
Was macht eigentlich eine Umarmung mit uns?
Manchmal stolpere ich im Internet über Beiträge, bei denen ich zunächst denke: Ach komm, das ist wieder eines dieser Videos, die mit ein bisschen Wissenschaft möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen wollen. So ging es mir auch diesmal. Ein Video behauptet, eine zwanzig Sekunden lange Umarmung könne den Herzschlag verlangsamen, den Blutdruck senken und den Körper innerhalb kürzester Zeit aus dem Stressmodus holen. Das klingt zunächst ziemlich spektakulär, vielleicht sogar ein wenig nach populärwissenschaftlicher Übertreibung.
Ich habe mir das Video trotzdem angesehen. Nicht, weil ich plötzlich unter die Biophysiker gegangen bin. Und auch nicht, weil ich glaube, dass sich jede Erfahrung im Tango mit ein paar Hormonen und Nervenbahnen erklären lässt. Aber manches darin hat mich nachdenklich gemacht. Seit Jahrzehnten erzählen Tangotänzer von etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Sie sprechen von einer besonderen Umarmung, von Ruhe, Verbindung, Vertrauen oder einfach von einem Gefühl, das sich von anderen Tänzen unterscheidet. Meist bleibt es bei solchen Beschreibungen. Manche halten sie für romantische Verklärung, andere für Esoterik.
Das Video versucht einen anderen Zugang. Es beschreibt körperliche Vorgänge, die bei einer längeren Umarmung eine Rolle spielen könnten. Nicht als Beweis für den Tango, sondern vielleicht als Erklärung für einen kleinen Teil dessen, was wir im Tango immer wieder erleben. Natürlich sollte man dabei vorsichtig bleiben. Das Video formuliert manche Zusammenhänge ziemlich zugespitzt, wie es auf YouTube eben häufig geschieht. Dennoch sind Berührung, Nervensystem, Atmung, Hormone und Herz-Kreislauf-System keine voneinander getrennten Welten.
Was mich dabei besonders beschäftigt hat, war ein ganz einfacher Gedanke: Die meisten Umarmungen im Alltag dauern nur wenige Sekunden. Eine Tango-Umarmung dagegen hält meistens drei oder vier Minuten an. Vielleicht lohnt es sich also, einmal genauer hinzusehen, was dabei eigentlich geschieht. Nicht, um den Tango wissenschaftlich zu erklären oder gar zu rechtfertigen, sondern weil manches, was Tänzer seit Generationen intuitiv beschreiben, heute zumindest teilweise körperlich nachvollziehbar wird.
Die Umarmung – der meistbesprochene Teil des Tangos
Über kaum etwas wird im Tango so viel gesprochen wie über die Umarmung. Wer erfahrenen Tänzern zuhört, die in Buenos Aires getanzt haben, hört immer wieder ähnliche Berichte: Dort sei die Umarmung intensiver, selbstverständlicher, näher und habe das eigene Tanzen grundlegend verändert. Nicht selten wird sie als der entscheidende Unterschied beschrieben – als das, was aus einer bloßen Tanzhaltung überhaupt erst Tango macht.
Das Thema ist also keineswegs vergessen. Es ist allgegenwärtig. Man spricht von Verbindung, Nähe, Vertrauen, Geborgenheit, Energie, Kommunikation und natürlich vom berühmten abrazo. Ganze Vorstellungen vom Tango werden daran aufgehängt. Für manche ist die Umarmung sogar wichtiger als die Schritte, die Musik oder jede technische Frage.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn so häufig über die Umarmung gesprochen wird, so unklar bleibt oft, was damit konkret gemeint ist. Ist es die körperliche Nähe? Die Form der Arme? Der Kontakt der Oberkörper? Das Gefühl von Sicherheit? Die Art, wie Informationen übertragen werden? Oder einfach jene schwer beschreibbare Erfahrung, die viele Tänzer nach einem Aufenthalt in Buenos Aires mit nach Hause bringen?
Im Unterricht wird diese viel beschworene Umarmung häufig dennoch erstaunlich schnell hergestellt. Man zeigt, wo die Arme hingehören, bringt die Körper auf Abstand oder in Kontakt, und kurz darauf beginnt das Gehen. Damit entsteht ein Widerspruch: Über die Umarmung wird gesprochen, als sei sie das Herz des Tangos, praktisch wird sie aber nicht selten nur als Voraussetzung behandelt, um endlich mit den Schritten beginnen zu können.
