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Gedanken über Tango Unterricht | 62. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 62. Teil

Improvisation im Tango beginnt mit Ordnung

Warum Anfänger klare Anleitungen brauchen – und Freiheit im Tango erst dann entsteht, wenn man etwas hat, worüber man entscheiden kann

Einleitung

Aus Anlass eines Blogs, der freies Lernen durch bloßes Ausprobieren propagiert, möchte ich dieses Märchen ein letztes Mal widerlegen. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen freies Lernen hätte. Im Gegenteil: Ich würde mich freuen – ja, wirklich freuen –, wenn dieses Konzept beim Tango zuverlässig funktionieren würde.

Nur warte ich bis heute auf belastbare Belege dafür. Eine kühne Behauptung wird schließlich nicht dadurch wahr, dass man sie oft genug wiederholt. Behaupten kann jeder, was ihm gerade einfällt. Interessant wird es erst dort, wo jemand zeigen kann, dass ein solcher Ansatz Anfänger tatsächlich zu einem funktionierenden gemeinsamen Tanz führt.

Meine eigenen Erfahrungen sprechen jedenfalls dagegen. Ich habe solche Formen des freien Ausprobierens selbst versucht und dabei ziemlich deutlich erlebt, wo ihre Grenzen liegen. Das Problem ist nicht die Improvisation. Das Problem ist die Vorstellung, Tango-Improvisation könne ohne ausreichend gemeinsames Wissen, ohne Struktur und ohne pädagogische Hilfe entstehen.

An dieser Stelle sollte man allerdings zwei Dinge nicht durcheinanderwerfen: die Frage, ob Unterricht bezahlt wird, und die Frage, ob Lernen angeleitet wird. Das eine hat mit dem anderen zunächst überhaupt nichts zu tun. Ein kostenloses Üben kann hervorragend angeleitet sein, ein bezahlter Kurs ausgesprochen frei. In diesem Beitrag geht es ausschließlich um die pädagogische Behauptung, Anfänger könnten Tango im Wesentlichen durch unangeleitetes Ausprobieren lernen. Ob dabei irgendwo Geld den Besitzer wechselt, ist dafür vollkommen unerheblich. Wenn jemand kostenloses Lernen mit freiem Lernen durch Ausprobieren gleichsetzt, worum geht s dann eigentlich? Die Entscheidung, ob man dafür bezahlt. bleibt doch jedem selbst überlassen. Wenn er keinen kostenlosen Unterricht  möchte aber keinen findet, sollen dann auf Unterricht verzichten und sich selbst durchwurschteln? Und wenn man genau das nicht möchte? 

Wer Improvisation sucht, findet andere Tänze

Es gibt durchaus Menschen, die sich ausdrücklich von freier Improvisation angezogen fühlen. Die suchen sich dann häufig auch Bewegungsformen aus, bei denen genau diese Freiheit von Beginn an zum Konzept gehört. Contact Improvisation ist dafür ein schönes Beispiel. 

Ich habe selbst Workshops in solchen Gruppen gegeben und dabei eine interessante Erfahrung gemacht. Jeder Versuch, die spontanen Bewegungen auch nur ein wenig zu ordnen, damit wir im Unterricht vorübergehend einen gemeinsamen Nenner hatten, wurde von den Teilnehmern ziemlich schnell wieder aufgelöst. Genau diese Ordnung wollten sie nicht. Sie waren gekommen, weil sie Offenheit, unmittelbare Reaktion und möglichst wenig Festlegung suchten. Aber selbst dort findet angeleiteter Unterricht statt, zum Beispiel bei Hebefiguren, weil sonst Verletzungen möglich sind.

Und natürlich kann man auch aus einem zunächst empfundenen Chaos lernen, indem man darin allmählich eine eigene Ordnung entdeckt. In manchen Formen freier Improvisation gehört genau das möglicherweise sogar zum Prinzip.

Beim Tango ist die Ausgangslage jedoch eine andere. Hier reicht eine Ordnung, die nur für mich selbst funktioniert, nicht aus. Ein zweiter Mensch muss sie verstehen können. Und irgendwann müssen beide auch noch mit Musik, Raum und anderen Paaren zurechtkommen.

