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Eine Einladung, die keine ist

Eine Einladung, die keine ist

Gerhard Riedl hat auf meine Reflexion inzwischen mit einem eigenen Beitrag reagiert: „An meine Kritiker von einst“. Darin erklärt er unter anderem, ich würde „neues Material gegen seine Person“ sammeln, und fordert frühere Kritiker auf, doch endlich einmal etwas zu seinem Buch und zu seinen damaligen Lesungen zu schreiben.

(Dass er das wirklich ernst meinen könnte, ist fast zu befürchten, obwohl von seinen einstigen Buchkritikern wohl nur ich übrig geblieben bin. Die anderen werden einen Teufel tun und dieses Buch noch einmal – so wie ich – aus der Mottenkiste holen. Die meisten werden dieses Machwerk inzwischen längst entsorgt haben.)

Nur: Genau darum ging es in meinem Text gar nicht.
Ich hatte nicht behauptet, bei jener Buchlesung sei sein Buch durchgefallen. Ich hatte beschrieben, welchen Eindruck der Autor dort auf mich und einige andere Besucher gemacht hatte. Das war ausdrücklich eine persönliche Beobachtung, kein Beweisstück und schon gar keine Literaturkritik.

Riedl selbst schrieb zuvor in einem Kommentar, er habe meinen Text „nicht ganz verstanden“. Das glaube ich ihm inzwischen.

Wenn er sich schon auf meinen Artikel bezieht, zugleich aber in einem Kommentar schreibt, er hätte ihn gar nicht verstanden – was er mit seiner Reaktion noch einmal bestätigt –, dann benötigt er eigentlich keine neue Buchbesprechung. Davon hat es schließlich reichlich gegeben.

Wenn er allerdings ausdrücklich eine von mir möchte: Damit kann ich dienen. Aber ich werde hier nicht das ganze Buch besprechen, sondern nur besonders markante Stellen, wie diese: 

Ein kurzer Blick in den Tango-Laien-Abgrund

Ich hatte lange nicht mehr in Riedls Buch geschaut. Vielleicht hatte ich deshalb vergessen, wie bemerkenswert einige Passagen sind.

Zum Beispiel beginnt sein Kapitel über „Tango-Technik“ mit der Feststellung:

„Ich bin kein Tangolehrer, habe keinerlei derartige Ausbildung …“

An sich völlig in Ordnung. Auch ein Laie darf über Tango schreiben. Nur legitimiert Riedl seine anschließenden Urteile mit „Tausenden Stunden Erfahrung mit Tänzerinnen“ und damit, in zehn Jahren „Zehntausende von Tanzpaaren“ beobachtet zu haben.

Kurz darauf erfahren wir über Berufstänzerinnen und Tangolehrerinnen:

„Profis sind keine ‚Amateure‘ – daher lieben sie ihre Betätigung meist nicht (mehr)!“

Die meisten seien vermutlich sogar froh, außerhalb ihres Broterwerbs „mit Tänzerischem nicht belästigt zu werden“.

Mal davon abgesehen, dass Riedl seit Jahren kaum noch aktuellen Tangounterricht aus eigener Anschauung kennen dürfte: Das ist eine pauschale Behauptung über einen ganzen Berufsstand, für die er keinerlei Beleg liefert. Aus der angeblichen Lustlosigkeit der Profis wird nebenbei gleich ein Urteil über deren Arbeit. Das finde ich schlicht frech.

Wie würde es ihm wohl gefallen, wenn jemand mit derselben Nonchalance über Biologie- und Chemielehrer schriebe: Die meisten hätten ohnehin keine Freude mehr an ihrem Beruf und seien deshalb im Grunde nicht ernst zu nehmen? Vermutlich wäre ihm die Pauschalisierung dann sehr schnell aufgefallen. (Aber vielleicht hat er seinen Berufsalltag sogar so erlebt und überträgt es dann auch auf Tango-Lehrer.)

Beim Tangounterricht wird es nicht bescheidener. „Heutige Kurse“ erfüllten praktisch keines seiner Kriterien; Lehrer würden ihre persönliche Sicht als

„die alleinige, unverbrüchliche Wahrheit!“

präsentieren.

Und nun erklärt ausgerechnet der erklärte Nicht-Tangolehrer selbst, wie Tango technisch funktioniert: Die Achse sei eine „absolut gerade Linie“, die Knie müssten gebeugt sein, die Beine locker, das Gewicht auf den Ballen.

Ob diese technischen Aussagen fachlich haltbar sind, möchte ich an dieser Stelle gar nicht überprüfen. Das überlasse ich Menschen, die sich professionell mit Anatomie, Bewegungslehre und Tanztechnik beschäftigen. Mir geht es um etwas anderes: mit welcher Gewissheit ein Autor solche Regeln formuliert, der wenige Seiten zuvor ausdrücklich erklärt, keinerlei Ausbildung als Tangolehrer zu besitzen.