Dabei entscheidet sich bereits vor dem ersten Schritt sehr viel. Noch bevor sich ein Fuß bewegt, zeigt sich, ob Ruhe oder Anspannung entsteht, ob die Nähe angenehm oder bedrängend wirkt, ob beide frei atmen können und ob die Verbindung später Bewegungen ermöglicht oder behindert. Eine ungünstige Umarmung muss beim Tanzen ständig ausgeglichen werden. Eine gute Umarmung dagegen nimmt dem Paar Arbeit ab.
Die Umarmung ist also weder der vergessene noch der nebensächliche Teil des Tangos. Sie ist vermutlich sein meistbesprochener Teil. Aber gerade weil sie so oft mit großen Worten versehen wird, lohnt es sich, sie einmal nicht nur zu beschwören, sondern genauer zu betrachten.
Was eine Umarmung im Körper auslösen kann
Das Video beschreibt einen biologischen Zusammenhang, bei dem unter anderem Druckrezeptoren in der Haut eine Rolle spielen. Sie reagieren nicht nur auf flüchtige Berührung, sondern besonders auf länger anhaltenden Druck. Über das Nervensystem können solche Reize Vorgänge beeinflussen, die mit Ruhe, Atmung und Herzschlag zusammenhängen. Eine besondere Rolle wird dabei dem Vagusnerv zugeschrieben, der das Gehirn mit verschiedenen Organen verbindet und an der Regulation von Aktivität und Erholung beteiligt ist.
Hinzu kommt Oxytocin, das etwas verkürzt gerne als Kuschel- oder Bindungshormon bezeichnet wird. Seine Wirkung ist wesentlich komplizierter, aber es steht unter anderem mit sozialer Nähe und Bindung in Verbindung. Das Bemerkenswerte daran ist, dass wir vieles davon nicht bewusst steuern müssen. Wir müssen uns nicht einreden, jetzt endlich zu entspannen. Der Körper reagiert auf Berührung, Druck, Nähe und Sicherheit weitgehend selbstständig.
Ob nun jede Umarmung nach genau zwanzig Sekunden einen messbaren biologischen Neustart auslöst, wie es das Video sehr werbewirksam formuliert, möchte ich bezweifeln. Eine Umarmung ersetzt selbstverständlich weder Medikamente noch eine medizinische Behandlung. Aber die Grundidee ist interessant: Körperkontakt ist nicht nur eine soziale Geste. Er kann tatsächlich körperliche Wirkungen haben.
Und damit kommen wir zum Tango.
Denn eine Tango-Umarmung dauert nicht zwanzig Sekunden. Sie dauert einen ganzen Tango lang. Und in dieser Zeit geschieht weit mehr, als dass sich zwei Menschen einfach nur festhalten. Sie hören dieselbe Musik, bewegen sich gemeinsam durch den Raum und reagieren ständig auf kleinste Veränderungen von Spannung, Druck und Gewichtsverlagerung. Sie teilen einen Rhythmus, eine Richtung und für einige Minuten auch eine gemeinsame Verantwortung.
Eine echte Umarmung – aber keine alltägliche
Vor einigen Jahren erklärte mir ein Tangotänzer, der selbst an der Mundial, der Tango-Weltmeisterschaft in Buenos Aires, teilnimmt, die Umarmung im Tango müsse sich möglichst wie eine echte Umarmung anfühlen. Der Satz klingt einleuchtend, ist aber nicht ganz so einfach, wie er zunächst wirkt. Denn die Tango-Umarmung ist keine gewöhnliche Umarmung aus dem Alltag.
Sie ist asymmetrisch. Zwei Menschen legen nicht beide Arme umeinander, wie sie es bei einer innigen Begrüßung oder beim Trost tun würden. Eine Seite des Paares umarmt tatsächlich: in der traditionellen Rollenverteilung der rechte Arm des Mannes und der linke Arm der Partnerin. Auf der anderen Seite bleiben die Arme gehoben und bilden die offene Verbindung des Paares. Schon dadurch entsteht etwas, das äußerlich auch an eine Tanzhaltung erinnert.
