
Wenn aus Kritik Gejaule wird (mit Nachtrag)
(Ich habe noch einen Nachtrag unter diesem Artikel hinzugefügt)
Auf meinen Artikel über ein Tanzvideo zu Piazzollas „Ave Maria“ ist inzwischen eine Replik erschienen. Wobei dafür das Wort „Replik“ fast schon zu beschönigend ist. Denn wer eine Replik erwartet, also eine Antwort auf Argumente, der findet dort vor allem eins: Empörung, Beleidigtsein und das übliche Theater, das immer dann aufgeführt wird, wenn jemand eine Sache nicht sauber widerlegen kann und deshalb lieber den Kritiker moralisch entsorgt.
Was hatte ich also geschrieben?
Es war eine Kritik gegen einen Blogartikel, in dem der Autor ein Video mit einem Tanzpaar als Beweis dafür erbringen wollte, dass es „leicht sei“ zu Piazzolla zu tanzen.
Das Paar stand also in meinem Beitrag garnicht im Mittelpunkt, sondern die Widerlegung dieser misslungenen Beweisführung.
Wer also andere als Argument benutzt, darf sich hinterher nicht darüber beklagen, dass dieses Argument geprüft wird. Wenn derselbe Autor sich dann empört hinter dem Paar verschanzt, benutzt er es ein zweites Mal – diesmal nicht als Beleg, sondern als Schutzschild.
Ich hatte in meinem Text eine ziemlich einfache Frage gestellt: Entsteht der gezeigte Tanz aus der Musik – oder läuft die Bewegung im Wesentlichen neben der Musik her? Das ist kein persönlicher Vernichtungsfeldzug, sondern eine ganz normale fachliche Frage. Erst recht dann, wenn ein solches Video ausdrücklich als Beleg dafür vorgeführt wird, dass man zu Piazzolla doch „problemlos“ tanzen könne.
Genau an diesem Punkt wird es interessant. Denn plötzlich heißt es nun, es sei ja gar kein Anspruch erhoben worden. Es sei keine Spitzenleistung behauptet worden. Es sei nur eine kleine Episode gewesen. Wegen der vielen Schnitte habe man die Musik sogar nachträglich unterlegt. Mit anderen Worten: Aus dem angeblichen Beweisstück für die Tanzbarkeit dieser Musik wird im Nachhinein ein locker montiertes Stimmungsprodukt ohne besonderen Geltungsanspruch.
Das ist bemerkenswert. Denn dann bleibt von der ursprünglichen Behauptung nicht mehr viel übrig.
Entweder das Video taugt als Beispiel dafür, dass zu Piazzollas Musik musikalisch und überzeugend getanzt wird. Dann muss es sich auch an genau diesem Maßstab messen lassen. Oder es ist nur eine kleine Episode mit nachträglich unterlegter Musik. Dann taugt es eben gerade nicht als Beleg für die behauptete Tanzbarkeit. Beides gleichzeitig geht nicht. Man kann nicht erst mit einem Video argumentieren und es hinterher zur harmlosen Bastelarbeit erklären, sobald Widerspruch kommt.
Statt diesen Widerspruch aufzulösen, wird lieber an meiner Person herumgeschraubt. Ich sei arrogant. Hochnäsig. Selbstüberschätzt. Mein Text sei „dreckig“. Mein Charakter sei fragwürdig. Und als besonderer Ausrutscher wird dann sogar davon phantasiert, dass es in den vierziger Jahren für eine solche Bemerkung „eins in die Fresse“ gegeben hätte.
Das ist schon eine hübsche Selbstentlarvung.
Denn wenn jemand in einer Debatte über Tango, Musikalität und Kritik plötzlich Gewaltfantasien aus der Milonga-Macho-Mottenkiste hervorkramt, dann sagt das vor allem etwas über seinen Zustand aus, nicht über meinen. Wer so schreibt, will nicht argumentieren. Der will einschüchtern, moralisch auftrumpfen und nebenbei noch das alte Bild vom anständigen Kerl beschwören, der der Dame gegen den bösen Kritiker beispringt. Das ist nicht Ehrenrettung. Das ist schlichtes Kasperltheater mit Testosteronrand.
