
Der Gerhard-Blog-Bewohner – eine Reflexion
Mir ist in den letzten Tagen wieder mal etwas aufgefallen, das mir nicht besonders gefällt: Ich habe mich ausgerechnet in dem Blog häuslich eingerichtet, dessen ständige Wiederholungen ich seit Monaten kritisiere.
Natürlich nicht buchstäblich. Aber gedanklich.
Ich kenne inzwischen die üblichen Themen, Argumentationsmuster, Spitzen und Nachträge. Und bei fast jedem neuen Text meldet sich derselbe Reflex: Das kannst du so nicht stehen lassen. Das musst du richtigstellen. Das musst du den Leuten zeigen.
Nur: Was eigentlich noch?
Ich habe meine Kritik formuliert. Mehrfach. Ich habe Widersprüche aufgezeigt, Methoden beschrieben, Behauptungen überprüft und mich gegen Dinge gewehrt, die ich für falsch hielt. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem die nächste Widerlegung keine neue Erkenntnis mehr bringt, sondern nur noch die nächste Wiederholung.
Und damit lande ich bei einer unangenehmen Erkenntnis: Ein Teil des Wiederholungssyndroms, das ich dort kritisiere, hat sich auch auf meinen eigenen Blog übertragen. Er schreibt etwas, ich reagiere darauf, er reagiert wieder – und irgendwann dreht sich dieselbe Maschine nur noch weiter.
Ganz gleichsetzen möchte ich das allerdings nicht. Mein Blog besteht nach wie vor aus Tango, Musik, Unterricht, Geschichte und allem möglichen anderen Kram. Riedl ist nicht zu seinem Hauptthema geworden. Aber er ist zu etwas anderem geworden: zu einem Honigtopf.
Ich muss nur sehen, dass dort wieder etwas geschrieben wurde, und schon klebt die Aufmerksamkeit daran. Noch einmal nachsehen. Noch einmal widersprechen. Noch einmal erklären, weshalb diese oder jene Darstellung falsch ist. Das Entscheidende daran ist weniger, was im Honigtopf steckt, sondern dass ich offenbar immer wieder hineingreife.
Immerhin merke ich es.
Denn genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied: Selbstkritik bedeutet nicht, dass plötzlich alle Unterschiede verschwinden. Ich schreibe weiterhin über andere Dinge, ich kann mein eigenes Verhalten wenigstens öffentlich hinterfragen und ich kann feststellen, wenn eine Beschäftigung mit einem Thema anfängt, unverhältnismäßig viel Raum einzunehmen.
Allerdings habe ich auch erlebt, dass offene Selbstkritik manche Menschen nicht etwa versöhnlicher macht. Da musste jemand unbedingt den Finger in die offene Wunde legen und darin herumstochern. So etwas machen normalerweise nur Narzissten. Auch das ist eine ziemlich zuverlässige Methode, die nächste Runde in Gang zu setzen.
Auch die Zugriffszahlen spielen dabei eine Rolle. Artikel über Streit werden gelesen. Manche Leser, die einem empfehlen, das Thema ruhen zu lassen, schauen offenbar besonders zuverlässig vorbei, wenn es wieder etwas darüber zu lesen gibt. Das ist vielleicht weniger Heuchelei als menschliche Neugier. Man kann einen Streit überflüssig finden und trotzdem wissen wollen, wie die nächste Folge ausgeht.
Nur irgendwann merkt man: Man muss nicht jede Folge schreiben.
Mich interessiert inzwischen auch weniger, wer häufiger über wen geschrieben hat oder wer irgendwann womit angefangen hat. Darüber ist genug gesagt worden. Interessanter ist die Erkenntnis, wie leicht man selbst in ein Muster geraten kann, das man beim anderen längst erkannt hat.
In diesem Sinne muss ich mir wohl eingestehen: Ich war eine ganze Weile Bewohner des Gerhard-Blogs.
Nicht als Hauptwohnsitz.
Aber der Honigtopf stand verdammt günstig.
Übrigens: Über diesen Honigtopf habe ich schon einmal geschrieben. Im April hatte ich mit meiner ausführlichen Kommunikationsanalyse „Gerhard Riedl und die Debatte als Bühne – Eine persönliche Einordnung seines öffentlichen Kommunikationsstils“ sogar versucht, die Mechanismen einmal grundsätzlich zu beschreiben.
Damals durchaus mit dem Gedanken, damit einen Abschluss zu finden. Das möchte ich diesmal ausdrücklich nicht wieder versprechen. Solche Ankündigungen habe ich inzwischen selbst oft genug gelesen und geschrieben. Nur eines ist ziemlich offensichtlich: Wenn sich die Vorgänge und die Reaktionen darauf immer wiederholen, schreibt man sich irgendwann einen Wolf. Erreicht habe ich damit jedenfalls wenig.
Das bedeutet nicht, dass meine Reaktionen grundlos waren. Wenn eigene Texte aufgegriffen, umgedeutet oder mit Aussagen versehen werden, die ich darin selbst nicht erkenne, trifft mich das. Dazu kommt ein Ton, den ich häufig als herablassend empfinde. Und seine Selbstherrlichkeit, diese penetrante Arroganz! Genau dieser Eindruck wurde mir auch von einigen Gästen seiner damaligen Buchvorstellung bestätigt, die ihn als unerträglich schilderten. Das ist natürlich kein Beweis für irgendetwas, aber es beruhigt meine Seele, weil ich meinen eigenen Eindruck bestätigt sehe. Wenn ich mich allerdings an meinen ersten schriftlichen Kontakt mit Riedl zurückerinnere, war genau diese Art schon einer der Punkte, an denen ich mich am stärksten gerieben habe – und die mich von Anfang an sehr heftig auf ihn reagieren ließ.
Genau das sind meine Triggerpunkte. Ich kann solche Formen des Umgangs schlecht stehen lassen, und schon beginnt die nächste Runde.
Vielleicht liegt darin sogar die wichtigste Erkenntnis dieser ganzen Geschichte: Man muss nicht erst feststellen, dass der andere sich geändert hat, bevor man selbst sein Verhalten ändern kann. Und man muss auch nicht jeden Angriff erfolgreich abwehren, damit die eigene Kritik berechtigt gewesen ist.
Manchmal reicht die Erkenntnis: Ich habe es gesagt. Mehrfach. Wer es wissen wollte, weiß es längst.