Die meisten Anfänger sehen zunächst einen ausgesprochen geordnet wirkenden Paartanz. Zwei Menschen bewegen sich miteinander, reagieren scheinbar selbstverständlich aufeinander, bleiben in einer Umarmung organisiert, wechseln gemeinsam die Richtung und bewegen sich im besten Fall auch noch passend zur Musik.

Von außen sieht Tango alles Mögliche aus – aber nicht chaotisch.

Gerade deshalb ist für viele Anfänger die Vorstellung zunächst geradezu absurd, dass diese Bewegungen nicht vorher festgelegt sein sollen. Sie fragen sich völlig zu Recht: Wie können zwei Menschen gemeinsam etwas tun, wenn keiner vorher weiß, was als Nächstes kommt?

Wer glaubt, allein das Etikett „Improvisationstanz“ müsse Anfänger schon begeistern, irrt sich gewaltig. Was mich unweigerlich an den Titel der französischen Komödie Ein Elefant irrt sich gewaltig erinnert. Und gelegentlich auch an andere Zusammenhänge. Aber das gehört heute nicht hierher.

Tango setzt erstaunlich viel gemeinsames Wissen voraus

Improvisation im Tango findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie funktioniert nur, weil beide Tänzer über eine ganze Reihe gemeinsamer Grundlagen verfügen.

Da wäre zunächst das Timing. Beide müssen wenigstens ungefähr wissen, wann eine Bewegung beginnt und endet. Sie müssen Gewichtswechsel erkennen oder fühlen können. Sie müssen Richtungen organisieren, miteinander in einer Umarmung zurechtkommen und verstehen, wie eine Bewegungsabsicht angeboten und wie darauf reagiert werden kann.

Schon das ist nicht wenig.

Und dann verlässt man irgendwann das Wohnzimmer oder den Unterrichtsraum und möchte auf einer Milonga tanzen. Plötzlich gibt es andere Paare. Raum wird knapp. Bewegungsrichtungen können nicht mehr beliebig gewählt werden. Man muss Abstände wahrnehmen, die Ronda verstehen, Bewegungen rechtzeitig abbrechen oder verändern und Entscheidungen so treffen, dass andere Paare nicht zum Hindernisparcours werden.

Dieses ziemlich umfangreiche Wissen, das ja weit mehr ist als bloßes Faktenwissen und sich erst als tänzerische Kompetenz im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung, Timing, Partner und Raum zeigt, soll sich nun tatsächlich ohne die kleinste pädagogische Hilfe allein durch Ausprobieren ergeben?

Auf einem Klavier kann man ebenfalls ohne jede Anleitung ausprobieren, welche Töne entstehen, wenn man irgendwelche Tasten drückt. Dafür braucht man vor allem sehr geduldige Nachbarn oder Mitbewohner. Beim Tango benötigt man zusätzlich einen sehr geduldigen Partner oder eine sehr geduldige Partnerin – möglichst mit stabilem Nervenkostüm.

Denn beim Paartanz produziert ein Anfänger seine Versuche eben nicht allein. Jeder Versuch betrifft unmittelbar einen zweiten Menschen.

„Probiert einfach mal“ ist noch kein Unterricht

Natürlich darf im Unterricht ausprobiert werden. Es soll sogar ausprobiert werden. Nur muss zunächst etwas vorhanden sein, das man ausprobieren kann.

Der Satz „Mach einfach mal etwas“ beantwortet keine einzige der Fragen, die einen Anfänger beschäftigen. Darf ich vorwärtsgehen? Seitwärts? Rückwärts? Kann ich stehen bleiben? Kann ich drehen? Was macht mein Partner dabei? Woran erkennt er überhaupt, was ich vorhabe? Was passiert, wenn beide gleichzeitig eine eigene Idee entwickeln?

Diese Fragen sind kein Zeichen mangelnder Kreativität. Sie sind vernünftig.

Wer etwas noch nicht kennt, kann nicht aus Möglichkeiten auswählen, deren Existenz er nicht einmal ahnt. Deshalb muss Unterricht zunächst Möglichkeiten sichtbar und körperlich erfahrbar machen. Der Anfänger braucht einfache Strukturen, an denen er verstehen kann, wie gemeinsame Bewegung funktioniert.

