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Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Gedanken über Tango Unterricht | 51. Teil

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden

Ich bin beim Lesen auf einem anderen Blog auf einen Tangolehrer gestoßen, den ich schon aus einem anderen Zusammenhang zumindest in Videos wahrgenommen hatte. Er nennt sich Miles und betreibt eine umfangreiche Webseite über Tango-Unterricht. In einigen seiner Videos demonstriert er typische Fehler von Tänzern. Teilweise empfand ich diese Art der Darstellung als überheblich, weil sie für mich weniger nach Erklärung als nach Nachäffen aussah.

Aber darum soll es hier nicht in erster Linie gehen.

Ich möchte Miles nicht persönlich angreifen. Er dient mir in diesem Artikel eher als Beispiel für eine Falle, in die Tangolehrer geraten können. Und ich sage ausdrücklich: in die auch ich früher geraten bin. Diese Falle heißt Selbstgewissheit. Man glaubt, nun endlich verstanden zu haben, wie Tango wirklich funktioniert. Man erkennt Fehler klarer, kann Bewegungen besser erklären, hat ein Unterrichtssystem entwickelt und hält den eigenen Wissensstand plötzlich für mehr, als er ist: nicht mehr für eine Momentaufnahme, sondern für Wahrheit.

Genau darin liegt das Problem.

Ein guter Lehrer muss klare Ansichten haben. Sonst kann er nicht unterrichten. Er muss unterscheiden können zwischen funktional und unfunktional, zwischen angenehmer und unangenehmer Umarmung, zwischen sozial brauchbarem und störendem Verhalten auf der Tanzfläche. Aber diese Klarheit darf nicht zur Selbstgewissheit erstarren. Denn auch ein Lehrer lernt nie aus. Und ein Tänzer schon gar nicht.

Man hat mir selbst öfter vorgeworfen, ich würde den Tango zu kompliziert machen. Vielleicht kann dieser Eindruck entstehen. Wer genauer hinsieht, wirkt schnell kompliziert auf diejenigen, die lieber bei einfachen Formeln bleiben möchten. Aber mir geht es nicht darum, Tango mit Theorie zu überfrachten. Mir geht es darum, die eigene Wahrnehmung beweglich zu halten.

Ein Sprichwort bringt es für mich auf den Punkt:

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Das gilt für Tänzer. Und es gilt erst recht für Lehrer.

Der Lehrer als Wahrheitsbesitzer

Miles beschreibt sich als jemand, der über viele Jahre ein umfangreiches Unterrichtssystem aufgebaut hat. Texte, Videos, Übungen, Methoden, Intensivprogramme, Begriffe, Korrekturen, Material für Schüler. Er spricht von Fakten, von Irrtümern, von Missverständnissen, die er aufklären will. Er spricht von einer sehr detaillierten Wahrheit und von den berühmten zwei Millimetern, die angeblich den Unterschied machen zwischen einem großartigen Tanzgefühl und völliger Ratlosigkeit.

Nun kann ich mit Genauigkeit durchaus etwas anfangen. Wer mich kennt, weiß das. Ich halte nichts von einem Unterricht, der nur sagt: „Fühl es.“ Damit ist Schülern oft nicht geholfen. Natürlich muss man Dinge genau ansehen. Natürlich muss man erklären können, warum etwas funktioniert und warum etwas anderes nicht funktioniert. Natürlich gibt es Bewegungen, die für den Partner unangenehm sind. Wer zieht, zieht. Wer hängt, hängt. Wer drückt, drückt. Wer die Ronda ignoriert, stört andere. Da muss man nicht drum herumreden.

Aber zwischen einer genauen Beobachtung und dem Anspruch, die Wahrheit gefunden zu haben, liegt ein großer Abstand.

Dieser Abstand ist wichtig.

Jeder erfahrene Lehrer entwickelt mit der Zeit ein eigenes System. Man sammelt Erfahrungen. Man erkennt wiederkehrende Probleme. Man merkt, welche Erklärungen bei Schülern ankommen und welche nicht. Man findet Übungen, die funktionieren. Man verwirft anderes wieder. So entsteht Unterricht. Nicht aus Zufall, sondern aus langer Beobachtung.

Problematisch wird es dort, wo der eigene momentane Erkenntnisstand nicht mehr als momentaner Erkenntnisstand verstanden wird, sondern als Wahrheit.

