Diskussion
Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

Eigentlich würde ich mich aus diesem Streit heraushalten. Ich bin selbst nicht betroffen, und normalerweise habe ich keine Lust, jede private Blogger-Schlägerei mit einem Extra-Beitrag zu kommentieren. Aber hier geht es nicht mehr um Tango oder um ein Buch, sondern darum, wie Geschichte missbraucht wird. Eine polemische Metapher wird in die Nähe der Bücherverbrennungen von 1933 gerückt, und am Ende wird sogar die jüdische Bevölkerung in diesen privaten Diskurs hineingezogen, um die Empörung noch weiter hochzudrehen. Das ist für mich der Punkt, an dem ich mich doch einmischen möchte. Denn hier wird eine historische Schande benutzt, um jemanden moralisch zu diskreditieren. Das ist keine Debatte mehr, das ist eine Entgleisung.

Man darf Bücher schlecht finden. Man darf sie polemisch schlecht finden. Man darf sogar sagen, dieses Buch taugt höchstens noch zum Heizen. Genau das hat Christian Beyreuther über den „Großen Milongaführer“ von Gerhard Riedl geschrieben. Satirisch, überzogen, nicht freundlich – aber eindeutig als Metapher gemeint. Eine polemische Buchkritik, nicht mehr und nicht weniger.

Was Riedl daraus macht, ist allerdings etwas völlig anderes. Er verlegt diese Formulierung bewusst in den historischen Kontext der Bücherverbrennungen von 1933, zitiert Heinrich Heine, verweist auf den Holocaust-Gedenktag und endet schließlich (in einem Kommentar) mit dem Satz, man müsse sich „bei der jüdischen Bevölkerung entschuldigen“. Spätestens hier ist für mich eine Grenze überschritten.

Zwischen „Das Buch ist so schlecht, das taugt nur noch für den Kamin“ und der nationalsozialistischen Bücherverbrennung liegt nicht ein kleiner Bedeutungsunterschied, sondern eine völlig andere Kategorie. 1933 ging es um staatlich organisierten Terror, um die gezielte Vernichtung missliebiger Autoren und Gedanken, um antisemitische Ideologie und um eine öffentliche Machtdemonstration. Hier geht es um eine polemische Buchkritik in einem Bloggerstreit über Tango. Beides gleichzusetzen ist kein Missverständnis, sondern eine bewusste Bedeutungsverschiebung. Aus Kritik wird Schuld, aus Polemik wird ein moralisches Vergehen.

Besonders schlimm ist der Satz, man müsse sich „bei der jüdischen Bevölkerung entschuldigen“. Damit wird eine historische Opfergruppe in einen privaten Tangostreit hineingezogen, der mit Antisemitismus, Verfolgung oder Gewalt überhaupt nichts zu tun hat. Das ist keine Sensibilität, das ist Instrumentalisierung. Die jüdische Bevölkerung wird hier als moralischer Verstärker benutzt, um die eigene Empörung maximal aufzuladen und den Kritiker möglichst kleinzumachen. Man benutzt die Geschichte des Holocaust, um jemandem moralisch das Wort zu entziehen. Argumente werden durch historische Schwere ersetzt, Diskussion durch Anklage.

Hinzu kommt, dass Riedl Beyreuther Motive unterstellt, die aus dessen Texten überhaupt nicht hervorgehen. Er schreibt, es gehe Christian B. gar nicht um das Buch, sondern darum, den Autor des Buches herabzusetzen, weil man ihn als „Gefahr“ sehe, und setzt dieses Motiv ausdrücklich in Beziehung zu dem der Nationalsozialisten. Das ist nicht nur falsch, das ist ganz mies. Hier wird jemandem eine Gesinnung zugeschrieben und diese Gesinnung anschließend historisch aufgeladen. So kann man jeden Kritiker moralisch diskreditieren, ohne sich noch mit seinen Argumenten beschäftigen zu müssen.