Besonders billig ist der Versuch, meine Formulierung vom „geschulten Auge und Ohr“ lächerlich zu machen, als handele es sich dabei um eine Art Geheimbund oder Diplomprüfung. Dabei ist der Gedanke banal. Natürlich braucht es für die Beurteilung von Musikalität mehr als bloßes Gefallen. Sonst wäre jedes „finde ich schön“ schon Analyse, jeder YouTube-Kommentar ein Fachurteil und jede Begeisterung automatisch Kompetenz oder ein musikwissenschaftliches Gutachten.
Genau das habe ich bestritten. Nicht das Recht, etwas gut zu finden. Jeder darf mögen, was er will. Nur sollte man nicht so tun, als sei persönliches Gefallen bereits ein hinreichender Beweis für musikalische Qualität. Und schon gar nicht, wenn daraus allgemeine Schlüsse gezogen werden sollen.
Bemerkenswert an dieser plötzlichen Empörung über angeblich unzulässige Kritik ist auch, von wem sie kommt. Ausgerechnet jemand, der sich selbst immer wieder mit herablassenden Urteilen über die Tanzqualität der Tango-Szene hervortut und Tänzer pauschal als „Schleicher“ abqualifiziert, entdeckt plötzlich die moralischen Grenzen des Kritikerberufs.
Auch wenn dabei meist keine einzelnen Personen namentlich genannt werden, ändert das am Charakter solcher Aussagen nichts. Es sind Bewertungen, und zwar deutliche. Sie gehen weit über ein bloßes „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ hinaus. Wer anderen regelmäßig tänzerische Schwäche, Einfallslosigkeit oder mangelnde Qualität bescheinigt, kann sich schlecht glaubwürdig darauf berufen, jede scharfe Analyse sei schon eine Entgleisung, sobald sie ihn oder seine Urteile trifft.
Noch durchsichtiger wird es bei dem Vorwurf, ich hätte ein Amateurpaar unfair mit Profis verglichen. Auch das ist Nebel. Ich habe keine Karrieren, keine Weltgeltung und keine Lebensleistungen verglichen. Ich habe Interpretationen verglichen. Also die Frage, wie Bewegung sich zur Musik verhält. Wer diesen Unterschied nicht einmal mehr sehen will, bestätigt am Ende nur das Problem, über das ich geschrieben habe.
Was meinen Vergleich mit Table-Dance oder Pole-Dance betrifft, bleibe ich ebenfalls bei meiner Kritik. Dieser Vergleich entstand nicht aus irgendeiner sexistischen Assoziation, sondern aus dem konkreten Eindruck des Gezeigten. Über weite Strecken wirkt der Tanz so, als solle vor allem die Frau mit Ganchos, Boleos, Asentadas und ähnlichen Beinfiguren glänzen, während der Führende auf die Rolle eines bloßen Ermöglichers reduziert wird. Genau daraus entstand für mich das Bild der „Stange“. Es ging also nicht um das Geschlecht der Tänzerin, sondern um das strukturelle Ungleichgewicht dieses Tanzes.
Wer mir daraus eine sexistische Komponente unterstellen will, betreibt keine ehrliche Lektüre, sondern eine böswillige Umdeutung. Das eigentlich Niederträchtige liegt nicht in meinem Vergleich, sondern in der absichtsvollen Unterstellung eines Motivs, das dort gar nicht steckt. Natürlich ist es grundsätzlich etwas Positives, wenn ein Führender seine Partnerin gut aussehen lässt. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Das gehört zum Tango durchaus dazu. Aber auch hier gibt es ein Maß. Wenn dieses Verhältnis kippt und der Führende nur noch dazu da ist, ein Feuerwerk von Beinen, Hebefiguren und Effekten zu ermöglichen, dann entsteht eben genau jenes Ungleichgewicht, das ich kritisiere. Und dieses Ungleichgewicht ist für mich in dem besprochenen Video besonders auffällig. Es wirkt nicht wie ein gemeinsamer Tanz, sondern wie eine einseitige Präsentation. Genau das ist mein Punkt. Tango ist kein Ballett. Und auch keine akrobatische Vorführfläche für Beinmaterial.
Die ganze Replik lebt davon, das Thema zu verschieben. Weg von der Musikalität, hin zur Moral. Weg von der Analyse, hin zur Empörung. Weg von der Frage „Stimmt die Beobachtung?“ hin zu „Darf man das denn so sagen?“ Das ist ein alter Trick. Er wird nicht besser dadurch, dass man ihn mit ein paar beleidigten Ausrufen, Märchenvergleichen und einer Portion Gossenpose garniert.