Wenn also davon gesprochen wird, die Tango-Umarmung solle sich wie eine echte Umarmung anfühlen, kann damit nicht die gesamte Haltung gemeint sein. Gemeint ist vor allem die geschlossene Seite: der Arm, der den Rücken des anderen umfasst, der Kontakt der Oberkörper und das Gefühl, den Partner wirklich anzunehmen, statt ihn nur technisch in Position zu halten.
Der umschließende Arm sollte nicht wie eine Haltevorrichtung arbeiten. Er zieht den Partner nicht heran, klemmt ihn nicht fest und kontrolliert ihn nicht. Er umgibt ihn so, wie ein Arm bei einer wirklichen Umarmung einen Menschen umgibt: nah, aufmerksam und ohne unnötigen Druck. Die andere Seite erfüllt eine andere Aufgabe. Der gehobene Arm schafft einen gemeinsamen Rahmen, gibt Orientierung und lässt zugleich Bewegungsraum.
Vielleicht macht gerade diese Asymmetrie die Tango-Umarmung so besonders. Sie ist weder nur Umarmung noch nur Tanzhaltung. Sie verbindet beides. Darum kann sie sich niemals vollständig wie eine alltägliche Umarmung anfühlen. Aber ihre geschlossene Seite sollte etwas von jener Selbstverständlichkeit, Wärme und Ruhe besitzen, die wir mit einer wirklichen Umarmung verbinden. Sonst bleibt nur eine korrekt aufgebaute Haltung übrig, in der sich trotzdem niemand wirklich umarmt fühlt.
Was wir unter einer Umarmung verstehen
Hinzu kommt, dass Menschen kulturell sehr unterschiedlich mit körperlicher Nähe umgehen. Was eine „echte Umarmung“ ist, wird keineswegs überall gleich verstanden. In Argentinien gehören Umarmungen und Wangenküsse im Alltag wesentlich selbstverständlicher dazu als in vielen Teilen Deutschlands. Hierzulande wird die Begrüßung auch unter Freunden häufig eher angedeutet. Man geht mit dem Kopf nach vorne, berührt sich kurz mit der Wange, während die Oberkörper möglichst etwas Abstand halten.
Man umarmt sich – und vermeidet gleichzeitig den eigentlichen Körperkontakt.
Genau dieses Alltagsmuster bringen viele Menschen unbewusst mit in den Tangokurs. Der Kopf sucht den Partner, während der Brustkorb zurückweicht. Der Körper möchte Nähe herstellen und sich gleichzeitig davor schützen. Für den Tango ist das eine schwierige Ausgangslage, denn die Verbindung soll gerade über den Oberkörper entstehen.
Vielleicht erklärt das auch, warum vielen Anfängern die Tango-Umarmung zunächst so fremd vorkommt. Sie müssen nicht nur neue Schritte lernen. Sie müssen auch ein vertrautes Bewegungs- und Begrüßungsmuster verändern. Die Tango-Umarmung ist eben keine bloße Begrüßung. Sie ist die Form, in der zwei Menschen beim Tanzen miteinander in Verbindung treten – körperlich, aufmerksam und zugleich sehr persönlich.
Zwei Menschen kommen einander nicht nur deshalb nahe, weil es die Tanztechnik verlangt. Die Technik muss vielmehr so organisiert sein, dass aus dieser Nähe überhaupt ein gemeinsamer Tanz entstehen kann.
Warum Anfänger mit der Nähe kämpfen
Für viele Anfänger beginnt der eigentliche Stress nicht erst mit dem ersten Schritt. Er beginnt bereits mit der Nähe. Plötzlich steht da ein vielleicht noch fremder Mensch ganz dicht vor einem. Man spürt den Körper des anderen, weiß nicht, wohin mit den Armen, und fragt sich, ob man zu fest, zu locker, zu nah oder zu zurückhaltend ist. Gleichzeitig wartet man darauf, dass gleich irgendeine Bewegung beginnt, auf die man reagieren soll.
Bei Paaren, die sich lange kennen, ist diese körperliche Nähe meist kein großes Problem. In einem Kurs werden aber häufig Menschen zusammengesetzt, die sich gerade erst begegnet sind. Vielleicht haben sie sich fünf Minuten zuvor zum ersten Mal die Hand gegeben. Nun sollen sie sich plötzlich so nahekommen, wie es außerhalb des Tangos vielleicht nur mit engen Freunden oder dem eigenen Partner üblich wäre.