Das bedeutet nicht, ihn für alle Zeiten an Figurenketten zu binden. Genau das Gegenteil ist gemeint:
Man zeigt zunächst etwas Einfaches. Dann verändert man es. Man zeigt, dass es an einer bestimmten Stelle nicht nur eine Fortsetzung gibt, sondern vielleicht zwei. Später drei. Dann kommt eine weitere Richtung hinzu, eine andere Dynamik, ein anderes Timing oder eine andere Möglichkeit, eine Bewegung zu beenden.

Damit beginnt Improvisation.

Erst Struktur, dann Alternativen

Man lernt zunächst einfache Strukturen, nicht um darin stecken zu bleiben, sondern um einen Ausgangspunkt zu besitzen.

Am Anfang ist eine Entscheidung noch langsam. Ein Tänzer muss vielleicht bewusst überlegen: Was kann ich hier überhaupt tun? Welche Richtung steht zur Verfügung? Wo befindet sich mein Partner? Welches Bein ist frei? Was lässt der Raum gerade zu?

Mit wachsender Erfahrung werden aus einer bekannten Situation mehrere Alternativen. Aus einer Möglichkeit werden zwei, aus zwei vielleicht fünf. Gleichzeitig wird die Entscheidung immer schneller.

Der Anfänger überlegt noch. Der Fortgeschrittene erkennt. Der erfahrene Tänzer entscheidet irgendwann nahezu im Moment.

Das ist für mich eine der wichtigsten Entwicklungen im Tango. Improvisation bedeutet nicht, ständig vollkommen neue Bewegungen aus dem Nichts zu erfinden. Sie bedeutet, an immer mehr Stellen immer mehr sinnvolle Alternativen zu erkennen und immer schneller zwischen ihnen entscheiden zu können.

Freiheit wächst also nicht dadurch, dass man möglichst wenig gelernt hat. Sie wächst mit dem Können.

Wenn das Gehirn irgendwann genug hat

Bei der ganzen Diskussion über freies Ausprobieren wird noch ein Faktor gerne übersehen: Lernen kostet geistige Energie. Das gilt selbstverständlich für jede Form des Lernens. Konzentration lässt nach, Entscheidungen werden schlechter, Aufmerksamkeit ermüdet. Nur macht es einen Unterschied, ob ein Anfänger an einer überschaubaren Aufgabe arbeitet oder permanent aus einer kaum begrenzten Zahl von Möglichkeiten herausfinden soll, was gerade funktionieren könnte.

Gerade am Anfang besitzt ein Tänzer noch kaum automatisierte Bewegungsmuster. Fast alles verlangt Aufmerksamkeit: Welcher Fuß ist frei? Wohin kann ich gehen? Wo steht mein Partner? Was hat gerade nicht funktioniert? Warum nicht? Soll ich dieselbe Bewegung noch einmal versuchen oder etwas völlig anderes? Dazu kommen Musik, Gleichgewicht, Umarmung und vielleicht noch die Sorge, dem anderen auf die Füße zu treten. Das Arbeitsgedächtnis hat aber keine unbegrenzte Kapazität. Werden gleichzeitig zu viele neue Informationen und Entscheidungen verlangt, steigt die kognitive Belastung und Lernen kann schwieriger werden.

Genau deshalb halte ich ein permanentes „Try and Error“ beim Tango für Anfänger für problematisch. Ein Fehler kann ausgesprochen lehrreich sein, wenn ich erkennen kann, was schiefgegangen ist und beim nächsten Versuch gezielt etwas verändern kann. Zehn unterschiedliche Fehlversuche hintereinander, bei denen ich jedes Mal eine andere Ursache vermute, liefern dagegen irgendwann keine zusätzliche Erkenntnis mehr. Sie produzieren vor allem neue Fragen. Zehn Fehlversuche bedeuten häufig nicht zehn Versuche am selben Problem, sondern zehn unterschiedliche Ausgangssituationen. Und jede davon muss erst einmal erkannt und eingeordnet werden.

Das kennt jeder aus dem Unterricht. Anfangs wird ausprobiert, korrigiert und noch einmal versucht. Irgendwann kippt die Situation. Die Bewegungen werden nicht besser, sondern schlechter. Was zehn Minuten zuvor schon funktioniert hatte, klappt plötzlich nicht mehr. Die Konzentration lässt nach und der Schüler beginnt, Dinge durcheinanderzubringen. Das ist keine Charakterschwäche und auch kein Beweis mangelnder Begabung, sondern eine ganz normale Folge von Ermüdung und hoher Belastung.