Tatsächlich hat die Replik meinen Punkt eher bestätigt als widerlegt. Denn sie zeigt, wie nervös es manche macht, wenn man zwischen sichtbarer Aktivität und musikalischer Substanz unterscheidet. Dann reicht plötzlich nicht mehr, dass sich zwei Menschen ordentlich bewegen. Dann müsste man ja erklären, warum genau das musikalisch sein soll. Und genau diese Erklärung bleibt der Text schuldig.
Stattdessen wird lärmend um den eigentlichen Punkt herumgelaufen.
Ich bleibe deshalb bei meiner Kritik. Ein funktionierendes Miteinander im Paar ist noch keine Musikalität. Flüssige Bewegung ist noch keine Interpretation.
Und ein Video, zu dem die Musik nachträglich unterlegt wurde, ist ein denkbar schwaches Beweisstück für die Behauptung, man könne zu komplexer Musik wie Piazzolla eben „ganz problemlos“ tanzen.
Man kann vieles machen. Auch vor Publikum. Auch mit Überzeugung. Auch mit Applaus.
Nur beweist das noch lange nicht, dass es musikalisch trägt.
Und wer darauf nichts Besseres zu antworten weiß als „dreckiger Text“, „hochnäsig“ und „in die Fresse“, der hat meine Kritik nicht widerlegt.
Er hat nur gezeigt, wie sehr sie getroffen hat.
PS: Riedl hat mittlerweile auch auf diesen Artikel mit einem Kommentar reagiert.
Erstaunlich ist allerdings, wie sehr ein Mann verletzt sein muss, wenn er mittlerweile mit Lügen und Wiederholungen, selbst nach meiner Klarstellung, meinen Text immer noch – bewusst – verdreht darstellen möchte. Niedrigste Instinkte!
Denn Riedl versucht sich nun auf den Standpunkt des bloßen Gefallens zurückzuziehen. Das ist bequem, aber nicht glaubwürdig. Denn wer schreibt, eine Piazzolla-Ballade sei nicht schwieriger zu interpretieren als ein halbwegs anspruchsvoller EdO-Titel, wer behauptet, man sehe klar, dass hier musikalisch getanzt werde, und wer jede gegenteilige Sicht gleich als „Ideologie“ abräumt, äußert längst nicht mehr bloßen Geschmack. Er fällt Urteile. Deutliche Urteile. Nur sollen diese offenbar nicht mehr überprüft werden dürfen, sobald Widerspruch kommt.
Genau darin liegt der eigentliche Widerspruch: Erst wird ein Video öffentlich gelobt, um eine größere Aussage über die Tanzbarkeit solcher Musik zu stützen. Sobald diese Aussage kritisiert wird, war plötzlich gar nichts bewiesen, alles nur persönliches Gefallen, und der Kritiker gilt als unsensibel. Das ist kein Argument. Das ist Rückzug unter moralischem Nebel.
Und auch der Sexismus-Vorwurf bleibt ein billiger Trick. Niederträchtig!
Wer nur sagen will: „Mir hat es gefallen“, darf das selbstverständlich. Wer aber zugleich fachliche Urteile fällt, sollte es aushalten, dass diese auch fachlich geprüft werden.
Nachtrag
Alte Muster, neue Empörung
Je länger man in älteren Texten dieses gewissen Bloggers liest, desto lächerlicher wirkt seine heutige Empörung. Denn ausgerechnet er, der sich jetzt über meine angeblich unzulässige Härte gegenüber einem Amateurpaar ereifert, hat genau dieses Paar schon 2019 ausführlich behandelt – und zwar keineswegs bloß als harmlosen Gegenstand persönlichen Gefallens, sondern als Aufhänger für einen größeren Feldzug gegen Kritiker, gegen angebliche Dogmen der Szene und gegen jede strengere Beurteilung von Musikalität.
Mit anderen Worten: Dasselbe Paar wurde von ihm schon damals funktional benutzt. Nicht als neutrale Empfehlung, sondern als Exempel in einem kulturkämpferischen Text. Es diente ihm bereits damals dazu, ein ganzes Lager von Gegnern abzufertigen. Heute so zu tun, als habe er doch immer nur freundlich sagen wollen, dass ihm etwas „gefallen“ habe, ist schlicht Geschichtsklitterung.