Schließlich:

„Glauben Sie mir: Die Grenze dessen, ‚was geht‘, zieht stets die Technik!“

Eine erstaunliche Erkenntnis: Auch beim Tango bewegt man sich offenbar innerhalb physikalischer Grenzen.

Vom „Ich bin kein Tangolehrer“ zum „Glauben Sie mir“ sind es erstaunlich wenige Seiten.

Und genau hier liegt das Problem. Riedl behauptet gar nicht, Fachartikel zu schreiben. Er bezeichnet sich auch nicht als Tangolehrer. Geschenkt. Nur hindert ihn das nicht daran, mit erheblicher Selbstgewissheit anderen zu erklären, was sie alles falsch machen: Tangolehrer, Berufstänzer, Kursteilnehmer, Veranstalter, DJs und manchmal gleich ganze Szenen.

Er will kein Experte sein – nur offenbar derjenige, der die Fehler der Experten erkennt.

Noch bemerkenswerter ist der Klappentext. Dort wird das Buch ausdrücklich als eine Art „Lebenshilfe“ für Anfänger und Tanzbegeisterte angekündigt, mit einer Fülle praktischer Tipps zu Tangogeschichte, Tanztechnik, Musikalität, Verhaltensregeln, Unterricht und sogar Krisenbewältigung.

Genau dieses Versprechen sehe ich nach erneutem Lesen nicht eingelöst. Was mir stattdessen über weite Strecken begegnet, ist keine Lebenshilfe, sondern eine Sammlung von Abwertungen, Seitenhieben und Meinungsvorgaben: Tangolehrer machen es falsch, Profis lieben ihre Tätigkeit nicht mehr, Kurse taugen nichts, Experten liegen daneben – und Riedl weiß zuverlässig, warum.

Wenn mir ein Buch als „Lebenshilfe“ verkauft wird und ich stattdessen vor allem eine Abrechnung mit anderen Menschen und deren Tango bekomme, dann darf ich auch sagen: Dafür möchte ich mein Geld zurück.

Um das Buch ging es trotzdem nicht

Aber noch einmal: Genau diese Buchkritik war ursprünglich überhaupt nicht mein Thema. Die Buchlesung erwähnte ich, weil sie mir etwas über Riedls öffentliches Auftreten zeigte. Andere Besucher hatten offenbar ähnliche Eindrücke.

Riedl macht daraus nun die Frage: Und was hatten diese Leute eigentlich gegen mein Buch?

Das ist eine klassische Verschiebung. Aus einer Aussage über das Auftreten des Autors wird eine angeblich fehlende Buchkritik.

Dabei schreibt Riedl in seinem neuen Text selbst sinngemäß, schwieriger werde es, wenn es gar nicht um das Buch, sondern um den Autor gehe.

Genau. Es ging um den Autor.

Die Einladung

Nun bietet Riedl seinen Kritikern großzügig Raum auf seinem Blog an. Sie dürfen eine Buchbesprechung oder einen Bericht über die damalige Lesung liefern – allerdings mit Namen und Adresse.
Das klingt zunächst nach großer Offenheit.

Nur findet diese Offenheit auf einer Bühne statt, auf der Riedl selbst entscheidet, wer auftreten darf, was veröffentlicht wird und wann Schluss ist.
Dass er dazu jedes Recht hat, bestreite ich überhaupt nicht. Ein Blog ist keine öffentliche Behörde. Niemand besitzt dort einen Anspruch auf Veröffentlichung.

Nur passt die Pose der offenen Einladung schlecht zu seiner bisherigen Praxis. Er hat selbst schon Kritikern ausdrücklich erklärt, ihre weiteren Kommentare nicht mehr zu veröffentlichen.

Name und Adresse sind also keineswegs der Schlüssel zu einer garantierten Debatte.

Riedl nennt Aussagen über seine Lesungen gern „Diffuses aus der Gerüchte-Küche“. Nur sind sie gar nicht diffus. Sie sind ziemlich konkret. Was ihm fehlt, ist der Name desjenigen, der sie geäußert hat. Wenn es wirklich nur um die Kritik selbst ginge, müsste deren Inhalt doch genügen. Warum also Name und Adresse? Offenbar, damit man die Aussage einem Menschen zuordnen und anschließend nicht nur das Was, sondern auch das Wer bewerten kann.

Riedl beklagt regelmäßig, man beschäftige sich zu sehr mit Personen statt mit Argumenten. Gleichzeitig möchte er selbst möglichst genau wissen, wer hinter einem Argument steht. Die Kritik allein reicht ihm offenbar nicht.

Die Einladung lautet eher:
Sie dürfen zu mir kommen, wenn Sie meine Bedingungen erfüllen. Ob Sie anschließend auch zu Wort kommen, entscheide ich.

Kann man machen. Nur sollte man es dann nicht als besonderen Beweis eigener Debattenfreude verkaufen.

Und glaubt Gerhard Riedl ernsthaft, dass sich seine ehemaligen Kritiker nochmal auf ihn einlassen?  