Natürlich tritt diese Ermüdung auch bei angeleitetem Lernen auf. Nur kann gute Anleitung die Zahl unnötiger Entscheidungen reduzieren. Eine klare Aufgabe begrenzt zunächst die Möglichkeiten: Versuch genau das. Beobachte diesen Punkt. Ändere beim nächsten Versuch nur diese eine Sache. Damit wird aus blindem Versuch und Irrtum ein gezieltes Experiment.

Auch aus Fehlern zu lernen ist also keineswegs das Problem. Im Gegenteil. Motorisches Lernen braucht Erfahrung, Wiederholung und Anpassung. Aber daraus folgt nicht, dass möglichst viele Fehler möglichst viel Lernen erzeugen. Es gibt sogar Ansätze des motorischen Lernens, bei denen anfangs bewusst Bedingungen geschaffen werden, die unnötige Fehler reduzieren und Erfolg wahrscheinlicher machen. Gerade für komplexe Bewegungsaufgaben kann eine schrittweise Steigerung der Schwierigkeit sinnvoll sein.

Mit zunehmender Übung verändert sich das ohnehin. Bewegungen, die anfangs viel bewusste Aufmerksamkeit verlangten, werden zunehmend automatisiert und beanspruchen dadurch weniger kognitive Ressourcen. Genau das schafft später den Raum, den ein erfahrener Tangotänzer für Musik, Partner, Raum und spontane Entscheidungen braucht.

Das ist vielleicht der neurologische Kern des Problems: Ein Anfänger braucht nicht deshalb Struktur, weil sein Gehirn keine Freiheit verträgt. Er braucht Struktur, damit sein Gehirn die Freiheit überhaupt verarbeiten lernen kann.

Chaos kann ein Ausgangspunkt für Lernen sein. Aber wenn jede neue Erfahrung nur weiteres Chaos produziert, ohne dass zwischendurch etwas geordnet, verstanden und gefestigt wird, wird daraus irgendwann keine größere Freiheit mehr, sondern schlicht Überforderung.

Die Entscheidung ist das Entscheidende

Vielleicht wird deshalb beim Tango so häufig über Figuren gestritten, obwohl sie gar nicht das eigentliche Problem sind.

Eine einfache Struktur kann pädagogisch ausgesprochen sinnvoll sein, wenn sie als Ausgangspunkt verstanden wird. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie ausschließlich als festgelegte Abfolge gelehrt wird, die immer vollständig abgespult werden soll.

Ich kann einem Anfänger eine einfache Bewegung zeigen und anschließend fragen: Wo könnte sie enden? Wo könnten wir die Richtung ändern? Können wir nach dem ersten Teil bereits etwas anderes tun? Können wir warten? Können wir wieder zurück? Können wir das Timing verändern?

Plötzlich wird aus einer Form ein Netz von Möglichkeiten.

Das ist etwas völlig anderes als die Aufforderung: „Nun seid mal kreativ.“

Ich muss einem Menschen zunächst zeigen, wo überhaupt entschieden werden kann. Erst dann kann er lernen, Entscheidungen zu treffen. Und je mehr dieser Entscheidungsmöglichkeiten er kennt, desto weniger benötigt er irgendwann die ursprüngliche Struktur.

Sie war dann kein Gefängnis, sondern ein Gerüst.

Der Faktor Mensch

Bei all diesen Überlegungen darf etwas nicht unter den Tisch fallen: Menschen lernen nicht gleich. Schon deshalb ist die Vorstellung fragwürdig, man könne eine ganze Anfängergruppe mit dem schlichten Auftrag „Probiert einfach mal“ sinnvoll unterrichten. Es gibt Teilnehmer, die sofort aktiv werden, neugierig testen, Fehler in Kauf nehmen und aus jedem misslungenen Versuch etwas mitnehmen. Andere brauchen zunächst eine klare Aufgabe, eine nachvollziehbare Richtung und die Sicherheit, überhaupt zu wissen, was von ihnen erwartet wird.

Gerade im Paartanz kommt noch eine soziale Hemmschwelle hinzu. Manche Anfänger haben weniger Angst davor, selbst etwas falsch zu machen, als davor, dem Partner auf die Füße zu treten, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen oder sich vor der Gruppe sichtbar zu blamieren. Wer ohnehin unsicher ist, erlebt völlige Offenheit deshalb nicht als Freiheit, sondern als zusätzliche Belastung. Je weniger Vorgaben vorhanden sind, desto größer kann die Frage werden: Was soll ich jetzt eigentlich tun?