Besonders billig ist dabei die offenkundige Doppelbuchführung. In seinem Text von 2019 beurteilt dieser gewisse Blogger das Paar selbstverständlich selbst. Die Beinaktionen der Frau wirken ihm „gewollt“, nicht gerade elegant, der Tänzer bewege sich „ein wenig hölzern“, die High Heels auf nacktem Boden verstehe er auch nicht. Aha. Also doch Bewertung. Also doch deutliche qualitative Einordnung. Nur damals war das offenbar kultivierte Beobachtung. Sobald ein anderer schärfer formuliert, wird plötzlich die Moralkeule ausgepackt.
Noch deutlicher wird das Muster an seiner Sprache gegenüber anderen Kritikern. Da ist von „verbaler Guillotine“ die Rede, von „Eunuchen-Kritik“, von „holzigen Sprüchen“, von Leuten, die etwas „in Grund und Boden dissen“. Wenn er selbst scharf formuliert, gilt ihm das als legitime Zuspitzung oder als Ausdruck seines Stils. Sobald jedoch Kritik seine eigenen Urteile oder die von ihm verteidigten Personen trifft, nennt er es plötzlich Sexismus, Entgleisung oder ein Charakterproblem.
Er empört sich also nicht über Bewertung. Er empört sich darüber, dass diesmal nicht er der Bewertende war.
Genau deshalb ist seine jetzige Pose nicht nur billig, sondern schlicht verlogen. Er verteidigt kein allgemeines Prinzip des Respekts. Er verteidigt sein Recht, selbst zu rahmen, selbst zu loben, selbst zu verurteilen und selbst festzulegen, wann Kritik noch erlaubt und wann sie plötzlich unanständig sei.
Auffällig ist zudem, dass dieser gewisse Blogger in keiner seiner Reaktionen auch nur ansatzweise sachlich begründet hat, warum er den dargestellten Tanz überhaupt für musikalisch hält. Er behauptet es schlicht. Aber eine Behauptung ist noch keine Begründung. Wo zeigt sich ein nachvollziehbarer Bezug zu Struktur, Timing oder musikalischer Entwicklung? Dazu kommt von ihm nichts. Gerade das wäre aber die eigentliche Antwort gewesen.
Und noch etwas zeigt der alte Text sehr klar: Dieser gewisse Blogger interessiert sich weit weniger für präzise Analyse als für Lagerbildung.
Schon 2019 wird aus einer Kritik an einem Video sofort ein Beleg für den angeblich repressiven Zustand der Tango-Szene, für Dogmen, Stilpolizei und Verachtung von Piazzolla. Das konkrete Video ist nur Material. Das Paar ist nur Trägermasse. Und genau deshalb ist auch seine heutige Empörung so hohl. Denn das Paar, hinter dem er sich jetzt so beleidigt aufbaut, hat er selbst seit Jahren als Figur in seinem eigenen Stellungskrieg benutzt.
Das sollte man klar benennen: Wer andere als Beispiel auf die Bühne schiebt, darf sich hinterher nicht heulend darüber beklagen, dass dieses Beispiel auch geprüft wird. Erst recht nicht, wenn er es schon seit Jahren genau zu diesem Zweck verwendet.
Am Ende bleibt also von der ganzen moralischen Aufregung nicht viel übrig. Ein Autor, der selbst urteilt, zuspitzt, veralbert und etikettiert, will plötzlich verletzt sein, weil jemand seinen Maßstab nicht teilt und sein Beweisstück nicht gelten lässt. Das ist keine Haltung. Das ist gekränkte Eitelkeit mit Bloganschluss.
Und es bestätigt nur, was längst sichtbar ist: Nicht die Kritik ist hier das Problem, sondern dass sie diesmal die richtige Stelle getroffen hat.
Und nachdem er es nun in einem neuen Kommentar bestätigt hat, kann ich mit Genugtuung etwas schreiben, was ich schon lange nur angedeutet habe:
Gerhard Riedl lügt!
Sein Kommentar:
„Klaus Wendel hat sein Epos nun noch mit einem “P.S.” und einem “Nachtrag” ergänzt. Offenbar scheint er doch unter einem gewissen “Rechtfertigungsdruck” zu stehen. Wieder mal versucht er Rettungsmaßnahmen, nachdem er sich um Kopf und Kragen geschrieben hat.
Inhaltlich kommen aber nur die altbekannten Vorwürfe und Rechtfertigungen.
Wer es dennoch lesen will:
https://www.tangocompas.co/wenn-aus-kritik-gejaule-wird/“