Damit dreht sich auch die Rollenverteilung um. Plötzlich ist der Buchautor das Opfer, der Kritiker der moralisch Fragwürdige und eine Metapher wird zu einem historischen Verbrechen erklärt. Wer so argumentiert, macht sich gegen Kritik immun. Denn wer möchte noch weiter diskutieren, wenn ihm indirekt eine Nähe zu nationalsozialistischem Denken unterstellt wird? Das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr, sondern moralische Selbstverteidigung mit dem schwersten Geschütz, das man zur Verfügung hat.

Natürlich kann man sagen, die Metapher vom Holzofen sei geschmacklos oder überzogen. Man kann sie kritisieren. Man kann sagen, so würde man selbst nicht formulieren. Das alles ist legitim. Aber was man nicht darf, ist, sie in die Nähe von Auschwitz zu rücken. Denn genau dadurch passiert das Gegenteil von dem, was angeblich beabsichtigt ist: Die Geschichte wird banalisiert. Wenn jeder Holzofen zum Scheiterhaufen erklärt wird, verliert der Scheiterhaufen seine historische Bedeutung. Die eigentliche Entgleisung liegt nicht in einer polemischen Buchkritik, sondern darin, sie in den Zusammenhang nationalsozialistischer Verbrechen zu stellen.

Nach der Entgleisung kommt das Zurückrudern

Wie so oft folgt nach der Eskalation der zweite Akt: das Relativieren.

In einem späteren Kommentar schreibt Riedl nun, er attestiere Beyreuther „keine Nazi-Ideologie“. Er habe das alles nicht so gemeint. Beyreuther sei halt ein Autor, dem die Emotionen durchgingen, der mit dem Holzhammer argumentiere, und nun müsse er eben damit leben, dass ihm solche Sprüche „auf die Füße fallen“.

Das klingt auf den ersten Blick moderater. Tatsächlich ändert es aber nichts am Kern der Sache. Die historische Aufladung bleibt stehen. Die Verbindung zur Bücherverbrennung von 1933, zum Holocaust-Gedenktag und zur „jüdischen Bevölkerung“ ist längst hergestellt. Und genau diese Verbindung wirkt weiter, auch wenn man sich im Nachhinein davon zu distanzieren versucht. 

Das ist ein bekanntes Muster. Erst wird maximal moralisch eskaliert, dann heißt es plötzlich, man habe ja niemandem Nazi-Ideologie unterstellen wollen. Aber der Schaden ist da. Der Kritiker wurde öffentlich in einen Zusammenhang mit nationalsozialistischen Motiven gerückt. Das lässt sich nicht dadurch reparieren, dass man später erklärt, man habe es nicht so gemeint.

Ich kann nur feststellen: Er hat es so geschrieben und auch so gemeint. Das kann jeder nachlesen. 

Hinzu kommt die nächste Verschiebung. Aus der historischen Anklage wird nun ein pädagogischer Tonfall. Beyreuther sei emotional, formuliere ungeschickt, benutze den Holzhammer und müsse eben mit den „Folgen“ leben. Damit wird aus der eigenen Grenzüberschreitung nachträglich eine Art Erziehungsmaßnahme. Nicht mehr der Vergleich selbst steht zur Diskussion, sondern der angeblich falsche Stil des Kritikers.

So wird das eigentliche Problem elegant umgangen. Nicht die eigene Eskalation wird reflektiert, sondern dem anderen erneut die Verantwortung zugeschoben.

Für mich macht das die Sache eher schlimmer als besser. Wer zuerst den Holocaust in einen privaten Streit hineinzieht und sich danach darauf zurückzieht, er habe ja niemandem Nazi-Ideologie unterstellen wollen, versucht im Nachhinein, die eigene Entgleisung sprachlich einzufangen, ohne sie wirklich zurückzunehmen.