Hinzu kommt, dass Menschen unterschiedlich schnell Entscheidungen treffen. Der eine probiert fünf Varianten aus, während der andere noch überlegt, ob er überhaupt den ersten Schritt wagen darf. In einer Gruppe führt das zwangsläufig zu großen Unterschieden. Die Experimentierfreudigen beschäftigen sich selbst, während die Vorsichtigen leicht das Gefühl bekommen, hinterherzuhinken oder für diese Art des Lernens schlicht ungeeignet zu sein.

Guter Unterricht muss deshalb nicht alle gleich behandeln, sondern unterschiedliche Lernwege ermöglichen. Der Mutige darf ausprobieren. Der Unsichere bekommt zunächst eine klare Struktur. Der eine braucht nur einen Hinweis, der andere eine genaue Erklärung oder mehrere Wiederholungen. Erst wenn genügend Sicherheit entstanden ist, kann man den Entscheidungsspielraum vergrößern.

Man könnte daraus eine Art „Darwinismus der Lernfähigen“ ableiten: Wer mit einem offenen Lernprinzip ohnehin gut zurechtkommt, bleibt dabei, wer mehr Anleitung benötigt, fällt eben durchs Raster. Aber das wäre nicht nur arrogant, sondern pädagogisch ziemlich bequem. Ein Unterrichtskonzept kann sich schließlich leicht selbst bestätigen, wenn diejenigen, bei denen es nicht funktioniert, irgendwann einfach verschwunden sind.

Gerade deshalb halte ich eine dogmatische Forderung nach möglichst freiem Lernen für genauso falsch wie einen Unterricht, der jeden Schritt bis ins Letzte vorschreibt. Pädagogik beginnt dort, wo man wahrnimmt, wer vor einem steht. Ein Konzept, das nur mit den ohnehin Mutigen, Experimentierfreudigen und motorisch Begabten funktioniert, ist kein besonders überzeugendes Unterrichtskonzept. Es sortiert lediglich diejenigen aus, die mehr Unterstützung brauchen.

Wenn Freiheit zur Beliebigkeit wird

Unangeleitetes Lernen muss nicht zwangsläufig im Chaos enden. Menschen können aus chaotischen Erfahrungen lernen, Muster entdecken, Dinge ordnen und daraus eigene Strukturen entwickeln. Genau das kann bei manchen Formen freier Improvisation sogar ausgesprochen produktiv sein.

Beim Tango liegt die Sache schwieriger. Hier muss die gefundene Ordnung nicht nur für einen selbst funktionieren. Sie muss für einen Partner lesbar sein. Sie muss mit dessen Bewegungsmöglichkeiten zusammenpassen, zur Musik passen und auf einer Milonga auch noch mit dem verfügbaren Raum vereinbar sein.

Fehlen diese gemeinsamen Grundlagen, wird aus Freiheit leicht Beliebigkeit.

Das lässt sich in manchen Neo-Tango-Anfängergruppen durchaus beobachten. Die Freiheit wird sehr früh zum Ziel erklärt, während das gemeinsame Handwerkszeug noch kaum entwickelt ist. Jede spontane Bewegung gilt dann schon deshalb als interessant, weil sie spontan entstanden ist. Einschränkungen werden schnell als unnötige Regeln empfunden.

Aber Spontaneität ist noch kein Qualitätskriterium.

Man kann sich zu zweit irgendwie bewegen und selbstverständlich Spaß dabei haben. Dagegen spricht überhaupt nichts. Aber man sollte nicht automatisch jede beliebige Bewegung mit Improvisation im anspruchsvolleren Sinne verwechseln.

Beliebigkeit entsteht dort, wo Freiheit schneller wächst als das Können. Improvisation entsteht dort, wo Können der Freiheit immer mehr Möglichkeiten eröffnet.

Korrektur ist kein „Dazwischengequatsche“

Zu diesem Verständnis von Freiheit gehört noch etwas anderes: die Bereitschaft, Rückmeldungen anzunehmen.