Dass dabei Unsicherheit entsteht, ist keine technische Unfähigkeit, sondern eine völlig nachvollziehbare Reaktion.
Hinzu kommt eine Verantwortung, über die kaum gesprochen wird. Sobald zwei Menschen in enger Verbindung stehen, hat jede eigene Bewegung eine Wirkung auf den Partner. Wenn ich mich bewege, bewegt sich möglicherweise auch der andere. Wenn ich die Balance verliere, betrifft das nicht mehr nur mich. Diese Verantwortung empfinden viele Anfänger als überraschend groß. Sie sollen plötzlich für die Bewegung eines anderen Menschen mitverantwortlich sein, obwohl sie ihre eigene Bewegung noch gar nicht sicher organisieren können.
Deshalb halte ich es für falsch, die Teilnehmer einfach aufeinander zugehen zu lassen und sofort mit den ersten Schritten zu beginnen. Der Stress ist dann bereits da, bevor der Unterricht überhaupt richtig angefangen hat. Wer in diesem Zustand versucht, Nähe, Balance, Bewegung und Führung gleichzeitig zu bewältigen, kann fast nur verkrampfen.
Warum ich die Umarmung im Unterricht langsam entstehen lasse
Ich lege deshalb großen Wert auf einen sanften Schritt-für-Schritt-Einstieg in die Umarmung. Die Teilnehmer sollen zunächst gar nichts tanzen. Sie dürfen einfach nur ankommen.
Ich sage dann manchmal scherzhaft, sie dürften sich ruhig ein wenig aneinander „anfleezen“. Nicht festhalten, nicht drücken, nicht führen. Einfach den Kontakt zulassen und erleben, dass Nähe nichts Bedrohliches ist. Man darf einen Moment bei einem anderen Menschen ankommen, ohne sofort etwas leisten zu müssen.
Erst wenn diese erste Anspannung nachlässt, beginnen wir mit kleinen Bewegungen. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass dabei genau die biologischen Prozesse stattfinden, von denen das Video spricht. Aber ich kann beobachten, was mit den Menschen geschieht. Die Atmung wird ruhiger, die Schultern sinken, das Lächeln kommt zurück. Und plötzlich wirkt die Umarmung nicht mehr wie eine Aufgabe, sondern wie etwas Selbstverständliches.
Vielleicht beginnt gutes Tangotanzen deshalb gar nicht mit dem ersten Schritt. Vielleicht beginnt es schon mit der Erlaubnis, sich in einer Umarmung wohlfühlen zu dürfen.
Der Weg vom Begrüßungsritual zur Tango-Umarmung
Wenn die erste Unsicherheit etwas nachgelassen hat, taucht meist schon das nächste Problem auf: der Kopf. Das klingt zunächst seltsam, denn eigentlich soll man im Tango doch vor allem die Füße bewegen. Tatsächlich beobachte ich aber seit vielen Jahren, dass die Nähe der Köpfe nicht nur für viele Anfänger die größte Schwierigkeit darstellt.
Der Grund liegt vermutlich darin, dass unser Gehirn eine Umarmung sofort mit einer Begrüßung verbindet. Im Alltag gehen wir mit dem Kopf auf den anderen zu, suchen Blickkontakt, berühren uns mit den Wangen oder geben ein „Begrüßungs-Bussi“. Diese Bewegung ist so selbstverständlich geworden, dass sie völlig automatisch abläuft.
Im Tango führt genau dieses Muster häufig zu den merkwürdigsten Verrenkungen. Der Kopf geht nach vorne, während der Oberkörper gleichzeitig Abstand hält. Die Schultern ziehen sich hoch, der Nacken spannt sich an und plötzlich weiß niemand mehr so recht, wohin mit sich selbst. Das Ganze wirkt verkrampft und unkoordiniert, obwohl die eigentliche Ursache gar nichts mit Tango zu tun hat. Es ist einfach ein vertrautes Bewegungsmuster aus dem Alltag, das hier nicht mehr passt.
Ich glaube deshalb, dass viele Anfänger gar nicht an der Tango-Umarmung scheitern, sondern zunächst an ihrer Vorstellung davon, wie eine Umarmung auszusehen hat.
