Fazit:
Das ist genau der Grund, warum ich mich gegen eine Debatte gewehrt habe, die man mit dem Begriff „Dialektik“ adeln wollte. Denn was hier stattfindet, ist keine dialektische Bewegung, kein ernsthaftes Ringen um Erkenntnis, kein produktiver Widerspruch. Es ist eine rhetorische Technik: selektives Zitieren, freundliches Umarmen, anschließendes Umdeuten.
Dialektik würde bedeuten, die Position des Anderen zunächst stehen zu lassen, sie in ihrer inneren Logik ernst zu nehmen – und sich dann offen dagegenzustellen. Genau das geschieht hier nicht. Stattdessen wird ein didaktischer Text in eine Begabungs- und Elitedebatte überführt, ohne diesen Ebenenwechsel offen zu markieren. Das ist kein Streit auf Augenhöhe, sondern ein Perspektivtausch durch die Hintertür.
Ich habe über Unterricht geschrieben.
Über Lernen, Wiederholung, Ermüdung, Geduld, didaktische Zumutungen.
Antworten darauf, die letztlich sagen: „Das können die meisten sowieso nicht“, sind keine Widerlegung – sie sind ein Ausweichen. Sie verschieben Verantwortung von Unterricht und Szene auf angebliche Naturgrenzen. Das ist bequem. Und es immunisiert gegen jede pädagogische Selbstkritik.
Wer so argumentiert, braucht keine Dialektik.
Er braucht auch keine Debatte.
Denn wenn Begabung entscheidet, erübrigt sich jede Frage nach Didaktik. Dann bleibt nur noch Selektion – und der Rest darf dankbar sein, überhaupt mittanzen zu dürfen.
Mit Dialektik hat das nichts zu tun.
Mit Realismus übrigens auch nicht.
Übrigens: Dieter Bohlen nachträglich in die Realismus-Ecke zu rücken, ist schon für sich genommen abenteuerlich. Spätestens seit seinem öffentlichen Geschwurbel über Wladimir Putin ist klar, dass hier nicht Nüchternheit oder Realitätssinn sprechen, sondern Meinung, Pose und kalkulierte Provokation.
Wer eine solche Figur zum Kronzeugen für pädagogischen oder künstlerischen „Realismus“ erklärt, zieht die Argumentation zwangsläufig auf dieselbe Ebene. Das entwertet nicht nur den Vergleich – es sagt mehr über den Argumentierenden aus als über das Thema.
Realismus ist kein Talent fürs Abkanzeln.
Und schon gar kein Ersatz für didaktische Verantwortung.
Wenn das der gemeinte Realismus ist, dann weiß man auch, wie dieser Autor grundsätzlich auf Welt, Menschen und Lernen blickt.
Nicht analytisch, sondern selektiv.
Nicht pädagogisch, sondern sortierend.
Nicht erkenntnisorientiert, sondern abgrenzend.
Ein solcher Realismus beschreibt keine Wirklichkeit – er setzt Maßstäbe, nach denen andere aussortiert werden. Wer so argumentiert, spricht nicht über Tango, Unterricht oder Musikalität, sondern über Zugehörigkeit.
Und das sagt am Ende genug.

Ab und zu schaue ich mir Youtube-Videos eines englischen Autoschraubers an, Mat Armstrong. Sehr unterhaltsam, weil er ein guter Geschichtenerzähler ist. Und einen lustigen Dialekt spricht. An der Wand seiner Werkstatt hängt ein 4-Worte-Credo: HWBT. Das steht für Hard Work Beats Talent. Soweit ich weiß, wissen das auch Lernforscher. Ich würde mir jedenfalls über das Geschwafel einzelner Leute nicht so viele Gedanken machen.
Diesem Beitrag sind zwei private Briefe an mich vorausgegangen, in denen mein Artikel im selben Mindset wie die des Geschwafel-Autors eingeordnet wurde. Obwohl das nach ausführlicher Lektüre meines Artikels wohl eigentlich absurd erscheint, hat mir das schon zu denken gegeben und im übrigen ist es genau das, was ich vermeiden möchte, aber wohl nicht kann.