Wer Korrekturen eines Tanzlehrers bereits als lästiges „Dazwischengequatsche“ empfindet, müsste sich konsequenterweise fragen, wie er mit Einwänden seines Partners oder seiner Partnerin beim gemeinsamen Herumprobieren umgeht.

Ignoriert er diese ebenfalls, weil sie seine persönliche Freiheit stören?

Wenn die Partnerin sagt, dass eine Bewegung unangenehm ist, die Führung unverständlich war oder sie sich dabei verdreht fühlt, ist das schließlich auch eine Korrektur. Wenn der Partner mitteilt, dass er eine Reaktion nicht verstanden hat, ebenfalls.

Will man gemeinsames Tanzen lernen, muss man solche Rückmeldungen ernst nehmen können.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle tatsächlich einmal überlegen, ob man inzwischen erwachsen geworden ist. Denn die Haltung „Ich mache, was ich will, und keiner soll mir dazwischenreden“ mag bei einem Kleinkind verständlich sein. Für einen Paartanz, bei dem zwei Menschen fortwährend aufeinander reagieren müssen, ist sie eine ziemlich schlechte Voraussetzung.

Erwachsensein bedeutet schließlich nicht, dass niemand mehr etwas zu einem sagen darf. Es bedeutet, Hinweise prüfen, einordnen und gegebenenfalls nutzen zu können.

Gute Anleitung verhindert Improvisation nicht

Damit sind wir bei einem scheinbaren Widerspruch, der eigentlich gar keiner ist.  Klare Anleitung und Improvisation sind keine Gegensätze.

Gute Anleitung soll einen Tänzer nicht dauerhaft abhängig machen. Sie soll ihn möglichst schnell in die Lage versetzen, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Dazu braucht es zunächst verständliche Prinzipien, einfache Strukturen, sinnvolle Korrekturen und Aufgaben, die einen überschaubaren Entscheidungsspielraum eröffnen.

Danach wird dieser Spielraum erweitert.

Und irgendwann merkt der Schüler vielleicht gar nicht mehr, dass er einmal mit einer einfachen Struktur begonnen hat. Er tanzt, reagiert auf seinen Partner, hört Musik, erkennt den Raum und entscheidet ständig neu.

Das ist dann Freiheit. Aber es ist eine erlernte Freiheit.

Improvisation ist nicht der Ausgangspunkt

Vielleicht liegt der pädagogische Irrtum darin, dass man Anfang und Ergebnis miteinander verwechselt.

Der erfahrene Tänzer improvisiert. Also glaubt man, Anfänger müssten möglichst früh möglichst frei improvisieren.

Nur funktioniert Lernen meistens nicht so.

Ein guter Musiker besitzt ebenfalls nicht deshalb Freiheit, weil er nie Tonleitern, Harmonien oder rhythmische Strukturen kennengelernt hätte. Eine Sprache wird nicht kreativer, wenn man Grammatik und Wortschatz vorsorglich weglässt. Und beim Tango entsteht gemeinsames Improvisieren nicht dadurch, dass zwei Menschen ohne ausreichendes gemeinsames Wissen aufeinander losgelassen werden.

Man lernt zuerst etwas Einfaches. Dann erkennt man darin Alternativen. Dann werden die Alternativen zahlreicher. Die Entscheidungen werden schneller. Irgendwann entsteht daraus etwas, das von außen erstaunlich selbstverständlich aussieht.

Genau das ist das Faszinierende am Tango: Zwei Menschen wirken, als hätten sie alles abgesprochen. Dabei entscheiden sie fortwährend neu.

Aber damit das funktionieren kann, mussten sie vorher etwas lernen.

Fazit:

Ich habe dieses Thema nun mit einer ganzen Reihe von Argumenten begründet. Wer weiterhin anderer Meinung ist und glaubhaft bleiben möchte, sollte sich deshalb mit diesen Argumenten auseinandersetzen, sie prüfen und sachlich widerlegen. Genau dafür bin ich offen.

Was ich nicht mehr ernst nehme, ist bloßes Dahergequatsche mit denselben Behauptungen, die schon mehrfach im Raum standen. Eine Behauptung wird nicht dadurch überzeugender, dass man sie oft genug wiederholt. Wer widersprechen möchte, sollte deshalb nicht einfach erneut seine Position verkünden, sondern erklären, an welcher Stelle meine Argumentation falsch ist – und warum.

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