Der Kopf darf die Nähe genießen – aber nicht organisieren
Mit der Zeit beobachtet man noch etwas anderes. Viele Tango-Paare treffen sich – wie bei einer Begrüßung – zuerst mit dem Kopf. Die Gesichter berühren sich, während die Oberkörper noch Abstand halten. Unbewusst wird dieser Berührungspunkt zum Bezugssystem der gemeinsamen Bewegung.
Genau dort beginnt das Problem.
Plötzlich versucht das Paar, seine Balance über den Kopf zu organisieren. Man sieht Tänzer, die ihre Köpfe regelrecht gegeneinander drücken. Jede kleine Gewichtsverlagerung wird sofort auf den anderen übertragen, und sobald eine Drehung beginnt, gerät das ganze System ins Schwanken, bzw. Taumeln.
Dabei ist der Kopf für diese Aufgabe denkbar ungeeignet. Er ruht am „Atlas“ auf einer beweglichen Halswirbelsäule und soll sich frei orientieren können. Er ist kein Gelenk, über das zwei Körper miteinander verbunden werden sollten. Die gemeinsame Achse eines Tangopaares entsteht deshalb auch nicht zwischen den Köpfen, sondern wesentlich tiefer, dort, wo sich die Oberkörper begegnen.
Hier liegt der eigentliche Referenzpunkt der Umarmung. Von dort lassen sich Gewichtswechsel, Richtungsänderungen und Rotationen wesentlich klarer wahrnehmen und übertragen als über den Kopf. Der Kopf begleitet diese Bewegung. Er organisiert sie aber nicht.
Eine leichte Berührung der Gesichter ist deshalb keineswegs falsch. Im Tango wird sie manchmal carita, also „Gesichtchen“, genannt oder einfach als cheek to cheek beschrieben. Gemeint ist dabei aber eine sehr leichte, fast zärtliche Berührung. Kein Druck und kein Festhalten.
Die Gesichter dürfen sich berühren. Sie dürfen sich aber nicht gegenseitig stützen.
Die Wange ist kein Drehpunkt und der Kopf wird nicht zur gemeinsamen Paar-Achse.
Warum der Brustkorb den Partner sucht
Im Tango stehen wir nicht einfach senkrecht voreinander. Der obere Brustkorb sucht den Partner, während das Becken etwas weiter zurückbleibt. Das bedeutet allerdings weder ein Hohlkreuz noch ein Einknicken in der Hüfte. Vielmehr richtet sich der gesamte Körper so aus, dass der Kontakt im oberen Brustbereich entstehen kann, ohne die Bewegungsfreiheit der Beine einzuschränken.
Gerade dadurch entsteht eine stabile gemeinsame Rotationsachse. Viele Anfänger machen unbewusst das Gegenteil. Weil sie den Kontakt über den Kopf suchen, weicht der Brustkorb zurück. Die Folge ist eine Haltung, die weder für die Umarmung noch für die Bewegung günstig ist.
Löst man dagegen den Kopf aus dieser Aufgabe, verändert sich oft der gesamte Körper. Der Nacken entspannt sich, die Schultern sinken etwas ab und die Wirbelsäule kann sich viel freier organisieren. Wenn der Kopf frei bleibt, kann sich die Wirbelsäule immer wieder neu ausrichten. Wird er dagegen fest gegen den Partner gedrückt, spannt sich der Nacken an und das Bewegungsfeld des gesamten Paares wird deutlich kleiner.
Deshalb sage ich meinen Teilnehmern häufig sinngemäß: Vergesst euren Kopf. Er muss im Tango gar nichts leisten. Er darf die Nähe genießen, aber er sollte sie nicht organisieren.
Vielleicht liegt darin einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einer Umarmung im Alltag und einer Umarmung im Tango: Im Alltag suchen wir die Nähe häufig zuerst mit dem Kopf. Im Tango suchen wir sie mit dem Körper.
Was die Biologie erklären kann – und was nicht
Damit schließt sich der Kreis zu dem Video, das diesen ganzen Gedanken überhaupt ausgelöst hat. Es beschreibt, was eine länger andauernde Umarmung im Körper auslösen könnte. Druckrezeptoren werden angesprochen, das Nervensystem reagiert, die Atmung verändert sich, der Herzschlag kann ruhiger werden und der gesamte Körper schaltet möglicherweise ein Stück weit aus dem Alarmzustand heraus. Das ist interessant, und vielleicht hilft es tatsächlich dabei zu verstehen, warum sich eine gute Umarmung nicht nur emotional, sondern auch körperlich anders anfühlt.
