Einsichten
Über Kleidung in Milongas

Über Kleidung in Milongas

oder Freiheit und Ästhetik

Da ich nun ein heikles Thema ansprechen werde, ist es mir schon in dieser Einleitung wichtig zu betonen, dass ich hier eine Meinung vertrete und keinen Tango-Kleidungs-Knigge schreiben möchte. Jede und jeder Tango-Tänzer zieht sich ohnehin so an, wie es ihm selbst gefällt, anderen gefällt oder wie man meint, dass es anderen gefallen könnte.

Ich habe im Laufe der Jahre schon die skurrilsten Modevorschläge gesehen: vom Survival-Look bei Männern, bei dem der Gürtel mit allerlei Werkzeugen behängt war – vom Klappspaten bis zum Multitool –, bis hin zum Schrebergarten-Freizeit-Look auf Outdoor-Milongas. Vor Jahren tauchte in Köln sogar einmal ein Mann in einer Art Kriminal-Tango-Kostüm auf: mit Pelerine, weißem Schlapphut und verstecktem Revolver. Es wird ja überhaupt über alles Mögliche diskutiert: über Hosenlängen, von Shorts über halblange Hosen, deren Sinn sich mir bis heute nicht erschließt und die ich deshalb Pumuckel-Hosen nenne, bis hin zu elegant gestreiftem Stresemann oder gestreiften Anzügen, die in den vierziger Jahren in Buenos Aires offenbar in einer geradezu verwirrenden Häufigkeit auftauchten. Siehe dazu notfalls auch die Comic-Seite weiter unten.

Outdoor-Tango-Kleidung – nicht immer eine Augenweide

Nun könnte ich natürlich ausgiebig über schlechte Kleidung ablästern und meine persönlichen Vorlieben ausbreiten. Ich könnte zum Beispiel offen sagen, dass ich in meiner Milonga Männern mit kurzen Hosen den Zutritt zur Tanzfläche verweigere. Aber das ist dann mein Hausrecht. Und darum geht es hier nur am Rande. Denn es ist eben ein Unterschied, ob so etwas halbprivat in einer Milonga in geschlossenen Räumen geschieht oder auf einer öffentlichen Outdoor-Milonga, bei der die Tanzpaare den Blicken vorbei schlendernder Zuschauer ausgesetzt sind.

Meine Erinnerung geht dabei in Richtung einer Outdoor-Milonga im Essener Grugapark unter einem riesigen Pavillondach. Dort sah ich an einem heißen Sommertag nicht gerade wenige Männer in kurzen Hosen tanzen. Dagegen wäre bei großer Hitze zunächst wenig einzuwenden gewesen, wenn nicht ausgerechnet ein Filmteam des WDR aufgetaucht wäre. Dieses offenbar vom Sommerloch gelangweilte Team wollte mit seinem zehnköpfigen Aufgebot (für einen 5-Minutenbeitrag im Regionalprogramm) ein wenig deutsche Freizeitaktivität einfangen. Da kam das Thema Tango offenbar gerade recht. Nur fanden die Leute dort nicht das erwartete Tango-Klischee vor, sondern eher etwas, das in der Gesamtwirkung an deutschen Schrebergarten erinnerte. Also musste eine Gegenüberstellung her: hier der „Original-Tango“, dort der deutsche Freizeit-Tango. Das Kamerateam stürzte sich mit auffälliger Begeisterung besonders auf kurzbehoste, haarige Männerbeine in Socken und Tanzschuhen. Dass man genau das in der Sendung besonders hervorhob und sich leicht spöttisch über deutsche Tangokünste äußerte, war im Grunde der präsentierten Mode zu verdanken. Wer so auftritt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn nicht ein Hauch von Buenos Aires hängenbleibt, sondern eher der Eindruck einer missglückten Gartenvereins-Geselligkeit.

Wobei man natürlich auch den Charakter der jeweiligen Milonga berücksichtigen muss. Bei einer Poolparty mit Tango-Piste oder in einer Beach-Atmosphäre ist es völlig klar, dass man sich nicht für jeden Tanz in Schale wirft.

Aber auch dort, wo ich an der Kleidung wenig auszusetzen habe, gibt es natürlich eigene Gesetzmäßigkeiten.