Dann wird aus Erfahrung eine Lehre. Aus einer brauchbaren Methode wird ein geschlossenes System. Aus einem Lehrer wird ein Wahrheitsbesitzer.

Und genau das macht mich misstrauisch.

Die Vorführung des Fehlers

Deshalb stören mich auch diese „Don’t“-Videos. Sie passen für mich in dieses Gesamtbild. Das Video im Link zeigt Miles, wie er anhand zweier Beispiele – „richtig und „falsch“ – pantomimisch eine Umarmung und den Gang darstellen möchte. Im ersten Beispiel das schlechtere. 
(Anmerkung: – wobei mir persönlich das zweite, – also das „richtige“ Beispiel – auch nicht unbedingt besser erscheint. Denn es wirkt, als würde da ein Roboter versuchen, Tango zu tanzen: Steife Knie, also Beine wie zwei Besenstiele. Aber Geschmacksache!) 

Natürlich kann es sinnvoll sein, einen Fehler zu zeigen. Wenn Schüler nicht verstehen, warum eine bestimmte Bewegung unangenehm ist, kann eine kurze Demonstration helfen. Man zeigt: Hier verliert der Partner die Achse. Hier wird aus Führen ein Schieben. Hier entsteht Druck. Hier wird die Umarmung zur Klammer. Hier kommt das Signal zu spät oder zu grob.

Das ist Unterricht.

Aber etwas anderes ist es, wenn ein Fehler „nachgeäfft“ wird. Wenn aus der Demonstration eine kleine Karikatur wird. Wenn der Lehrer nicht nur zeigt, was nicht funktioniert, sondern auch: So lächerlich sieht das aus. Dann wird der Fehler zur Bühne für die eigene Überlegenheit.

Das gefällt mir gar nicht.

Gerade im Tango kommen viele Menschen ohnehin mit Unsicherheiten in den Unterricht. Sie wissen nicht, ob sie sich richtig bewegen. Sie haben Angst, ungeschickt zu wirken. Sie fragen sich, ob sie dem Partner angenehm sind. Sie kämpfen mit Gewohnheiten, Körperbildern, Hemmungen und oft auch mit Scham. Wer dann Fehler spöttisch vorführt, verstärkt diese Unsicherheit.

Ein Schüler soll nicht lernen: Bloß nicht so aussehen.

Er soll lernen: Ah, darum fühlt es sich für den anderen schlecht an. Und so kann ich es besser organisieren.

Das ist ein anderer Unterrichtston.

Fehler sind notwendig. Ohne Fehler gibt es kein Lernen. Ein guter Lehrer schafft einen Raum, in dem Fehler sichtbar werden dürfen, ohne dass der Mensch dahinter beschädigt wird. Ein Lehrer, der sich über Fehler erhebt, hat vielleicht Recht in der Sache. Aber pädagogisch steht er auf dünnem Eis.

Die andere Romantik

Besonders interessant wird es bei Miles dort, wo er über „Transzendenz“ spricht. Er wehrt sich ausdrücklich gegen Begriffe wie Romantik, Leidenschaft, Glückseligkeit oder Verbindung. Vor allem das Wort „Connection“ scheint ihm verdächtig zu sein.

Da bin ich sogar teilweise bei ihm.

„Verbindung“ ist im Tango eines der Wörter, mit denen viel gesagt und oft wenig erklärt wird. Wenn jemand sagt: „Du brauchst mehr Verbindung“, kann damit alles Mögliche gemeint sein. Mehr Körperkontakt. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Tonus. Mehr Ruhe. Mehr musikalisches Hören. Mehr Bereitschaft, auf den Partner zu reagieren. Oder einfach nur ein Gefühl, das man gerne hätte, aber nicht genauer beschreiben kann.

Das Wort kann sehr schnell zur Nebelmaschine werden.

Insofern ist es nicht falsch, diesem Begriff zu misstrauen. Aber Miles ersetzt diese unklare Romantik nicht durch wirkliche Nüchternheit. Er ersetzt sie durch eine andere Romantik.