Das Kommentarproblem

Riedl erklärt immer wieder, er sei überhaupt nicht verpflichtet, Kommentare zu veröffentlichen. Natürlich nicht.

Aber es entsteht ein Problem, wenn man Menschen direkt zum Gegenstand eigener Beiträge macht und ihnen anschließend auf der eigenen Plattform die unmittelbare Gegenrede verweigert. Auch hier gilt: Das ist sein Hausrecht.

Aber dann ist es eben Hausrecht – und nicht automatisch Debattenkultur.

Ich selbst habe Riedl erst dann aus meinem Kommentarbereich ausgeschlossen, als ich erlebt hatte, wie willkürlich er seinerseits mit meinen Kommentaren umging. Das könnte sich ändern. Solange aber einer allein über Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung entscheidet und diese Macht nach meinem Eindruck sehr selektiv einsetzt, sehe ich keinen Grund, ihm auf meinem Blog etwas einzuräumen, was er mir auf seinem verweigert.

Das eigentliche Problem war bisher oft ein anderes: Wurde eine Diskussion für ihn unangenehm, brach er sie dort ab – und eröffnete sie anschließend auf dem eigenen Blog neu. So wurde aus einer Diskussion wieder ein Monolog mit Deutungshoheit.

Der eigentliche Punkt: Text oder Person?

Riedl beklagt regelmäßig, man arbeite sich nicht an seinen Texten, sondern an seiner Person ab.

Nur lässt sich diese Trennung irgendwann kaum noch aufrechterhalten.

Denn seine Texte bestehen zu einem erheblichen Teil aus Urteilen über andere Menschen. Er erklärt Tangolehrern, wie schlecht Unterricht funktioniert, Berufstänzerinnen, dass sie ihre Tätigkeit vermutlich nicht mehr lieben, DJs, was sie falsch machen, Veranstaltern, wie ihre Veranstaltungen zu bewerten seien, und Kritikern, warum sie ihn angeblich nicht verstanden haben.

Und das alles häufig mit einer Gewissheit, die umso erstaunlicher wirkt, weil er gleichzeitig ausdrücklich darauf hinweist, kein Fachmann zu sein.

Genau darin liegt für mich die eigentliche Realitätsverschiebung: Die anderen gelten als ahnungslos, dogmatisch, humorlos oder unfähig – während derjenige, der all das zu erkennen meint, selbst ausdrücklich keinen entsprechenden fachlichen Anspruch erhebt.

Riedl kritisiert Selbstgewissheit und Autorität bei anderen, ohne auf die eigene Selbstgewissheit zu verzichten.

Wer solche Texte über Jahre schreibt, macht die eigene Person nicht zum Opfer einer unzulässigen Personalisierung.

Er macht sie selbst zum Gegenstand.

Und irgendwann braucht man seinen Charakter gar nicht mehr groß zu interpretieren. Die Texte dokumentieren ihn selbst.

Und deshalb der Honigtopf

Genau darum ging es mir in meiner Reflexion.
Warum beschäftigt mich das überhaupt immer wieder?

Weil diese Texte provozieren. Weil sie Personen und Aussagen aufgreifen, zuspitzen, umdeuten und bewerten. Weil man beim Lesen ständig den Impuls bekommt: Moment mal – so stimmt das doch nicht.

Das ist der Honigtopf.
Nur muss man nicht jedes Mal hineingreifen.

Ich habe inzwischen schlicht genug von der ewigen Wiederholung. Dieselben Argumentationsmuster, dieselben Nebenkriegsschauplätze, dieselbe Selbstgewissheit, dieselbe Empfindlichkeit gegenüber Widerspruch.

Natürlich ist das wieder kein feierliches Versprechen, dass ich mich niemals mehr mit Riedl beschäftigen werde. Warum sollte ich mir ein solches Versprechen geben?

Wenn etwas interessant genug ist, werde ich darauf reagieren. Wenn nicht, nicht. Ich muss schließlich auch nicht ständig BILD lesen, wenn ich anderswo eine Süddeutsche  oder die taz finde.

Und manchmal ist es ausgesprochen erholsam, einfach etwas zu lesen, bei dem der Autor nicht auf jeder zweiten Seite erklären muss, warum alle anderen den Tango nicht verstanden haben.

1 thought on “Eine Einladung, die keine ist

    • Author gravatar

      Jetzt beschwert sich Riedl darüber, dass ich sein Schwachsinns-Buch nicht nach wissenschaftlichen Kriterien mit Quellenangaben und Seitenzahlen beurteile. Nebelkerze brennt also noch. Habe diese Schwarte heute Abend im Altpapier entsorgt.
      Sein letzter Kommentar: Seitenzahl verlangt, Person abgewertet, Debatte beendet. Danke für die Demonstration.
      Irgendwann ist nicht mehr die Frage, ob man noch antworten könnte, sondern warum man sich das überhaupt noch antut. Für mich ist dieser Punkt erreicht.

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