Der Wunsch nach dem Unikat

Frauen, die sich für eine Tango-Veranstaltung besonders schick machen, legen offenbar oft großen Wert auf Unikate. Ein Kleid soll möglichst einzigartig sein. Duplikate, wie sie sich beim Einkauf in den üblichen Modeketten kaum vermeiden lassen, scheinen nach den Erzählungen eines Tangofreundes geradezu verpönt zu sein. Er berichtete mir einmal, dass seine damalige Freundin den Eintritt zu einem Silvesterball verweigerte, weil sie schon auf dem Parkplatz eine andere Dame entdeckt hatte, die dasselbe Kleid trug. Trotz einer Anfahrt von hundert Kilometern war sie nicht dazu zu bewegen, aus dem Auto auszusteigen und den Ballsaal überhaupt zu betreten.

Das mag übertrieben wirken, aber ganz unverständlich ist der Impuls nicht. Wer sich für einen Abend besonders herausputzt, möchte eben nicht aussehen wie eine von zwei Schaufensterpuppen derselben Filiale. Andererseits ist es natürlich gerade im Tango längst so, dass auch dort bestimmte Schnitte, Stoffe und Modelle immer wieder auftauchen. Wer bei Tango-Mode-Anbietern einkauft, die auf vielen Milongas Kleider und Hosen in denselben Schnitten, nur mit unterschiedlichen Mustern und Farben verkaufen, muss eigentlich damit rechnen, dass ähnliche Modelle mehrfach im Umlauf sind. Und offenbar stört das viele Damen dann doch weit weniger, solange wenigstens noch ein Rest von Individualität behauptet werden kann.

Ganz neu ist dieses Phänomen ohnehin nicht. Auch Tango-Uniformen scheinen schon Anfang der fünfziger Jahre in Buenos Aires Anlass zu Verwechslungen gegeben zu haben. Der Comic-Ausschnitt aus einer Tageszeitung illustriert das sehr schön:

Der Text in den Sprechblasen auf Deutsch:
„¡Soy alto, de bigotitos, uso jopo y visto traje rayado: me va a conocer enseguida! ¿Y ud. cómo es?“
„Ich bin groß, trage ein kleines Schnurrbärtchen, habe eine Tolle und einen gestreiften Anzug an – Sie werden mich sofort erkennen! Und wie sehen Sie aus?“
„Soy rubia. Me peino como Veronica Lake, uso saco colorado y zapatos con plataforma…“
„Ich bin blond. Ich trage die Haare wie Veronica Lake, habe eine rote Jacke an und Schuhe mit Plateausohlen …

Natürlich hat sich die Mode ganz allgemein verändert. Männer laufen im Alltag nicht mehr mit Hut und Anzug über die Straße – außer vielleicht Geschäftsleute, die das als Arbeitsuniform tragen. Und Frauen flanieren im Alltag ebenfalls nicht mehr selbstverständlich in Stöckelschuhen herum. Heute laufen sogar ältere Männer mit einer kleidungstechnisch misslungenen Verjüngungskur durch die Gegend, als seien sie wieder vierzehn: Shorts, T-Shirt und verkehrt herum aufgesetzte Baseballkappe. Das sind die Momente, in denen ich mir gelegentlich die fünfziger Jahre zurückwünsche. Nicht, weil ich altmodisch wäre, sondern weil mein Auge auf Amerikanismen ausgesprochen empfindlich reagiert.

Schon 1968 wunderte ich mich als Elfjähriger bei einem USA-Besuch darüber, wie ungeniert Amerikaner sich kleideten. Da wurde kein noch so ausgeprägter Rettungsring kaschiert, sondern ganz offen durch kurze Hosen und zu enge T-Shirts betont präsentiert – beinahe als Statussymbol nach dem Motto: Seht her, ich kann mir stundenlange Fressorgien bei McDonald’s leisten. Man musste das nicht schön finden, aber übersehen konnte man es auch nicht.

Dass der Freizeitlook im Allgemeinen immer schlimmer wird, verstimmt mich ebenfalls. Joe Laschet (Armins Sohn) hat kürzlich kritisiert, dass Menschen inzwischen auf Flughäfen im Schlafanzug herumlaufen. Dafür braucht man auch keine späten Kommentare von Karl Lagerfeld mehr, der dahinter eine gewisse Verwahrlosung vermutete. So weit muss man gar nicht gehen. Es reicht schon der schlichte Eindruck, dass viele Leute offenbar nicht mehr zwischen „bequem“ und „vollkommen egal“ unterscheiden wollen.

Um auf die Tango-Kleidung zurückzukommen: Dort hat sich die Lage insgesamt gar nicht einmal so sehr verschlechtert. Gelegentlich trifft man noch Männer in kariertem Hemd und Jeans, die man eher auf einem Traktor als auf einer Tanzfläche verorten würde.