Er beschreibt eine Szene auf einer Milonga: Ein älterer, gut gekleideter Mann macht einer älteren Dame einen klaren Cabeceo. Sie nimmt an. Er geht nicht quer über die Tanzfläche, sondern korrekt zu ihr. Er führt sie zum passenden Eingang in die Ronda. Er achtet auf die anderen Tänzer. Sie beginnen langsam, vorsichtig, methodisch. Die Umarmung ist sauber, die Haltung klar, die Bewegungen sind musikalisch, kontrolliert, ohne Ziehen, ohne Drücken, ohne Hängen. Die Arme liegen richtig. Die Hände sind entspannt. Die Kleidung wirft keine Falten. Die Körper stehen voreinander. Die Pausen sitzen. Die Musik wird geachtet.

Das ist zunächst einmal eine sehr genaue Beschreibung guten sozialen Tangos. Daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Vieles davon würde ich selbst unterschreiben. Wer so tanzt, hat viel verstanden. Wer so unterrichtet, achtet auf wichtige Dinge.

Aber dann kippt die Beschreibung.

Aus gutem Tanzen wird ein Zustand. Aus einer gelungenen Tanda wird ein Übergang. Aus Können, Aufmerksamkeit, musikalischem Hören, Ronda-Verhalten und gegenseitiger Rücksicht wird „Transzendenz“.

Und genau da beginnt für mich das Problem.

Denn was dort beschrieben wird, ist im Kern kein metaphysisches Ereignis. Es ist gutes Tanzen. Vielleicht sehr gutes Tanzen. Vielleicht ein besonderer Moment. Aber muss man ihn deshalb mit einem so großen Begriff aufladen?

Manchmal tanzen zwei Menschen einfach sehr gut miteinander.

Das ist schon viel.

Transzendenz als technisches Heilsversprechen

Miles betont zwar, dass Transzendenz keine Romantik, keine Leidenschaft, keine Meditation, keine Glückseligkeit und keine gewöhnliche Verbindung sei. Aber je stärker er das abgrenzt, desto aufgeladener wird seine eigene Sprache. Er spricht von einem Weg, einem Übergang, einer anderen Wahrnehmung, einem Ort wie einem luziden Traum. Er will keine romantische Verklärung und landet doch bei einer anderen Form von Verklärung.

Das ist für mich keine Entromantisierung des Tangos. Das ist Romantik mit technischem Unterbau.

Noch schwieriger wird es, wenn er behauptet, diese Transzendenz könne erzeugt werden. Nicht zufällig, nicht vielleicht, nicht unter günstigen Umständen, sondern als etwas, das man schaffen könne, wenn man nur bereit sei und die nötige Arbeit leiste.

Damit wird aus Unterricht beinahe ein Heilsversprechen.

Wenn du genug arbeitest, wenn du deine Technik ernst genug nimmst, wenn du präsent genug bist, wenn du alles gibst, wenn du dich wirklich einlässt, wenn du nichts dem Zufall überlässt, dann erreichst du diesen Zustand. Und wenn er nicht eintritt, liegt die Vermutung nahe: Du warst noch nicht bereit. Du hast nicht genug gearbeitet. Du warst nicht wach genug. Du hast dich nicht wirklich hingegeben.

Das halte ich für gefährlich.

Natürlich braucht Tango Arbeit. Natürlich reicht es nicht, ein paar Figuren zu lernen, ein wenig Musik zu hören und dann zu hoffen, dass große Tanzmomente von selbst entstehen. Tango braucht Wiederholung, Körperbewusstsein, Musikalität, soziale Erfahrung und die Bereitschaft, eigene Gewohnheiten infrage zu stellen.

Aber kein Lehrer kann den besonderen Tanzmoment garantieren.

Man kann Bedingungen verbessern. Man kann Wahrscheinlichkeiten erhöhen. Man kann Menschen helfen, klarer zu stehen, besser zu hören, angenehmer zu umarmen, weniger zu stören, weniger zu drücken, weniger zu ziehen, freier zu reagieren. Das ist schon sehr viel. Das ist Unterricht. Das ist Handwerk.

Aber der besondere Moment gehört nicht dem Lehrer.

Er entsteht zwischen zwei Menschen, in einer konkreten Musik, in einem Raum, in einer bestimmten Ronda, an einem bestimmten Abend. Er hängt von Können ab, aber nicht nur von Können. Er hängt von Aufmerksamkeit ab, aber nicht nur von Aufmerksamkeit. Tagesform, Partner, Vertrauen, Musik, Raum, Stimmung und manchmal schlicht ein glückliches Zusammenfallen mehrerer Dinge spielen mit hinein.