Damit bestätigt sich genau das, was hier passiert ist: Eine historische Schande wurde benutzt, um einen Kritiker moralisch unter Druck zu setzen – und als das nicht mehr haltbar war, wurde der Tonfall geändert, aber nicht die Logik.

Diese Debatte hätte eine über Inhalte sein können: über Tango, über Musik, über Unterricht, über Bücher und deren Qualität. Stattdessen wurde sie zu einer moralischen Anklage mit historischem Pathos. Das bringt niemanden weiter, außer der eigenen Dramatisierung.

Man darf streiten. Man darf polemisieren. Man darf auch einmal überziehen. Aber man darf Geschichte nicht als argumentative Keule benutzen, um Kritiker mundtot zu machen.

Spätestens an diesem Punkt hört für mich jede Diskussion auf. Wer die jüdische Bevölkerung in einen privaten Bloggerstreit hineinzieht, um seine Empörung zu steigern, missbraucht Geschichte.

Das ist nicht Aufklärung, das ist Grenzüberschreitung.

Und wenn Sie meinen, sie hätten das alles nicht geschrieben oder so gemeint, Herr Riedl, dann leiden Sie entweder an Amnesie, Alzheimer oder… Sie wollen uns Leser verarschen. 

PS: Es ist noch ein nachträglicher Kommentar von Gerhard Riedl als Reaktion auf diesen Beitrag erschienen. Für mich ist das Thema hiermit beendet. Ich habe meine Argumente dargelegt. Weitere Personalisierungen interessieren mich nicht.

4 thoughts on “Wenn aus einer Ofenmetapher plötzlich die Bücherverbrennung wird

    • Author gravatar

      Meine Vermutung ist, daß es da so etwas wie eine positive Rückkopplung zwischen Gerhards Opfer-Masche und seiner Unfähigkeit gibt, Fehler zuzugeben – per Methode, immer neue Baustellen aufzumachen. Ich persönlich würde keine Energie mehr reinstecken. Er wird vermutlich weiter provozieren, aber das ist dann sein Problem.

    • Author gravatar

      Hallo Klaus,
      Ich finde Deinen Beitrag sehr treffend. Und wenn Du ihn nicht geschrieben hättest, hätte ich wohl darum gebeten, einen Gastbeitrag zu dieser leidigen Geschichte schreiben zu dürfen.
      Ich selbst bin Jüdin und ich habe mich wieder einmal tierisch darüber aufgeregt, dass jemand erneut versucht, den Holocaust für private Streitereien zu instrumentalisieren. Aber leider passiert das sehr oft. Besonders Gerhard Riedl müsste doch als Sozialdemokrat, als der er sich ja immer wieder stolz bekennt, etwas mehr Sensibilität für dieses Thema entwickelt haben.
      Im Übrigen finde ich Deinen Blog sehr gut, habe allerdings immer bedauert, dass Du Riedl so oft behandelst. Aber Radio Riedl-Wahn ist wohl ein guter Kompromiss, alles etwas ironischer zu betrachten. Aber der letzte Artikel von ihm war wohl zu viel des „Schlechten“. Wenn Gerhard Riedl nicht nachgibt und sich nicht entschuldigt, dann werde ich Dich aber nochmals um die Gelegenheit zum Gastbeitrag bitten.
      Liebe Grüße
      Ruth Samael

      • Author gravatar

        Hallo Ruth,
        Danke für Deinen Kommentar. Du kannst gerne einen Gastbeitrag schreiben, aber es ist – wenn man seine letzten Kommentare auf seinem Blog sieht – wohl sinnlos. Und ehrlich gesagt, Du hast recht, ich sollte diese Thema Riedl so langsam loswerden (bis auf Radio Riedl-Wahn), weil es sich nicht lohnt. Ich kann ihn auch nicht mehr für voll nehmen.
        Aber wenn Du möchtest, sende mir Deinen Text einfach zu.
        Lg. Klaus

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