Trotzdem wäre es falsch, daraus nun eine naturwissenschaftliche Erklärung des Tangos zu machen. Der Tango lässt sich nicht auf den Vagusnerv, Oxytocin oder ein paar Druckrezeptoren reduzieren. Das wäre genauso verkürzt wie die Behauptung, Musik sei nur Schall oder ein Tanz nur eine Abfolge motorischer Reaktionen.
Die Biologie kann vielleicht einen Teil der Voraussetzungen beschreiben. Sie erklärt aber nicht, was zwischen zwei Menschen daraus entsteht. Sie erklärt nicht, warum sich eine Umarmung sofort stimmig anfühlt und eine andere trotz korrekter Haltung fremd bleibt. Sie erklärt auch nicht, warum eine Tanda mit einem bestimmten Menschen plötzlich eine Ruhe erzeugt, die sich nicht herstellen lässt, und warum dieselbe Musik mit einem anderen Partner kaum etwas auslöst.
Vielleicht liegt die Bedeutung solcher wissenschaftlichen Erklärungen deshalb weniger darin, den Tango zu entschlüsseln, als vielmehr darin, etwas ernst zu nehmen, das lange als bloßes Gefühl abgetan wurde. Nähe, Berührung und Umarmung sind keine nebensächlichen Zutaten. Sie verändern die Voraussetzungen, unter denen zwei Menschen miteinander tanzen.
Die Umarmung ist bereits Tango
Eine gute Tango-Umarmung ist weder möglichst eng noch möglichst locker. Sie ist auch kein unveränderliches Ideal, das für jeden Menschen und jede körperliche Voraussetzung gleich aussehen müsste. Sie muss so organisiert sein, dass zwei Menschen darin atmen, stehen, drehen und gehen können.
Das klingt zunächst technisch, ist aber im Grunde etwas sehr Menschliches. Denn auch eine gute alltägliche Umarmung lebt nicht davon, dass jemand besonders stark zudrückt. Sie lebt davon, dass man den anderen wirklich annimmt, ohne ihn festzuhalten.
Im Tango kommt etwas hinzu: Die Umarmung muss beweglich bleiben. Sie darf sich den Veränderungen des Tanzes anpassen, ohne ihre Verlässlichkeit zu verlieren. Sie bietet Halt, ohne starr zu sein, und Freiheit, ohne beliebig zu werden. Auf der geschlossenen Seite entsteht das eigentliche Umschließen, auf der offenen Seite bleibt der gemeinsame Rahmen. Nähe und Beweglichkeit stehen nicht gegeneinander, sondern müssen gleichzeitig möglich sein.
Am Ende bleibt die Frage, was eine Tango-Umarmung von jeder anderen längeren Umarmung unterscheidet. Es ist nicht nur die Dauer und auch nicht nur der Körperkontakt. Zwei Menschen teilen dabei Musik, Raum, Gleichgewicht, Aufmerksamkeit und Verantwortung. Sie müssen sich aufeinander verlassen, ohne sich gegenseitig zu beherrschen. Sie müssen eigenständig bleiben und gleichzeitig gemeinsam handeln.
Die Umarmung ist der Ort, an dem diese Zusammenarbeit spürbar wird. Dort wird jede unnötige Spannung sofort erkennbar, jede Unsicherheit übertragen und jede gute Ausrichtung belohnt. Man kann in ihr nichts vollständig verbergen. Genau deshalb ist sie für Anfänger so anspruchsvoll und für erfahrene Tänzer oft der wichtigste Teil des ganzen Tanzes.
Vielleicht hat das Video also doch etwas Entscheidendes angestoßen. Nicht die Erkenntnis, dass zwanzig Sekunden Umarmung gesund sein könnten. Sondern die Frage, warum wir im Tango so oft über Schritte reden und so wenig über den Zustand, in dem diese Schritte überhaupt erst gemeinsam möglich werden.
Ich habe in den letzten vierzig Jahren unzählige Stunden damit verbracht, Menschen das Gehen im Tango beizubringen. Heute glaube ich manchmal, dass ich viel früher hätte damit beginnen sollen, ihnen zuerst das Umarmen beizubringen. Vielleicht wären dann viele Schritte ganz von allein entstanden.