Man kann ihn vorbereiten. Erzwingen kann man ihn nicht.

Entregarse – Hingabe oder Überforderung?

In diesem Zusammenhang verwendet Miles den Begriff „Entregarse“. Sich hingeben. Sich einlassen. Sich schenken. Im Tango kann dieser Gedanke durchaus sinnvoll sein, wenn man ihn nicht sentimental versteht.

Sich einlassen heißt nicht, sich aufzugeben. Es heißt, wach zu bleiben. Es heißt, nicht gegen den Partner zu arbeiten. Es heißt, die Musik nicht nur als Taktgeber zu benutzen. Es heißt, den gemeinsamen Moment ernst zu nehmen. Es heißt auch, nicht ständig mit dem eigenen Vokabular beeindrucken zu wollen.

Aber bei Miles bekommt auch dieser Begriff einen fast moralischen Unterton. Man soll alles geben, präsent sein, jede Faser wachhalten, niemals zurückweichen, niemals abschalten, die Technik in jedem Moment bestmöglich umsetzen, sich kümmern, alles geben, was man weiß und ist.

Das klingt groß. Aber es klingt auch anstrengend.

Und da frage ich mich: Darf man im Tango auch einfach tanzen?

Nicht schlampig. Nicht grob. Nicht rücksichtslos. Nicht unmusikalisch. Aber menschlich. Mit Fehlern. Mit Humor. Mit einer kleinen Unsicherheit. Mit einer Bewegung, die vielleicht nicht perfekt ist, aber ehrlich. Mit einer Umarmung, die nicht im Millimeterbereich analysiert werden muss. Mit einem schönen Moment, der gerade deshalb entstehen kann, weil niemand versucht, ihn zu erzwingen.

Denn manchmal steht der Wille zur Transzendenz der Transzendenz selbst im Weg.

Viele besondere Tanzmomente entstehen nicht, weil beide alles kontrollieren, sondern weil genug Können vorhanden ist, um Kontrolle loslassen zu können. Technik ist dann nicht mehr der Gegenstand des Tanzes, sondern seine Voraussetzung. Sie verschwindet in der Handlung.

Man denkt nicht: Mein Arm liegt exakt dort, meine Finger sind geschlossen, die Kleidung wirft keine Falten, meine Achse steht, die Pause sitzt an der richtigen Stelle.

Man tanzt.

Das heißt nicht, dass diese Details unwichtig wären. Sie sind wichtig. Aber wenn sie im Vordergrund bleiben, wird der Tanz zur technischen Buchhaltung.

Und wenn man sich Miles’ Unterrichts-Tango in Videos genauer anschaut, dann wirkt sein Tango auf mich genau an manchen Stellen so: buchhalterisch. Korrekt, durchdacht, kontrolliert, aber nicht wirklich frei. So, als würde der Körper ständig mitprotokollieren, ob alles richtig einsortiert ist.

Aber auch hier will ich vorsichtig sein, denn diese Falle kenne ich selbst nur zu gut.

Wenn mein Unterrichts-Demonstrations-Modus-Tango zum Bewegungsstandard wird, wirke ich nach einiger Zeit ebenfalls wie eine Maschine. Im Unterricht zeige ich Bewegungen bewusst klarer, langsamer, erklärbarer, oft auch reduzierter. Das ist notwendig, damit Schüler etwas erkennen können. Aber dieser Demonstrationsmodus ist nicht automatisch guter Tanz. Er ist Unterrichtssprache mit dem Körper.

Wenn man zu lange in dieser Unterrichtssprache bleibt, verliert der Tanz etwas. Er wird sauber, aber trocken. Er wird korrekt, aber nicht atmend. Er wird nachvollziehbar, aber nicht unbedingt lebendig.

Deshalb brauche auch ich immer wieder selbst Unterricht und Feedback, um aus dem Erklärmodus zurück in den Tanzmodus zu finden. Man merkt es selbst oft zuletzt. Für einen selbst fühlt es sich richtig an, weil alles kontrolliert, geordnet und erklärbar ist. Aber genau darin liegt die Gefahr: Man hält den eigenen Unterrichtsmodus irgendwann für den eigentlichen Tanz.

