voraussetzung für eine interessante Debatte.
Das Problem ist ein anderes: Dort wiederholen sich inzwischen dieselben Grundmuster, dieselben Feindbilder und dieselben Thesen mit einer Zuverlässigkeit, die mich an eine Schallplatte mit Sprung erinnert. Unterricht ist verdächtig, Kommerz ist verdächtig, die heutige Tangoszene ist verdächtig, Experten sind verdächtig, Regeln sowieso – und irgendwo wartet meistens noch ein Seitenhieb auf diejenigen, die Tango anders betrachten.
Darüber kann man einmal diskutieren. Auch zweimal. Vielleicht fünfmal.
Aber nicht zwanzigmal.
Irgendwann ist eine Wiederholung keine Debatte mehr. Sie ist nur noch Wiederholung.
Für mich ist deshalb an dieser Stelle Schluss. Nicht aus beleidigtem Rückzug, sondern weil ich darin keinen Erkenntnisgewinn mehr sehe. Eine Diskussion kann nur interessant bleiben, wenn wenigstens die Möglichkeit besteht, dass neue Argumente zu neuen Gedanken führen. Wenn das Ergebnis bereits vor dem Schreiben feststeht, wird aus Debatte Ritual.
Eine merkwürdige kleine Blogwelt
Damit verschwindet allerdings auch etwas, was die wenigen verbliebenen Tangoblogs über Jahre am Leben gehalten hat. Man muss es gar nicht beschönigen: Ein Teil der Aktivität entstand durch gegenseitige Reaktionen. Helge schrieb etwas, Gerhard reagierte, ich schrieb dazu, jemand kommentierte wiederum bei einem anderen. Es gab Streit, Zustimmung, Missverständnisse, Gegenrede und gelegentlich sogar neue Gedanken.
Das war nicht immer schön. Aber es war Bewegung.
Neben meiner inzwischen ziemlich umfangreichen Unterrichtsreihe war diese kleine Blog-Debattenwelt durchaus ein Motor für neue Beiträge. Wenn dieser Motor wegfällt und gleichzeitig kaum noch andere aktive Blogs existieren, verändert sich etwas.
Dann schreibt jeder wieder mehr für sich allein.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem eine bestimmte Phase des deutschsprachigen Tango-Bloggens zu Ende geht.
Vielleicht ist die Zeit des Bloggens einfach vorbei
Ich denke deshalb inzwischen tatsächlich darüber nach, wie lange ich TANGOcompas noch fortführen möchte.
Das ist keine Ankündigung, morgen den Stecker zu ziehen. Dafür schreibe ich nach wie vor zu gern, und gelegentlich taucht durchaus noch ein Gedanke auf, den ich festhalten möchte. Gerade beim Thema Unterricht und Musikalität gibt es Dinge, die mich weiterhin beschäftigen.
Aber ich verspüre immer weniger Lust, Beiträge nur deshalb zu schreiben, damit wieder etwas Neues auf der Startseite steht.
Ein Blog muss keine Zeitung sein. Er hat keine Erscheinungspflicht.
Vielleicht wird TANGOcompas deshalb irgendwann einfach langsamer. Vielleicht erscheinen nur noch Texte, wenn ich wirklich das Gefühl habe: Das habe ich so noch nicht geschrieben.
Das wäre wahrscheinlich sogar vernünftiger.
Denn 68 Artikel über Tango-Unterricht sind keine schlechte Bilanz. Dazu kommen all die anderen Texte, Diskussionen und Beobachtungen der vergangenen Jahre. Irgendwann darf man sich auch eingestehen, dass man nicht jede Woche eine neue Wahrheit über einen Tanz erfinden muss, den es seit weit über hundert Jahren gibt.
Was bleibt?
Vielleicht bleibt am Ende genau das, was ein Blog ursprünglich einmal sein konnte: kein Nachrichtenkanal, keine Pflichtveranstaltung und kein Schauplatz für Dauerfehden, sondern ein persönliches Archiv von Gedanken.
Dann muss auch nicht jeden dritten Tag etwas Neues erscheinen.
Und vielleicht liegt darin sogar eine gewisse Befreiung. Nicht mehr auf jeden Unsinn reagieren zu müssen. Nicht mehr jede alte Diskussion zum fünften Mal zu führen. Nicht mehr zu glauben, eine Tangodebatte müsse allein deshalb weitergehen, weil irgendwo jemand wieder dieselbe Platte aufgelegt hat.
Wenn mir etwas Neues zum Tango einfällt, werde ich es wahrscheinlich weiterhin schreiben.
Wenn nicht, dann eben nicht.
Vielleicht ist auch das irgendwann ein Zeichen dafür, dass man zu einem Thema ziemlich viel gesagt hat.
Und während die letzten Tangoblogs langsam verstummen, sitzt vermutlich irgendwo noch ein 92-jähriger Gerhard Riedl an seinem viertausendsten Beitrag: „Und Piazzolla ist doch tanzbar!“ Die Platte läuft schließlich weiter.