Aber im Großen und Ganzen hat man sich doch von manchen früheren Uniformierungen entfernt: vom geschürzten Hemd über der Hose, von überweiten Schlaghosen hat man sich inzwischen verabschiedet, auch Dutt-Träger trifft man nur noch vereinzelt unter manchen „Spätfünfzigern“ an. Auch von den überall gesichteten schwarz-weißen Kater-Carlo-Gatsby-Schuhen, die ich gern Raketenschuhe nenne, ist man zu mutigeren Farbmischungen übergegangen. 

Wenn man auch in der Tango-Provinz gelegentlich noch die besonders beliebte Farbkombination Schwarz-Rot antrifft – also jene diskrete Form von Farbmischung, die sich offenbar für Leidenschaft hält.

Interessant fand ich übrigens auch die Farbkombination Mint-Weiß bei Männer-Tanzschuhen, also gewissermaßen das Modell für Herren aus dem Gesundheitswesen, die jahrelang in einem Vorraum einer Kölner Milonga zum Verkauf standen. Offensichtlich hat sich kein Zahnarzt gefunden, der seinen Berufsstand auch noch privat zur Schau stellen wollte. Vielleicht war selbst denen das dann doch zu viel Authentizität.

Männerhosen

Was meinen eigenen Hosengeschmack betrifft: Eng geschnittene Hosen für Männer im Tango finde ich äußerst misslungen. Da kann einer noch so gut tanzen – irgendetwas geht dabei kaputt. Nun waren diese engen Hosen leider jahrelang Mode, und viele Tänzer konnten am Ende nur auf das zurückgreifen, was der übliche Modehandel hergab. Entsprechend liefen dann auch viele Männer so herum. Ich will hier gar nicht lange auf solchen Unarten herumreiten, aber in solchen Hosen sehen Männer nicht selten aus, als hätten sie Hühnerbeine. Und wenn dazu noch ein knappes Jackett getragen wird, wirkt es schnell, als sei der Träger aus seinem Kommunionsanzug herausgewachsen.

Ich erinnere mich an ein filmisches Interview mit Fred Astaire, in dem er sinngemäß darauf hinwies, dass sichtbar gebeugte Knie den linearen Ausdruck stören. Ganz allein stehe ich mit meinem Geschmack also offenbar nicht da. Genau das ist auch hier das Problem: Diese Kleidung unterstützt die Linie nicht, sondern arbeitet gegen sie. Sie betont nicht Eleganz, sondern hebt das Ungünstige noch hervor. Man kann sich tänzerisch noch so viel Mühe geben – wenn die Silhouette am Ende an zusammengebundene Hühnerbeine im Kommunionsanzug erinnert, ist ästhetisch schon einiges verloren, bevor überhaupt der erste Schritt getanzt ist.

Links ein außergewöhnliches Modell, ELEGANZA made in USA, mit dem auch ein typisch deutscher Tangotänzer passend zu Ostern den Hasencharakter durch lange Ohren am Kragen (mit Hoffmann’s Idealstärke 100x gebügelt) besonders zur Geltung bringen kann. Man muss sie nur hochklappen und schon ist man perfekt österlich gekleidet, während man sie auf der Straße unter dem Sacko diskret verbergen kann.
Rechts hingegen zeitlose Eleganz. Leider eher selten zu sehen. 

Was aber eigentlich die Botschaft dieses Artikels sein sollte, ist etwas ganz Einfaches: Liebe Männer, die Damen machen sich oft erstaunlich schick – nicht selten auch für Euch. Gebt Euch also bitte ebenfalls etwas mehr Mühe. Es muss kein Anzug sein, kein Hut und keine schlecht nachgespielte Reinszenierung von Buenos Aires 1942. Auch nicht die demonstrierten Modelle auf den Fotos. Aber ein Minimum an Stil, Geschmack und Selbstachtung sollte auf einer Milonga nun wirklich erreichbar sein.  Wer ernsthaft meint, mit Shorts, Funktionshemd und dem Charme einer Baumarkt-Fachabteilung auf einer Tanzfläche gut aufgehoben zu sein, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende nicht Eleganz, sondern Freizeitunfall ausgestrahlt wird.

Tango ist nun einmal nicht nur Bewegung, sondern auch Erscheinung. Und wenn die Damen sich Mühe geben, während manche Herren so wirken, als seien sie auf dem Weg zum Wertstoffhof kurz falsch abgebogen, dann stimmt einfach etwas nicht. Damit das hier nicht wie die übliche Predigt an die anderen klingt: Auch ich verspreche für die Zukunft bessere Kleidung. Man soll ja bei der eigenen Verwahrlosung anfangen.

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