Wer unterrichtet, sollte deshalb selbst regelmäßig Unterricht bei wirklichen Könnern nehmen. Nicht, um noch eine Figur mehr zu lernen, sondern um sich wieder überprüfen zu lassen. Um zu spüren, wo die eigene Bewegung fest geworden ist. Wo die Erklärung den Tanz verdrängt hat. Wo man nicht mehr tanzt, sondern nur noch die eigene Methode ausführt.

Sonst steht man tänzerisch irgendwann fest und erklärt genau diesen Stillstand zum Maßstab.

Das ist eine typische Lehrerfalle: 
Der Lehrer verwechselt den Demonstrationsmodus mit Tanzqualität.

Das trügerische Optimum

Was mich an dieser Haltung besonders misstrauisch macht, ist, dass ich die Falle kenne. Nicht in dieser Form, nicht mit diesen Begriffen, aber als inneren Zustand.

Es gab Zeiten, in denen ich meinen damaligen Wissensstand für ziemlich endgültig hielt. Nicht unbedingt bewusst im Sinne von: Jetzt weiß ich alles. So dumm war ich dann hoffentlich doch nicht. Aber doch mit dieser inneren Gewissheit, dass ich nun den entscheidenden Punkt verstanden hätte.

Und natürlich hatte ich oft tatsächlich etwas verstanden. Sonst wäre diese Gewissheit ja nicht entstanden. Man macht einen Fortschritt. Plötzlich sieht man klarer. Man erkennt Zusammenhänge, die vorher verborgen waren. Man kann Fehler besser erklären. Man versteht, warum eine bestimmte Bewegung funktioniert und eine andere nicht. Man sieht, was Schüler blockiert. Man entwickelt neue Übungen.

Das fühlt sich an wie ein Durchbruch.
Aber genau darin liegt die Falle.

Ich nenne das inzwischen das trügerische Optimum.

Man erreicht einen neuen Erkenntnisstand, und weil er besser ist als der vorherige, fühlt er sich wie ein Ziel an. Man verwechselt Fortschritt mit Endzustand. Man hält die aktuelle Klarheit für endgültige Klarheit.

Doch Tango bleibt nicht stehen. Und der eigene Blick sollte es auch nicht tun.

Was ich heute für richtig halte, kann morgen immer noch richtig sein, aber genauer verstanden werden. Oder unter anderen Bedingungen anders aussehen. Oder durch eine neue Erfahrung ergänzt werden müssen. Ein Schüler reagiert anders als erwartet. Eine Partnerin zeigt mir, dass eine Erklärung zu eng war. Eine Musik fordert eine andere Lösung. Eine volle Tanzfläche macht eine schöne Idee plötzlich unbrauchbar. Ein Körper versteht etwas nicht über Worte, sondern erst über eine ganz andere Übung.

Genau darin liegt für mich der Reiz.

Nicht im Erreichen eines endgültigen Optimums, sondern im Weitergehen.

Der unbekannte Zustand als Reiz

Für mich ist Tango heute nicht deshalb interessant, weil ich irgendwann an einer Endstation ankommen möchte. Im Gegenteil. Wenn ich wirklich glauben würde, das Optimum erreicht zu haben, würde Tango für mich langweilig.

Der Reiz liegt im unbekannten Zustand.

In dem, was ich noch nicht verstanden habe. In den kleinen Verschiebungen, die eine alte Gewissheit stören. In den Momenten, in denen ich merke: So einfach ist es doch nicht. In der Erfahrung, dass ein Begriff, der jahrelang brauchbar war, plötzlich nicht mehr ausreicht. In der Arbeit mit Schülern, die mich zwingen, genauer hinzusehen.

Das Lernen selbst ist der Reiz.
Nicht nur bei Schülern. Auch bei Lehrern.

Ein Lehrer, der nicht mehr lernt, wird irgendwann zum Verwalter seiner eigenen Methode. Er wiederholt dann nur noch, was früher einmal lebendig war. Er korrigiert andere, aber sich selbst nicht mehr. Er sieht Fehler bei Schülern, aber nicht die Grenzen seiner eigenen Erklärung.

Das ist die eigentliche Gefahr.

Nicht, dass jemand viel weiß. Nicht, dass jemand präzise unterrichtet. Nicht, dass jemand klare Ansichten hat. Sondern dass er vergisst, dass auch sein bestes Wissen nur ein Zwischenstand ist.

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

Warum ich blogge und kein Lehrbuch schreibe

Vielleicht erklärt das auch, warum ich über Tango lieber in einem Blog schreibe als in einem Buch.

Ein Buch hat leicht etwas Abschließendes. Es wirkt, als sei eine Sache nun geordnet, durchdacht, fertig formuliert und damit gültig. Natürlich kann auch ein Buch offen und suchend geschrieben sein. Aber die Form selbst legt einen gewissen Abschluss nahe.

Ein Blog passt besser zu meinem Denken über Tango.

Ich beschreibe in meinen Artikeln immer nur meinen momentanen Wissensstand. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was ich schreibe, ist der Versuch, meine aktuelle Erfahrung, meine Beobachtungen aus dem Unterricht und meine gegenwärtigen Schlüsse daraus festzuhalten. Es ist keine endgültige Lehre, kein abgeschlossenes System und schon gar kein Anspruch auf letzte Wahrheit.

Meine Artikel sind Momentaufnahmen.

Ich schreibe auf, was ich im Augenblick verstanden zu haben glaube. Und gerade dieses „glaube“ ist wichtig. Denn es hält offen, dass ich mich korrigieren, ergänzen oder weiterentwickeln kann.

Ein Blog erlaubt Nachträge. Er erlaubt Korrekturen. Er erlaubt Widersprüche. Er erlaubt, später zu sagen: Das sehe ich inzwischen anders. Oder: Hier war ich zu ungenau. Oder: Diese neue Erfahrung hat meinen Blick verändert.

Das ist für mich kein Mangel, sondern der eigentliche Sinn dieser Form.

Meine Texte sind keine fertigen Produkte. Sie sind keine Hilfslehren. Sie sind keine Tafeln vom Berg Sinai. Sie sind Abrisse meines gegenwärtigen Denkens.

Das heißt nicht, dass ich alles beliebig finde. Ganz und gar nicht.

Ich habe klare Ansichten darüber, was auf einer Milonga funktioniert und was nicht. Ich halte die Ronda nicht für Folklore, sondern für eine soziale Notwendigkeit. Ich halte die Umarmung für zentral. Ich halte Musikalität nicht für Dekoration. Ich halte viele Showtango-Gewohnheiten im sozialen Tango für störend. Ich halte Ziehen, Drücken und Hängen nicht für Stilvarianten, sondern für Probleme.

Aber auch meine klarsten Ansichten bleiben überprüfbar.

Offenheit ist keine Beliebigkeit

Das heißt allerdings nicht, dass jede beliebige Gegenrede meine eigene Position automatisch erschüttern muss. Offenheit ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit.

Wenn ich etwas sachlich begründe, aus meiner Unterrichtserfahrung herleite und mit nachvollziehbaren Beispielen erkläre, dann darf ich auch erwarten, dass Einwände auf derselben Ebene erfolgen. Ein durchdachtes Gegenargument ist für mich interessant. Es kann mich zwingen, genauer zu formulieren, eine Einschränkung zu machen oder meine Position tatsächlich zu verändern.

Etwas anderes ist es, wenn statt eines Gegenarguments nur Ausweichbewegungen kommen: persönliche Spitzen, Nebenkriegsschauplätze, Wortklauberei, halb zitierte Sätze, ironische Rahmung oder der Versuch, die Diskussion vom Inhalt wegzuziehen.

Das ist keine Korrektur meiner Position. Das ist nur eine Störung der Debatte.

Diese Erfahrung habe ich mit einem gewissen Blogger immer wieder gemacht. Nicht, weil er widersprochen hat. Widerspruch ist willkommen, wenn er trägt. Sondern weil der Widerspruch oft gar nicht dort ansetzte, wo das eigentliche Argument lag. Dann wird nicht die Sache geprüft, sondern die Bühne verschoben.

Auch daraus habe ich gelernt: Man muss offen bleiben für bessere Argumente. Aber man muss nicht jede rhetorische Ablenkung so behandeln, als wäre sie eines.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Wer offen bleibt, muss nicht wehrlos werden. Und wer bereit ist, sich zu korrigieren, muss deshalb nicht jeden Unsinn als gleichwertigen Beitrag zur Erkenntnis behandeln.

Methode oder Dogma

Eine lebendige Methode darf stark sein. Sie darf klar sein. Sie darf auch streng sein. Unterricht ohne Klarheit hilft niemandem.

Aber eine Methode muss offen bleiben.

Sie muss sich an der Wirklichkeit messen lassen. Sie muss zulassen, dass neue Erfahrungen sie verändern. Sie muss Schüler nicht nur anpassen, sondern auch von ihnen lernen. Sie muss bereit sein, an ihren eigenen Grenzen weiterzuarbeiten.

Ein Dogma beginnt dort, wo eine Methode sich selbst nicht mehr befragen lässt.

Bei Miles habe ich den Eindruck, dass aus berechtigten Beobachtungen sehr schnell ein geschlossener Wahrheitsanspruch wird. Er sieht viel. Das will ich ihm gar nicht absprechen. Er achtet auf Dinge, die tatsächlich wichtig sind: Umarmung, Haltung, Ronda, Pausen, Musikalität, Körperorganisation, soziale Form. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Viele Lehrer behandeln diese Themen zu oberflächlich.

Aber Präzision allein reicht nicht.
Präzision braucht Haltung.

Man kann sehr genau sein und trotzdem bescheiden bleiben. Man kann Fehler klar benennen, ohne Menschen klein zu machen. Man kann Unterricht strukturieren, ohne daraus eine Heilslehre zu bauen. Man kann an Technik arbeiten, ohne den besonderen Tanzmoment als Produkt der eigenen Methode zu verkaufen.

Guter Unterricht braucht keine Überlegenheitshaltung.

Er braucht Genauigkeit, Geduld und die Fähigkeit, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Der Lehrer als Suchender

Für mich ist ein guter Tangolehrer nicht derjenige, der endgültige Antworten besitzt. Ein guter Lehrer hat Antworten, ja. Aber er weiß, dass sie vorläufig sind. Er kann erklären, aber er hört nicht auf zu beobachten. Er kann korrigieren, aber er bleibt selbst korrigierbar. Er hat Methode, aber er verwechselt sie nicht mit Wahrheit.

Der Lehrer als Suchender ist kein schwacher Lehrer. Im Gegenteil.

Nur wer selbst weiter sucht, kann Schüler wirklich begleiten. Denn Schüler lernen nicht alle gleich. Sie bringen verschiedene Körper, verschiedene Erfahrungen, verschiedene Ängste, verschiedene musikalische Gewohnheiten und verschiedene Erwartungen mit. Wer glaubt, für alle dieselbe Wahrheit zu besitzen, sieht irgendwann nur noch Abweichungen vom eigenen System.

Wer dagegen suchend bleibt, sieht Menschen.

Das ist für mich der Kern von Unterricht.
Nicht: Ich zeige euch, wie Tango wirklich ist.

Sondern: Ich zeige euch, was ich bis hierhin verstanden habe, und wir prüfen gemeinsam, ob es euch im Tanzen freier, klarer, musikalischer und angenehmer macht.

Das ist weniger spektakulär als Transzendenz. Aber vielleicht ehrlicher.

Schluss: Nicht ankommen

„Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“

Dieser Satz gefällt mir, weil er nicht nur auf Miles passt. Er passt auf uns alle. Auf Lehrer, auf Tänzer, auf Blogger, auf Kritiker, auf mich selbst.

Gerade im Tango ist die Versuchung groß, sich irgendwann einzurichten: in einem Stil, in einer Methode, in einer Szene, in einem Vokabular, in einer eigenen kleinen Wahrheit. Man weiß dann, was richtig ist. Man erkennt die Fehler der anderen. Man hat seine Begriffe, seine Lieblingsorchester, seine Unterrichtsformeln, seine Abneigungen und seine Gewissheiten.

Aber Tango beginnt immer wieder dort, wo diese Gewissheiten gestört werden.

In einer neuen Umarmung. In einer schwierigen Ronda. In einer Musik, die anders atmet. In einem Schüler, der nicht so reagiert, wie man es erwartet. In einem Fehler, der nicht Dummheit zeigt, sondern eine Frage stellt.

Deshalb möchte ich nicht ankommen.
Ich möchte weiter werden.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied zwischen einem lebendigen Unterricht und einem geschlossenen System: Der lebendige Unterricht bleibt unterwegs. Er arbeitet genau, aber nicht endgültig. Er nimmt Technik ernst, aber nicht wichtiger als den Menschen. Er sucht Klarheit, aber keine letzte Wahrheit.

Denn wer im Tango glaubt, angekommen zu sein, hat vielleicht gerade den wichtigsten Teil verpasst: den Weg.

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